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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Erfurt (2003) Auf zu neuen Ufern

17. September 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Deutschland

 

Irgendwann war es Zeit zu gehen, die Ferne rief eher als gedacht. Wir brauchen dich in Angola, sagte der Abteilungsleiter, du bist einer der wenigen, der portugiesisch spricht und Entwicklungsprojekte für die Kleinindustrie kennt. M, übernimm, such im Internet. Sie war nicht begeistert, 27 Jahre hatte der Bürgerkrieg gedauert, war erst kurz vorbei, die Verwaltungsinfrastruktur zusammengebrochen, Krankenhäuser ohne Medikamente und Grundausstattung, Schulen ohne Bücher und Angestellte im öffentlichen Dienst ohne Ausstattung, um ihrer täglichen Arbeit nachzugehen. Fast 2 Mio. Menschen waren Flüchtlinge, elternlose Kinder in Massen auf der Straße, Behinderte allüberall  von den ständig explodierenden Landminen, beschäftigungslose Soldaten mit ihren Waffen, Korruption, extreme Armut und Reichtum. Ich hatte noch immer im Hinterkopf meinen Vorsitz im Deutschen Komitee für Angola, Guinea-B und Moçambique, lang ist´s her, noch immer sah ich in  den Präsidenten Neto, Santos und Co Befreiungskämpfer, keine schnöden Bereicherer wie all die negativen Beispiele von Führern in den anderen Welten. Und musste ohne zu wollen meine Vorurteile aufgeben. Afrika ja, sagte M, diesen Kontinent kennen wir nicht, muss es Angola sein? Da kam uns zu Hilfe mein Antrag auf 90% Arbeitszeit,  mehr Urlaub zusätzlich war wichtiger als das volle Gehalt - es war immer noch mehr als genug. Reinhold, sagte der Abteilungsleiter, ich brauche jemanden, der in Angola 150% arbeiten kann, die Probleme sind immens. Wie wär´s mit Tansania. Ach Tansania, das war das Land, das den Befreiungskampf im südlichen Afrika von Beginn an unterstützt hatte, Logistik und Ausbildungslager zu Verfügung stellte, Adresse für unsere Schreiben an die Kommandanten war. Das Land, das Julius Nyerere ohne Krieg in die Unabhängigkeit geführt hatte, einen Sozialismus afrikanischer Art aufbauen wollte, gescheitert war und doch ein großes Vorbild vieler Afrikaner als integrer Mensch blieb. Unvergessen alleine durch die Serengeti und Grzimeks Filme und Berichte über sie. M eruierte, rief zurück, jubelte, das ist es, ein friedliches Land mit neuen Schönheiten. Wir sagten zu.

 

Keller-der-FES-Erfurt.JPGDas Stiftungshaus in Erfurt hatte ein historisches Kellergewölbe, das beim Umbau trocken gelegt, versiegelt und ausgebaut worden war für Veranstaltungen mit besonderem Flair. Dahin luden wir zum Abschied ein. Sie kamen, all die Freunde, Politiker und Mitarbeiter, mit denen wir zusammengearbeitet hatten, das Gewölbe war voll. Mexikanisches Essen hatten wir vorbereitet

 

Aufgang-vom-Keller-FES-ERfurt.JPGund Tequila gabs als Schnaps dazu. Den kannten sie nicht. Also musste ich es vormachen, zuerst den Handballen anlecken, Salz darauf, ablecken, in die Zitrone beißen und Tequila über das im Mund verbliebene Gemisch schütten, schlucken und schütteln. Es waren zu viele die probieren wollten, jedem einzeln vormachen, wie es geht, ging schnell in den Kopf. Ich stieg auf einen Stuhl, sie dachten, eine Rede käme, Reden gehalten hatte ich genug, war nicht mein Ding, überließ ich gerne der Kollegin Büroleitung, ich zeigte ihnen, wie Tequila getrunken wird. Und alle waren begeistert, mehr denn von jeder Rede. Sogar die Flasche zu Hause musste ich noch holen, das Zeug war der Renner und entsprechend die Stimmung. Frauen rückten näher, Männer klopften mir auf die Schulter, eine Woge der Zuneigung und leiser Trauer umgab uns. Der Tanz ging bis in den Morgen, zum Schluss hielt ich die Kollegin Büroleitung im Arm, wir versicherten uns unserer Zuneigung trotz allem und so war es auch. Ich hatte viel gekämpft, mehr denn notwendig, hätte einiges leichter haben können mit mehr Lässigkeit und weniger Rechthaberei, es war meine Krux, ich wusste es, doch heraus gekommen waren gute Programme, summa sumarum eine gute Zeit, von den Leuten honoriert und politisch akzeptiert. Vielleicht hatte ich ein wenig beitragen können zu einer anderen, demokratischeren Kultur. 

Am nächsten Morgen räumten M und ich auf, noch in Hochstimmung, wir ließen die Musik laufen, tanzten, tranken Sekt und liebten uns, dort im Kellergewölbe der FES Erfurt.

 

Und dann kam Afrika.

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