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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Luschen

20. November 2013 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Andere Welten für Kinder & Erwachsene

M ist die einzige Frau im Skatklub und kommt sich jung vor, weil die meisten Männer älter sind. Es sind auch ein paar jüngere Männer dabei, aber die sind auch alt. Sie - M - liebt Skat, hat es schon seit ihrer frühesten Jugend gespielt. Um genauer zu sein: seit sie  rechnen und reizen konnte. Ihre kontaktarmen Eltern spielten jeden Samstag, die jungen Mädchen waren abwechselnd Skatpartner. Und als ich in ihr Leben kam musste ich Skat lernen. Auf die harte Tour. Ein Jahr lang hab ich nur verloren. So gewinnst du später besser, sagte sie. In Ecuador spielten wir Sonntag Nachmittags. Um 14.00 Uhr pünktlich riefen die Jungs: 18. Und es ging los. Auch da hab ich viel verloren, doch sie waren freundlich zu mir und rechneten ab und an vor, wie viele Spiele ich schon gewonnen habe. Überall wo wir lebten hat M Skatbrüder gesucht und gefunden, nur in Rio nicht, da gab es Besseres zu erleben.

Und dann zogen wir in das kleine Dorf am Rande des Hinterlandes und siehe da, da gab es einen Skat Club. Sie nannten sich „Hinterländer Luschen“. Luschen sind die Augen, die bei der Abrechnung nichts zählen doch manche ihrer Skatbrüder wollen das nicht einsehen und diskutieren hinter jedem Spiel bis zu Beleidigungen, man habe falsch ausgespielt (dieses ewige Nachkarren ist auch der Grund, weshalb ich Skat nicht besonders mag. Obwohl M das nicht macht. Sie spielt cool.)

Einer kommt mit seiner Sauerstoffflasche im Rollwagen. Er ist zwar etwas kurzatmig aber schimpfen kann der wie eine Eins. Ein andererSkatbruder meinte, alle anderen spielten blöd. M besonders, vielleicht mochte er Frauen nicht, denn M kann ganz schön raffiniert spielen. Doch der alte Mann wusste alles besser und beschiss wo er konnte. Nein, ausschließen geht nicht, sagte M, der hat dochMarianne Vereinsmeister Skatclub Hinterländer Luschen - 5 nur noch das. Vor ein paar Monaten ist er gestorben und die Runde hat ein wenig mehr Ruhe, die Trauer hielt sich in Grenzen.

Trinken tun sie nicht während der Spiele, nur der Akademiker, der braucht Alkohol für seine Konzentration. Und gewinnt die schlechtesten Blätter. Dafür ist essen angesagt zur Stärkung. Es gibt traditionell Brötchen mit rohem Hackfleisch von einem Metzger weiter weg, der hat das beste, sagen sie. Manche können bis zu 5 Brötchen verdrücken. Und dazu noch Schokoriegel zur Verbesserung der Nervenstärke. 

In Abständen fahren sie am Wochenende zu Ligaspielen. Die dauern den ganzen Tag. M fährt gerne mit. Anfangs waren sie skeptisch, an ihrem Tisch zu spielen. Weil Frauen können das nicht. Bis sie kiebitzten. Jetzt wissen sie, da ist eine Gegnerin, die spielt wie ein Mann obwohl sie nicht so aussieht.
Die Fahrten zu diesen Spielen sind oft lang und wenn M fahren muss hat unser kleines Autochen schwer zu schuften, denn ihre Skatbrüder sind mächtige Männer. Bei einer Rückfahrt ist sie mit ihren Skatbrüdern in einer Italienischen Eisdiele eingekehrt. Rund um sie rum saßen ihre mächtigen Männerfreunde. Nebenan ein Frauentisch, der tuschelte und tuschelte. Bis sich eine wagte: wir möchten gerne wissen, zu wem diese Dame gehört. Zu uns allen haben sie wie aus einem Munde gesagt. Ist nicht wahr. Sie gehört zu mir.

Jeden zweiten Mittwoch ist sie weg zum Training. Na ja, ist wohl mehr zum Spaß. Um 7.00 Uhr abends fangen sie an und so um 1/2 12.00 kommt sie zurück. Manchmal froh, dann seh ich schon, sie hat gewonnen, manchmal nicht so froh. Keine guten Karten sagt sie dann. In letzter Zeit hat sie öfters keine guten Karten. Letztens hat sie an einem Tisch bei der Endabrechnung trotzdem gewonnen weil die anderen ihre Spiele verloren haben. Das kann sie gut, den Anderen die Spiele kaputt machen. Ich ärgere mich dann immer.  

Die Leute, die ich vom Club kenne sind nett. Ein alter Mann aus dem Nachbardorf hat sie ins Herz geschlossen, was ich gut verstehen kann. Hab ich ja auch, sie ins Herz geschlossen. Ihr alter Freund hat sie zum Geburtstag in eine Gaststätte eingeladen. Mich auch. Und noch einen vom Club. Es war richtig nett. Aber wir mussten weit fahren, einmal nach Süden, um das Geburtstagskind ab zu holen und einmal nach Norden zum Lokal und später wieder zurück zu ihm nach Süden und dann nach Hause. Weil ihr älterer Freund keinen Führerschein mehr hat. Sein Leben lang war er Fahrer und jetzt muss er sich fahren lassen. Auch nicht schön.

Einmal im Jahr gibt es eine große Feier, da darf ich auch mit (nicht, dass ich nicht mit dürfte zum Luschen-Training, aber ich hab keine Luschen - äh Luscht). Auf diesem Fest gibts Bier und Fleisch und Wurst und so. Keine Geschmacksverweichlicher wie Salat oder Gemüse. Richtig was für Männer. Da hat M dann ganz schlechte Karten. 

 

(Das Bild zeigt M. Sie hat den Pokal gewonnen und ist Vereinsmeisterin 2011)

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