Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Ägypten 2006

8. August 2012 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Urlaube&Radtouren

Dienstag, 7. August 2012, 10:43 Uhr. Dicke grau-schwarze Wolken hängen über dem Tal, dazwischen von Zirruswolken verschleierter hellblauer Himmel. Manchmal kommt kurz die Sonne raus. 15 Grad. Ich erinnere mich gerne:

Der Flug von Dar es Salaam nach Kairo machte Zwischenstation in Äthiopien. Alles aussteigen, morgen früh gehts weiter. Es war tiefe Nacht, anstehen für ein Tagesvisum, dann wurden wir in kleinen Bussen durch menschenleere Straßen transportiert und in Gruppen an Hotels abgesetzt. Unseres war bescheiden und das letzte. Entsprechend früh mussten wir raus, jetzt waren wir die ersten. In Kairo ein Luxushotel, unsere Buchung war verwechselt worden, wir hatten eine 3-Zimmer Suite, das Badezimmer war größer als der Raum in Addis Abeba. 

Beeindruckend dieser Mix von Altem und Neuem, jeden Moment stolpert man über Pharaonenkultur. Zu den Pyramiden Ägypten - 4von Gizeh kann man mit der U-Bahn fahren, die Stadt hat sich bis zu den noch immer imposanten Bauwerken ausgedehnt. Trotz der Touristenströme findet man sich in Zeiträume vor 3000 Jahren zurückversetzt. Wenn man ein wenig träumt.

Ägypten - 85 Reinhold3000 Jahre Erfahrung, Touristen auszunehmen, sagt M. Bewundernswert. Ich wollte ein Foto von mir zwischen hohen Säulen eines Tempels. Schwupps, schon stand ein als Beduine verkleideter Mann neben mir. Und hielt mit verschmitztem Grinsen die Hand auf.  Er habe sich ja schließlich fotografieren lassen. Vor so viel Chuzpe hab ich kapituliert. Das Gesicht des Alten sprach Bände.

Wir hatten eine Schifffahrt den Nil hoch gebucht. Vor einer Schleuse stauten sich die Kreuzfahrtschiffe stundenlang, es Ägypten - 142waren deren viele unterwegs. Auf einmal hörten wir herzzerreißende Rufe, Maria, Maria schallte es über das Wasser. Ein Liebhaber, der seine Maria verloren hatte? Nein, das Nachbarschiff war voller Spanier und die Verkäufer in ihren kleinen Booten lockten die vielen Marias an die Reling. Sie warfen ihre Teppiche und anderen Kram in Plastiktüten nach oben vor die Füße der zuschauenden Menge, manchmal kamen die Sachen zurück, manchmal das Geld. Welche Tricks sie sich ausdachten! Bei einem Ausflug in kleinen Booten paddelten Jungen in badewannenähnlichen Holzkisten heran, taxierten uns und schmetterten zielgenau Nationalhymnen der Touristen. Offene, sich nicht schließen wollende Hände blieben ein Merkmal der Reise. Die trotzdem schön war.

Ägypten - 6 Marianne& ReinholdIch hätte nie geglaubt, dass Ägypten uns in einen solchen  Bann schlagen könnte. Was für eine Hochkultur aus Vorzeiten, die noch heute mit ihren monumentalen Überbleibseln fasziniert. Und wie das erst früher ausgesehen haben mag! Die Pyramiden, sagte man uns, waren blendend weiß und in den vergoldeten Spitzen brach sich die Sonne. Tief in Berge hinein hat man die Gräber gegraben um Sarkophage, Mumien und kostbaren Grabbeilagen vor Räubern zu schützen. Pyramiden waren zumeist nur größenwahnsinnige Monumente der Herrscher, nicht die ursprünglich geplanten Gräber. Das haben die Forscher erst spät heraus gekriegt, die Räuber, seit Jahrhunderten in Familienclans organisiert, weitaus eher.

In Khartoum/Sudan stiegen auf dem Rückflug ein halbes Dutzend religiöse Muslimführer zu. Sie wollten, erfuhren wir später, auf eine Konferenz nach Dar es Salaam, sprachen aber einzig Arabisch und verstanden nichts auf dem Flug. M konnte als Einzige aus der Gruppe mit dem gleichen Ziel ein wenig über die Verwandtschaft mit Suaheli verstehen und ihnen erklären , doch die Herren hatten nichts mit Damen am Hut , hörten zwar zu aber taten so, als sei sie gar nicht vorhanden und zeigten ihr den Rücken   In Addis Abeba das selbe Spiel, auschecken, Tagesvisum beantragen, Bus suchen, im Hotel einchecken. Die Herren in ihren Nachthemden waren hilflos, M ließ ihren Rücken Hilfe zukommen, und sie trotteten im Gänsemarsch hinter ihr her ohne sie anzusehen. Im Bus hatten sie irgendwann genug, wollten aussteigen. M rief auf Suaheli: hier nicht, sie drehten um  und stiegen wieder ein. Im Hotel standen sie hilflos herum. Wir zogen uns schnell auf unser Zimmer zurück und aus, da klopfte es. M öffnete halb bekleidet, davor stand einer der Nachthemdträger und bekam fast einen Herzschlag ob der Aussicht. Die konnten die Nummern auf den Schlüsseln nicht entziffern und fanden keine Zimmer. Mit einigen Mühen brachten wir sie auch am nächsten Morgen zurück zum Flug. In Dar es Salaam verschwanden sie ohne ihre Retterin auch nur eines Blickes zu würdigen, geschweige denn eines Dankeswortes. Arm sind sie dran, diese Herren, ziemlich verloren außerhalb ihrer Gesellschaften.

Sie hat sich gelohnt, unsere Reise in die Vergangenheit in einer anderen Welt.

 

(Hier sind mehr Bilder: http://www.andere-welten.net/album-2094934.html)

Diesen Post teilen

Repost 0

Kommentiere diesen Post

Joachim 08/08/2012 21:01


Hallo RE! Ich habe vor Jahren auf der Nilkreuzfahrt mit meiner Freundin Jutta Ähnliches erlebt. Fasziniert war ich von der großartigen Architektur des alten Ägypten der Pharaonenzeit. An die
Bootshändler kann ich mich auch noch gut erinnern. Wie war das denn mit dem Bezahlen? Die haben doch wohl irgendso etwas wie eine Tasche hochgeworfen, in die man das Geld legen musste,oder?


Herzl. Gruß


Joachim

R.Einloft 08/12/2012 12:25



Nee, bei uns haben sie einem die Hände vors Gesicht gehalten, immer wieder. Macht aber nichts, das hat der Großartigkeit dieses Erlebnisses keinen Abbruch getan. Die haben halt 2000 Jahre
Erfahrung mit Touristen.


Einen schönen Sonntag wünsche ich


Grüße aus dem sonnigen Tal von RE