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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Hommertshausen, 15.Februar 2011

16. Februar 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Meine Welten heute

 

Grau-nebelig und kalt im Tal, morgens 2 Grad, nicht viel mehr zu Mittag.

Früh muss ich raus, Elektostrahlentherapie oder so ähnlich. Man weiß nicht ob es nutzt hatte der Arzt gesagt, sonst gibt es nichts. Na denn. 1 Std. muss ich ruhig am Tisch sitzen, 1 Woche lang mit Manschetten auf Arm und Schulter, die offenbar mit Eisenspänen gefüllt sind. So schwer. Zeit zum lesen.

Meine Schwester hatte ihn mir gegeben, den "Walden - oder Leben in den Wäldern" von Thoreau. Ich hatte Walden immer als Name verstanden, aber nein, es ist ein See in Massachusetts gelegen, an dem sich der junge Mann sein Holzhaus selbst baute um 2 Jahre allein zu leben. Der erste ökologische Aussteiger? Keinesfalls, es war eher ein Experiment um raus zu kriegen, was Leben heißt. Wunderlich, wie er die Amerikaner des vorletzten Jahrhunderts beschreibt - das Buch ist um 1850 herum geschrieben - so, als seien sie moderne, getriebene Menschen. Und ich dachte, die Hinterwäldler lebten gemütlich. Aber nein, T sieht sie wie im Laufrad der Hamster, im Streben nach Mehr, getrieben von Ansprüchen (wessen), blind dem Mammon und Besitz nachlaufend und fragt, ob das Leben sei? Kann das denn alles gewesen sein? Und er sieht hinter der Sklavenbefreiung, die erst 10 Jahre später von Lincoln verordnet wurde, die nächste Sklaverei auf ihr Wild lauern: "Es ist hart, unter einem südlichen Sklavenaufseher, härter, unter einem Nördlichen zu stehen, härter aber, wenn wir unsere eigenen Sklavenaufseher sind".  Der Mensch als des Menschen Feind und Antreiber, sich selbst auszubeuten. Na meinste denn! Und er, Thoreau, wollte raus kriegen, wie und ob man mit einfachen Mitteln nicht besser zu sich selbst finden kann. Ob er´s geschafft hat, weiß ich nicht, so weit bin ich noch nicht.

Geschafft hat er allerdings, genau die Fragestellung zu wiederholen, die ich die ganze Zeit bei Terzani verfolge (Noch eine Runde auf de Karussell). Der saugt die asiatischen Weisheiten aus um zu wissen, wer er ist, er, der als hochgelobter Reporter sein halbes Leben von diesem Teil der Erde für den Spiegel berichtete. Nun ist er krank und älter und immer wichtiger wird ihm die Fragen, wer bin ich, was ist Leben, konkreter: was ist ein sinnvolles Leben. Dass die Warenberge, die uns umgeben, zumeist Un-sinn sind, ist bekannt, wie aber reduzieren auf das vernünftige Maß? Aber wo ist das vernünftige Maß? Andersherum wird es eindeutiger. Zum Leben gehört Sterben. Aller Besitz macht es schwerer zu gehen. Besser, man löst sich vorher. Unbequeme Fragen? Im asiatische Denkgebäude gehört die Vorbereitung auf das Sterben zum Leben, in unserem steckt man den Kopf in den Sand. Auch eine Strategie. Fällt mir ein, auf unsere Aufenthalte in anderen Welten haben wir uns gut vorbereitet um Überraschungen zu minimieren. Man muss es nicht, sich vorbereiten, dann kommt es ganz sicher anders als man denkt.

2 Kraniche ziehen dicht am Fenster mit langsamen Flügelschlag vorbei. Sonntag sind Meisen im Garten herumgeflattert. Jetzt ist wieder Ruhe, der Winter hat beschlossen, noch ein wenig zu bleiben.

Mutter---3.jpgDie abendliche Stunde bei Mutter ist manchmal lustig. Sie soll viel trinken, auch Tee, dann verzieht sie das Gesicht, schüttelt sich und lässt die Tasse halb voll stehen. Da ist Satz drin sagt sie und freut sich, wenn ich es heimlich weg schütte. Sie ist in ihrem hohen Alter anders geworden, viel lieber und zärtlicher. Main Schatz, sagt sie manchmal zu mir. Und gibt mir einen Kuss.

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Joachim 02/19/2011 13:43



Wir haben ja jetzt die Möglichkeit, unser Leben mit "gereifter" Vernunft zu gestalten und uns dem Stress in dieser hastenden Gesellschaft zu entziehen.


LG Joachim



R.Einloft 02/19/2011 14:05



Exaktemang! Denn lass uns das mal tun.


In dem Sinne ruhige Tage wünscht


RE



Joachim 02/18/2011 09:46



Hallo RE! Interessant, was Du über die Siedler in Nordamerika im vorletzten Jahrhundert gelesen hast. Sie waren doch alle geprägt von der anglo-protestantischen Ethik. Wer fleißig ist und
Reichtum schafft, ist Gott gefällig. Diese ideologischen Hintergründe beschreibt sehr gut Max Weber "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus". Ohne den englischen Protestantismus
hätte sich wohl der USA-Kapitalismus kaum so rasant entwickelt, denke ich.


LG Joachim



R.Einloft 02/18/2011 14:17



Ja, ja, der olle Weber und seine protestantische Ethik. Dran ist da was, das sehe ich auch so. Was mich verwundert hat ist, wie die Grundzüge des Lebens damals schon genau so sich decken mit dem
Gehabe heute. Reichtum schaffen als ein Wert an sich. Und damit Leben einseitig definieren, einen ganzen Strang davon abschneiden, den er mit seinem Experiment versucht hat, zu finden. Ruhe,
Kontemplation, Natur, einfach leben, Zeit haben. Thoreau war aber auch ein ganz besonderer Typ, der das einfache Leben schon immer gelebt hat. Berühmt ist er geworden mit seinem Text zum zivilen
Ungehorsam gegen den Staat, wenn Unrecht geschieht (damals die Sklaverei). Gilt heute noch, seine Überlegungen.


Ein schönes Wochenende wünsche ich Dir


Gruß RE



Peter Gerlach 02/17/2011 18:04



Ich war heute in Lüdenscheid und da war es total sonnig! Die allabendliche Stunde bei der Mutter haben wir ja gemeinsam. Auch meine Mutter ist oft lustig, trotz der Blindheit und körperlichen
Beschwerden. Wenn ich Sie frage, ob sie noch etwas für morgen braucht antwortet sie meistens: Ach, Junge, ich hab doch alles, aber für morgen kannst du mir vielleicht noch etwas Alkohol
mitbringen? Und lass mir noch 2 Zigaretten da!


Grüß deine Mama mal von mir.


P.S.: wir könnten ja mal überraschenderweise einen Abend mal Mutter-Sharing machen, ohne den beiden was zu sagen. Ich besuche dann mal deine Mama und du Elvi. Die werden Augen machen :)


Gruß


Pit



R.Einloft 02/18/2011 14:03



Na, du hast Ideen! Vielleicht lieber zu 2.? Alleine traue ich mich nicht. Deine Mutter mag ich sehr. Sie ist so anders als der Durchschnitt hier im Dorf, weltfraulicher. Hat trotz allem immer
ihren Stil behalten. Ich grüße Mutter gerne von dir. Und Du machst das selbe, gelle?


Bis dann und Grüße


Reinhold



Katharina vom Tanneneck 02/17/2011 01:20



Das hört sich traurig an. Den Sinn des Lebens muß jeder für sich selbst finden. Ich glaube, da kann man wenig Verständnis von seiner Umwelt erwarten. Hat man den Weg aber gefunden, dann sollte
man ihn auch konsequent gehen. Sterben müssen wir alle, früher oder später. Ich habe mich damit schon vor Jahren auseinander gesetzt und habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe Angst,
Menschen die ich liebe zu verlassen. Ihnen weh zu tun! Materiell ist alles geregelt aber Gefühle, nein - die kann man nicht regeln.


Liebe Grüße, Katharina



R.Einloft 02/17/2011 12:28



Nein, nein, Katharina, das ist nicht traurig gemeint. Ich setz mich nur damit auseinander, was Leben heißt und dass ich sterben werde. Das gehört zum Leben, habe ich gelernt. Dazu lasse ich mich
gerne von anderen, weiseren Menschen anregen, denn gedacht ist schon alles.


Ich kann noch nicht so los lassen, wie Du es schilderst. Aber daran arbeite ich. Und das Schreiben darüber hilft, besser zu reflektieren.


Einen schönen Tag noch wünscht


RE



hanne 02/16/2011 22:34



Freut mich dass Du den Thoreau jetzt liest! Mich hat das richtig gepackt. Mir ist genauso wie Dir der Vergleich zur heutigen Gesellschaft gekommen - so wie Thoreau sie beschreibt könnten wir sie
auch beschreiben - Modebesessen - alles bloß das nicht hätt ich von einer Gesellschaft im Amerika des 19. Jahrhunderts irgendwo hinterm Wald erwartet. Und Hektik in Städten, und und und.


- Lösungen hat er keine, auch keine Patentrezepte. Er predigt auch nicht das Leben im Wald. Er sagt nur dass jeder herausfinden muss, was das Leben ausmacht und dass man sich Gedanken darüber
machen sollte wie man sein Leben gestaltet. Darüber lohnt es sich nachzudenken.


Mir wird das immer klarer, aber die Umsetzung ist nicht so einfach wenn man in so viele Zwänge eingebunden ist.


Übrigens war er einer der aktiven Unterstützer der Skavenbefreiung und hat den Begriff "Ziviler Ungehorsam" erfunden. Aus Protest gegen den Staat, der die Sklaverei unterstützt, hat er sich
geweigert Steuern zu zahlen und wurde dafür ins GEfängnis gesperrt - nur 1 Nacht aber er ist bei seiner Haltung geblieben.


 


Grüß mir meine liebe Mama. Ein schönes Foto, so sitzt sie da! Ich wink ihr zurück!


Und Dir und Deinem magnetischen Arm! HOffentlich hilfts - immer feste dran glauben!



R.Einloft 02/17/2011 12:43



Ja, das wundert mich am meisten, wie der seine Zeit beschreibt. Was würde der heute erst sagen? Seine Philosophie hat schon was asiatisches und heute lese ich, dass er in der Tat alte Schriften
aus dieser Gegend studiert hat und zitiert. Aussortieren, loslassen, Zeit sich frei schinden, überflüssiges weg lassen - alles wichtig und richtig. Aber wie machen? Bei dir ist es noch
schwieriger, du bist mitten in der Tredmühle drin und raus gehen kann bedeuten, in Existenznöte zu kommen. Aber Kleinigkeiten gehen, davon bin ich überzeugt. Z.B. das ewige Zeitung lesen
einschränken. Es gibt in der Tat nichts Neues (oder ganz selten und dann kriegt man es zu hören). Ich fang mal damit (wieder) an. Und nach jdere Arbeit reflektieren, nicht automatisch weite
machen, mal still sitzen bleiben oder raus gehen. Komisch, dass das so schwer ist.


Jo, ich glaub an alles, den der Glaube versetzt bekanntlich Berge


Liebe Grüße an Dich und die Deinen


Dein Bruder R aus H