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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Gauck und die Freiheit

13. Januar 2013 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Unsere Welten - unsere Probleme

Dass ich Gauck nicht leiden mag wegen seiner pastoralen Attitüden ist die eine Seite, dass ich gleichzeitig dazu neige, das Kind mit dem Bade auszuschütten und seinen gebetsmühlenartig wiederkehrenden Freiheitsreden ebenfalls negativ gegenüberstehe, die andere Seite, die, so scheint mir, der näheren Betrachtung ...Die Diskussion aus dem Bauch heraus reicht nicht. Musste ich neulich schmerzlich erfahren.

Wie sieht Gauck Freiheit? Damit musste ich mich zuerst auseinandersetzen.

Safransky schreibt in der WELT (16.3.12): „Wir ... haben uns in der Regel an die Freiheit gewöhnt, was umso leichter fällt, wenn man nicht um sie hat kämpfen müssen. ... Die Anziehungskraft Joachim Gaucks besteht ... gerade darin, dass man ihm das Vergnügen an der Freiheit anmerkt. Dieses Vergnügen ist bei ihm unverbraucht. Er hat sich noch nicht gewöhnt an die Kostbarkeiten, die unsere freiheitliche verfasste Gesellschaftsordnung garantiert“.

Welche Freiheiten sind es, über die wir hier reden? Wikipedia fasst zusammen: „Wesentliche Grundfreiheiten (in unserem Grundgesetz RE) sind die allgemeine Handlungsfreiheit, die allgemeine Vertragsfreiheit, das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, die Religionsfreiheit, dieser nahe auch die Freiheit der Weltanschauung und des Gewissens, die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit, die Kunstfreiheit, die Wissenschaftsfreiheit, die Koalitionsfreiheit, die Versammlungsfreiheit, das Post- und Fernmeldegeheimnis sowie die informationelle Selbstbestimmung, die allgemeine Freizügigkeit, die Berufsfreiheit, der Eigentumsschutz einschließlich der Testierfreiheit, die Unverletzlichkeit der Wohnung und das Asylrecht.“ Zu diesen Freiheiten gehört natürlich auch auf ökonomischer Ebene das Recht auf Privateigentum, auf (möglichst freies) Unternehmertum, auf (möglichst freie) Finanzströme und das in der Vertragsfreiheit festgeschriebene Recht einstellen und entlassen zu können. 

Dass diese Freiheiten ein Geschenk sind, das wir nicht genug zu würdigen wissen, dem stimme ich zu. Und deshalb mag es gut sein, wenn wir ab und an daran erinnert werden. Doch so einfach geht es nicht. Können wir diese Freiheiten in welchem Maß nutzen? Und welche Grenzen sind uns gesetzt?

Die Philosophen haben sich schon lange mit der Definition von Freiheit beschäftigt. Darüber nachgedacht haben schon Aristoteles und die ollen Griechen. Als gesellschaftliches Modell wurde es gedacht in der Aufklärung. Der Mensch sollte nicht mehr Subjekt sondern Objekt seiner Geschichte sein, ein freies Individuum, frei von Kirche, Fürstentum und hierarchischer Gebundenheit. Es war der Traum, aller Menschen Glück in Freiheit zu wähnen (Kant, Hegel, Feuerbach, Marx). Doch schnell schlug dieser Traum um in Wirklichkeit. Die Wirklichkeit der französischen Revolution und die Wirklichkeit der industriellen Revolution begrenzte wiederum die Freiheit auf wenige. Doch Freiheit für alle hatten nur einige der Vordenker gemeint. Als die amerikanischen Verfassungsväter festschrieben, „that all men are created equal“ meinten sie nicht die Sklaven und Frauen und als Locke, Smith und Hill die Grundzüge des Liberalismus postulierten, war er auf die wirtschaftliche Freiheit der kleinen neuen Elite der Kapitalisten ausgerichtet und nicht auf die Mehrzahl der unter elendigen Bedingungen lebenden Menschen. Erst mit den neueren demokratischen Verfassungen hat man versucht, die Auswirkungen von ungebremster Macht und ungebremsten Märkten zu begrenzen. Doch keinesfalls hatten Adenauer und Erhard vor, allen Bürgern die gleichen Brosamen am gedeckten Tisch zukommen zu lassen. Sie wollten mit ihrem „Rheinischen Kapitalismus“ (leve un leve lasse) eine Marktwirtschaft schaffen mit sozialen Komponenten, mit ein bisschen mehr an Einkommen und Mitbestimmung um Arbeiter und Angestellte davon ab zu bringen, sozialistisch oder gar kommunistisch zu werden und zu wählen. Heute sind diese kleinen Privilegien wieder zurückgeschraubt worden in Richtung „freier“ Marktwirtschaft dank Kohl, Reagan, Thatcher und Schröder.  

Nach der heute dominanten philosophischen Theorie wird unterschieden zwischen „sich frei fühlen“ („Freiheit von etwas“ oder auch „negative Freiheit“ - warum das negativ sein soll, weiß ich allerdings nicht) und der Möglichkeit zu handeln („Freiheit zu etwas“ oder auch „positive Freiheit“). Ersteres ist allen gestattet, letzteres für die Mehrheit nur in Grenzen möglich. Ein Beispiel für negative Freiheit ist es, dass jemand seine Meinung frei äußern darf, ohne dass er beispielsweise durch Zensur von anderen gehindert wird. Positive Freiheit würde in diesem Beispiel bedeuten, dass auch die Kommunikationsmittel und der Zugang zu den Medien zur Verfügung stehen, also dass jemand seine Meinung äußern und verbreiten kann – oder nach weitergehender Auffassung, dass die jeweilige Meinung auch tatsächlich geäußert wird. (Quelle: Wikipedia).
 
In diesem Sinn verbindet auch Gauck Freiheit mit Verantwortung der Bürger, sich selbst ein zu bringen, was zu tun für und in Freiheit. Auch Gerechtigkeit hat bei ihm seinen (richtigen) Platz. Staatliche Fürsorge als Grundvoraussetzung. Die Süddeutsche (23.3.12) interpretiert Gauck so: „Der Staat müsse dafür sorgen, dass jedem Menschen "Teilhabe und Aufstiegschancen" möglich sind. Dafür brauche es einen Sozialstaat, der "vorsorgt und ermächtigt".

Keinesfalls will ich minder bewerten, dass wir Freiheiten haben und ich schätze sie sehr. Es ist ein gutes Gefühl, sich frei zu fühlen und ein Unterschied, ob man in einer freien oder unfreien Gesellschaft lebt. Doch sie haben ihre Grenzen, die Freiheiten, die wir ebenfalls sehen sollten. Natürlich können wir uns einbringen in die Politik indem wir wählen gehen oder uns wählen lassen, oder ein freiwilliges Ehrenamt übernehmen. Doch da springt der Hase in den Pfeffer. Denn wo es wichtig wird, da können wir kaum was erreichen. Denn wer hat die Verfügungsgewalt über die politischen Entscheidungen? Über die Medien? Wer macht die Meinungen? Wer vergibt Arbeit? Wer bestimmt die Freiheiten in der Arbeit? Wer schützt uns vor den Freiheiten der Banken? Wir können die inneren Freiheiten ohne weiteres haben, die Mittel der Umsetzung aber haben nur wenige. Was nutzt dem armen Mann sein Zorn?

11 namhafte frühere Vertreter der kirchlichen Opposition in der DDR halten Gauck entgegen: „Unser Freiheitsbegriff ist mehr als eine persönliche Selbstbehauptung, die am Ende nur zu einer Freiheit für Privilegierte führt“ und verweisen damit auf ihre „grundsätzliche Kritik an der modernen Industriegesellschaft“. (Tagesspiegel, 8.03.12). Marx analysiert radikal, dass in dieser Gesellschaft einzig der Unternehmer die Freiheit hat, sich selbst zu bestimmen, der Arbeitnehmer dagegen nicht. Er sah in der kapitalistischen Produktionsweise die Ersetzung persönlicher Freiheiten durch die Freiheit des Handels, der Tauschwert tritt an die Stelle der persönlichen Würde. Nun ist es nicht mehr zeitgemäß, Marx zu zitieren und in Vielem hatte er mit seiner radikalen Sichtweise unrecht weil er philosophisch den Idealtyp herausarbeitete und Ausnahmen übersah (war auch damals in der Zeit des kruden Manchesterkapitalismus schwerer als heute). Ein Kern Wahrheit bleibt doch. Freilich haben Arbeiter und Angestellte viele individuelle Freiheiten außerhalb der Arbeitswelt, aber die meiste Zeit des Tages sind sie gebunden unter dem Willen anderer.

Und weiter: jede Freiheit hat ihre Grenzen in der Freiheit anderer. Das ist meine Grundüberzeugung. Das hat Rosa Luxemburg schön formuliert: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Oder Kant: „Niemand kann mich zwingen, auf seine Art (wie er sich das Wohlsein anderer Menschen denkt) glücklich zu sein, sondern ein jeder darf seine Glückseligkeit auf dem Wege suchen, welcher ihm selbst gut dünkt, wenn er nur der Freiheit Anderer, einem gleichen Zwecke nachzustreben, die mit der Freiheit von jedermann nach einem möglichen allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann, (das ist diesem Rechte des Andern) nicht Abbruch tut.“

Es besteht ein klassisches Spannungsverhältnis zwischen Freiheit einerseits und Sicherheit bzw. öffentlicher Ordnung andererseits. Das ist ein eigenes Thema (darüber gibt es z.B. in Wikipedia genügend Material). Ich will nur deutlich machen, dass aller Verweis auf Freiheit schon seine Grenzen in der Gesellschaftsordnung, dem miteinander Leben findet. Es gibt eine Menge Gesetze, die die Freiheitsgarantien einschränken. Kommt hinzu: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden (und garantierter Freiheit RE) leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“. (F. Rückert)


Paradigmawechsel
Eine völlig andere Sichtweise erscheint, wenn wir die Frage stellen: sind diese liberalen Ideen, die den Menschen als ein Wesen ansehen, das sich nach eigenen Zielen und Werten selbst bestimmen kann auch die condicio sine qua non, die einzige Bedingung  des Mensch seins? Nach Gauck anscheinend. Safransky: „er (hält) ... unerbittlich an der Überzeugung fest, dass Freiheit gewiss nicht alles ist, aber ohne Freiheit alles nichts ist“ (WELT). Was ist mit den Menschen, die in unfreien Gesellschaften leben, also der Mehrheit der Weltbevölkerung. Ist für die ohne Freiheit alles nichts?

Kant (oben) hat in seiner allgemeinen Definition von Freiheit auf den anderen Aspekt verwiesen, was Menschen wollen, nämlich glücklich sein zu wollen. Nach meiner Überzeugung geht es eher da lang, wenn wir Menschsein definieren wollen. 

Es gibt mittlerweile eine ausdifferenzierte Wissenschaft der Glücksforschung. Ich habe sogar mal gelesen, das sei die am weitesten verbreitete Disziplin.  Ausgangspunkt für die Glücksforschung ist die Erkenntnis, dass Menschen nach Glück streben und dass das oberste Ziel des Menschen Glück (oder Zufriedenheit, also weit mehr als bloße Einkommenserzielung) ist (Ruckriegel CRM-Monatsbrief Dezember 2006 ). So ist sogar das Streben nach Glück (the pursuit of happiness) als unveräußerliches Recht in der US-Verfassung verankert. Im Buddhismus ist die Erkenntnis leitend, dass „menschliche Wesen..(die) gleichen grundsätzlichen Ziele miteinander teilen: Wir alle streben nach Glück und möchten Leid vermeiden“. Das ist der Ausgangspunkt für Übungen und ethische Einstellungen um dieses Ziel zu erreichen (Dalai Lama“ Der Weg zum Glück“). Die äußeren Umstände sind dabei nachgelagert oder unwichtig. Nur zustimmen kann ich seiner Beurteilung des modernen Lebenskonzeptes: „Zu allem hinzu kommt noch die Unzufriedenheit. Wir wollen mehr und mehr und mehr. Das ist, in gewisser Weise, wirkliche Armut - immerzu hungrig und hungrig und hungrig zu sein, ohne ein bisschen Zeit zur Zufriedenheit.“

Die Glücksforschung hat sieben Glücksfaktoren identifiziert:
- familiäre Beziehungen,
- finanzielle Lage (Einkommen),
- befriedigende Arbeit,
- soziales Umfeld,
- Gesundheit,
- persönliche Freiheit und
Lebensphilosophie (Religion).

Freiheit ist nachgelagert in der Wichtigkeit, um glücklich und zufrieden zu sein. Familiäre Beziehungen, Freundschaften, soziales Eingebundensein sind weitaus wichtiger als Einkommen und Freiheit. Wobei persönliche Freiheit nicht kongruent sein muss mit liberalen Freiheitsidealen. Interessant finde ich auch, dass offenbar die gesellschaftliche Gerechtigkeit wichtig für das Glücksempfinden seiner Bürger ist.
Hier gute Empfehlungen und Überlegungen, was Glück ist und wie man dahin kommen kann: http://de.spiritualwiki.org/Wiki/Gluecksforschung

Menschen können frei in der Unfreiheit sein. Das ist die positive Botschaft. In Freiheit leben zu dürfen ist ein Geschenk, das wir würdigen müssen. Aber es ist nicht die Bedingung, um zum Wichtigsten zu gelangen, was es als Mensch zu fühlen gibt: glücklich und zufrieden sein.

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Stefan Wehmeier 01/18/2013 20:19


Wirtschaftliche Freiheit


Die persönliche Freiheit ist … die grundlegendste aller Freiheiten, sie vermag aber ebenso wenig wie die politische Freiheit das Herzstück der Freiheit zu verbürgen, auf das es entscheidend
ankommt: die wirtschaftliche Freiheit, verkörpert in dem Recht auf Teilnahme am Wettbewerb.


Diese wirtschaftliche Freiheit ist heute offensichtlich arg eingeschränkt. Das will aber keineswegs besagen, dass sie etwa in der Vergangenheit in voller Gänze bestanden hätte.


…War es nicht vielleicht gerade der ursprüngliche Mangel an wirtschaftlicher Freiheit gewesen, der zu immer weitergehenden Freiheitsbeschränkungen geführt hat? … War nicht der Staat, um diese aus
der Vorenthaltung der wirtschaftlichen Freiheit entstehenden Störungen zu überbrücken, zu immer weitergehenden Eingriffen in die Wirtschaft genötigt, die ihrerseits nur in einer immer stärkeren
Einschränkung des Wettbewerbes bestehen konnten?


Dieser Gedankengang hat um so mehr für sich, wenn man … die wirtschaftliche Unfreiheit mit einer Einschränkung oder gar Ausschließung des Wettbewerbs gleichsetzt. Jede derartige Behinderung des
Wettbewerbs für den einen muss ja zugleich ein Monopol für den anderen darstellen. Monopol aber heißt rundweg Ausbeutung, und zwar Ausbeutung des einen durch den anderen, heißt Klassenbildung,
Klassenstaat, soziale Frage, verstärkte Einmischung des Staates in das Wirtschaftsleben und die Sozialfürsorge, heißt Bürokratismus und schließlich allgemeines staatliches Wirtschaftsmonopol im
Staatskapitalismus (Kommunismus).


Bereits auf dieser Stufe der Betrachtung beginnen sich die folgenden Zusammenhänge in groben Umrissen abzuzeichnen:


Erstens, dass wirtschaftliche Freiheit mit freiem Wettbewerb gleichzusetzen ist, den es bisher augenscheinlich noch nicht gegeben hat;


zweitens, dass zwischen der mangelnden wirtschaftlichen Freiheit und den Wirtschafts- und sozialen Störungen, die zu immer einschneidenderen Maßnahmen des Staates drängen, ein ursächlicher
Zusammenhang besteht;


drittens, dass „wirtschaftliche Unfreiheit“, „Ausbeutung“, „soziale Frage“, „Beschränkung jedweden Wettbewerbs“ und „Monopol“ lediglich fünf verschiedene Bezeichnungen für ein und dasselbe sind.


Es ist jedenfalls erstaunlich, …dass der ursächliche Zusammenhang zwischen der sozialen Frage einerseits und der wirtschaftlichen Unfreiheit andererseits von den Berufsökonomen nur höchst
unvollständig erkannt worden ist. Diese Tatsache ist … vor allem auf die ungenaue Auslegung des Begriffes des Monopols zurückzuführen, die es verhindert hat, die beiden uralten Monopole Geld und
Boden als solche zu erkennen, obgleich es sich bei ihnen sogar um die beiden primären Monopole handelt, die alle anderen nach sich ziehen. So kam es, dass man von einer „freien Wirtschaft“ sprach
und spricht, wo in Wirklichkeit der Zwang dieser beiden Monopole uneingeschränkt herrscht.


http://www.deweles.de/files/halbwegs_gluecklich.pdf

R.Einloft 01/19/2013 11:05



Wenn man ein Thema angeht, ergeben sich daraus X andere Themenstränge. Sie haben eine interessante Verknüpfung skizziert, über die es lohnt, nach zu denken. Leider konnte ich den Link, der unten
dran war, nicht öffnen. Bei mir kam eine schwarze Seite.


Gruß und danke für den ausführlichen Kommentar


RE



hanne 01/17/2013 23:34


Ein spannendes Thema - danke für Deine Zusammenstellung und Deinen Blick drauf. - Mir fehlen grade leider Zeit und Muse für die intensive Beschäftigung damit. Ich les es stückchenweise.


Liebe Grüße!

R.Einloft 01/19/2013 11:03



Genau das gleiche hat Friedemann auch geschrieben. Ist es so schwer verdaulich? Es war ja auch hauptsächlich zum eigenen Durchblick erarbeitet. Und dann, hab ich gedacht, könnte es ja auch andere
interessieren.


Gruß von mir zu Dir


R