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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Benicasim und die Auseinandersetzung über Reich-Ranicki

7. März 2013 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Meine Welten heute

Ich hatte über Reich-Ranicke gelästert. Dass ich ihn nicht mag. So richtig pauschal drauf gehauen (http://www.andere-welten.net/article-benicasim-im-regen-115762903.html). Darauf hin hat mir meine Schwester einen Kommentar geschrieben. Der ist richtig und zur Abrundung dieser schillernden Persönlichkeit notwendig. Deshalb veröffentliche ich unsere Korrespondenz.

Kommentar Hanne:
„na na na, jetzt lass mal die Kirche im Dorf. Reich-Ranicki ist der fundierteste Literaturkenner den ich kenne.  Mir gefällt auch nicht alles was er sagt und wie er Bücher beurteilt, aber es geht bei ihm immer um Literatur und ums Schreiben. Klar polarisiert er, er ist ein Showman, genau wie Grass. Da  geben sich die beiden nix. Beides eitle alte Männer. Auf keinen Fall ist RR aus politischen Gründen gegen Grass, er hat die Blechtrommel über alle Maßen gelobt und findet  seine späteren Werke eher schlecht. Das kann und darf er - dank unserer freien Meinungsäußerung. Und Grass muss man nicht verteidigen, er setzt sich genauso gerne in Szene wie RR.

Ich kann Dir die sehr bewegende Biographie von RR empfehlen. Da erkennst Du, wie sehr er die deutsche Sprache und Literatur verehrt, besonders die Klassiker - und trotz seiner grauenhaften Erlebnisse im Warschauer Ghetto, seiner Flucht und seiner jahrelangen Existenz im Untergrund mit täglicher Todesangst ganz bewusst entscheidet, in Deutschland zu bleiben. Er ist Kritiker, das ist sein Beruf, und da analysiert und kritisiert er Bücher.  Aber wie gesagt, man kann sich das anschauen und sich dann seine eigene Meinung bilden. Ich kann ihm in vielen Urteilen auch nicht folgen, und die Polemik gefällt mir auch nicht, aber trotz allem schätze ich seinen literarischen Sachverstand - den gibt es so schnell nicht wieder.
Vieles kann man anders sehen - beispielsweise hielt er nie was von englischsprachigen Büchern, er fokussiert sich komplett auf die deutschsprachige Literatur.
Ich kenn das Buch von Irving nicht, weiss aber auch, dass er mit Grass befreundet ist. Ich mag sie alle beide und den RR auch - für mich kein Widerspruch, ich hol mir von jedem das Beste und für mich Relevante und Interessante, den Rest lass ich links liegen.
Schöne Grüße aus dem SONNIGEN Rhein-Main-Gebiet!“
Meine Antwort:
Liebe Schwester!
Du hast Recht mit Deiner Kritik. Meine Schreibe über RR war zu einseitig und pauschal. Er ist mit Sicherheit ein fundierter Literaturfachmann, kennt sich aus in dem Getriebe, kann formulieren, Sachen auf den Punkt bringen und hat eine gehäufte Portion Durchsetzungsvermögen um gehört zu werden. Ich stimme insoweit mit Dir überein: Der Mann hat was zu sagen. Wie ers sagt und mit welchem rechthaberischen Anspruch, na ja, das gehört zu den negativen Seiten, die ich nicht an ihm mag.

Mein zentraler Punkt ging weiter. Ich bin der Meinung, dass Kritiker in die 2. Reihe gehören und sich nicht anmaßen dürfen, über den Schriftstellern zu stehen („ich muss Sie schon wieder belehren, Herr Grass“ hat er in einem offenen Brief geschrieben). Meine Hochachtung gilt noch immer der Tat und weniger der Besserwisserei hinter der Tat. Schriftsteller kämpfen teilweise jahrelang Seite um Seite und Kritiker mit ihren spitzen Federn zerreißen sie in einer Nacht.

Freilich ist es schön und gut, einen Kompass zu haben im Dickicht der vielfältigen Veröffentlichungen. Besser noch ist es, mehrere sachkundige Einschätzungen zu habe, denn es gibt mit Sicherheit verschiedene Meinungen über Bücher. In den Hochzeiten von RR tendierte diese Meinungsvielfalt zur Einfalt. Kritiker (und Publikum) schlossen sich offenbar gerne und freiwillig der Meinung des „Literaturpapstes“ an. Irving berichtet von einem Fall bei Grass. Da ist RR natürlich nur teilweise schuld dran. Klar wollte der die Macht haben und hat sie weidlich ausgenutzt. Es gibt allerdings auf der anderen Seite auch die, die seine Macht ermöglicht haben, ihm ohne Zwang gefolgt sind. Fand ich interessant, dass in den USA Kritiker bei weitem nicht solch einen Einfluss erlangen können.

Also: ich hab nichts gegen den Sachverstand von RR, sondern gegen die Ausnutzung jeglicher monopolistischer Stellungen. Und dann ist er mir auch noch mit seinem Gekeife auf den Wecker gegangen. Aber das ist natürlich ein ganz anderes Thema.

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