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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Lima, Januar 2014 Lebenswege

7. Januar 2014 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Lateinamerika

Immer wieder treffen wir auf Menschen, deren Lebensweg nicht gradlinig und gesichert verlaufen ist und die in Südamerika bleiben wollen. Den ältesten haben wir am Samstag getroffen, er ist jetzt 76 Jahre alt, seit 50 Jahren in Peru. Gegen ihn ist Frank noch ein Frischling.

Schon früh hatte er zum Ziel, in Südamerika zu leben. Er war seinen Eltern in die Anden nach Quito in Ecuador gefolgt, hatte dort die Schule zu Ende besucht (mit deutschem Abitur) und in Kassel und Stuttgart zielgerichtet tropische Landwirtschaft studiert um so schnell wie möglich zurück auf den Kontinent seiner Träume zu kommen. Was ihn so faszinierte konnte er nicht genau sagen, war es die Leichtigkeit des Seins der Menschen? Waren es die angenehmeren Temperaturen, waren es die faszinierenden Landschaften oder war es diese Herausforderung unter völlig anderen Bedingungen erfolgreich zu sein? Es war wohl von allem etwas.

In Brasilien, wo seine Eltern danach lebten, lernte er seine Frau kennen. Er war von Rio aus ein wenig durch das Land gereist, nach Norden, konnte sich der Faszination dieser Brasilianerin mit japanisch-spanischen Wurzeln nicht entziehen und heiratete sie. Und bald darauf klappte es, er bekam einen Job bei einer deutschen Entwicklungshilfeorganisation in Bolivien. Zwei Kinder wurden ihm dort geboren, ganz oben auf den Andenhöhen in La Paz. Stolz wie Oskar präsentierte er jedes Mal seine Babys schon auf dem noch höher gelegenen Flughafen El Alto, wenn seine Eltern zu Besuch kamen und vergaß auch nicht, Mate-Tee mit zu bringen. Gegen die Höhenkrankheit.

Sein Spezialgebiet war der ökologische Landbau und sein Zugang zu Märkten. Die ganze Palette rauf und runter, von der Praxis bis zu internationalen Verträgen konnte ihm keiner was vormachen. In Peru bekam er Anschlussverträge, doch diese Verträge liefen irgendwann alle aus und er musste sehen, wie er weiter dort bleiben konnte wo er wollte.

Das Leben wurde schwerer, nicht nur den Lebensunterhalt für die Familie musste er sichern, auch die Kranken- und Rentenkassen selbst bezahlen und das Schulgeld, das auf der privaten Deutschen Schule mit 600,- $ pro Kind und Monat hoch war (seitdem, sagte er, bewundere ich das deutsche Schulsystem). Um in staatlichen Stellen arbeiten zu können, beantragte er die peruanische Staatsangehörigkeit und bekam sie. Mit seinen überragenden Kenntnisse in der Bio-Zertifizierung, mit der peruanische Bauern Zugang zum europäischen Markt erhielten, öffneten die Türen zu Ministerien. Und schlossen sie wieder: er wusste zu genau, was notwendig und zu tun war. Solch Aktivismus war für manchen peruanischen Bürokraten nicht akzeptabel.

Bio-Feria Lima - 09Alternative Einkommensquellen mussten her. Während seiner DED-Zeit in einer peruanischen Nicht-Regierungsorganisation hatte er einen Bio-Markt geschaffen, um für nationale Erzeuger nationale Absatzmärkte zu schaffen. Die Bio-Feria wuchs, wurde größer und angesehen und ist mittlerweile eine attraktive Instanz in Lima. Samstags sowie Sonntags ist der Markt bis spät in den Nachmittag hinein geöffnet und erfreut sich regen Zulaufs.

Bio-Feria Lima - 16

 

 

 

 

Dort hat er sich installiert auf dem Stand seiner Freundin. Er verkauft selbst hergestellte Produkte. Passierte Tomaten 460 & 960 Gramm, Apfelessig 380 ml, Erdbeermarmelade mit Schokolade, Minze und anderen Geschmacksrichtungen und seinen Brombeerwein. Sein Angebot umfasst noch Honig, Sesamstäbchen, Chia-Samen (gegen Cholesterin) und Trockenfrüchte. Und er verkauft gut. Bio-Feria Lima - 17Und zusätzlich fährt er mit seinem alten Fahrrad Produkte auf Bestellungen aus. Zum Basiseinkommen reicht es. Manchmal hat er noch Aufträge von Ministerien und von internationalen Organisationen für Evaluierungen. Und er hofft auch weiterhin auf eine erneute Festanstellung  in seinem Spezialgebiet. Es trifft sich gut, dass Tochter und Sohn gute Schüler sind und Stipendien erhalten, das Schulgeld aufzubringen war als Selbständiger immer ein Problem.

So lebt er, hat 2 prächtige Kinder groß gezogen, wohnt in einem Haus, das gleichzeitig Produktionsstätte ist, kann sich keine großen Sprünge leisten, muss zusehen, Monat für Monat die fixen Ausgaben zu erwirtschaften, muss manchmal Schulden machen und sie zurückzahlen, alles in allem aber geht es. Peru, sagt er, ist seine 2. Heimat. Hier will er bleiben.
Er hat menschliche und klimatische Wärme, Überraschungen und neue Eindrücke und Anforderungen und immer wieder Lernen gegen Sicherheit und Vorhersehbarkeit, Kälte, Luxus und Technisierung eingetauscht.

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