Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Die Revolution im Nahen Osten und Nordafrika mal näher betrachtet Teil II

9. November 2013 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Andere Welten - andere Probleme

Im ersten Teil (hier: http://0z.fr/kkFSb)   habe ich die Staaten der Region Naher Osten und Nordafrika (Middle East and North Africa, MENA) vorgestellt und ihre Gemeinsamkeiten beschrieben. Sie wurden und werden z.T. noch von einer "Alten  Garde" beherrscht.Die betreffenden Staaten sind hier nochmals zu sehen: http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AProteste_arabische_Welt_2010-2011.svg

 

Die neue Junge Garde

Demonstrators on Army Truck in Tahrir Square, Cairo

(By Ramy Raoof [CC-BY-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons)


Während die Zukunft der konstitutionellen Monarchien Marokko und Jordanien vorübergehend gesichert scheint, wurden in Ägypten, Libyen, Tunesien und im Jemen die autoritären Systeme entmachtet, neue politische Parteien formierten sich und es fanden weitgehend freie und faire Wahlen statt – auch wenn die Ergebnisse nicht den Hoffnungen und Wünschen entsprachen. Die neue junge Garde war der Träger der Revolten. Ihre spezifische Kennzeichen waren: Jung, arm, arbeitslos, islamisch und antiwestlich. Warum islamisch und antiwestlich? Weil sie sich als Gegenpol der alten Herrschaftschicht verstanden nach dem Motte: wir sind und machen es anders. Hauptsächlich deshalb trugen die Mädchen Kopftücher. Ein aufmüpfiges Zeichen gegen Dekrete, die sogar im von der alten Grade dominierten staatlichen Fernsehen Kopftücher verbot. Mag sein, dass ihre antiwestliche Haltung eher auf diesen Widerspruch zurück zu führen ist.

Warum konnte die Revolte um sich greifen?
Trotz allem Stillstand hat es Modernisierungsschübe in einem Sektor gegeben: Die digitale Revolution.
Das Handy ist inzwischen das wichtigste Kommunikationsmittel allüberall. Es ist einfacher und billiger als bei uns, kann an jedem Kiosk aufgeladen werden und fast jeder hat eins. Da die Festnetze kaum ausgebaut sind, wurde das Handy zum universellen Kommunikationsmittel nicht nur in den Städten sondern auch in den weit verstreuten ländlichen Gebieten. Plötzlich konnten die Leute Informationen verbreiten in Gegenden, die früher unerreichbar waren. Und die spontanen Massendemonstrationen waren nur möglich durch die Informationsweitergabe via Handy.
Weit verbreitet ist das Satellitenfernsehen. Damit kamen Nachrichten aus aller Welt in eine Gesellschaft, die vordem kaum Außenkontakte und Informationen hatte. Al-Dschasira ist der am weitesten verbreitetes Sender, der aus 65 Ländern direkt berichtet. Bei verschiedenen Ereignissen des Arabischen Frühlings nahm Al-Dschasira Einfluss auf die Proteste und stellte sich teilweise offen auf die Seite der Aufständischen. Daneben gibt es in diesen Ländern  1200 Sendestationen, die Informationen verbreiten, die staatliche Sender nicht bringen.
Eine weitere Grundlage für die Revolution war das Internet und besonders Facebook. Verständigung und Informationen waren damit plötzlich für alle möglich. Kurioserweise hat das zeitweise Abschalten von Facebook in Ägypten zu einem Anschwellen der Teilnehmer an den Protesten geführt. Junge Leute, die ansonsten zu Hause das Geschehen am PC verfolgten und verbreiteten, gingen auf die Straße und schlossen sich den Demonstrationen an. 

Die Rolle des Islam
Wie kommt es, dass die Jugendlichen auf die Straße gingen und die Islamisten1) die Wahlen gewinnen ?

Ähnlich wie das Christentum ist der Islam in Gemeinschaften, Fraktionen, Gruppen aufgeteilt, die alle das Recht für sich beanspruchen, den rechten Glauben zu vertreten. Wenn auch bei uns ihr Glaube archaisch, aus einer früheren Welt erscheint, hat er sich eingebettet in die Moderne. So wird von vielen Gruppen z.B. das Internet ausgiebig benutzt zur Kommunikation und Informationsverbreitung. Sie haben sich politisch organisiert um ihre Ansicht von Gesellschaft auf der Basis des Koran umzusetzen. Ihre Parteien zeichnen sich durchweg aus durch gut funktionierende Organisationsstrukturen und Netzwerkbildung. In manchen Ländern sind sie die Einzigen, die solche Strukturen aufweisen.  

In all den Jahren, in denen die alte Garde herrschte, waren Moscheen immer auch ein Raum, in dem politisch agiert und diskutiert wurde. In der westlich orientierten arabischen Welt wurden Muslime oft unterdrückt, ja verfolgt. Nur die Moscheen konnten nicht angegriffen werden, sie waren Freiräume, in denen der politische Sauerteig aufging.  
In dieser Welt der festgezurrten Trennung in arm und reich, oben und unten waren und sind karitative muslimische Organisationen aktiv bis in die ärmsten Gegenden, so wie es der Koran vorschreibt. Das schaffte und erhält bis heute Sympathien. 
Eine besondere Rolle spielte dabei die

Muslimbruderschaft (folgt demnächst)

 

1)  Islamisten wollen den Islam als Referenzquelle für alle Aspekte des Lebens: Religion, Politik, Wirtschaft, Recht, Umgang zwischen Mann und Frau, Bildung und Erziehung….. 
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen moderatem Islamismus und radikalem bzw. gewaltbereitem Islamismus, mit zahlreichen Strömungen, die sich zwischen den beiden Kategorien befinden. Radikale Gruppen gehören ebenso in die Kategorie „Islamisten“ wie moderate Akteure, die es anstreben, den Islam zur Richtschnur des sozialen und politischen Verhalten zu machen. Islamistische Parteien und Interessensgruppen weisen daher sehr unterschiedliche Ziele auf – moderate islamistische Aktivisten lehnen Gewalt, religiöse Führer radikaler Gruppen sowie die Einschränkung mancher persönlichen Freiheiten oft entschieden ab. (Wikpedia)

 

(Viele Informationen habe ich entnommen dem Vortrag von Dr. Antonia Rados: Wohin geht der Nahe Osten? Öl und Revolution. VR-Bank-Hinterlandhalle 10.10.2013). Andere selbst hinzugefügt, Wikipedia ausgeschlachtet und Zeitungen durchforstet.)


Wer mehr wissen will, dem empfehle ich diesen Kommentar: http://www.ipg-journal.de/schwerpunkt-des-monats/arabischer-fruehling/artikel/detail/drei-jahre-arabischer-fruehling/

Diesen Post teilen

Repost 0
Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:

Kommentiere diesen Post