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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

(92) TANSANIA: Nyerere und der afrikanische Sozialismus Teil III und Schluss

19. August 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Afrika

Das Scheitern der Ujamaa-Dörfer lag nicht nur an den menschlichen Egoismen der Bevölkerung. Nach seiner Idee sollte die Umsiedlung in die Ujamaa-Dörfer ohne Zwang, nur durch Überzeugung durchgeführt werden. Doch eine sich selbständig machende Bürokratie wendete zunehmend Zwang an und setzte die vorgesehene Versorgung der Dörfer nicht um. Korruption und Misswirtschaft nahmen zu, aufgeblähten Behördenstrukturen sorgten für sich selber, kurzum, das neue System produzierte weniger als das traditionelle. Sicher kamen externe Faktoren hinzu, die Nyerere immer wieder erwähnte. Da war der Ölpreis, der in der Ölkrise 1973 in die Höhe schnellte, da war der Krieg gegen den Diktator Iddi Amin in Uganda, der Tansania 1978/79 angriff, da waren die immer weiter auseinander klaffenden Terms of Trade, das Tauschverhältnis importierter Industriegüter zu exportierten Rohstoffen, da waren extreme Klimaschwankungen usw. Ebenso wichtig für die Fehlentwicklung ist indes die von Nyerere zumindest tolerierte Politik des tansanischen Staates im Inneren. Eine verfehlte Agrarpolitik ließ den Bauern keinerlei Produktionsanreize, hinzu kam die aufgeblähte, in Teilen korrupte, unterbezahlte und völlig unproduktive Bürokratie und eine politische Führung, die nicht in der Lage war, diese Fehler zu korrigieren.

Nyerere hatte viele Freunde und Bewunderer, besonders in Schweden, in der Bundesrepublik, auch in den USA und in den internationalen Gremien. Die Entwicklungshilfe für Tansania nahm sprunghaft zu, doch viele, am Ende unproduktive Investitionen gingen gerade auf die internationale "Hilfe" zurück, bei der eigene Projekte im Vordergrund standen und nicht die notwendigen strukturellen Reformmaßnahmen. Die an Sachinvestitionen ausgerichtete Hilfe kam zu schnell, war mit anderen Bereichen wenig abgestimmt, verursachte hohe Folgekosten und eine starke Überschuldung des Landes und führte damit zu einer Steigerung der von Nyerere so bekämpften Abhängigkeit.

Was bleibt?  Nicht vergessen haben die Tansanier ihren "Mwalimu". Noch heute hängt sein Bild in vielen Amtsstuben und Wohnungen vorrangig oder zumindest gleichwertig neben dem des aktuellen Präsidenten. An die beträchtliche Verbesserung des Bildungs- und Gesundheitssystems erinnert man sich und an die politische Stabilität und den inneren Frieden. Tansania unter Nyerere kannte keine tief greifenden sozio-ökonomischen Klassenunterschiede und seine Programm zur sozialen Gleichheit fand breite Akzeptanz. Und außenpolitisch waren sie stolz auf ihren Präsidenten, der international gehört und verehrt wurde. Nyerere hat eine eigenständige afrikanische Diskussion über Entwicklungswege angestoßen, die auf einem anderen, einem afrikanischen Wertesystem beruhte und für den Kontinent eine hohe Bedeutung hatte und hat. Zu seinen größten Verdiensten gehörte sicherlich sein demokratischer Abgang 1984, der für andere afrikanische Regime ein Vorbild darstellt und dem Land einen geordneten Übergang zu einem Mehrparteiensystem ermöglichte.

Tansania wurde in der Nach-Nyerere Zeit von der internationalen Gebergemeinschaft zu Strukturanpassungsmaßnahmen gezwungen, um den Schuldenberg abzutragen und um das Land von seiner afrikanisch-sozialistischen Ausrichtung in die westliche kapitalistische Wirtschaftsform einzugliedern. Die Folge waren zunehmende soziale Ungleichheit, Sozialkürzungen und Verarmung einer breiten Bevölkerungsschicht.

"Tansania ist mehr als die meisten Länder durch die Vision eines Mannes geprägt worden, durch Julius Nyerere, den ersten Präsidenten des Landes. Dort wie im Ausland wird er (noch immer) verehrt und respektiert aufgrund seines Verstandes, seiner Integrität und seiner Hingabe für sein Volk. Er war untypisch unter den afrikanischen Führern, und der persönliche Respekt ihm gegenüber blieb auch nach seinem Ausscheiden aus de Amt bestehen. Jedoch hat Tansania seit der Unabhängigkeit nur geringen wirtschaftlichen Fortschritt gemacht, viele von Nyereres politischen Idee scheiterten und das Land ist weiterhin trotz der erheblichen Entwicklungshilfe unsäglich arm."(Spalding 1996). Ein wenig hat sich die ökonomische Lage heute verbessert.

Am 14. Oktober 1999 ist Julius Nyerere in einer Londoner Klinik gestorben.

 

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