Artikel teilen! US-Amis: Sind sie wirklich so, wie wir sie uns vorstellen, die Amis? (Ich nenn sie so. US-Amerikaner ist mir zu umständlich, Amerikaner sind sie ...
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Sind sie wirklich so, wie wir sie uns vorstellen, die Amis? (Ich nenn sie so. US-Amerikaner ist mir zu umständlich, Amerikaner sind sie nicht
allein, Mittel- und Südamerikaner gehören dazu, ich bleibe bei der Kurzform „Amis“). US-Bürger sind sicherlich so und so und alle Verhaltensmuster kommen vor. Doch scheint mir, dass einige
Typisierungen erlaubt sind
Freund Achim, USA Kenner, (er ist kreuz und quer durchs Land gefahren) sagt, viele seien überraschend angenehm und hilfsbereit. Er ist angetan von ihren Stehaufmännchen Qualitäten, die sie, sagt
er, nie verzweifeln lassen und immer wieder zu Neuanfängen führen. Bewundernd spricht er von ihrer kompromisslosen Freiheitsliebe und meint Einzelkämpfertum. Seit ihm ein Farmer erklärt hat,
wieso ein allgemeines Krankenversicherungsgesetz für ihn nicht in Frage komme, weil er nämlich nur für sich und die Versorgung seiner Familie Verantwortung und Geld habe und keineswegs für
Nachbarn und Fremde aufkomme, seitdem ihm dies auch andere bestätigten, verstehe er, Achim, die große Ablehnung der Gesetzesplanung in den USA. Ja, habe ich ihm gesagt, mag schon sein, dass sie
nur an sich denken, wenn sie aber mal ohne Versicherung krank sind, ist für viele die Kacke am dampfen. Einer Harvard Studie (2009) zufolge sterben 45 Tausend Amerikaner pro Jahr, weil ihnen die
Versicherung fehlt. Mit rund einem Todesfall alle zwölf Minuten kostet der Mangel an Versicherung mehr Menschenleben als Morde und Alkohol zusammen. Und trotzdem lehnen auch die Armen diese Art
des gesellschaftlich organisierten Schutzes ab. Sie, so scheint mir ihre Aussage, bauen darauf, dass sie ihres eigenen Glückes Schmied sind. Bis sie die Gesellschaft brauchen. Dies ist nämlich
die andere Seite der individuellen Freiheit: die gesellschaftliche Verantwortung wird abgelehnt und die Zukunftskosten werden nicht wahrgenommen. Besonders Konservative in den USA scheren sich
einen Dreck um längerfristige Probleme der Menschheit weil ihre ganze Ideologie nur kurzlebige Egozentrik ist und Gottes Plan folgen soll.
Individuelles Freiheitsstreben, geboren aus Unterdrückung und Despotismus, wirkt in den USA als Dogma weiter bis hin
zu Obrigkeitsmisstrauen und Waffenbesitz. Das anderen Dogmen sind Geld verdienen um jeden Preis und Konkurrenzdenken. Wie besonders letzteres die eigene Entwicklung behindern kann ist in dem
Buch, das ich gerade lese paradigmatisch dargestellt (J. Franzen: Freiheit). Es beschreibt eine typische Mittelstandsfamilie, doch die soll weit verbreitet sein. Andere Autoren sagen dasselbe. In
diesen recht kritischen Abrissen von Sozialverhalten kommen Menschen vor, gefangen in einem Kokon aus Konkurrenzdenken unterschiedlichster Spielart (es geht hierbei um ein überzogenes
Konkurrenzverhalten, das alle Lebensbereich durchdring. Das ist so wie mit Stress. In Maßen fördern sie, zu viel davon macht krank). Das Ergebnis ist, so das Buch, dass sie sich ihr ganzes Leben
was vor machen und vergessen, ihr eigenes Leben zu leben.
Zumindest machen das Patty und Walter so, die Protagonisten der Franzschen "Freiheit". Sie, eine Ex Sportlerin, will verbissen eine bessere Mutter sein, eine bessere Ehefrau mit einer besseren
Familie, einem besseren Haus als ihre eigen Mutter und diese Rolle spielt sie auch ewig lange um grandios zu scheitern. Wer den Film "Spanglish" gesehen hat, hat ihn vor Augen, diesen Typ von
Frau, die es allen rundherum und sich selbst recht machen will, jedoch dadurch zu einer Riesen-Nervensäge wird mit immerwährender Aktivität, angstvoll jede Ruhe und Überlegung vermeidend, andere
überrennend mit ihrer vorgeschobenen Fürsorglichkeit und innen drin voller Angst vor nicht Anerkennung und Veränderung und drunter Unzufriedenheit, Wut und Verzweiflung. Patty in dem Buch findet
viele (auch gescheite) Ausreden, ihr Leben nicht zu ändern und als sie es doch tut, wird auch das zur Katastrophe.
Er, Walter, ist ein guter Mensch, will ein guter Mensch sein, nicht wie sein Vater und Bruder, beides untätig herumlungernde Säufer, will das genaue Gegenteil sein und wird ein moralinsaurer
Streber, der sich selbst verrät. Es geht ihm um ein Leben voller Verantwortung und Gutsein. Er liebt seine Frau weil er meint, dass sie es brauche und je mehr sie sich in ihre Scheinwelt verirrt
um so mehr meint er, müsse geliebt werden. So kämpft er sich durch das Buch, fernab vom eigenen Wesen, voll von hehren Selbstverpflichtungen, auch die gespeist vom Konkurrenzdenken, besser zu
sein im Gutsein. Das geht so weit, dass er sich verkauft an einen Multimilliardär und Kohleabbau Holdings, doch er macht sich immer weiter vor, er würde irgendjemand und irgendwas
retten.
Unehrlichkeit überstrahlte ihrer beider Tun. Unehrlichkeit, sich selbst zu stellen, Wahrheiten über sich anzuerkennen, die weh tun können, ein eigener Mensch aus eigenen Fähigkeiten und
Begabungen zu werden. Das glaube ich, ist in einem Leben dominiert durch Konkurrenzdenken sehr schwer.
Und dann kommen darin vor die Masse der übergewichtigen Hinterwäldler, an nichts anderem interessiert als an Saufen, Waffen, Jagen, vierradgetriebenen Monster-Pick-Ups, rassistisch und
rechtsgerichtet überheblich, manchmal gottesfürchtig und mit tiefem Hass ausgestattet gegen alles, was sie als Kommunisten definieren. Das beginnt schon bei den Demokraten und Liberalen.
Walter geht weiter: Es war für ihn nicht nur die Religion und das Hinterwäldlertum, dass er seinen Mitmenschen übel nahm, es war das "Jumbo-Format von allem und jedem, auf dass seine
amerikanischen Mitbürger als einzige Anspruch zu haben glaubten." (RE: alles muss größer, weiter, höher, schöner sein). Es war die ungetrübte heitere Gleichgültigkeit "gegenüber allen Problemen
auf der Welt".
Achim sagt, ja, ja, aber die sind in der Minderheit, die meisten Menschen leben an den Küsten und die sind anders. Er hat keine Angst vor der nächsten Wahl und ist sicher, Obama gewinnt.
Der einzige Aufrechte im Buch ist Walters Freund, ein Musiker und cooler Typ mit hohem Frauenverschleiß. Nicht gerade ein positives Vorbild. Aber er steht als einziger für sich selbst ein.
Mir scheint, um sich selbst zu finden, ist Konkurrenzdenken nicht gerade förderlich. Und mir scheint auch, dass die geschilderten Charaktereigenschaften zumindest verbreitet sind im USA-Land.
Deshalb ist das Buch lesenswert, weil Franzen es schafft, Eigenschaften des menschlichen Seins mit ausgefeilten Charakterisierungen darzustellen. Nicht plump und überzogen, sondern mit all ihren
Facetten von Gut und Böse, Positiv und Negativ und den Schattierungen dazwischen. Ich bewundere, welche tiefe Einsichten Schriftsteller nicht nur haben, sondern auch ausdrücken können.
Das Buch ist spannend geschrieben, genau beobachtet, man kann sich in die Charaktere hineinversetzen. Über 30 Jahre US-amerikanischer Geschichte ziehen an einem vorbei und verschaffen uns Älteren
öfters Aha-Erlebnisse. Die Lektüre macht mich nachdenklich, sehr nachdenklich wo die Grenze ist. Wann bin ich ich selbst und wo lasse ich mich verbiegen. Und wo fängt denn das Verbiegen an?
Lesenswert: Jonathan Franzen: Freiheit. Erschienen bei rowohlt
PS: Bin mit dem Buch noch nicht fertig. Vielleicht finden sie sich ja noch.
PSS: Hier ist Teil II meiner Betrachtungen: http://www.andere-welten.net/article-us-amis-teil-ii-nachbetrachtungen-104796110.html