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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(85) Kurgast im Hotel zur lockeren Schraube (2. Aufenthalt) Teil V

26. Juni 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Burn Out - Tinnitus u.a. Krankheiten

Datum: 20. Juli 2005 19:38:50 MESZ
Betreff: Mittwoch
Liebste M!
Rio---17Marianne-Msexy.jpg„Tanzen ist ein vertikaler Ausdruck für ein horizontales Verlangen“. Gelle, das sag ich doch immer. Nur die Frauen, die sagen, sie denken da anders drüber, sportlicher, anspruchsvoller, kommunikativer. Da können Männer aber nix für wenn Frauen da was rein interpretieren.

Aus meinem Tagebuch: Heute Morgen war er aufgewacht und war glücklich. Normal war das nicht. Normal hatte er den Kopf voller Gedanken, Probleme, Konflikte. Vor Tagen war ihm das schon mal passiert, das glücklich aufwachen und er bestaunte das Gefühl wie einen Edelstein. Die Schwestern klopften jetzt auch an, wenn sie die Pillen brachten und warteten einen Moment. Anfangs hatte ihn das gestört und verärgert, dieses Klopf-Klopf und schon standen sie mit einem fröhlich-lauten „Guten Morgen Herr E“ mitten im Zimmer. Nachdem er ihnen das mit seiner freundlichsten Methode gesagt hatte, versprachen die Schwester eine Änderung, solange ihre Schwesternart es zuließe.
Die Menschen waren nett zu ihm. Mit den Schwestern redete er gerne, die Ärzte schienen ihn zu achten und die Mitpatienten grüßten zumeist freundlich zurück. Bis auf eine der Damen an der Pforte. Die biss um sich wenn er was wollte. Er ärgerte sich. Und wusste, dass er sich nicht ärgern durfte. Kein Mensch schafft es, dass alle Menschen nett zu ihm sind. Und weil er das wusste, ärgerte er sich noch mehr. Er probierte alle Kniffs und Tricks, die man ihn gelehrt hatte. Nichts half. Der Biss schmerzte. Erst als er sich vorstellte, er wäre ein Adler. Da wurde die stoppelhaarige, rotgesichtige Frau kleiner und kleiner und kleiner.

....In den Pausen schaute er den Bäume zu, die sich im Wind wiegten, den Wolken, die schnell flogen, hörte den Bach neben sich, spürte die Kraft des Windes in den Büschen hinter sich. Er trainierte, die Natur zu sehen, die er sonst selten sah weil andere Gedanken in seinem Kopf sich jagten. Das Wetter hatte gewechselt, die tropische Hitze war einer Kaltfront mit Wind und Regen gewichen.

Siegfried Lenz, Das Fundbüro las er. Wie unterschiedlich die beiden Welten des Erzählens waren, die deutsche und die amerikanische (US-Amerikanische, um korrekt zu sein und nicht dem Schlendrian zu folgen, alle Amerikaner zu den USA zu zählen und Südamerika auszublenden). Während die amerikanischen (US) Erzähler zu Abenteuern, extremen Situationen neigten, fanden deutsche Erzähler am Durchschnitt ihre Freude. Oder vielleicht am Extremen im Durchschnitt. Lenz beschreibt Henry, einen jungen Mann der Eishockey spielt und sich in das Bahnhofs-Fundbüro versetzten lässt. Dort gefällt es ihm, dort will er bleiben, trotz aller verführerischen Aufstiegsangebote. Sonntags trinkt er mit seiner Mutter Tee, trifft seine Schwester, befreundet sich mit einem sehr netten russischen Mathematiker und kehrt zurück in sein kleines Appartement im Hochhausblock obwohl eine Familie in Villen wohnt. Ein netter, eloquenter, selbstsicherer, gar nicht alltäglicher junger Mann. Wo gibt’s den?

Das Hähnchen heute sah blass und tot aus. Der Salat dagegen jung, bunt, frisch, schmackhaft. Die Entscheidung fiel schwer, ab und an muss man auch Hähnchen mit Kartoffeln essen. Hab Salat genommen und freu mich auf Deine knackigen Knoblauchhähnchen (und meinen Star-Kartoffelbrei! und deinen knackigen Hintern).
Langsam schleicht sich Sehnsucht in meine Gefühle. Zwei Wochen erst vorbei, es fehlen noch vier. Menge Holz. Apropos Holz: was macht deins vor der Hütte? ...
Ich umarme dich gaaaaanz fest. Und lass dich nimmer los. Gerade fehlst du mir sehr.

Von: Werner
Datum:   20.07.2005 11:49
Betreff: Episode vom Fotografen:-)
Lieber R,
hab  gerade Deinen Rundbrief gelesen....klasse....ich glaube Du
solltest ein Buch schreiben....hab geschmunzelt (  Schweinescheiße an
Scheißschnittlauch) .... und über Deine Klettereien gestaunt...( halt
Dich  da mal gut fest...) ...vielen Dank!!!

Datum:
21. Juli 2005 19:34:39 MESZ
Betreff: Donnerstag ohne M
(Noch 32 Tage bis zu dir)
Ich hab Sehnsucht, liebste M.
....Hier Ruhe an der Front. Nach dem ersten zügigen Anlauf und merklichen Fortschritten hat es jetzt erst mal Halt gemacht. Ich dös so ein bisschen herum. Soll zurückschalten, sagen sie, generell. Auch hier. Bin halt ein fleißiges, braves Bürschchen. Geile Träume kommen nicht mehr vor, geile Frauen sind auch nicht zu sehen, geile Männer erst recht nicht. Sind zumeist träge, gewichtig, vorgebeugt sich dahin schleppend - oder rappeldürr, Salatblätterstängel gleichend. Viele recht massive Frauen essen viel Salat. Ganz grün ihre Teller. Woher sind die so umfangreich? Egal. Ist nicht meine Sache. Ich hatte die Tage 1,5 Kg weniger als bei Beginn. Hab ich gleich ausgenutzt und Schokolade und Eis und Plätzchen und Wurst gegessen bis ich richtig satt war. Danach wog ich wieder 1,5 Kg mehr. Na sache mal.

Aus meinem Tagebuch:
.....Die Chinesen interessierten ihn nicht sehr. Aber nach dem, was er gerade über die Geschichte ihrer Gesellschaft gelesen hatte, sollte er es vielleicht doch tun. Schon über 200 Jahre vor Christus hatten sie ihr Riesenreich mit Zentralregierung fertig und haben es fast ohne Unterbrechung bis heute behalten. USA nur zum Vergleich, ist erst seit 130 Jahren vereint. Russland war bis zum Mittelalter ein kleines Zarenreich. In Indien spricht man bis heute über 800 Sprachen. Aber China hat seit über 2200 Jahren eine Einheitssprache, das Mandarin. Sie waren fast immer führend in Asien und Vorreiter von wichtigen Entwicklungen. Chinesen haben den Wasserbüffel domestiziert, das Schwein, den Hund, Hühner, Enten Gänse, Seidenraupen, Sojabohnen, Hanf, Zitrusfrüchte, Tee, Aprikosen, Birnen. Und diese Schübe landwirtschaftlicher Entwicklung hatten ihre Entsprechung in kulturellen Entwicklungssprüngen. Erfindungen wie das Papier, der Kompass, die Schubkarre (sic!), das Schießpulver, eine eigene Schrift fanden von China aus ihren Weg zu uns. Chinesen hatten schon immer ein Gefühl der Überlegenheit (und konnten es auch haben). Seit der Industrialisierung hat ihr Einfluss auf den Westen nachgelassen. Aber nun heizt die chinesische Dampfwalze wieder auf. Wann kommt sie? 

Heute war Chefvisite. Aufregung schon Tage zuvor. Zettel hingen an der Eingangstür, wurden geändert, Schwestern koordinierten in Einzelgesprächen - sie müssen da sein beim Chef seiner Zimmervisite. Und dann standen sie alle in seinem Zimmer: Der Chefarzt, der behandelnde Arzt, die Psychotherapeutin und Oberschwester Ernestina. Das Zimmer war voll und alle schauten ihn an und er wusste nicht, was das sollte. Sie redeten ein bisschen, die Botschaft, die der junge Mann ihm verkündete war, er solle mit seinem Leistungsanspruch zurücktreten. „Wenn ich an Sie denke, erinnere ich mich an Ihre zwei Leistungsfenster am Tag“ sagte der, „ich wäre manchmal froh, hätte ich nur eins.“ Gelogen, wie die rum rennen, dachte er. Seine Maximalansprüche im Beruf zu reduzieren, dazu war er allemal bereit. Aber für M und seine Freunde und für sich und überhaupt, beileibe nicht. Neee.

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