Overblog Folge diesem Blog
Edit post Administration Create my blog
Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Mein Freund G: 2. Nachruf

7. Juli 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Meine Welten heute

(Der erste Nachruf ist zwei Jahre alt. Damals hatten die Ärzte ihn schon aufgegeben. Er aber hat sich berappelt, noch ein wenig weiter gemacht. Mehr schlecht als recht. Heute haben wir ihn beerdigt)

 

G-R.jpgG war mein Freund – soweit einer wie ich mit einem wie ihm befreundet sein konnte. Ausgestattet mit dem spröden Charme der Franken verdeckt er seine Hilfsbereitschaft hinter Granteln und seine Freundlichkeit mit harschen Worten. Autonomie war sein höchstes Ziel. Ich mag diese exzentrischen Typen, Menschen, die gegen den Strich der allgemeinen Konventionen leben. Man kennt sie aus der Literatur.

Kurz habe er studiert, hat er mir erzählt. Lieber fuhr er Taxif. Als wir ihn kennen lernten noch drei Tage in der Woche einige Stunden in der Morgendämmerung, das genügte für das Kleingeld und war gekrönt durch "Kaddeln" und Biertrinken bis zum Abend.    

 

G war ausgesprochen bewegungsscheu und erfinderisch. Damit er nicht das Garagentor vergisst, ertönte eine Stimme nach 3 Minuten: „G. ich glaub, dein Garagentürle is noch offen“. Eine Fernbedienung schloss sie dann.

Da er morgens um 4.00 Uhr Taxi fuhr, hat er abends Sendungen aufgezeichnet. Von seinem Platz in der Sitzecke waren ihm die 4 Meter zum Recorder zu lästig. Wir haben ihn überrascht, als er eine Spiegelfolie seinem Sitzplatz schräg gegenüber unter der Tapete verbarg und nun ohne aufstehen zu müssen mit der Fernbedienung auf die Folie zielte, die reflektierte das Signal und programmierte das Aufnahmegerät. Die Wohnung ist voller Fernbedienungen. Regelmäßig sind sich T & G in die Haare geraten weil die vielen Bedienungen verwechselt wurden. Dann ging schon mal die Jalousie  zu wenn der Fernseher angehen sollte.

 

Er trank Bier. Als ich ihn kennen lernte etwa 1 Kasten am Tag. Später musste er reduzieren auf ein Dutzend Flaschen, denn er hatte einen Baypass,  Zucker, Raucherbeine, Kreislaufstörungen und Übergewicht. Die Rothändle musste er aufgeben, dafür hat er mehr und mit Filter geraucht Seiner Meinung nach musste die Gesundheit zu ihm kommen. Er wartet derweilen auf seinem Stuhl am Tisch, schaute fern, am liebsten Börsenkurse und trank sein Bier. T. hatte einen Hund beschafft um Bewegung in den Haushalt zu zwingen. G. ging mit dem Tier vor die Tür und befahl ihm, gefälligst alleine im Park nebenan spazieren zu gehen.

 

Er besuchte uns auch mal in Rio. Wir wohnten direkt am Strand, an der Copacabana. Man brauchte nur über die Straße zu gehen und schon war man am Meer. Er ist in der Woche, die er bei uns war, nicht ein einziges Mal an den Strand gegangen. "Ich kannen doch von hieraus sehn" war sein Argument, und dann sah er wieder aus dem Fenster, ein Bier in der einen, eine Zigarette in der anderen Hand und schwitzte vor sich hin.

 

Das Klavierspielen hatte er sich selber beigebracht. Er hatte eine gute Stimme und konnte Kreislers „Gehn mer Tauben vergiften im Park“ original nachmachen. Wenn er mal für uns spielte war es ein Genuss. Doch dann kam der erste Schlaganfall, die Hände waren in den Bewegungen eingeschränkt, aber anstatt Klavierspielen als Fingerübung anzusehen hat er das Klavier verkauft.

 

Er fuhr gerne Auto. Als Ex- Taxifahrer und richtiger Mann schnallte er sich grundsätzlich nicht an. Früher hatte er links die Zigarette zwischen den Fingern, rechts das Feuerzeug in der Hand und auf der Konsole ein Bier. Alle anderen Verkehrsteilnehmer waren grundsätzlich Idioten und wurden lautstark beschimpft. Nur er und allenfalls seine Kollegen konnten richtig Auto fahren. Auch nach dem Bypass, als er schon kaum noch laufen konnte, hat er das Auto fahren nicht aufgegeben. Ein Mann ohne Autofahren ist kein Mann. Natürlich konnte er gut fahren! Er fuhr zügig, zielgerichtet und wenn es ging schnell. Ich habe noch keinen erlebt, der so wie er mit fast traumwandlerischer Sicherheit grüne Ampelphasen erwischt.

 

Höhepunkte seines Lebens waren die jährlichen Griechenland Urlaube. Er fuhr die ganze Strecke das WoMo selbst, T als schmückendes Beiwerk neben ihm. 1 richtiger Mann fährt, solange ihn die Reifen tragen. Beim letzten Mal musste T ihn mit dem Rettungsdienst zurückfliegen lassen, ein Schlaganfall hatte ihn erwischt. Er liebte sein Schlauchboot und spielte Kapitän mit seiner Kapitänsmütze. Wenn T bei seinen gewagten Manövern aus dem Boot fiel, hat er sie ausgeschimpft. Schimpfen konnte er wie ein Weltmeister.

 

Handwerklich war G sehr geschickt. Die Werkstatt im Keller ist professionell ausgerüstet und würde jeden Handwerker in Afrika und Lateinamerika entzücken. Seine Wohnmobile hat er selbst ausgebaut. Im Gartenhäuschen ist eine Profi-Zapfanlage installiert, der 20 qm Rasen wurde über eine automatische Sprinkleranlage genässt und der (biologische) Gartenteich zusammen mit dem sich selbst speisenden Brunnen plätscherten vergnügt im Sommer. Alles hatte seinen genau definierten Platz um unnötige Bewegungen zu vermeiden. Leider konnte G in den letzten Jahren kaum mehr handwerkeln. Der Körper machte nicht mehr mit.

 

Dafür hat er sich dem Computern zugewandt, da konnte ich ihm einiges zeigen. Er wurde sogar Betreuer für eBay-Nutzer. Der PC ermöglichten ihm nun die ansonsten raren gesellschaftlichen Kontakte. Seine Webseite diente als zusätzliche Informations-Ressource. Das perfekt ausgerüstete kleine Büro war seine Schaltzentrale und sein hauptsächlicher Aufenthaltsort.  Auch diese Beschäftigung wurde ihm in letzter Zeit immer schwerer.

 

Kennen gelernt haben wir ihn als Koch, der uns mit köstlichem Schweinebraten bewirtete, dort in seiner Wohnung am Messeplatz. Danach hat er T die Küche überlassen. Seinen "Obazden", (eine Spezialität der Franken aus  Camembert zermanscht mit Butter, Zwiebeln, Pfeffer, Salz und Paprika) machte er uns gerne zum Abschied. Grillen war seine Spezialität. Es musste allerdings alles an seinem Platz liegen und nach Plan ablaufen, sonst wurde er grantig. War die Hürde genommen, wurde der Abend nett. Salate mochte er nicht, Grünzeug sei was für Kühe.

 

Sein Heim war seine Burg, da hat er sich mit all seinem Geraffel das er als Sammler um sich brauchte, eingeigelt. Es viel ihm schwer, da raus zu müssen, doch letztlich wurden seine Aufenthalte in Krankenhäuser und Kuren immer häufiger. Dann entließ er sich schon mal selber um heim zu kommen in seine Burg. Psychologisch gehörte er eindeutig zu den Haben-Typen.

 

Therapien lehnt er ab. Sein Schäufele und sein Braten brauchte er und Süßigkeiten die Menge. Wenn er frühstückte, dann gerne eine Brezel - frisch musste sie sein, T musste sie täglich von einem weit entfernten Bäcker holen. Die hat er in der Mitte aufgeschnitten, mit Butter bestrichen und dick mit Schinken belegt. Darauf kam Käse, abgeschlossen mit Majonäse oder Fleischsalat. Das aß er fein säuberlich mit Gabel und Messer, allerdings nur die eine Hälfte der Brezel. Zu viel Brot sei ungesund. Alles das war seiner Krankheit kontraproduktiv. Aber er war konsequent. Sonst brauche er nicht weiter zu leben sein Argument. Ich habe es akzeptiert und ein wenig bewundert. Genau wie ich den Krebspatienten bewundere, der auf kaum Erfolg versprechende Chemotherapie  verzichtet.

 

G wurde immer mehr zum Pflegefall und das ging auf Kosten seiner Frau. Die letzten Jahre waren schlimm für den immer kränker und zorniger werdenden G und für T, die immer mehr zu leiden hatte. Was blieb war ein Bündel Elend. Ich kann nur sagen: Dank an dich, T, du hast ihn bis zum Schluss mit allem versorgt, ihn betreut und dich gekümmert. Er hat es dir selten gelohnt. Vielleicht helfen die Erinnerung an den G der früheren Jahre.

Nun ist er tot. Ich trauere um Freund G. Eins kann ich sagen: einen Typen wie ihn gibt es so schnell nicht mehr. Vielleicht ganz gut.

 

Diesen Post teilen

Repost 0

Kommentiere diesen Post

Hanne 07/11/2011 23:22



Das hast Du schön geschrieben, Reinhold. Nicht leicht so eine exzentrische Persönlichkeit zu beschreiben und zu würdigen. So ist das eben mit Romanfiguren - der Alltag mit ihnen ist nicht
einfach.


Ich habe G. persönlich kaum gekannt, ich verknüpfe meine Erinnerung an ihn immer mit einer Hochzeitsfeier, und daran, wie unvergleichlich er Boogies auf dem Klavier gespielt  und uns mit
seinen Kreissler-Liedern fasziniert hat. Wir konnten gar nicht genug bekommen und er musste eine Zugabe nach der anderen geben. - Von jedem Menschen sollte etwas bleiben und das ist mir von G.
geblieben



R.Einloft 07/12/2011 11:53



Ja, ich glaube, damit bin ich ihm mehr als gerecht geworden. Sein Freund hat gesagt, wenn er das gehört hätte, hätte er es nicht geglaubt. Er war sich nie sicher, was wir von ihm dachten. Die
meisten haben ja auch schlecht gedacht. Ich nicht (nur). Es war meine Rede bei der Beerdigung und viele fanden es gut. Gut. Die Trauer wird überdeckt von dem Gefühl, es war gut, dass er gestorben
ist, das Weiterleben wäre ein Graus und Dahinvegetieren geworden.


Danke für deinen Kommentar. Wir liegen auf einer Linie.


Liebe Grüße, Dein R



Katharina vom Tanneneck 07/07/2011 23:55



Ja, ist schon ein trauriger Anlass zu einer Beerdigung zu müssen! Je älter man wird, um so öfter muss man da hin. Und da kommen dann Gedanken auf, die ich gar nicht denken will. Behalte seine
guten Tage in Erinnerung. Wir sinds alle mal dran. Die zurück bleiben, für die ist es nicht einfach.


Liebe Grüße, Katharina



R.Einloft 07/09/2011 13:04



Bei G war es nicht so schlimm, er war zum Ende zu nur noch ein Häufchen Elend, da wünschte ich ihm kein Weiterleben mit als Pflegefall und ans Bett gefesselt. Traurig ist es allemal und lehrt uns
die Endlichkeit auch des eigenen Lebens.


Danke Katharina für deine lieben Worte. Lieben Gruß und ein schönes Wochenende wünsche ich dir


RE