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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Der Jakobsweg von Pit

26. Juni 2012 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Rezensionen

Pit vom Camino zurückAnkommen ohne an zu kommen, loslassen, loslaufen, sich verlaufen und seinen Weg finden, sich selbst näher kommen im Gehen, Freunde finden, ziehen lassen, wieder finden. Der Camino, der lange, führt schnurstracks zum Selbst - das ist der Jakobsweg nach Santiago de Compostella, den Peter, den alle Pit nennen, gemacht hat. Er hat sich getraut, letztes Jahr, 3 Monate war er auf seiner Pilgerreise, 2800 Km von Marburg nach Santiago und weiter nach Kap Finesterre, da wo der Weg im Ozean endet, erst in Amerika weiter geht. „Vom Kap zum Kap“ hat er sein Buch genannt, denn er wohnt wie ein Burgherr am Kap in H., das er Keltenhausen nennt (in der Tat gab es eine keltische Siedlung auf der „Borg“).

Intim sein Bericht, wechselnd von Reisetagebuch, Orts- und Landschaftsbeschreibungen zu Rückblenden auf sein Leben, seine Lieben und Liebsten, erzählt von seinen Freunden, aus der Jugend, der Familie, den guten und schlechten Zeiten, schildert Keltenhausen und Umgebung wie auch wir es kennen („Leben nach dem Motto: Vorgärten sauber, Rente sicher, Bürgersteig gekehrt“) und von seinen Gedanken an Gott und die Welt, so wie Pit sie sieht. Und er hat viel gesehen, erlebt, durchlebt auf der Suche nach sich selbst.

Auf seiner Pilgerreise, scheint es ihm, erwischt er manchmal Zipfel seines wahren Ichs, wird langsam, innerlich, weise. Aber, das meine Frage, gibt es denn den Kern in uns, den wir treffen müssen um ein für alle Mal zu ruhen, tief im eigenen Sein zu wurzeln? Wahrscheinlich gelingt das nur vereinzelt Gurus in der Einöde. Doch der Mensch ist vielfältig, vielschichtig. Wir können immer neue Sachen, neue Facetten entdecken. Wie Peter auf seiner Reise.

Interessant die Dynamik des Weges. Am Anfang, durch Deutschland und Frankreich, war er viel alleine. Es muss schwer gewesen sein, die Kontemplation war intensiv, Aufgeben nicht fern, besonders nach dem die Füße nicht mehr tragen wollten. Doch immer wieder gab es Menschen, die den Pilger menschlich behandelten, nicht nur im Umgang, auch seinen Körper. Pilger scheinen Nächstenliebe zu provozieren. Lasst uns Pilger werden. Später,in Spanien, auf dem Hauptweg, da wo alle Nebenwege sich treffen und die Massen wandern, änderte sich die Dynamik, wurde zur Party auf dem Weg und abends zusammen. Sie haben viel gefeiert, gemeinsam gekocht, geschnarcht, sich die Blasen aufgestochen, getrunken und gesungen. Und sind immer weiter gepilgert in wechselnden Gruppen und alleine von skurriler Herberge zur nächsten.

Hier hat das Buch eine Schwäche. Es kommen zu viel Namen vor. Pitt hat ein ausgezeichnetes Gedächtnis und eine besondere Fähigkeit zur Gruppenbildung. Aber bei mir schwirren die Namen vorbei eher wie Rauch und verwirren mich. Nun gut, mitgekriegt habe ich, dass da sehr viel Leute auf dem Weg und in der Kerngruppe waren. Wo wir gerade beim Kritisieren sind: Ob die Orientierung am "Letzten Cowboy von Güterloh", der immer davon schreitet, natürlich von den Frauen hinweg und das Morgengrauen hinein (und andere Macholieder) zu einem positiven Männerbild beiträgt, wage ich zu bezweifeln. Da ist mir der stille Mann (Pit) lieber.

Irgendwann ist er angekommen in Santiago de Compostella, von Rührung überwältigt. Kein Wunder, nach solch einer intensiven Reise - und weiter gezogen. Ans Ende der Welt, Finesterre. Da hat er seine alten Kleider verbrannt und sein altes Ego gleich mit.

Er kam auf seinem Heimweg über den Berg bei uns vorbei, verwildert, stählerner, dünner und strahlend. So als hätte er eine Erscheinung gesehen. Vielleicht waren wir es? Nein, es war der Weg. Der hat ihn gelehrt, was Langsamkeit und Einfachheit bedeuten können. Dass man Ballast abwerfen muss um reich an Leben zu werden. Der Camino, so scheint mir, verändert den Menschen nicht, doch macht er ihn empfänglich, immer weiter den eigenen Weg zu suchen. Auch abseits der gängigen Bahnen. Vielleicht sogar eher da.

image.jpegDas Buch ist grafisch schön gemacht, ein kleines Schmuckstück mit farbigen Bildern und abgehobenen Textfenster der Erinnerungen. Ein Reiseberichte mit Biografie, das  Selbstporträt des Pilgers Pit, mit großen, intensiven Pinselstrichen dargebracht.

 

Peter Gerlach: Von Kap zu Kap. 2800 Km auf dem Jakobsweg zu Fuß von Marburg nach Santiago/Kap Finesterre. BoD Verlag
Zu bestellen in allen gängigen Internet-Bookshops oder direkt bei Pit auf seiner Seite: http://von-kap-zu-kap.jimdo.com/


PS: Pilger auf dem Camino:
1970 - 68
1980 - 209
1990 - 4.918
2000 - 55.004
2011 - 183.366

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elisabeth harant 07/05/2012 08:23


... also wirklich - ich habe schon viele bücher von jakobswegpilgern gelesen und es waren wenige dabei die mich gefesselt haben ... dein buch dear pit ist eines der "fesselnsten" ... beinhaltet
es doch nicht nur reine "pilgertagebuchroutine" ... es läßt den leser wort für wort mitpilgern ... nicht nur über den jakobsweg sondern auch in die tiefe deiner seele und deiner gefühle ...
aufrichtig geschrieben und spannend und eindrucksvoll zum lesen ... vielen lieben dank dafür ... ein kräftiges knuuuuuuuuuuuuuutsch ... elisabeth die brave ...

R.Einloft 07/08/2012 16:27



Danke für den netten Kommentar. Ich habe ihn gleich weiter an Pit gesandt


Gruß RE



Joachim 06/27/2012 13:06


Hallo RE! Ich habe mit Bewunderung Deine Beschreibung des Inhalts gelesen. Dieser Pitt ist einer von denen, die sich immer wieder neu herausfordern, Kraft ausgeben und am Ende wieder neue und
mehr Kraft und seelische Stärke gewonnen haben. Alle Achtung!


Herzl. Gruß


Joachim

R.Einloft 06/28/2012 13:30



Und wir überlegen, ob wir es Freund Pit nachmachen und zumindest den spanischen Teil des Jakobsweges gehen. Ob wir uns überwinden können?


Beste Grüße (die Sonne kommt raus, ich bin froh)


RE