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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(79) TANSANIA: Armut und Frauen

19. April 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

TAN-Frauenkongress.jpgTansania gehört zu den ärmsten Ländern der Erde. Der Entwicklungs-Report der Vereinten Nationen setzt das Land bei Lebenserwartung, Erziehung, und Einkommen (Human Development Index) auf Platz 148 (letzter Platz: Simbabwe mit einem HDI von 169 - in meiner Zeit vor 5 Jahren lag Tansania noch auf Platz 161). Allerdings darf dieser Rang nicht zu der Meinung verführen, Tansania sei ein Hungerland. Nicht hinlänglich berücksichtigt wird in dieser Statistik die Wertschöpfung des informellen Sektors, in dem immerhin 85% der berufstätigen Menschen tätig sind. Die Subsistenz-Landwirtschaft versorgt mit Grundnahrungsmitteln (wenn es nicht zu trocken ist). Auch in den Städten haben viele Arbeiter und Angestellte ihre „shamba“, das kleine Feld zur Eigenversorgung.

Noch immer sind Grundzüge der afrikanisch-sozialistischen Politik des ersten Präsidenten vorhanden. TAN-Frauen.jpgSo sind Frauen vor dem Gesetz gleichgestellt und die Frauenquote im Parlament ist mit 22,3% (2005) vergleichsweise hoch (angestrebt wird eine Quote von 30%). Trotzdem waren zu unserer Zeit - und sind es sicher auch heute noch - Frauen in den meisten öffentlichen und privaten Bereichen benachteiligt. Das liegt sehr stark an der Fortdauer und dem Eingebundensein in traditionelle Verhaltensweisen und Sozialstrukturen besonders in ländlichen Gebieten. Hier sind Frauen fast die alleinigen Verantwortlichen für die Subsistenz-Landwirtschaft. Einen immer größeren Teil ihrer Arbeitszeit müssen sie dazu verwenden, die Familie mit Brennholz und Wasser zu versorgen, so dass weniger  Zeit für andere, lohnendere Aktivitäten bleibt. Die Mechanisierung der Landwirtschaft ist gering und wird hauptsächlich in den Bereichen eingesetzt, die von Männern dominiert sind. Die einfache Subsistenz aber bleibt weiter hart und zeitintensiv (Auch hier gilt, dass ein Vergleich mit dem arbeitsintensiven Leben in unseren Gesellschaften Aufwand und Intensität afrikanischer Männer und Frauen nicht die Wirklichkeit spiegelt. Laut einer internationalen Statistik arbeiten afrikanische Frauen 17 Std. in der Woche intensiv, Männer noch weniger. Ob die Statistik stimmt, weiß ich nicht.Südtour 1 nach Tunduru - 48 Dass das Leben besonders auf dem Land ruhiger und träger ist, das allerdings sieht man).  

Oft wurde die Meinung vertreten, dass es für Frauen nicht so wichtig sei, eine gute Ausbildung zu bekommen, da sie ja doch nur für den Haushalt, das Feld und die  Kinder zuständig seien. In der Tat arbeiten Frauen nur zu 10 Prozent außerhalb des Hauses als Angestellte oder Arbeiterinnen. Die Analphabetenrate liegt bei Frauen um 20 % höher als bei Männern. Die Benachteiligung der Frauen und Mädchen wird u.a. auch beim Zugang zu Einrichtungen der weiterführenden Bildung deutlich. Weniger als ein Drittel der Studenten sind weiblich.

Zahlreiche Frauen sind als Kleinunternehmerinnen tätig. Die Förderung der Kleinindustrie mit Krediten und Fortbildungsmaßnahmen würde gerade ihnen helfen und einen wesentlichen Beitrag zur Aufwertung der Frauen leisten.

Ein Schwerpunkt meiner Arbeit lag bei der Förderung der Frauen in den Gewerkschaften. Hier hatte die FES in Tansania beachtliche Erfolge. Strategische Planungen mit Frauengruppen und Frauenvertreterinnen der Einzelgewerkschaften im Vorfeld der Bildung des Dachverbands hatten zum Ergebnis, dass dieser eine Frau als Vorsitzende bekam. Auch unsere Parlamentsarbeit mit Kursen zu demokratischen Funktionen dieser Institution kam den Frauen zu Gute. Oder in unserem Trainingsprogramm zur Ausbildung von jungen Führungskräften waren junge Frauen immer überproportional vertreten.

Ein weiterer Schwerpunkt lag in der Ausbildung von (freiwilligen) "Barfuß"-Rechtsberaterinnen. Obwohl Tansania eine fortschrittliche Gesetzgebung und Gleichstellung von Frauen hat, dominieren auf dem Land noch immer die traditionellen und religiösen Regeln. Vielfach werden Gesetze ignoriert und nicht umgesetzt. Dies gilt auf dem Land z.B. besonders für die Möglichkeit, Grund und Boden zu besitzen. Stirbt der Ehemann, wird die Frau noch häufig von dem gemeinsamen Land vertrieben, obwohl sie laut Gesetz erbberechtigt ist. Die Frauen wissen das zumeist nicht (und die Begünstigten, die sich das Recht nehmen, wollen es nicht wissen). Hier haben die Rechtsberater-Gruppen geeignete Methoden entwickelt, die staatlichen Gesetze zu verbreiten und durchzusetzen. TANSANIA-FES 5980Ihre Theatervorführungen zu den lokal vorherrschenden Problemen werden mittlerweile auch von Männern besucht. Die Büros dieser Rechtsberatungsgruppen helfen den Frauen bei häuslichen Konflikten, schalten Schiedsgerichte ein, beraten bei Erbstreitigkeiten, bereiten Prozesse vor und begleiten die betroffenen Frauen. Zentral wurde und wird diese Aktion gesteuert von einem professionellen weiblichen Anwaltskollektiv. Nicht nur Ausbildung und Organisation der Gruppen, sondern auch Musterprozesse und Regierungsberatung in Frauenfragen obliegt diesem Kollektiv. Für uns war dieser (kleine) Teil der Arbeit immer wichtig, interessant und lehrreich. Wir sind gerne zu den Gruppen gefahren, die überall auf dem Land und in Städten tätig waren. Trotz all des Leides, das sie erfuhren, waren sie positiv eingestellt, so dass wir uns immer wohl fühlten mit ihnen.

 

 

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