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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Am Tage des Endspiels

1. Juli 2012 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Rezensionen

Sonntag, den 1. Juli 12:11 Uhr - Hochsommer. Doch nicht im Tal. 18 Grad, dunkle Wolken, es tröpfelt und schauert. Dar es Salaam 24 Grad, Sonne, leicht bedeckt; Rio 27 Grad Sonne (na endlich).

Die Frage, wer heute Abend die EM gewinnt, ist nicht ganz so spannend wie vordem. Doch mit dieser unserer Mannschaft ging das nicht. Technisch haben sie was drauf, wenn sie wollen - und richtig aufgestellt sind. Doch beim Singen hapert es gewaltig. Die haben keine cojones, sagt der Spanier. Kahn nennt es den fehlenden Biss, das letzte Quentchen Willen, unbedingt gewinnen zu wollen. Und der Trainer hilft ihnen dabei mit einer Aufstellung der vermeintlichen Sicherheit. Wie war das? Wir zwingen dem Gegner unser Spiel auf? Dem Gegner hat das nicht gefallen, er hat den Unseren  gezeigt, was ne Harke ist. (Warum die Sprachregelung: „UNS“, wenn die Deutsche Fußballmannschaft gemeint ist? Nicht wir spielen, die Deutsche Mannschaft spielt). So ganz verstehe ich die durchgängige Euphorie nicht. Ein Spiel - das gegen Griechenland - haben sie bravourös nach gewohnter Art und hohem Spielgenuss gewonnen. Alle anderen waren von Rumpelfußball bis „gewonnen ist gewonnen“. Ach wären sie doch in Schönheit ausgeschieden, wenn sie schon ausscheiden müssen.

Gelesen: Nigel Barley: Die Raupenplage. Von einem der auszog, Ethnologie zu betreiben. Die Vorgängergeschichte: Traurige Tropen war ein einsamer gelungener Wurf, sich selbst und die Ethnologie mit satirischer Begabung zu enttarnen. Seinen Versuch, sich einzuleben in andere Kulturen, ihre Zusammenhänge und Funktionsweisen zu ergründen beschreibt er als eine Reihe von Fettnäpfchen, in die er unweigerlich immer wieder hineintappte. Tränen hab ich gelacht als er, wie wir alle, die wir in anderen Welten gelebt haben, jeden Anfängerfehler, entstanden aus Überheblichkeit, wir wüssten, was die da nicht wissen, wiederholte. Seine Fähigkeit, kritisch den ethnologischen Ansatz der begleitenden Beobachtung zu beschreiben hat er in der „Raupenplage“ fort gesetzt. Nicht mehr ganz so lustig, er war ja zum 2. Mal in „seinem“ Dorf in Kamerun, wusste um Fettnäpfchen, gelangte zu interessanten Beschreibungen, wie die Gemeinschaft tickt und wie die moderne Welt diese traditionelle Lebensform immer mehr tangiert und stören kann. (Das Buch ist 1986 erschienen, da hat sich in der Zwischenzeit wahrscheinlich viel verändert. Der Moderne und de Anspruch der Industriegesellschaften, die Welt dominieren zu können, kann sich kaum einer entziehen). An einem Beispiel macht er die Zwickmühle gut klar. Zur nächsten Kleinstadt soll eine Wasserleitung gebaut werden. Der Präfekt ist dafür, weil es ihm Ansehen verleiht. Der Arzt ist dafür, weil viele Krankheiten aus schlechtem Wasser kommen. Die Entwicklungshelfer sehen Ruhm und Ehre und die Möglichkeit Macht auszuüben, indem sie Arbeit und Einkommen vergeben. Und der Missionar sieht die Chance, dem Regenhäuptling in die Suppe zu spucken, ihm Macht zu nehmen. Doch die, aus deren Land das Wasser geholt, durch deren Land die Wasserleitung gelegt werden soll, werden nichts davon haben, ausser, dass ihre Bewässerung in den Bergen eingeschränkt wird, sie dafür arbeiten müssen und wenn sie sich weigern, gezwungen werden. Der Regenhäuptling, oberste Instanz im mystischen Geflecht des Stammes, wird degradiert. Und das bringt Unglück. Eine Menge Leid und Schwierigkeiten für diese Leute ist voraussehbar für N.B.. 
Keine Ahnung, ob wegen des Wassers für die Stadt eine traditionelle Gemeinschaft empfindlich gestört werden darf. Ich befürchte: ja. Wie oft hatte ich mit solchen Dilemmas zu kämpfen. Wichtig finde ich aus diesen Lehren, dass die untersten auf der gesellschaftlichen Hierarchie auch was davon haben sollen. Unter Beachtung ihrer Lebensform. Dazu müssen wir sie kennen. Und dazu sind selbstkritische Ethnologen wie Barley notwendig.

Ich glaube, Italien gewinnt.


Regenwolken-im-Sommer.jpg

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