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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(85) Kurgast im Hotel zur lockeren Schraube (2. Aufenthalt)

9. Juni 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Burn Out - Tinnitus u.a. Krankheiten

HH_Panorama-2-3.jpegMittwoch, den 6. Juli 2005
Fast wie zu Hause fühle ich mich. Obwohl, so schön wie in der Villa bei dem 3-monatigen ersten Aufenthalt ist die Reha nicht. Letztes Mal war ich in der akuten Behandlung und nu bin ich in der Re-ha-bi-li-ta-tion (Laut Wikipedia ist Rehabilitation oder Rehabilitierung... die Bestrebung oder ihr Erfolg, einen Menschen wieder in seinen vormals existierenden körperlichen Zustand zu versetzen). Der Arzt meint - ist natürlich ein neuer - ich brauche Ruhe und Erholung und so´n paar Tipps und Kniffs, wie ich mehr an mich denke und Belastendes im Beruf abbaue oder umgehe. Und wie ich mich besser auf das Alter und die Ruhezeit nach der Arbeit vorbereite. Nix gegen. Er hat mir auch gleich eine spezial Gruppentherapie verschrieben: klettern. Bei seiner Befragung nach meinem Lebenslauf sind ihm die Augen immer weiter aufgegangen und sein Formular reichte nicht. Ein bewegtes Leben. Ja ja. Dabei weiß der noch nicht mal die Hälfte.
Hatte M am selben Tag, als meine Kur begann, in Frankfurt zum Rückflug nach Dar es Salaam gebracht und  war weiter nach Ahrweiler mit der Bahn gefahren. Im Flughafen gerannt wie ein Hase, die Abfahrt stand bevor. Das geht vom Flugsteig zum Zug Gänge lang, bergauf und bergab, und wieder rauf und wieder runter - und wie ich atemlos auf der letzten Treppe steh, fährt der Zug weg. Das kommt davon, wenn man rennt. Shamte würde nie rennen um Zeit zu gewinnen. Würde ist für Afrikaner wichtiger.

Datum: 7. Juli 2005 18:56:31 MESZBetreff: für M von R

Liebste M! Wenn ich mein Fenster aufmache, höre ich die Ahr plätschern und sehe ins Grüne und auf die Berge. Es gefällt mir, mein Zimmer. Ist halt nicht so luxuriös wie das alte bei der Privatbehandlung. Hier muss ich zum Internet 2 Stock runter, lange Gänge, 3 Stock rauf unters Dach juchhe. Aber wenigstens ist es da und gestern und heute kam niemand mich zu stören....
Ich bin müde. Heute gewalkt (ein Unwort für mich, drückt auch die Art der Fortbewegung aus: durch die Gegend walken). Der Arzt hat mich gecheckt, prima OK, Drakulinchen war an mir (obwohl ich meine Tropentauglichkeits-Untersuchung, die ja gerade mal ein Monat alt ist, mitgebracht habe, müssen dieselben Untersuchungen alle neu gemacht werden. Traut man den Kollegen nicht oder ist das pure Geldschneiderei? Auslastung des Labors nennt man es wohl). Die Oberschwester heißt Ernestine und ist auch so. Sie meint, ich müsste doch den Traumjob haben. Konnte ich bestätigen....

Ansonsten habe ich heute das Anna Karenina Prinzip bei der Domestizierung von Tieren gelernt. Tolstoi schreibt am Anfang seiner Anna, dass alle Ehen die glücklich sind, sich gleichen aber alle Ehen die scheitern, unterschiedlich sind. Er will damit sagen, dass bei glücklichen Ehen alle Bedingungen zusammen passen, (sexuelle Anziehung, Erziehungsziele, Auffassung über Religion, Essen, Freiheit, was weiß denn ich noch sonst). Wenn Ehen scheitern, liegt es oft nur an einer Bedingung, die nicht stimmt. Das ist bei der Domestizierung von Tieren genauso. Wenn nur eine Bedingung nicht stimmt kann das Tier zwar gezähmt aber nicht domestiziert, also in Gefangenschaft vermehrt werden (Wie beim Panther. Man hat es lange versucht. Viele Bedingungen passen und er bleibt auch beim Menschen. Aber beim Balzen braucht er Raum, läuft tagelang mit seinen Brüder hinter einem Weibchen her und erst durch diese lang Hatz gibt es den Eisprung).

..Jetzt verabschiede ich mich wieder. Wenn ich nur nicht so müde wär. Machs gut mein Schatz, alles Liebe, grüß die Kakis und hau sie auf den Kopp. Kuschel dich an dein Hündchen und träum von mir. Bis bald, Dein Freund und Liebhaber R

Datum: 8. Juli 2005 19:39:39 MESZ
Betreff: Aw: Heute
Liebste M!
Heute hast du nicht geschrieben (oder später? ). Aber ich kann schwerlich später weil ich da 1. müde bin, 2. fernsehe und 3. lese. Werde immer müder, hab ich den Eindruck. Und hungriger. Obwohl es 3 mal am Tag Essen gibt.

Heute begann der Sport. Diesmal haben sie mich gleich in die 1. Leistungsgruppe gesteckt mit zumeist jungen Leuten. Die wollten hinterher wissen, wie alt ich sei. Die Kommentare, die zurückkamen, haben mich stolz gemacht: „Junge, Junge, der ist aber fit“, „lieber Scholli, möcht nur, das mein Vater auch so fit wär“, „wünscht mir, ich wär so fit, wenn ich mal so alt bin“. Und ich wünscht, ich wär so alt wie ich fit bin. Nein, das war ein Sprachspiel, das mir eingefallen ist. Jetzt darf ich nur nicht schlapp machen bei den nächsten Touren.

Typischer Kurgasteinkauf: Schuhcreme weiß, Seife, Plätzchen (Doppelkekse, ich hab HUNGER).

Die Psychologin hat begonnen mit der Stressreduzierung am Arbeitsplatz. Sie sagt, da gibt es Stressoren, die über lange Zeit wirken und Kraft absaugen. Ich weiß ja, dass dies Reden halten hohen Stress bei mir bedeutet und zwar schon lange davor. Ihre Antwort: Dann gehören sie also nicht zu den Typen, die sich gerne nach vorne, ins Rampenlicht spielen. So gesehen klingt es ja positiv, dass ich lieber im Hintergrund agiere. Aber ich muss einiges selbst machen, das hat sie eingesehen. In Afrika wäre es eine Beleidigung bei hochrangiger Besetzung, wenn der Chef nicht selbst was sagt. Ich sollte mich reduzieren auf die Begrüßung und inhaltliches rauslassen, nur darauf verweisen, warum wir diese Veranstaltung machen, das wäre schon eine Verringerung.

 Machs gut meine Liebe, Wonne meiner Seele. Ich erzähl gern von dir und mir. Leider kann ich nicht alle schönen Sachen erzählen.
Schlaf gut, tanz gut, mach was Schönes. Ich lebe abstinent und habe auch wenig Lust. Rauchen tu ich nicht mehr, trinken schon gar nicht. Das macht die Umgebung. Oder die tun wirklich was ins Essen.


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