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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(92) TANSANIA: Nyerere und der afrikanische Sozialismus Teil II

18. August 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

Besonders die Schulbildung lag dem Lehrer, der nun zum Lehrer seines Volkes wurde, am Herzen. Denn Self-Reliance war von ihm wesentlich als eine Frage der Erziehung gedacht. Die Schule muss auf die konkreten Bedürfnisse der Schüler und der Gesellschaft abzielen und  traditionelles mit modernem Wissen verknüpfen. Bildung soll den Kindern auch vermitteln, wie sie ihren Familien gute Nahrung verschaffen oder Werkzeuge herstellen und benutzen können. Mitbestimmung der Schüler und Selbstversorgung der Schulen durch eigene Farmen gehörten mit zu dem Konzept. In der beträchtlichen Verbesserung des Bildungssystems liegen auch die Erfolge von Nyerere. Bis 1979 stieg die Einschulungsrate von 25% in 1960 auf in vergleichbaren Ländern unerreichte 94%. Und die Alphabetisierung Erwachsener nahm von 10% in 1960 auf fast 80% in 1979 zu. In der Nach-Nyerere Zeit, als man Tansania den modernen Kapitalismus aufzwang, fiel die Einschulungsquote prompt wieder auf die Hälfte (inzwischen ist sie wieder angestiegen).

Innenpolitisch wollte Nyerere den Tribalismus überwinden und ein nationales Bewusstsein schaffen. Über 130 Ethnien hatten und haben nicht nur ihre eigenen Sprachen sondern auch eigene Kulturen und Traditionen, die sie gegenseitig, zum Teil feindlich abgrenzten. Das zu beenden hat er geschafft. Heute sprechen fast alle Tansanier eine Nationalsprache, das Kisuaheli und noch immer herrscht ein in Afrika vorbildlicher innerer Friede. Die TANU als Einheitspartei sollte, nach den Vorstellungen von Nyerere, nicht den autoritären Charakter haben wie in anderen Ländern des "realen Sozialismus". Besser als im Mehrparteiensystem, wo die Parteien Partikularinteressen vertreten, sollte die TANU einen Rahmen für wirkliche demokratische Prozesse bilden, indem z. B. Kandidaten für politische Wahlämter von der Bevölkerung selbst ausgesucht, bestätigt und auch wieder abgelöst würden. Mitbestimmung der Basis wurde allerdings nie gänzlich umgesetzt, obwohl die inneren Prozesse auch der  Nachfolgepartei CCM breite Mitwirkung bei der Kandidatennominierung vorsehen. 

Nyereres Vision war ein Staat, in dem die Tansanier wie im Familienverband füreinander einstehen. "Es würde sicher einen größeren sozialen Schaden bedeuten" schrieb er 1966, " wenn ein Mitglied der Familie, selbst ein älteres, z.B. persönlichen Besitz...anhäuft, wenn anderen Mitgliedern ihre Grundrechte (-bedürfnisse) vorenthalten werden."  Aus diesem (angenommenen) "Ursozialismus" in den traditionellen afrikanischen Gesellschaften entwickelte Nyerere den "Ujamaa"-Sozialismus auf nationaler Ebene. Jeder soll nach seinen Fähigkeiten arbeiten, Alte, Kranke, Kinder und in Not Geratene sollen unterstützt werden, gegenseitiger Respekt und Würde werden eingefordert und auch die Stellung der (in der afrikanischen Praxis unterdrückten) Frau soll verbessert werden. "Ujamaa" bedeutet "Zusammenhalt" und war sein Programm, sein Instrument zur Überwindung der Unterentwicklung. In Ujamaa-Dörfer, Kooperativen gleich, sollte die Bevölkerung aus ihren isolierten Weilern umgesiedelt werden um nach ursozialistischen Werten zusammen zu leben. Richtig war sicherlich die Überlegung, dass in diesen Dörfern die weit verstreut wohnende Landbevölkerung mit Infrastruktureinrichtungen wie Schulen, Krankenstationen, Läden und Produktionsmitteln besser versorgt werden können. Als falsch erwies sich die Annahme, dass 2000 Menschen in einem durchschnittlichen Ujamaa-Dorf, " an einem -Strang ziehen können wie eine Großfamilie. 1977 lebten etwa 85% der Landbevölkerung in solchen Dörfern und produzierten weniger als vorher. Mit dieser Wirtschaftspolitik hat er versagt.

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Katharina vom Tanneneck 08/18/2011 22:14



Der Gedanke war gut! Die Menschen entscheiden sich oft anders. Hier in Europa sind die Gedanken nicht mehr so gut und die Menschen wollen das alles nicht was Politiker mit ihnen anstellen. 


Dabei nennen sie es Demokratie, wobei man nicht einmal einen Menschen wählen kann, der das Vertrauen der Bevölkerung hat. Parteiensumpf hat sich breit gemacht nund die Demokratie abgeschafft!


Liebe Grüße, Katharina



R.Einloft 08/20/2011 14:24



Ja, das sehe ich auch so. Die Politik entfernt sich immer mehr von den Menschen und ihrem Wollen. Kein Wunder das wir Politikverdrossenheit haben. Das immerhin wollte Nyerere anders und noch
immer meine ich in Tansania die Früchte seiner Saat zu bemerken. Auch nicht ideal, nein. Aber das Gefühl, zusammen zu gehören, das hat er bis heute erreicht. Und ein paar Sachen mehr. Es geht,
wenn man die Menschen dort abholt, wo sie sind und mit nimmt auf die Reise.


Wir haben herrlichen Sonnenschein. Wünsch dir ein wunderschönes Wochenende.


Gruß RE