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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Das allerneueste von G

30. November 2013 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Burn Out - Tinnitus u.a. Krankheiten

28. Oktober 2013 12:30
Gestern haben wir ihn besucht, unseren G. Seit einer Woche ist er wieder in der Reha im Westerwald. Er hat geschlafen, als wir kamen und gestrahlt, als er uns gesehen hat. G hat in den letzten 20 Jahren noch nie so viel gelacht wie heute. Das war angenehm. Sehr. Und am Kopf sieht er auch schon wieder mehr sich selbst ähnlich nachdem sie ihm die Schädelplatte wieder eingesetzt haben. Gut, noch ein wenig Schwellung ist da und die Schnitte sieht man, aber die Haare wachsen prima drüber. Und mit seinem linken Arm und seinem linken Bein ist er beweglich so wie früher rechts. Und die rechte Seite wird langsam besser. Sein Bein kann er anziehen und strecken und den Arm etwas an die Brust heben. Und als ich ihm die Hand gegeben habe, vermeinte ich einen kleinen Druck zu spüren. M hat ihm Hand und Bein gestreckt und gedehnt und auf die Frage, ob es ihm weh tut, hat er nein gesagt. Nein und ja kann er prima artikulieren und „wieso?“ geht auch schon. Es ist schwer, ihn zu verstehen. Wenn er etwas will, z.B. dass wir Licht anmachen, zeigt er auf das Fenster und die Tür und stammelt gestenreich, bis wir kapieren. Dann strahlt er über das ganze Gesicht und wir freuen uns mit ihm. M hat sich vor ihn gesetzt und ihm vor gesprochen. Nach einigen Versuchen konnte er es sagen: R, mach das Licht an. Das war schön und wir haben mit ihm gelacht. Kann sein, dass dieser Lernprozess des Einschleifens noch lange Übungen braucht. Die hat er viel. Sein Anwendungsplan sieht bis zu 7 Termine pro Tag vor. Alleine vom Bett aufstehen kann er auch schon, er setzt sich auf, Beine auf den Boden, dann schwingt er herum und sitzt frohgemut in seinem Rollstuhl.

Wir haben Bilder geguckt auf meinem Laptop. Von der Apfelernte mit der Familie. Und den Film von der Kelterei. Genau wissen wir es nicht, wen er wieder erkennt. Manchmal nickt er freudig und als er Jörg gesehen hat, da war das Wiedererkennen deutlich. Vielleicht sind die Bilder noch nicht klar zurück in seinem partial zerstörten Hirn. Auch beim Bild seiner Oma hat er genickt. Aber nur leicht. Doch wenn wir von Familienmitgliedern erzählt haben, die er nicht erinnert, dann hat er das zum Ausdruck gebracht mit fragendem Blick und leichtem Kopfschütteln.

Wir haben ihm den Playboy mitgebracht und ein anderes Männerheft. Das hat ihm gefallen - schien es. Auf die Frage, ob er lesen kann haben wir raus gefunden, dass die Schrift groß sein muss. Danach haben wir zusammen Überschriften gelesen und manche Worte konnte ich bei ihm verstehen. Fernsehen, ja, das schaut er. Und er nickt und sagt Ja, Ja, auf die Frage, ob er versteht. Das letzte Mal war das noch zweifelhaft.

Zum Essen wird er hinunter in den Saal gefahren. Es war 6:00 Uhr abends, die Schwester hatte vor einiger Zeit erinnert, dass er zum Abendbrot muss. Da wollte er noch nicht. Später dann hat er gesten- und lautenreich Richtung Tür gedeutet. Willst du das? Nein, willst du das? Nein, willst du raus? Ja, Ja. Willst du zum Abendessen, JA! JA! Sollen wir die Schwester holen? Nein, Nein, wir sollten ihn fahren. Dann haben wir ihm gegenüber gesessen, kriegten auch einen Kaffee, er hat sein Abendbrot verdrückt und war zufrieden. Auffallend ist die Freundlichkeit des Personals. Wie macht er sich, hab ich die Schwester gefragt. Da lacht die und sagt zu ihm: Das verraten wir nicht, gelle Herr G!. Anscheinend macht er sich gut, denn beide haben gelacht.  So gut es eben die Umständen erlauben, macht er sich.

Es geht aufwärts mit ihm. Langsam aber sichtbar. Bis Mitte Dezember bleibt er in der Reha. Da kann noch einiges passieren. Nein, er wird nicht mehr der sein, der er vorher war. Aber ein neuer, offenbar freundlicherer G. Das ist doch auch was. 

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