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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(80) TANSANIA: Id al-Fitr oder das Fastenbrechen

23. April 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Meine Welten heute

38670016.jpgEs ist windig. Die Palmen biegen sich und winken und rascheln mit den Blättern. Mich wundert, dass der Muezzin jetzt abends um halb sieben zu hören ist. Chalid klärt mich auf bei einer Abendfahrt. Akukweti habe ich telefonisch erreicht und an unser Abendessen erinnert – wir wollen die Erfahrungen der Delegation in Deutschland auswerten, und da sagt er, er sei gerade aus Dodoma zurück und käme etwas später, weil er zuerst „das Fasten brechen“ müsse. Ja, sagt Chalid, sie beten erst und essen dann eine Art Brei. Viele essen nicht vor 11 Uhr nachts. Und woher weiß der Muslim, wann er darf? Der Muezzin ruft es von den Moscheen.

 Gestern und heute ist Id al-Fitr (mit akzentuiertem RRRRR). Es ist der Zweithöchste muslimische Feiertag und bedeutet Fastenbrechen. Die Türken sagen Zuckerfest dazu. Es hat die Stellung wie Weihnachten bei den Christen. Das Fasten ist vorbei und wird gefeiert und wir haben frei. Nur wussten wir Montag früh noch nicht, ob Id am selben Tag oder erst Dienstag ist.

Ramadan (arabisch "der heiße Monat"), ist der neunte Monat des islamischen Mondkalenders und der islamische Fastenmonat. Weil der islamische Kalender ein reiner Mondkalender ist, wandert Ramadan allmählich durch die Jahreszeiten und beginnt nach westlichem Kalender jedes Jahr ungefähr elf Tage früher als im vorhergehenden. Nach etwa 33 Jahren ist er einmal durchs ganze Sonnenjahr gewandert. Die Festlegung, wann der Ramadan beginnt und endet und wann Id al-Fitr anfängt, wird bei manchen Koranschulen nicht nur von der astronomischen Rechnung, sondern auch von der tatsächlichen Sichtung des Neumonds abhängig gemacht. Genau das ist in Tansania der Fall. Erst wenn die Sichel des Neumondes minimal sichtbar wird beginnt der Id. Deshalb weiß man erst frühestens am Vorabend, dass am nächsten Tag Id ist. Zumeist erst am Morgen, wenn der Muezzin ruft. Andere Schulen in anderen Ländern sind moderner. Das führt dazu, dass nicht alle Muslime Ramadan und Id genau gleichzeitig beginnen und beenden. Saudi Arabien z.B. ist uns immer einen Tag voraus, weil sie die Berechnung mit astronomischen Methoden vornehmen lassen.

 Id wird heiß erwartet. Im ganzen Monat vorher, dem Ramadan, wird tagsüber gefastet, das heißt zwischen Anbruch der Morgendämmerung und dem Sonnenuntergang. Alle Genüsse wie die Aufnahme von fester und flüssiger Nahrung, das Trinken von Wasser, der Geschlechtsverkehr und auch das Rauchen ist verboten. Des Weiteren hat die fastende Person darauf zu achten, dass sie keinen Streit mit ihren Mitmenschen beginnt, nicht lügt, lästert und viel, besonders viel an die Armen spendet (wo gibts denn das im Christentum??). Ausgenommen vom Fasten sind schwangere Frauen und Menschen auf Reisen sowie Personen, die Medikamente einnehmen müssen. Letzteren ist es frei gestellt, ob sie fasten oder nicht. Sie sollen's dann mal nachholen. Gänzlich vom Fasten befreit sind Kinder und Menschen mit schweren körperlichen Gebrechen.

Während des Ramadan findet täglich eine Koranlesung statt und es werden religiöse Andachten gehalten, teilweise wird dabei der gesamte Koran in seinen 30 Teilen auf die 30 Tage verteilt und während des Ramadan einmal komplett rezitiert,

Id al-Fitr und das Opferfest sind die beiden Hauptfeste im Islam und zählen zu seinen 7 Säulen die jeder einhalten muss.

 Dienstag war dann Fastenbrechen. Dazu gehört natürlich, in die Moschee zu gehen, möglichst schon um 5.00 Uhr früh, dazu gehört auch, die Ahnen auf dem Friedhof stundenlang zu besuchen und ihnen Essen mitzubringen (hier machen sie es symbolisch mit Reis), und dazu gehört die vereinigte Großfamilie und die Festlichkeiten. Dann wird getafelt! Und viel Süßes gegessen. Und man besucht sich und tafelt noch einmal. Und nachts gehen die Kids tanzen und am nächsten Tag an den Strand und stehen dort herum. Tausende von Menschen haben sich da getroffen. Und alles ohne Alkohol!

 Und bei dem Nachforschen hab ich gleich noch was Neues erfahren. Der Muezzin ist kein religiöser Führer oder Prediger, er ist eher mit dem Küster zu vergleichen, der die Glocken zieht. Dem Muezzin obliegt das Ausrufen des Gottesdienstes um halb fünf morgens. Und was er ruft ist festgelegt: "Kommt, das Gebet ist süßer denn schlafen". Sie rufen nicht gerade melodisch, eher disharmonisch aus dem Kehlkopf heraus (wie jodeln). Mich dünkt, hier haben wir einen, der schimpft, der schreit. So ähnlich wie: "Was, ihr Hunde, noch nicht wach? Raus, raus, raus! Wehe wenn ich einen erwisch, der nicht kommt!" So hört es sich an. Shamte sagt, wir Erwachsenen gewöhnen uns dran. Aber die Kinder, die schlafen dann nicht wieder ein.

 Früher haben sie wirklich vom Turm herab gerufen. Heute leiert ein übersteuerter Lautsprecher. Damit der frühere Muezzin nicht von oben eventuell auf den Dächern schlaftrunkene Frauen beobachten konnte, hat man gerne Blinde genommen.

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Biene 04/23/2011 18:31



Lieber Reinhold,


warum müssen die Lautsprecher eigentlich immer übersteuert sein? Soweit ich informiert bin, scheint es ja eine Art kulturelle Übereinkunft dazu zu geben. Kannst Du das aufklären? Ansonsten frohes
Eierwerfen im Hinterland!


Liebe Grüße,


Biene



R.Einloft 04/24/2011 15:41



Freut mich, liebe Biene, von dir auf diesem Weg zu hören!


Das mit der Verzerrung ist, nehme ich an, einfach nur die Lautstärke auf Max gedreht, sie sollen ja wach werden, die Gläubigen (und die Ungläubigen sich ärgern).


Dir und deiner Familie wünsche ich wunderschöne Ostertage (meine Eier sind schnell kaputt gegangen.)


Mit Grüßen aus dem warmen H


Reinhold