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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Vom „Mördersee“ oder Roter See in den Karpaten


12. Mai 2014 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Andere Welten - andere Probleme

Roter-See--2-von-2-.jpgIch kenne ein paar Orte auf der Welt, die sind verzaubert. Das merkt man gleich, kommt man dahin. Dann möchte ich sitzen bleiben, ausruhen und schauen und die Welt um mich vergessen. So ein Ort ist der Rote See in den Karpaten, von den Einheimischen auch „Mördersee“ genannt.

Sonntag zeigen wir Euch einem schönen See, hatte Liliana gesagt. Mirzea fuhr. Über 3 Std. waren wir von Iasi aus unterwegs, hatten in einem einfachen Restaurant, durch den ein Bach führte, frische Forellen gegessen, dann verengte sich die Straße, führte in steilen Serpentinen aufwärts in die  Bizac-Klamm, die sich 5 Km durch gezackte Berge und tiefe Schluchten zieht. Kurz vor dem Pass liegt er rechter Hand, der Märchensee. So geht sie, die Sage:

Im Gebiet von Gyergyó lebte einst ein wunderschönes Mädchen, Eszter Fazekas. Ihr Haar war schwarz wie Schlehdorn, ihre Augen waren graugrün, ihre Gestalt war biegsam wie die Pappel wenn sie der Wind bewegt.

An einem sonnigen Sonntagmittag ging Eszter nach Niklas zum Markt. Dort begegnete ihr ein stolzer Geselle, der mit der Kraft seiner Arme dem Bären die Luft auspressen konnte und der in der ganzen Gegend am lieblichsten auf der Flöte spielen konnte so dass es das Herz ergriff. Er konnte Häuser bauen und Pferdewagen herstellen. Sie erblickten einander, da fuhr die Liebe wie ein Blitz in ihr Herz. Sie liebten einander. Der Bursche kauft ihr ein himmelblaues Seidentuch und Plätzchen mit Spiegelchen und bat um ihre Hand. Aber die Hochzeit konnte sobald nicht stattfinden, denn der Bursche musste zu den Soldaten. Das Mädchen wartete treu auf ihren Geliebten. Abends, wenn die Sonne hinter dem Berg versank, ging sie mit ihrem tönernen Krug zum plätschernden Brunnen unter den Fichten und sehnte sich nach ihrem Herzallerliebsten. Sogar die nahen Berge wurden weich bei ihrem Gesang.

Es geschah aber einmal an einem Sonntag Nachmittag dass ein Räuberhauptmann Eszter erblickte. Er nahm das wunderschöne Mädchen zu sich auf den Sattel und galoppierte wie der Sturmwind zum kleinen Suchard, mitten in die Felsen mit ihren tausend Gesichtern. Dort war sein Lager. Er versprach ihr alles Gold und Silber, wollte ihr ein herrliches Schloss bauen wenn sie ihn liebte. Das Mädchen aber schenkte ihm ihre Liebe nicht. Es wartete treu auf ihren Geliebten wenn die Sonne auf- und wenn sie unterging. Da wurde der Räuber wütend und wollte Eszter zwingen, seine Frau zu sein.

Eszter rief ihre stummen Augenzeugen, die Berge zu Hilfe an. Ihre Not rührte die harten Felsen und in einer Juninacht antworteten sie mit einem Donnern, als ob Himmel und Erde einstürzten. Der Regen strömte, durch die pechschwarze Nacht zuckte der Blitz.

Als der Morgen graute, stürzte mit gewaltigem Getöse ein riesiger Felsblock in die Tiefe und begrub alles unter sich: das Mädchen, den Räuber und auch den Schäfer mit seiner Herde, die auf der Wiese am Hügel  gegenüber weidete.

Der Nebel zerstob und die Sonne des letzten Julisonntags sandte ihre goldene Strahlen auf das Felsengewirr. Das Tal, in dem gestern noch der Rotstein-Bach geplätschert hatte, war vom herabstürzenden Gestein verschlossen. Das Wasser staute sich, schwoll und schwoll  und in der schlammigen, trüben Flut ertranken Blumen und Gräser, Büsche und Bäume. Im engen Tal entstand ein See. Klar und still liegt er jetzt da. Aus seinem graugrünen Wasser ragen heute noch die Überreste des Nadelwaldes heraus. Zwar wird von den Schäfern der Umgebung der Berg „Mörderberg“, der See „Mördersee“ genannt. Aber längst ist seine Flut nicht mehr trübe, längst birgt er lebendiges Wasser, Wasser des Lebens.

Wenn Du im Sonnenschein hineinschaust, blicken sanft die graugrünen Augen von Eszter zu Dir zurück.  


Roter-See--1-von-2-.jpg

   

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