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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(84) TANSANIA 2004: Hotel zur lockeren Schraube 1. Aufenthalt

7. Mai 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Burn Out - Tinnitus u.a. Krankheiten

Der Arzt hatte Burn Out Syndrom diagnostiziert und mich in eine Spezialklinik in Deutschland eingewiesen. M blieb in Dar es Salaam, täglich wechselten Mails die Kontinente. Auszüge schildern unsere Lebenssituationen in den verschiedenen Welten. Deftige Stellen, zwischen Liebespaaren bekanntlich üblich, sind weitgehend eliminiert. Email war auch mit Anderen die hauptsächliche Kommunikationsform. Während meiner Abwesenheit waren in Dar es Salaam zu Besuch die Nichten Mirjam und Carina sowie der jüngste Sohn Goran. Diese Geschichten lasse ich raus.

Von: reinhold.einloft@nexgo.de
Datum: 17. November 2004 21:58:35 MEZ
An: mayre@intafrica.com
Betreff: Aw: Dar Es Salaam
Ach, meine Liebste,
Flug gut, die Familie sorgt für mich. Morgen fängt die Behandlung in der Klinik an. Klaus & Hanne fahren mich hin. Ich bin müde. Und hab Sehnsucht. Und bin traurig. Du fehlst mir. Ich grüße dich. Und wünsche dir alles alles erdenklich Gute und Schöne. Du hast es verdient.
Dein Freund, Geliebter, Partner etc. (und da bin ich stolz drauf dass ich das alles bei dir sein darf!!!!)
R.
PS: ich wünschte mir dich im Bett, nicht ein wenig, ganz.
PSS: schlaf schön
PSSS: und träum was Schönes
PSSSS: von mir. Nein, träum überhaupt was Schönes und wach glücklich auf
PSSSSS: Noch 4 Wochen!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Von: reinhold.einloft@nexgo.de
Datum: 18. November 2004 19:13:00 MEZ
An: mayre@intafrica.com
Betreff: Klinik
Liebste M!
Die gute Nachricht: ich kann - wenn der PC frei ist - ins Internet. Die schlechte Nachricht: es war keine Mail von dir da. Dafür aber eine wunderschöne SMS. Alle würden neidisch, weil keiner eine SMS aus Tanzania kriegt. Nur ich. Sie wissen es nicht.

Die Klinik macht einen guten Eindruck, habe ein Einzelzimmer in einer Villa im Park neben dem Hauptgebäude. Die Ärztin ist sehr nett und attraktiv. Bin müde, abgekämpft, der Wechsel von Afrika nach Europa hängt zusätzlich in den Knochen. Muss einen elenden Eindruck gemacht haben bei der Erstuntersuchung. Sie hat gleich gesagt, in meinem Zustand könnte ich keinesfalls arbeiten und mich wie ein rohes Ei behandelt. Verlauf und Dauer des depressiven Zustandes wollte sie genau wissen und wie das Verhältnis mit M sei. Stolz und mit leuchtenden Augen konnte ich von einer guten Beziehung berichten. Diese Unterstützung, sagt sie, sei sehr wichtig. Ihr Lob, ich hätte Beine, da könnte mancher 30 bis 35jährige drauf stolz sein fand ich gut. Baute mich auf.

Es regnet gewaltig und stürmt mit orkanartigen Böen und schneien soll es auch noch.

Bis 1/2 11 abends darf ich raus. Essen ist Pflicht und wird per Codekarte kontrolliert. Sonst suchen sie und schauen im Zimmer nach. Depressive darf man nicht zu lange allein lassen. Ob und wie man noch anwesend ist, wird morgens um 8:00, nachmittags um 3:00 und abends um 22:00 kontrolliert. Wiegen tu ich nach der Waage 78 1/2 Kg (abends, angezogen). Da bin ich fast von der derselben gefallen, zu Hause wiege ich 74 Kg. Am Samstag zwei Therapien. Die legen gleich los. Sollen sie, sollen sie. Alkohol trinken darf ich nicht. Beruhigungspillen gibt es zum Einschlafen. Rauchen hab ich aufgegeben. Nicht für immer, nein, nur mal probieren, ob ich’s kann. Aber die Ärztin meint, Entzugserscheinungen dürfte ich bei meinem Konsum noch nicht haben. Um ½ 6 gibt es Abendessen und dann ist der Tag gelaufen. Stricken tun die Damen im Aufenthaltsraum. Der Ausdruckstanz am Donnerstag läuft schon seit einer Woche. Ich gehe in mein Zimmer und lese. Und wünsche dir einen wunderschönen Abend. Ob du wohl beim Tanzen bist??? Huch, das ist ja jetzt. Nach deiner Zeit muss es 21:00 sein.

Liebste M, machs gut, ich drück dich virtuell und möcht es lieber reell.
Aus dem Ahrtal grüßt dich
mit allen Fasern  Reinhold der Sehnsüchtige

Von: <mayre@intafrica.com>
Datum: 19. November 2004 10:08:34 MEZ
An: Reinhold.Einloft@nexgo.de
Betreff: Dar es Salaam
Hallo, mein Lieber,
das war aber eine nette Überraschung, deine Mail heute Morgen hier zu finden! Danke!

Was du so berichtest, macht mich hoffnungsfroh. Du bist wahrscheinlich in guten Händen, und die Attraktivität der Ärztin trägt bestimmt auch zu deiner Genesung bei?! Ein Sportraum ist wohl nicht da? Das ist ja schade! Und ein Schwimmbad? Dass du mal nichts trinken kannst, finde ich voll okay. Ich werde mich hier solidarisch verhalten, ist eine gute Übung!

Gestern Abend war ich nicht zum Tanzen, Elsa konnte nicht und alleine hatte ich keine Lust. Ich war mit Elke und Sylvia im Coral Beach.

Das Pilau, das Mama Hamisi und ich zusammen gekocht haben (mit Chapati-Brot), hat gut geschmeckt. Sie hatte was davon gesagt, dass wir gemixtes Mehl bräuchten, verschiedene Sorten, und ich hatte mir so ein Gematsche vorgestellt, aber "Unga" heißt nicht nur Mehl, sondern auch Gewürzpulver, und es war dann eine Gewürzmischung mit Kardamon, Zimt, Nelken und lauter Sachen aus Sansibar!

Tami kam heute früh zum Frühstück, weil sie uns schon so lange nicht mehr gesehen hatte und sich Sorgen machte!

Dar es SalaamWas mich ganz glücklich und hoffnungsfroh macht ist, dass du wenigstens eine liebevolle Beziehung im Hintergrund hast, wo du dich aufgehoben und sicher fühlst. Ich brauche mir keine Vorwürfe zu machen, wenn ich hier alleine sitze und an dich denke, weil ich weiß, wenigstens in deiner Partnerschaft hast du keine größeren Probleme. Ich bin immer für dich da!

Aber wenn ich so drüber nachdenke, dann ist deine jetzige Krankheit ja nicht spontan gekommen, sie fing eigentlich schon mit Rio an, wurde in Bogota etwas schlimmer und in Erfurt schon gelegentlich so, dass es mich erschreckt hat. Du warst manchmal unnahbar, hast nichts mehr an dich ran gelassen, was dich irgendwie noch zusätzlich hätte belasten können.  Manchmal hat mich das traurig gemacht. Ich habe es meist nicht auf mich bezogen. Dann  dachte ich, er ist eben überlastet! Das wird schon wieder! Ich will dir keine Vorwürfe machen, du musst jetzt nicht ein schlechtes Gewissen haben. Ich schreibe es, damit du vielleicht mal mit der Psychologin drüber redest. Es war wirklich ein langer Prozess.

Du hast mich sehr glücklich gemacht und dafür danke ich dir! Ich habe ein Polster an Glücklichsein, das noch eine Weile vorhält, wie ein Fettpolster, das kriegt man auch nicht so schnell weg!

Ich habe dich lieb und bin in Gedanken bei dir,

deine M

 

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