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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Die Revolution im Nahen Osten und Nordafrika mal näher betrachtet Teil III

11. November 2013 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Andere Welten - andere Probleme

Info box collage for mena Arabic protests

By ليبي [CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

 

Im ersten Teil (hier: http://0z.fr/kkFSb)   habe ich die Staaten der Region Naher Osten und Nordafrika (Middle East and North Africa, MENA) vorgestellt und ihre Gemeinsamkeiten beschrieben. Sie wurden und werden z.T. noch von einer "Alten  Garde" beherrscht.
Der 2. Teil beschäftigte sich mit der "Jungen Garde", die die Revolutionen vorangetrieben haben und jetzt vergessen werden. Und welche technischen Hilfsmittel ausschlaggebend für die Organisation der Revolutionen waren. Hier: http://0z.fr/55QQh. Ein wenig beleuchtet wurde noch  "Die Rolle des Islam" und endete mit:


"In dieser Welt der festgezurrten Trennung in arm und reich, oben und unten waren und sind karitative muslimische Organisationen aktiv bis in die ärmsten Gegenden, so wie es der Koran vorschreibt. Das schaffte und erhält bis heute Sympathien. 
Eine besondere Rolle spielte dabei die"

 

Muslimbrüderschaft
1928 gegründet, ist sie in fast allen arabischen Ländern tätig und an vielen Regierungen beteiligt. Sie sind in vielen Ländern ein Ordnungsfaktor, in einigen der einzige. Sie organisieren die Jugend nach islamischen Regeln und das in Gesellschaften, die die Jugendlichen auf der Straße belässt. Eingeschätzt werden sie als nicht verknöchert, nicht radikal und flexibel. Ihre Basis kommt aus dem Mittelstand und strebt die freie Marktwirtschaft an (sie unterscheiden sich von den Radikalen auch äußerlich durch eine gestutzten, kurze Bart).

Wikipedia stützt die Einschätzung der Muslimbrüder als liberal-islamische Partei gerade für Ägypten: „Vor der einjährigen Präsidentschaft Mohammed Mursis … 2012-2013 wurde die Muslimbruderschaft von einigen Beobachtern als vergleichsweise moderate und entradikalisierte politische und soziale Formation angesehen. Sie galt als eine konservativ-islamische Organisation, die Gewalt und den „globalen Dschihad“ ablehnte und sich in einem Prozess der Entideologisierung befand.“  Und weiter: "Die ägyptischen Muslimbrüder „unterliegen seit einigen Jahren einer Transformation: Während ältere Mitglieder eher eine Theokratie als System bevorzugen, fordern junge bekannte Vertreter hingegen überwiegend die Einführung einer Demokratie mit islamischen Elementen.“

Und sie wurden von 50% der wahlberechtigten Ägypter gewählt, weil sie bekannt und organisiert waren, ein Netzwerk mit einflussreichen Personen hatten, weil ihre Organisationen in den Armenvierteln gut angesehen waren, weil sie Jugendliche einen Aufenthaltsort und Alternativen gebracht hatten und weil sie eine islamische Demokratie versprachen. Richtig ist, dass sie die Scharia umsetzen wollten, aber die gab es schon in der ägyptischen Verfassung. Richtig ist, dass Mursi die wirtschaftlichen Lage nicht verbessert hat, er hatte nur ein Jahr. Und richtig ist, dass sich ein (großer) Teil der Gesellschaft nicht repräsentiert fühlte. Und als sie auf die Straße gingen, wiederum die jungen Leute hauptsächlich, da ließ er auf sie schießen, ein unverzeihlicher Fehler, der nichts mit demokratischem Verhalten zu tun hat.

Doch nochmals: Mursi war und ist der gewählte Präsident, abgesetzt von den Militärs, die in Ägypten eine eigene, extrem reiche Kaste bilden und nicht gewillt sind, ihre Privilegien zu teilen. Und die repräsentieren exakt wieder die alte Garde, die ihre Waffen nutzt um Macht und Vorteil zu behalten. Dazu die Zeit: "Ägyptens Armee ist ein Staat im Staate. Sie hat eine eigene Gerichtsbarkeit und unterhält eigene Konzerne. In der ägyptischen Wirtschaft spielt das Militär eine bedeutende Rolle. Nicht nur Rüstungsunternehmen gehören der Truppe, sondern auch Betriebe der Lebensmittelindustrie. Beim Straßenbau und in der Tourismusbranche mischen Armeefirmen ebenfalls mit. Die Regierung hat diese Unternehmen häufig mit Monopolen ausgestattet." (Zeit 1.2. 2011). Hinzuzufügen ist, dass die USA diese alte Garde mit erheblichen Mitteln stützt.

Nun wird in Ägypten dem erst vor einem Jahr gewählten Präsidenten der Prozess gemacht. Und fast die gesamte Führungsriege der Muslimbruderschaft ist in Haft. "Ein Militärchef wird zum Retter der Nation auserkoren. Nichts ist mehr …. zu spüren von der demokratischen Revolutionseuphorie nach dem Sturz von Mubarak 2011. Und weiter:  Ägypten, über viele Jahre Vorbild der Region, wurde frühzeitig als Trendsetter wahrgenommen. Der Tenor lautete: Wenn in Ägypten die Demokratisierung klappt, dann schafft die ganze Region den Sprung in die Demokratie….Die Chancen dafür stehen schlecht." (taz 4.11.2013)

Der Tenor der Berichterstattung bei uns war: Die Muslimbrüder wollten die Scharia und den Islamistischen Staat, gut dass die Militärs den Demonstranten helfen. Jahrzehnte lang haben unsere westlichen Regierungen alle Augen zugedrückt und diktatorische Regime gestützt, die Ölförderung garantierten und einzig sich und ihren Clan bereicherten. Kritische Berichterstattung war selten. Nun wählen Ägypter in einem anerkannten demokratischen Verfahren ihren Präsidenten und schon wieder setzt sich die alte Garde an die Spitze und wird hofiert.

Ich befürchte, es sind die falschen!

Ein mühsam ausgehandeltes Institutionengefüge wurde mit dem Putsch der Generäle am 3. Juli 2013 suspendiert (taz daselbst). Nach der Kriminalisierung der Muslimbrüder durch das Militär und der Verhaftung der meisten ihrer Anführer ist ein langer, gewalttätiger Kampf mit den öffentlichen Organen zu rechnen. Sie, die Muslimbrüder und ihre Anhänger sind ein Teil des Volkes und dieser (große) Teil wird nicht ruhen um ihren Anteil an der gesellschaftlichen Organisation zurück zu gewinnen. Sie dürfen nicht ausgeschlossen, müssen eingebunden werden. Sie sind da, viele glauben an ihre Ideen, wir können sie nicht weg wünschen und sollten es auch nicht. Unsere Sicht auf die Welt, unsere Vorstellung von Demokratie und gesellschaftlichem Miteinander ist nicht die allein selig machende.

Was wird?
Was soll ich nun davon halten? In anderen Ländern mit Revolten ist es ähnlich. Die jungen Menschen haben begonnen mit ihren Protesten, die alte Garde wurde in einigen Ländern gestürzt und doch, scheint mir, hat sich nicht viel verändert. Die Mehrheit der arabischen Länder ist weit davon entfernt ähnliche Umbrüche zu erleben. Nochmals die taz:
"Der Arabische Frühling hat zu keinen blühenden Demokratien geführt… In Ägypten und Tunesien sind nach dem Zusammenbruch der Diktatur ergebnisoffene Versuche zu beobachten, eine neue politische Ordnung zu schaffen. Demokratie ist dabei nur eine von mehreren Optionen.…In Libyen, Syrien aber auch im Jemen geht es längst nicht mehr um Demokratisierung. Hier ist die Integrität der staatlichen Ordnung in Gefahr und das staatliche Gewaltmonopol schon längst in Stammeskonflikten und entlang konfessioneller oder regionaler Konfliktlinien gefährdet."


Gibt es eine Aussicht auf Demokratie in den arabischen Ländern? Wenn die jungen Leute nicht nur in Demonstrationen und Revolten aktiv sein wollen, müssen sie sich organisieren. Das ist schwer und dauert. Chancen bestehen, aber es wird eine demokratische Ordnung sein, die nicht unserer liberalen, von Religion getrennter, der Aufklärung und dem Wollen des Individuums verpflichtender entspricht. Vorbild vieler junger Menschen in der arabischen Welt ist neben dem Iran seit dem neuen gemäßigten Präsidenten, der bemüht ist, Konflikte zu reduzieren die Türkei, die immer größeren Einfluss gewinnt und als Hoffnungsschimmer einer Islam orientierten und wirtschaftlich erfolgreichen Nation gilt.

 

Schluss, das wars für jetzt.


(Viele Informationen habe ich entnommen dem Vortrag von Dr. Antonia Rados: Wohin geht der Nahe Osten? Öl und Revolution. VR-Bank-Hinterlandhalle 10.10.2013). Andere selbst hinzugefügt, Wikipedia ausgeschlachtet und Zeitungen durchforstet.)


Wer mehr wissen will, dem empfehle ich diesen Kommentar: http://www.ipg-journal.de/schwerpunkt-des-monats/arabischer-fruehling/artikel/detail/drei-jahre-arabischer-fruehling/


Nachtrag: Rados erzählte, der türkische Präsident Erdogan sei Muslimbruder oder komme aus ihrer Umgebung. Sind die es doch, die es schaffen können?

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