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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

US-Amis

4. Mai 2012 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Unsere Welten - unsere Probleme

Sind sie wirklich so, wie wir sie uns vorstellen, die Amis? (Ich nenn sie so. US-Amerikaner ist mir zu umständlich, Amerikaner sind sie nicht allein, Mittel- und Südamerikaner gehören dazu, ich bleibe bei der Kurzform „Amis“). US-Bürger sind sicherlich so und so und alle Verhaltensmuster kommen vor. Doch scheint mir, dass einige Typisierungen erlaubt sind

Freund Achim, USA Kenner, (er ist kreuz und quer durchs Land gefahren) sagt, viele seien überraschend angenehm und hilfsbereit. Er ist angetan von ihren Stehaufmännchen Qualitäten, die sie, sagt er, nie verzweifeln lassen und immer wieder zu Neuanfängen führen. Bewundernd spricht er von ihrer kompromisslosen Freiheitsliebe und meint Einzelkämpfertum. Seit ihm ein Farmer erklärt hat, wieso ein allgemeines Krankenversicherungsgesetz für ihn nicht in Frage komme, weil er nämlich nur für sich und die Versorgung seiner Familie Verantwortung und Geld habe und keineswegs für Nachbarn und Fremde aufkomme, seitdem ihm dies auch andere bestätigten, verstehe er, Achim, die große Ablehnung der Gesetzesplanung in den USA. Ja, habe ich ihm gesagt, mag schon sein, dass sie nur an sich denken, wenn sie aber mal ohne Versicherung krank sind, ist für viele die Kacke am dampfen. Einer Harvard Studie (2009) zufolge sterben 45 Tausend Amerikaner pro Jahr, weil ihnen die Versicherung fehlt. Mit rund einem Todesfall alle zwölf Minuten kostet der Mangel an Versicherung mehr Menschenleben als Morde und Alkohol zusammen. Und trotzdem lehnen auch die Armen diese Art des gesellschaftlich organisierten Schutzes ab. Sie, so scheint mir ihre Aussage, bauen darauf, dass sie ihres eigenen Glückes Schmied sind. Bis sie die Gesellschaft brauchen. Dies ist nämlich die andere Seite der individuellen Freiheit: die gesellschaftliche Verantwortung wird abgelehnt und die Zukunftskosten werden nicht wahrgenommen. Besonders Konservative in den USA scheren sich einen Dreck um längerfristige Probleme der Menschheit weil ihre ganze Ideologie nur kurzlebige Egozentrik ist und Gottes Plan folgen soll.

R mit Franzen Individuelles Freiheitsstreben, geboren aus Unterdrückung und Despotismus, wirkt in den USA als Dogma weiter bis hin zu Obrigkeitsmisstrauen und Waffenbesitz. Das anderen Dogmen sind Geld verdienen um jeden Preis und Konkurrenzdenken. Wie besonders letzteres die eigene Entwicklung behindern kann ist in dem Buch, das ich gerade lese paradigmatisch dargestellt (J. Franzen: Freiheit). Es beschreibt eine typische Mittelstandsfamilie, doch die soll weit verbreitet sein. Andere Autoren sagen dasselbe. In diesen recht kritischen Abrissen von Sozialverhalten kommen Menschen vor, gefangen in einem Kokon aus Konkurrenzdenken unterschiedlichster Spielart (es geht hierbei um ein überzogenes Konkurrenzverhalten, das alle Lebensbereich durchdring. Das ist so wie mit Stress. In Maßen fördern sie, zu viel davon macht krank). Das Ergebnis ist, so das Buch, dass sie sich ihr ganzes Leben was vor machen und vergessen, ihr eigenes Leben zu leben.

Zumindest machen das Patty und Walter so, die Protagonisten der Franzschen "Freiheit". Sie, eine Ex Sportlerin, will verbissen eine bessere Mutter sein, eine bessere Ehefrau mit einer besseren Familie, einem besseren Haus als ihre eigen Mutter und diese Rolle spielt sie auch ewig lange um grandios zu scheitern. Wer den Film "Spanglish" gesehen hat, hat ihn vor Augen, diesen Typ von Frau, die es allen rundherum und sich selbst recht machen will, jedoch dadurch zu einer Riesen-Nervensäge wird mit immerwährender Aktivität, angstvoll jede Ruhe und Überlegung vermeidend, andere überrennend mit ihrer vorgeschobenen Fürsorglichkeit und innen drin voller Angst vor nicht Anerkennung und Veränderung und drunter Unzufriedenheit, Wut und Verzweiflung. Patty in dem Buch findet viele (auch gescheite) Ausreden, ihr Leben nicht zu ändern und als sie es doch tut, wird auch das zur Katastrophe.

Er, Walter, ist ein guter Mensch, will ein guter Mensch sein, nicht wie sein Vater und Bruder, beides untätig herumlungernde Säufer, will das genaue Gegenteil sein und wird ein moralinsaurer Streber, der sich selbst verrät. Es geht ihm um ein Leben voller Verantwortung und Gutsein. Er liebt seine Frau weil er meint, dass sie es brauche und je mehr sie sich in ihre Scheinwelt verirrt um so mehr meint er, müsse geliebt werden. So kämpft er sich durch das Buch, fernab vom eigenen Wesen, voll von hehren Selbstverpflichtungen, auch die gespeist vom Konkurrenzdenken, besser zu sein im Gutsein. Das geht so weit, dass er sich verkauft an einen Multimilliardär und Kohleabbau Holdings, doch er macht sich immer weiter vor, er würde irgendjemand und irgendwas retten. 
Unehrlichkeit überstrahlte ihrer beider Tun. Unehrlichkeit, sich selbst zu stellen, Wahrheiten über sich anzuerkennen, die weh tun können, ein eigener Mensch aus eigenen Fähigkeiten und Begabungen zu werden. Das glaube ich, ist in einem Leben dominiert durch Konkurrenzdenken sehr schwer.

Und dann kommen darin vor die Masse der übergewichtigen Hinterwäldler, an nichts anderem interessiert als an Saufen, Waffen, Jagen, vierradgetriebenen Monster-Pick-Ups, rassistisch und rechtsgerichtet überheblich, manchmal gottesfürchtig und mit tiefem Hass ausgestattet gegen alles, was sie als Kommunisten definieren. Das beginnt schon bei den Demokraten und Liberalen.
Walter geht weiter: Es war für ihn nicht nur die Religion und das Hinterwäldlertum, dass er seinen Mitmenschen übel nahm, es war das "Jumbo-Format von allem und jedem, auf dass seine amerikanischen Mitbürger als einzige Anspruch zu haben glaubten." (RE: alles muss größer, weiter, höher, schöner sein). Es war die ungetrübte heitere Gleichgültigkeit "gegenüber allen Problemen auf der Welt". 
Achim sagt, ja, ja, aber die sind in der Minderheit, die meisten Menschen leben an den Küsten und die sind anders. Er hat keine Angst vor der nächsten Wahl und ist sicher, Obama gewinnt.

Der einzige Aufrechte im Buch ist Walters Freund, ein Musiker und cooler Typ mit hohem Frauenverschleiß. Nicht gerade ein positives Vorbild. Aber er steht als einziger für sich selbst ein.

Mir scheint, um sich selbst zu finden, ist Konkurrenzdenken nicht gerade förderlich. Und mir scheint auch, dass die geschilderten Charaktereigenschaften zumindest verbreitet sind im USA-Land. Deshalb ist das Buch lesenswert, weil Franzen es schafft, Eigenschaften des menschlichen Seins mit ausgefeilten Charakterisierungen darzustellen. Nicht plump und überzogen, sondern mit all ihren Facetten von Gut und Böse, Positiv und Negativ und den Schattierungen dazwischen. Ich bewundere, welche tiefe Einsichten Schriftsteller nicht nur haben, sondern auch ausdrücken können.
Das Buch ist spannend geschrieben, genau beobachtet, man kann sich in die Charaktere hineinversetzen. Über 30 Jahre US-amerikanischer Geschichte ziehen an einem vorbei und verschaffen uns Älteren öfters Aha-Erlebnisse. Die Lektüre macht mich nachdenklich, sehr nachdenklich wo die Grenze ist. Wann bin ich ich selbst und wo lasse ich mich verbiegen. Und wo fängt denn das Verbiegen an?

Lesenswert: Jonathan Franzen: Freiheit. Erschienen bei rowohlt

PS: Bin mit dem Buch noch nicht fertig. Vielleicht finden sie sich ja noch.
PSS: Hier ist Teil II meiner Betrachtungen: http://www.andere-welten.net/article-us-amis-teil-ii-nachbetrachtungen-104796110.html

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Joachim 05/06/2012 18:38


Ein interessantes Buch hast Du da zur Hand und kritisch rezensiert. Unter den Amerikanern mit europäischen Wurzeln, denke ich, wirkt der englische Protestantismus der Einwanderer in den
Nachkommen nach. Daraus sind die verschiedenen amerikanischen Kirchen hervorgegangen. Hinzu kommen vor allem die Mormonen als rein amerikanisch, bei denen Fleiß und Streben nach Wohlstand in
puritanischer Lebensart ganz im Sinne ihres Buches Mormon sind. Der Erhalt der Familie u. a. ist Grundsatz. Die Gesellschaft an sich ist weniger wichtig, es sei denn die eigene
Glaubensgemeinschaft. Die wenigen Amis, die ich kennengelernt habe, haben mich durch ihr Selbstbewußtsein, ihre USA-Bezogenheit und kaum Zweifel an sich selbst beeindruckt. Andererseits können
sie sehr gesellig und nett sein.


LG Joachim

R.Einloft 05/07/2012 12:18



Danke Joachim für deinen Hinweis. Die Religion, viel stärker in den USA verwurzelt als bei uns, ist sicher ein wichtiger Handlungsanweiser, besonders für Einwanderer aus Europa. Gerade Puritaner
haben die "Protestantische Ethik" der Calvinisten übernommen, bei der Erfolg ein Spiegel der Gnade und ihr Rang im Himmel darstellte. Doch anders als bei den "Alten" scheint mir heute in den USA
erlaubt, Erfolg auszuleben, darzustellen (ob sie ihn genießen können, steht auf einem anderen Blatt).
Eine wichtige Ursache ihrer Freiheitsliebe ist auf die Einwanderer zurückzuführen. Die kamen überwiegend aus armen, despotischen Verhältnissen und wollten diese Fesseln abstreifen im Land der
endlosen Freiheit und unbegrenzten Möglichkeiten. Viele haben es ja auch geschafft, sich aus eigener Kraft hoch zu arbeiten und dabei ist der gesellschaftlicher Bezug des Erfolges aus dem
Blickfeld geraten.
Ich werde noch was dazu schreiben. Offenbar kommt die Vielfältigkeit US-amerikanischen Verhaltens in meiner Analyse zu kurz.
Mit Grüßen aus dem grauen Tal und den besten Wünschen für eine schöne Woche verbleibe ich,
RE



Katharina vom Tanneneck 05/06/2012 00:47


Interessante Geschichte und sicher lesenswert. Ich habe den Film gesehen und wurde auch nachdenklich. Natürlich gibt es in jedem Land solche und solche! Ich habe viele Amis kennengelernt und mit
manchen verbindet mich noch heute eine Freundschaft. Nicht alle sind so typisch amerikanisch, es gibt da viele Ausnahmen. Das mit der Krankenversicherung kann ich aber bestätigen und irgendwie
verstehe ich sie auch. Sterben doch auch in Deutschland sehr viele Menschen in Krankenhäusern weil das Profitdenken die notwendige Hygiene vernachlässigt. 


Ich war mit dem System einverstanden, bis Schröder es zu Ungunsten der Armen geändert hat. Nun haben wir eine Dreiklassengesellschaft in der Krankenkasse! 


Schönes Wochenende und liebe Grüße!


Katharina

R.Einloft 05/06/2012 11:40



Danke, Katharina, für die Information, dass es auch einen Film zum Buch gibt. Wusste ich nicht. Werde mal aufpassen.
Aber natürlich ist das kein allgemeines Gesellschaftsbild, das im Buch (und meiner Kritik) hervortritt. Aber klar gibt es in den USA viele, viele nette Leute, aufrecht und ehrlich und auch viele,
die uns ähnlich, kritisch mit ihrem Land und seinen unschönen Tendenzen ins Gerich gehen. Und doch glaube ich, dass einige der geschilderten Verhaltensweisen viel zu oft vorkommen. Das macht mir
Angst, denn immer wieder schwappt was über und beeinflusst auch uns.
Ja, das ist leider die Wahrheit, gerade im Gesundheitsbereich hat die Profitgier Nachahmer gefunden, sind ihr Tür und Tor aufgestoßen worden. Und die Folgen hast du benannt. Eine schlechte
Entwicklung.


Trotzdem wünsche ich dir einen schönen Sonntag nach dem Motto: jetzt haben wir mal ins graue Gebälk unserer Gesellschaft geblickt, nun widmen wir uns wieder der Sonnenterasse. Denn die gibt es
Gott sei Dank.


Grüße, RE



artemisia 05/05/2012 15:12


Danke für die interessante und ausführliche Buchbesprechung - das hat mir Lust auf das Buch gemacht.Schönes WE wünscht Artemisia

R.Einloft 05/06/2012 11:34



Ja, das Buch ist lesenswert, wenn auch oft nicht leicht verdaulich. Es bringt mich auch dazu, über mich nach zu denken. Und das ist gut.


Auch dir einen schönen Sonntag,


mit Grüßen aus dem Tal, RE



Hanne 05/04/2012 20:47


Hast Du gut gemacht, jetzt gehst Du auch noch unter die Literaturkritiker. Franzen ist toll, noch besser als "Freiheit" finde ich die "Korrekturen".


Have a nice weekend, my darling!


 


Wir hatten das Glück so unklischeehafte Amerikaner kennen - und lieben zu lernen, ich kann da also nicht mitreden, bin noch heute begeistert von ihrer Warmherzigkeit, Gastfreundschaft und
Herzlichkeit.

R.Einloft 05/05/2012 11:15



Freilich, davon habt ihr erzählt und Achim tut das Gleiche (kennst du Achim Wagner aus Silber?). Ich hab versucht, nicht zu viel zu verallgemeinern und schon am Anfang geschrieben, es gibt so'ne
und so'ne, alle Schattierungen gibt es dort. Völlig klar. Mein Ansatz war nicht so sehr Literaturkritik sondern mehr, wie im Buch herausgearbeitet wird, was für Verbiegungen ein Mensch in Kauf
nimmt weil er sich von bestimmten Denkweisen und Handlungsvorgaben nicht lösen kann. Das hat mich berührt. Und natürlich, dass in den USA Freiheitsstreben und Konkurrenzverhalten weit verbreitet
scheinen.


Danke für deine nette Kritik und die angenehmen Wochenendwünsche. Bin mit Mutter alleine, M ist auf einem Skatturnier und K&M sind mit dem WoMo weg zur Hochzeit von Mareike. Gleich mach ich
ihr Bratkartoffeln.


Auch dir ein schönes ungetrübtes Wochenende auch wenn es recht trübselich draußen ausschaut.


Es grüßt dich dein Bruder R