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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(77) Afrika ist anders: von der unterschiedlichen Denk- und Handlungsart

6. Februar 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

Blitzlicht: Zwischen den Welten

Wir kommen aus einer rationalen Welt, haben sie verinnerlicht. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass ich diese Welt als ihr Vertreter in den anderen Welten nicht als non plus ultra, einzig selig machende Form des Denkens und Handelns verkaufen darf. Die Rationalität und Logik der Aufklärung hat uns Nordländer zu dem Reichtum gebracht, den wir heute genießen. Hat uns befreit vom dumpfem Verhangensein in vorgegebene Strukturen und Obrigkeiten, hat den Aufbruch von Technik, Wissenschaft und Warenproduktion in ungeahnte Höhen geschraubt, hat den einzelnen Menschen verantwortlich vor sich selbst und der Gesellschaft gemacht.

Noch Giordano Bruno hatte die Kirche im 16. Jhdt. auf den Scheiterhaufen geschickt als er es wagte, selbständig zu denken und der Kirche das Recht auf allseitiges Wissen abzusprechen. Und Galilei, der die Erde als Mittelpunkt des Weltalls entthronte, musste widerrufen und wurde zu Hause lebenslang eingesperrt. Luther schaffte es, den Menschen als eigenverantwortlich vor Gott zu erklären. Und die Aufklärung definierte den Menschen als Mittelpunkt des Seins, verantwortlich nur seinem Gewissen und der Gesellschaft gegenüber. Seither wird gedacht, geforscht, gehandelt nach eigenem Gutdünken. Im Kapitalismus hat das System der Eigenverantwortung seine wirtschaftliche Hochzeit entwickelt. Jeder Unternehmer gegen jeden heißt die Devise, die Konkurrenz zu besiegen ist der Schlüssel des Erfolges. Warenberge, Wohlstand, demokratische Systeme, Gesundheit, längere Alterszeit, Bildung, Entwicklungshilfe und die UNO – um nur einiges zu nennen - sind Ausflüsse der modernen Denkweise.

Aber systemimmanent, eingebettet in dieser Logik und Rationalität steckt auch viel Negatives. Destruktive Kräfte können gleichsam auf ungeahnte Höhen schießen. WK I & WK II, der Holocaust, Vietnam- und Irakkrieg hätte ohne moderne Technik und Logistik (Logik! siehe da) in dem Ausmaß nicht stattfinden, die Atombombe nicht gebaut, das ungeheure Arsenal modernster Waffen nicht angehäuft werden können. Und ob die Globalisierung mit der Verschiebung von enormen Geld- und Warenmengen ein Segen ist, muss sich erst noch zeigen. Beide Seiten von Logik und Rationalität sind mir bewusst. Es ist nicht möglich, nur die Segnungen dieser Denkungsart anzubieten.  

Dagegen steht die afrikanische Denk- und Handlungsart, ganz und gar nicht kompatibel mit unserem rationalen, kopfgesteuerten Handeln. Viele afrikanische Kritiker glauben nicht, dass unsere demokratischen Modelle in Afrika funktionieren. Sie wollen den Geist der afrikanischen Ubuntu - Philosophie wieder institutionalisieren. Danach ist jedes Mitglied einer Gemeinschaft für das Wohl dieser Gemeinschaft verantwortlich. Palaver ist die althergebrachte Methode. Damit ausnahmslos alle Mitglieder der Gemeinschaft – ohne Ansehen von Rang und Namen – ihre Sicht der Dinge in einer Entscheidung am Ende berücksichtigt sehen, muss das Oberhaupt zunächst alle anderen sprechen lassen. Solange, bis ein Kompromiss sichtbar ist. Um dann im Sinne aller zu entscheiden.

Afrikanisch ist auch die endlose Familienverbundenheit. Ein Afrikaner, der Einkommen hat, muss für alle in seiner Großfamilie sorgen. Sonst verliert er den Kontakt und damit sein ursprüngliches Leben. Land bedarf keines Titels, es gehört den Ahnen. Altes afrikanisches Denken ist, dass das Individuums eingebettet ist in einen ewige Kreislauf des Lebens. Und dieser Kreislauf muss  in einem harmonischen Gleichgewicht bleiben. Diese Harmonie muss bei Störungen, zum Beispiel bei Konflikten oder nach einem Verbrechen, im Palaver wieder hergestellt werden. Zeit ist dabei kein Maß sondern Grundlage der Gespräche. Endlose Zeit. Traditionelle afrikanische Herrscher waren und sind eingebettet in die Erfüllung dieser Maxime.

Dass in Afrika grausame Herrscher die eigenen Landsleute umbringen (lassen) ist bis heute auch wahr. Viele herrschenden Eliten und ihre Anführer sind für Stagnation oder Staatsverfall in vielen afrikanischen Ländern verantwortlich. Afrikanische Kritiker geben dem Kolonialismus die Schuld. Der Aufteilung ihrer Länder mit dem Lineal und nach europäischen Interessen. Der grausamen Behandlung durch Kolonialherren und der Ausbeutung durch die modernen Wirtschaftsmethoden. Und viele afrikanische Eliten sind in Europa und Amerika aufgewachsen und dort gebildet worden. Denkansätze vermischen sich, Egoismus und Warenberge sind anziehend. Da ist was dran. Aber es ist nicht alles. Auch vorher schon haben afrikanische Herrscher die eigenen Landsleute an Sklavenhändler verkauft und Kriege geführt. Trotzdem bleibt eine der Grundlagen afrikanischer Kulturen die Suche nach Harmonie und Ausgleich. Mehr und mehr setzt sich in Afrika wieder eine Rückbesinnung auf die alten Werte durch.

 

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Katharina vom Tanneneck 02/08/2011 00:57



Es ist nicht alles Gold was glänzt! Der Kapitalismus ist auch nicht das non plus ultra. Er macht einige sehr reich und viele sehr arm. Korruption ist hier bald so weit fortgeschritten wie in
afrikanischen und arabischen Ländern. Demokratie ist eine gute Sache, wenn es keine Scheindemokratie ist wie in unserem Land. Die Form unserer Demokratie ist reformbedürftig und wir könnten von
dem Palaver der Afrikaner einiges lernen. Dort werden wenigstens Meinungen diskutiert und vielleicht sogar gute Ideen eingebracht. Hier wird einfach über die Köpfe des Volkes entschieden. Es
werden viele unsinnige Entscheidungen getroffen.


Ich bin der Meinung, Afrika hat eine Demokratie verdient aber man muß die Menschen langsam darauf vorbereiten, man muß Bildung für alle fördern aber sie sollten nicht unbedingt unsere Demokratie
und den Kapitalismus übernehmen. Es gibt bessere Formen! Der Mensch sollte in einer Demokratie im Mittelpunkt stehen und nicht der Machthaber oder die Regierung!


Liebe Grüße, Katharina



R.Einloft 02/08/2011 10:53



Katharina, ich stimme dir zu. Und es freut mich, dass mein Anliegen über kommt. Wir können in der Tat einiges von den Afrikanern lernen - und die von uns. So sollte es sein. Dafür (auch) schreibe
ich. Unsere Demokratie ist eine mögliche Form, wie mein Freund Wolf sagt, nicht die beste, aber sie hat sich bewährt, hat nach 2 Weltkriegen Friede und Wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Aber
sie hat sich auch leider kopflastig entwickelt - Großkopferte bestimmen und wir haben ein Kreuzchen zu machen. Das stört mich auch, da brauch es unbedingt Reformen. Ob wir aber in der Lage sind,
nach afrikanischem Muster ein Palaver aus zu halten, bei unserer Zeitvorstellung (Zeit ist Geld), da hab ich meine Zweifel. Nur, in die Richtung müsste es gehen.


Liebe Grüße aus Hommertshausen (das Tal liegt in strahlendem Sonnenlicht, wunderschön)


RE



Joachim 02/07/2011 16:40



Wünsche euch ebenfalls eine schöne Woche!



Joachim 02/06/2011 16:48



Die Rückbesinnung auf die alten Werte in Afrika ist wohl auch ein Ergebnis des Nachdenkens über die Abhängigkeit von den ehemaligen Kolonialmächten und den Deformationen, die sich daraus für
die afrikanischen Gesellschaften ergaben.


Etwas Ubuntu-Philosophie würde unserer Gesellschaft sicherlich gut tun. Aber uns fehlt dazu die passende Vergangenheit.


LG Joachim



R.Einloft 02/07/2011 10:19



Tja, wir könnten schon was lernen aus Afrika. Zumeist aber geht der Zug andersrum: die sollen lernen so zu sein wie Erfplgspersonen bei uns sind. Effizient, schnell, zupackend, rücksichtslos,
erfolgsorientiert. Nur so, sagt man, kommen sie auf einen grünen Zweig. Auf unseren grünen Zweig. Richtig daran ist, dass unser System nur mit solchen Menschen funktioniert. Aber sollten das
wirklich die Ziele sein, die wir vermitteln? Ist irgendwie eine Zwangsjacke.


Eine schöne Woche wünsche ich dir


Gruß RE