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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(87) TANSANIA 2006: Zugfahrt nach Kigoma mit Friedemann & Co

14. Juli 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

Eisenbahnfahrt-nach-Kigoma---6.jpgGebaut wurde das Schienennetz von Deutschen Kolonialisten kurz vor dem 1. Weltkrieg. Noch heute quert die "Mittellandbahn" des ehemaligen Deutsch-Ostafrika das Land. Sie verbindet Daressalam im Osten am Indischen Ozean mit dem Tanganjikasee im Westen. 1500 Kilometer lang verläuft die Strecke, parallel zum weiter nördlich gelegenen Äquator bis nach Kigoma und Mwanza. Oft noch auf den alten Schwellen und Schienen. Nur die Strecke Dar es Salaam-Dodoma wurde seit Jahren repariert und mit Bussen überbrückt, die zumeist abenteuerlich fuhren (seit 2009 soll er wieder die ganze Strecke fahren). Unser Zug muss mal attraktiv gewesen sein Mitte des letzten Jahrhunderts. Oder früher. Keinerlei Reparatur im Inneren der Waggons hat eine Ruine entstehen lassen, die fährt und in der man sitzen und liegen kann.

TAN Selous - 50Gut, wenn man nicht aufs Klo muss. Tagsüber werden wir mit billigem und einfachen Essen im Abteil bedient. Frisch gewaschene Bettwäsche wird vom Zugbegleiter Abends auf die ausgeklappten Liegen bereit gelegt. Danach kommt ein Mann und verschließt die Fenster mit Holzklötzen. Damit kein Dieb in der Nacht einsteigen kann. Die durchschnittliche Geschwindigkeit ist 25 Km/h und an Steigungen schleichend. Dann versuchen wendige Diebe sich in offene Fenster zu schwingen und alles Greifbare hinaus zu werfen. Beeindruckend die Landschaft: oft menschenleer, der Horizont in weiter Ferne. Kein Haus, kein Baum, nicht einmal ein Zaun ist im Weg. Dann wieder niedriges Gebüsch, Ansiedlungen vereinzelt, Kinder, die neben der Bahn her laufen und warten, ob etwas abfällt von unserem Reichtum. Baobabs, riesige Affenbrotbäume, stehen auf roter, kupferfarbener Erde. Afrika gleitet beschaulich vorbei. Hitze wallt durch das Abteil, der Fahrtwind bringt nur wenig Kühlung. Die Klimaanlage hat schon seit langem ihren Geist aufgegeben und von dem Ventilator ist nur die Befestigung übrig geblieben. Abends geht der Sonnenball blutrot am flachen Horizont unter. Die Bahn passiert auf ihrem Weg etwa fünfzig Bahnhöfe, und an den meisten wird angehalten. TAN Selous - 40Menschentrauben drängen sich um die Waggons, Wasser wird verkauft und Gebratenes, Gewebtes und Geschnitztes, Lebendes und Gepflücktes. Dann ruckelt der Zug an, Menschen rennen nebenher, werfen ihr Gepäck hinein, springen auf.

Manchmal steht der Zug längere Zeit, auch stundenlang. Zeit ist keine Größe. Die hat man. Hatte zur Folge, dass es am 2. Abend - wir kamen 7 Std. zu spät an (wer schimpft hier über die DB???) im Zug kein Licht, kein Wasser, kein Essen, nix mehr gab. Wir haben versucht, die Maispampe Ugali und Trockenfisch, die am Abteilfenster auf den Stationen verkauft wurden, zu essen. Ach ja, wir sind doch keine Einheimischen. Fährt der Zug ein, sind die sonst fast menschenleeren Bahnhöfe plötzlich ein Hort voller Geschäftigkeit. Eisenbahnfahrt nach Kigoma - 2Frauen in bunten Tüchern, ihr Baby auf dem Rücken, Männer, die abenteuerlich zusammengeschnürte Berge von Gepäck bewachen, dazwischen fliegende Händler, Bettler und Träger. Radios plärren, Kinder kreischen. Kigoma Bahnhof Geleiseseitig WikipediaDer Bahnhof in Kigoma überragt die großen Mangobäume, die allerorten Schatten spenden und versperrt die Sicht auf den längsten und tiefsten See Afrikas. Bahnhof genau so wie das überdimensionierte Jagdschloss nebenan erbaut von Wilhelm II, der hier einen Knotenpunkt für sich und seine Kolonie erdachte. Er kam nie, dafür WK I und der Verlust der Kolonie.

Kigoma-Hauptstrasse_Wikipeddia.jpgHeute ist Kigoma ein verschlafenes Städtchen in dem die Muezzine ab und an vom grellen Pfiff der Lokomotiven und der Dampfboote auf dem See übertönt werden. Von Kigomas Hafen verkehren Verkehrsschiffe nach Sambia, Kongo und Burundi. Ebenfalls deutschen Ursprungs ist das wichtigste Fährschiff auf dem Tanganjikasee, die MS Liemba . Sie wurde 1913 in Norddeutschland gebaut, in Einzelteile zerlegt und in Kigoma wieder zusammengesetzt, wo sie 1915 unter dem Namen Graf Goetzen vom Stapel lief und als Truppentransporter für die deutsche "Schutztruppen" Verwendung fand. Im Juli 1916 versenkten die Deutschen ihr Schiff, um es nicht den anrückenden Belgiern und Briten zu überlassen. Unter britischer Verwaltung wurde das Schiff wieder gehoben, am 16. Mai 1927 auf den Namen MS Liemba getauft und wieder in Betrieb genommen.



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Katharina vom Tanneneck 07/15/2011 00:25



Faszinierend! Ich spürte die Hitze in dem Zug  und konnte mir alles gut vorstellen. Du hast recht, wenn man so eine Reise erlebt hat, dann ist die deutsche Bahn schon Luxusklasse. Vielleicht
sollten wir etwas mehr leben als nur rumzumosern. 


Liebe Grüße, Katharina



R.Einloft 07/15/2011 12:59



Ja, prima bei dem Wetter (bei uns ist es kalt und regnerisch). Da ist die Hitze willkommen, wenn auch nur in der Phantasie. Die Lehre Afrikas macht das Leben in unserem schönen Land einfacher.
Richtig.


Schönes Wochenende wünscht RE



Hanne 07/14/2011 22:33



Hier meine Buchempfehlung zu Deinen Erlebnissen (ich weiss, Du kennst das, aber für die Leser Deines Blogs


 


Eine Frage der Zeit


Roman








1913. Drei Männer reisen im Auftrag des deutschen Kaisers an den Tanganikasee, um ein Dampfschiff wieder zusammenzubauen, das auf ihrer Werft in Norddeutschland gebaut und anschließend - in
seine Einzelteile zerlegt - nach Deutsch-Ostafrika transportiert wurde. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, werden aus den am gegenüberliegenden Ufer stationierten Briten plötzlich Feinde.
Keiner will, aber jeder muss Krieg führen, denn alle sind sie Gefangene ihrer Zeit … - Mit feinem Humor und illusionsloser Klarheit erzählt Alex Capus die Geschichte dreier Männer, die in den
unerbittlichen Mahlstrom historischer Ereignisse geraten. Ein raffiniert komponierter, spannender Roman von großer Erzählkraft.




R.Einloft 07/15/2011 12:58



Danke Hanne, ich habs noch mal in den Blog kopiert damit es nicht unter geht.



Hanne 07/14/2011 22:29



Was für wunderbare Erinnerungen - schön dass Du sie mit uns teilst



R.Einloft 07/15/2011 12:55



Aber klar doch, gern gemacht. Ich lebe zwei Mal dadurch. Mindestens. Nun ja, vielleicht 1,5 Mal. Das erste war doch intensiver.


Liebe Grüße nach Dietzenbach aus dem verregneten Hommertshausen


Dein Bruder R