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Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Ich hab mich immer gefragt, warum erfolgreiche Frauen wie Margaret Thatcher, Imelda Marcos, auch Angela Merkel und Andrea Nahles, eigentlich all die erfolgreichen Frauen die ich kenne, nicht in das Bild von der weit verbreiteten positiven Weiblichkeit passen. Danach haben und zeigen Frauen mehr Gefühle, sind sozialer, gehen eher auf andere Menschen zu, können besser in Gruppen arbeiten und delegieren, sind ausgleichender besonders in Konfliktsituationen, insgesamt eher menschlicher, humaner als Männer. Frauen als Kapitalverwalter, so der Tenor bei der Aufarbeitung des letzten globalen Unglücks, hätten die Finanzkrise nie entstehen lassen. Demnach ist die Thatcher, die zusammen mit Reagan den Turbokapitalismus alle Türen und Tore öffnete (Kriege hat sie auch noch angezettelt, die eiserne Lady), eine Fehlentwicklung des Weiblichen gewesen. Ist das wirklich so? Sind Frauen wirklich die besseren Manager? Oder noch akzentuierter: sind Frauen wirklich weniger egoistisch, hartherzig, unmoralisch als Männer?
Das bestreitet Christopf Kucklick in seinem Zeit-Essay „Das verteufelte Geschlecht“ (Zeit Online 12.4.2012). Sogar für mich wirkten seine Aussagen zuerst mal provokant, manchmal wollte ich nicht weiter lesen und bin froh, es doch getan zu haben. Denn da ist was dran an seiner Behauptung, dass Frauen und Männer in ihren moralischem Verhalten gar nicht so weit auseinander liegen. Er verstärkt die These der 68er wieder, dass letztendlich die Gesellschaft Rollen zuweist und Charaktere formt. Natürlich gibt es Unterschiede, darüber bin ich froh, aber sie liegen nach Kucklicks (und meiner) Meinung weniger im gesellschaftlichen Auftritt. Zumindest den aufstrebenden jungen Damen, die ich kennen gelernt habe, fehlte denen nix an "Männerverhalten". Sie wollen was werden und das mit Macht und Durchsetzungsvermögen. Denn es gibt sie nicht, die "Natur", die Frauen wohltätiger, menschlicher macht und Männer unmoralischer, gewalttätiger, sexuell unersättlicher.
Er – Kucklick - kann sie belegen, seine Thesen, mit vielen Beispielen. Nur zwei davon:
- In Russland sind knapp 50% aller Führungspositionen von Frauen besetzt. Von Verweiblichung russischen Managementverhaltens ist da nichts zu vermelden.
- Oder in der stark feminisierten Finanzbranche Hongkongs. Deren Renditeforderungen und Risiken, die sie eingehen, stehen in nichts denen der Deutschen Bank nach. Die Liste
gleichen Verhaltens in ähnlichen Situationen ist lang. Warum auch nicht?
Egozentrisches Verhalten von Kapitalverwertern leuchtet mir ein, denn nicht einzelne bestimmen die Regeln des Kapitalismus. Es ist der ihn immanent innewohnender Zwang zur maximaler Verwertung, der das Verhalten seiner Protagonisten erzwingt. Bei Strafe des Untergangs, hat schon Marx festgestellt, muss der Kapitalist so reagieren.
Aber auch im gesellschaftlichen Verhalten zeigt K erschreckende Gleichheiten im Geschlechterverhalten. Nun doch noch ein paar Beispiele mehr. Ich zitiere: "Geschiedene Männer kommen ihren Unterhaltspflichten nicht immer nach? Ja. Aber wenn Frauen zahlen müssen, überweisen sie deutlich seltener, so eine Studie des Justizministeriums. Häusliche Gewalt ist vor allem Männersache? Nein. Sie wird von beiden Geschlechtern etwa zu gleichen Teilen ausgeübt, von Beschimpfungen über Schläge bis zum Einsatz von Waffen wie Küchenmessern. Studien zeigen seit den 1970er Jahren konstant, dass in einem nicht unerheblichen Maße Männer Opfer häuslicher Gewalt sind, wie der Politologe Peter Döge erst im vergangenen Jahr resümiert hat. Und dass Frauen »zu einem fast gleichen
Anteil wie die Männer« Täter sind. Allerdings auf unterschiedliche Art. So misshandeln Frauen häufiger Kinder, Männer verursachen schwerere Verletzungen. Frauen führen anders, demokratischer? Oft ist das Gegenteil der Fall, und manche Frauen greifen zu besonders autokratischen Methoden, wie eine Studie des Bonner Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit 2009 ergab. Frauen bereichern sich weniger? Nicht die weiblichen CEOs in den USA. Die verdienten im Jahre 2009 rund 43 Prozent mehr als der Durchschnitt ihrer männlichen Kollegen." Und weiter: „Solche Befunde dürfen nicht als Kritik missdeutet werden oder als Retourkutsche gegen Frauen. Nein, es sind gute Nachrichten. Sie unterwandern die Illusionen von der Geschlechterdifferenz. Männer und Frauen nutzen Gelegenheiten, suchen ihren Vorteil, sichern ihre Macht, streben nach Reichtum und booten andere aus, unterstützen oder traktieren einander – was auch sonst?“
Interessant fand ich auch seine historische Erkenntnis. Danach ist "Das Stereotyp vom unmoralischen, gewalttätigen, sexuell unersättlichen Mann weit vor dem Feminismus entstanden, an einer historischen Schlüsselstelle: zu Beginn der Moderne, um 1800. Die Geburt des maskulinen Zerrbildes ist also unmittelbar mit der Geburt der modernen Gesellschaft verbunden." Das belegt er ausgiebig.
Seine zentrale These ist, dass Männer zu ihrer "Unmoral" seit 200 Jahren sozialisiert werden, unter Dauerbeschuss mit so genannten maskulinen Werten stehen, der unsere Vorfahren geprägt hat bis zu Faschismus und Stalinismus. Da ist was dran. Man denke nur an den Untertanen des letzten Kaiserreiches, geprägt von einem überbordenden Militarismus und Chauvinismus, des nach unten treten und nach obern buckeln. Er nennt es die "Entkernung von Männlichkeit". Unsere Väter und Vorväter sind durch eine harte Schule gegangen. Auch unsere Generation hat das noch erfahren. Ich kann mich gut erinnern, nie verstanden zu haben, warum Männer wie John Wayne sein sollen. Und doch war da ein Druck, alleine das Rechte zu tun und abends der untergehenden Sonne entgegen zu reiten.
Meine erste Kritik setzt hier an: Nicht alle Männer waren und sind unmoralisch, egozentrisch, knochenhart. Die Paradigmen haben sich wieder verschoben. Männer, viele, wollen heute nicht mehr sein, wie die Vorgaben vorgeben (ich meine hier nicht die Softies, die stricken lernen, sanft reden und nicht mehr wagen, eine Frau anzuschauen). Wir wollen diese harten Männerbilder wieder zurückbilden, denn auch wir haben Gefühle, sind sozial, gehen auf andere Menschen zu und können prima in Gruppen arbeiten. Das bis heute gängige Männerbild wirkt da kontraproduktiv. Doch wo ist das neue? Außer das Männer kritisiert werden, seh ich da nix. Wär aber notwendig.
Und die zweite Kritik ist: Der Autor beleuchtet mal wieder Werdegang und Ausprägung von Männlichkeit eurozentriert, auf die reichen, industrialisierten Länder bezogen. Manche Männer in den anderen Welten sind in der Tat anders. Ganz anders. Was sie aber (fast) alle eint ist, Frauen zu unterdrücken. Das kann ja wohl nicht durch die Aufklärung angedacht und im Kapitalismus vollendet worden sein. Da muss es noch mehr Gründe geben.
Trotzdem sehr lesenswert und diskussionsbedürftig. Hier zu finden: http://www.zeit.de/2012/16/DOS-Maenner/