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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Geschichten aus Nürnberg: Der neue Mann verschüttet Rotwein

21. Juni 2013 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Andere Welten für Kinder & Erwachsene

Marianne - Nürnberg 1980M erzählt:
Nürnberg, 26.12.1980

Seit Stunden warte ich auf meine Freundin A., die ihren „alten Freund“ Reinhold mitbringen will. Ein paar Tage Nürnberg mit Stadtbummeln, Museumsbesuchen, evtl. etwas Skilanglauf sind geplant. Sie wollten zum Kaffee kommen, aber jetzt habe ich abgeräumt und bereite das Abendessen vor, Coq au Vin.


Da, jetzt läutet es an der Haustür, A. steht da, setzt zu langatmigen Erklärungen an, warum es wieder mal nicht rechtzeitig geklappt hat. Ist doch egal, kommt erstmal rein. Dieser Reinhold, der gefällt mir auf den ersten Blick. Sieht gut aus und spielt sich nicht gleich in der Vordergrund, wie es normalerweise die Männer machen, die in unser „Frauenhaus“ kommen. Er sieht, dass ich gerade Zwiebeln schnippeln will und sagt, lass mich das machen! Er kann es, und wie! Schnell und effektiv. Unsere Jungs, 12 und 13 Jahre alt beäugen ihn misstrauisch: er ist so anders. Beim Essen machen wir uns miteinander bekannt, er fragt die beiden aus, findet sofort einen Draht zu ihnen, meine Schwestern sind offensichtlich auch angetan und jede bemüht sich, ihn in ein Gespräch zu ziehen.


Dann beschließen wir, gemeinsam „Lügenmäxchen“ zu spielen und setzen uns auf den Boden um meinen niedrigen Couchtisch herum. Jetzt, zu Weihnachten ist mein Wohnzimmer endlich fertig, alles selbst renoviert und als Krönung habe ich letzte Woche einen weißen Berberteppichboden verlegt. Da sitzt man gut. Goran und ich spielen vor und hinter Reinhold und wir versuchen, ihm zu helfen, geben ihm Tipps, aber er verliert eine nach der anderen Runde und lacht. Gut, dass er nicht sauer wird! Es wird immer lustiger, er verliert immer mehr. Neben ihm steht sein volles Rotweinglas und es kommt, wie es kommen muss: er fuchtelt herum und der Wein fließt auf meinen schönen neuen Berber! Fassungslos und unfähig etwas zu tun, sehe ich zu, wie sich die rote Farbe im Teppich ausbreitet. Er springt auf, Salz, Salz, hast du genug Salz im Haus. Ja, hab ich immer. Er schüttet den Inhalt der Packung auf den Rotweinfleck und behauptet, bis morgen sei nichts mehr davon zu sehen. Jetzt ist erstmal ein rosa Salzberg da, wo das Glas stand. Ich habe mich wieder in der Kontrolle, egal, so ein schöner Abend, da will ich keinen Stress machen, und außerdem, was solls.


Wir spielen und lachen weiter und Goran schubst mir seinen Ellbogen in die Rippen. Gefällt der dir auch so gut? Ja, und wie, flüstere ich zurück. Den wünsch ich mir als Vater!


Welcher Junge kann sich schon seinen Vater aussuchen? Aber es hat geklappt.


Aber erstmal kommen noch einige rosa Salzhäufchen dazu. Nach dem Besuch, als ich sie weg kehre, ist nichts mehr davon zu sehen.

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