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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(92) TANSANIA: Nyerere und der afrikanische Sozialismus Teil I

17. August 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

„Willy Brandt hab ich auch schon gefahren“, erzählt Shamte und zeigt auf das kleine Haus am Rand von Dar es Salaam. „Dahin, da hat unser Mwalimu gewohnt“. Sie nannten ihn noch immer "Lehrer", ihren charismatischen Führer Julius_Nyerere_1977.jpgJulius Kambarage (Regengeist) Nyerere, auch wenn er schon lange nicht mehr Präsident war. Er hatte sich das Haus selbst gebaut, klein ist es, einfach eingerichtet. So war er, Bestechung, Vorteilnahme, Nepotismus, all das, was heute so selbstverständlich scheint und mit afrikanischen Politikern in Verbindung gebracht wird, waren Fremdworte in seinem Leben. Er kam aus einfachen Verhältnissen und blieb einfach sein Leben lang. „Auf der Veranda haben sie gesessen“, erzählt Shamte weiter, „ohne Socken weil es so warm war und Cola haben sie getrunken. Es gab nur 3 kalte Flaschen, mehr ging in den kleinen Kühlschrank nicht rein“. Sie waren Freunde, Brandt und Nyerere. Und meine Vorbilder in der politischen Welt. Das Verhältnis zwischen Tansania und der Bundesrepublik war innig in ihrer damaligen Zeit. Auf Afrika, auf Nyerere wurde gehört. Dazu wollte ich beitragen, dass es wieder oder ähnlich würde.

Nyerere 1977: „Den armen Ländern wird gesagt, sie müssten hart arbeiten, mehr produzieren und wären dann in der Lage, ihre Armut zu überwinden. ... Nehmen wir den Fall von Sisal - früher Tansanias wichtigster Exportartikel - und beziehen ihn auf den Preis von Traktoren. 1965 konnte ich einen Traktor für 17,25 Tonnen Sisal kaufen; der gleiche Traktor kostete 1972 indes soviel wie 47 Tonnen Sisal. ... Die reichen Länder werden reicher, weil ihre wirtschaftliche Stärke ihnen wirtschaftliche Macht verleiht; die armen Länder bleiben arm, weil ihre wirtschaftliche Schwäche sie zu Marionetten im Machtspiel der Anderen macht.“

Aufgewachsen war Nyerere auf dem Land in der Nähe des Victoria Sees. Das Vieh seines Vaters hatte er als Junge gehütet, kam in eine katholische Missionsschule, besuchte ein Gymnasium und das Makerere College in Uganda. Arbeitete als Lehrer in Tabora und war der erste Tansanier, der im "Mutterland" England (um genau zu sein: in Edinburgh/Schottland) auf eine Universität geschickt wurde. Von den Missionaren der Missionsschule, so weit ich weiß, weil er ein überragender Schüler war. Er arbeitete weiter als Lehrer nach seiner Rückkehr, engagierte sich zunehmend politisch, gründete eine eigene Partei, gewann Wahlen und 1961 friedlich die Unabhängigkeit seines Landes von englischer Vorherrschaft. Er wurde ihr erster Präsident und Regierungschef und blieb es bis 1985.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie begeistert wir waren, als in den 70er Jahren die Ideen Nyereres zu uns durchdrangen. Was er wollte war ein Sozialismus nach afrikanischer Tradition. Sein Entwicklungsgedanke gründete auf das "Vertrauen auf die eigene Kraft", "Self Reliance" hatte er es genannt und das wurde zu einem Schlagwort für die gesamte Entwicklungsdiskussion bis in die 80er Jahre. Es bedeutete die Versorgung der Bevölkerung aus dem eigenen Land mit dem, was sie zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse benötigten. Was für ein schöner Gedanke! Das implizierte eine Konzentration auf die ländliche Entwicklung statt den Aufbau einer eigenen Industrie in Abhängigkeit von dem reichen Norden. Basisgesundheitsdienste, Versorgung mit Trinkwasser auf dem Land und Schulbildung waren weitere Inhalte dieses Konzeptes.

 

Fortsetzung demnächst

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