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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Von Blüten und Bienen oder: Wie die Orchideen schwindeln

19. Januar 2013 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Meine Welten heute

Wie gerne bestaunen wir die Blumen, sie sehen so friedlich aus. Doch friedlich sind sie nicht so geworden wie sie sind. Gerade ihre Vielfalt und Schönheit ist das Ergebnis eines fortwährenden Kampfes um Nahrung und Fortpflanzung. Davon habe ich wieder mal gelesen in der Abhandlung von Steve Jones: „Darwins Garten“, der nicht nur den lieben Darwin mit seinen bahnbrechenden Erkenntnissen würdigt, sondern sie auch verknüpft, erweitert und relativiert mit den Erkenntnissen moderner Biologie.

Darwin war einer der größten Naturforscher, wenn nicht der größte. Mich fasziniert immer wieder, was er alles erforscht hat. Evolution war sein großes Thema (obwohl er den Begriff nie benutzt hat). Veränderung in der Entwicklung der Arten durch Mutation und Selektion. Damit die Fittesten und Fähigsten irgendwann überleben können, beginnt die Geschichte beim Sex. Der Kampf um einen Partner, hat Darwin festgestellt, ist neben dem Kampf um Futtertöpfe der erste großer Auslesefaktor. Wer seine Gene weitergeben kann gehört zu den Gewinnern der Gattung. Dabei sind alle Tricks erlaubt, Hauptsache das Weibchen glaubt, der Status des Männchens sei qualitativ hochwertig nach dem Motto: schau mich an, von mir erhältst du die besten Gene! (ist bei den Menschen auch nicht viel anders). Daraus erklärt sich das eindrucksvoll gefiederte Hinterteil des Pfaus und das Geweih des Hirsches (heißt ja nicht, dass sie die besten sind, aber sie tun so).
Jahre später hat Darwin Pflanzen untersucht und genau dieselben Mechanismen festgestellt. Die strahlendsten (und großzügigsten) Individuen bekommen mehr Bestäuber ab und reichen mehr Gene weiter. Bestes Beispiel sind die Orchideen, denen Darwin ein eigenes Buch widmete. Sie sind schön und kommen in der Natur oft vor. Es gibt 25 000 Orchideenarten - etwa jede 12. Blütenpflanze - und viele sind gewiss noch unentdeckt.
PhalaenopsisOphrysPaphiopedilumMaxillariaWikipediaBerndH.jpg
Orchideen und andere Blumen sind - ähnlich wie die Schwanzfedern des Pfaus - lebende Reklameschilder, die ihre Fortpflanzungsfähigkeiten anpreisen. Jetzt weiß ich auch, warum ich Orchideen als dekadent empfinde. Denn viele ihrer Arten schummeln (9/10 aller Schummler im Pflanzenreich sind Orchideen). Sie halten nicht, was sie versprechen.

Das natürliche Prinzip der Fortpflanzung auch der Pflanzen beruht auf Geben und Nehmen. Hat sich ein Bestäuber anlocken lassen, erwartet er eine Gegenleistung. Pflanzen brauchen  vertrauenswürdige und fleißige Kuppler, die Insekten dagegen möchten möglichst dick und faul durchkommen. Während eine Blüte kundtut, dass sie eine Belohnung anzubieten hat, muss die andere Partei sich entscheiden, ob sie anfliegt und dazu haben sie ein Abwägesystem. Orchideen investieren einen erheblich größeren Anteil ihrer Nahrung in die sexuelle Werbung als andere Pflanzen nach dem Motto: sieh mich an, ich bin  eine Schönheit. Doch die Orchideen sind im Schwindeln wahre Meister. Viele Gattungen protzen mit Attraktivitätgeben ihren Bestäubern aber nichts zurück.

Und diese  Taktiken haben mich besonders fasziniert. Einige Orchideenarten unterlaufen die Wünsche ihrer Bestäuber mit Blüten, die aussehen wie weibliche Insekten. Sie sind größer als die echten Weibchen und geben bis zu hundertmal so viel lockenden Sexualstoff ab. Das Männchen, das die falsche Braut vergeblich zu begatten versucht, um seine DNS weiter zu geben, erledigt dann diese Aufgabe für die Pflanze und gibt ihr die Pollen,  die es woanders gesammelt hat. Andere Arten werben nicht mit Sex sondern mit Gratismahlzeiten, die sie dann nicht liefern. Andere tarnen sich und sehen genau so aus wie Pflanzen in der Nachbarschaft, die eine Gegenleistung parat haben und locken mit besonderen Qualitätsmerkmalen etwa mit leuchtenden Farben, liefern aber nichts. Andere haben sich zu Pilze ähnlichen Formen entwickelt und locken bestimmte Mücken an. Schmarotzer lieben es auch, inmitten eines Blumenfeldes zu existieren. Sie haben dann ein ähnliches Aussehen und werden ebenfalls bestäubt. Wenn die Insekten merken, dass sie nichts zurück kriegen und andere Felder anfliegen, werden die ehrlichen Pflanzen gleich mit bestraft. Am besten täuschen diese Blüten die Insekten, die im Frühjahr geboren werden und noch keine Erfahrung haben.. Daher blühen Orchideen auch eher im Frühjahr als später im Jahr. Muss man sich mal vorstellen: die sexuelle Unehrlichkeit hat Darwin als erster erkannt.

Sexuelle Betrügereien kommen nicht nur bei den Orchideen vor. Der Kolibri bohrt einfach ein Loch in die Blütenwand und saugt den Nektar aus. Nix mit Bestäuben. Bei einigen Insektenarten bringt das Männchen eine tote Insektenlarve dem Weibchen als Geschenk mit und vergnügt sich, während das Weibchen frisst. Andere Arten verlängern die Begattung, indem sie das Geschenk vorher in Seidentäschchen einpacken, das die Partnerin erst öffnen muss. Und auch hier gibt es wieder welche, die betrügen. Einige Fliegen fertigen kunstvolle Täschchen. Und während die Männchen sich gütlich tun, packen die Weibchen aus und nix ist drin. Dann ist es zu spät, das Männchen lacht sich ins Fäustchen und hat sein Erbgut versprüht. Viele Tiere prahlen mit sexueller Potenz, obwohl sie in Wahrheit Schlappschwänze sind (kommt mir bekannt vor.) Doch kaum eine Tierart kann es mit den Orchideen aufnehmen, bei denen ganze Arten ihre Gene mit Lug und Trug verbreiten.
 
Der Kampf um Nahrung einerseits und Bestäubung andererseits schafft Abhängigkeiten zwischen Insekt und Pflanze. Die können so weit gehen, dass eine Pflanze sich nur von einer Insektenart bestäuben lässt und sich beide im Takt der Mutationen verändern. Darwin hat man eine Orchidee aus Madagaskar zugesandt, die hatte ein mehr als 11 Zoll langes Nektarium „und nur die untersten 1 1/2 Zoll waren mit Nektar gefüllt“. Darwin schloss daraus, dass es einen Nachtfalter auf Madagaskar geben müsse mit einem ebensolch langem Rüssel. „Es dürfte hieraus hervorgehen, dass ein Wettkampf im Erreichen bedeutender Länge zwischen dem Nektarium (der Orchidee) und dem Rüssel gewisser Schmetterlinge stattgefunden hat.“ (D) 1912 wurde dann wahrhaftig das Insekt mit dem langen Rüssel entdeckt, der aus dem fortwährenden Wettkampf mit der Pflanze hervorgegangen war. 
Manche biologische Beziehungen sind richtiggehend intim. So sind bestimmte Bienenarten so eng an ihren Partner gebunden, dass die eigene Fortpflanzung von ihm abhängt: Sie beziehen ihre Sexualstoffe, die Pheromene, aus der Orchideenblüte und können sich daher ohne den Besuch der Blume gar nicht paaren. Etwa die Hälfte aller Orchideen ist einem einzigen Bestäuber treu. Das kann allerdings ins Auge gehen. Stirbt der Bestäuber aus, stirbt meist auch die Pflanzenart aus.

Es gibt noch mehr Wundersames. Darwin: Es „hat mich kaum eine Tatsache (bei der Untersuchung der Orchideen RE) mehr überrascht als....die verschwenderische Fülle von Hilfsmitteln um denselben Zweck zu erreichen, nämlich die Befruchtung einer Blüte durch Pollen von einer anderen Pflanze“. So sind manche Blüten schlicht gebaut. Sie sehen aus wie der dunkle Eingang zu eine Höhle. Das lockt die Bienen an, auf ein Nickerchen herein zu kommen, und dabei bestäubt sie die Blüte. Eine andere Art lässt sich von Wespen bestäuben. Sie produziert einen Stoff, der riecht wie ein Blatt, das von Raupen angefressen wurde, die Lieblingsspeise der Wespen. Die derart angelockte Wespe kriegt kein Fleisch sondern nur eine Ladung Pollen.
Auch im Inneren haben Pflanzen eine Menge Tricks ausgebildet, um die Pollen an den Mann - sprich: das Insekt - zu bringen. Bei Orchideen sitzt das männliche Organ am Ende einer langen Säule. Die männliche Zelle, also der Pollen, ist nicht wie bei anderen Pflanzen pulverisiert, sondern jeweils kompakt mit bis zu 2 Millionen Pollenkörner zusammen gebacken. Ein klebriges Pulver darum herum sorgt dafür, dass  er am Insekt haften bleibt. Wundersame Mechanismen helfen nach. Viele Orchideenarten haben zu diesem Zweck einen Federdruckmechanismus entwickelt, der einen Pollenklumpen in die richtige Richtung schießt. Einige Arten haben für den Fall, dass der Klumpen sein Ziel verfehlt, immer noch genügend Energie, ihn „wie ein Pfeil (D)“ einen Meter weit weg zu katapultieren. Bei anderen Arten öffnet sich der Pollenklumpen nur beim Summen einer bestimmten Bienenart. Wieder andere Arten haben eine Wippe, die das Insekt auf die männlichen Blütenteile kippt. Und zum sicheren Transport der Pollen haben Bienen kleine Taschen an ihren Beinen.

Unglaublich, was sich alles in diesem langen Prozess der Anpassung und Spezialisierung, des Werden und Vergehens entwickelt hat. Ich verstehe, dass es Leute gibt, die dahinter einen Plan vermuten. Doch die Orchideen stützen Darwins Standpunkt, nach dem neue Arten durch natürliche Auslese entstehen. Die Entwicklung hat lange, lange Zeit gedauert. Der biologische Krieg tobt seit Millionen von Jahren. Die ersten Pflanzen ohne Blüten siedelten vor über 400 Millionen Jahren an Land. Die erste Blütenpflanze entstand vor 150 Millionen Jahren Jahren und die Orchideen in der Zeit, als die Dinosaurier ausstarben, also vor etwa 60 Millionen Jahren. Aus dem Ringen zwischen Pflanze und Insekt um Nahrung und Fortpflanzung, um zufälliges besser werden oder Verschwinden haben sich bis heute mehr als 300 000 Arten von Blütenpflanzen entwickelt und die mehrfache Zahl an Insekten.

Und den Mechanismus dahinter hat Darwin entdeckt. Was hat er entdeckt? Er hat entdeckt: Es gibt eine Gesetzmäßigkeit. Nämlich die, dass es keine gibt. Alles ist dem Zufall unterworfen, um jeden Akt wird neu gewürfelt. Was ich glaube? Ich glaube, ganz dahinter, hinter dieser Gesetzlosigkeit liegt ein Gesetz.

PS: Wenn dies eine Doktorarbeit wäre, könnte ich leicht wegen mangelnder Zitattreue  überführt werden. Mir ging es darum, aus der viel umfassenderen Darstellung von Steve Jones in „Darwins Garten“ Kapitel 8 „Wo die Biene schnuppert“ den Teil über Tricks und Schummeleien heraus zu destillieren. Und manchmal war die Formulierung von Jones besser als das, was mir dazu einfiel. Das meiste ist natürlich eigene Sprache.

 

PSS: Das Bild der Orchideen ist aus Wikipedia. Fotograf BerndH

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Joachim 03/29/2013 21:20


Der Bienenragwurz schummel geschickt mit seinem Aussehen. Er hat eine Bienenblüte.

R.Einloft 03/30/2013 15:41



Wirklich? Würde ich gerne mal sehen. Hab davon gelesen, dann kommen die Bienen, denken es wäre ein Weibchen und legen den Samen ab - den für die Ochidee. Da stand auch, dass die Bienen sauer
werden über die Täuschung und die Blume meiden. Bisher scheint es der Gattung noch nicht geschadet werden, es gibt ja immer wieder junge, abenteuerlustige Bienen.


Schöne Ostern wünsche ich Dir


Grüße aus dem kalten Tal


RE



Joachim 03/27/2013 19:45


Hallo RE! Eine hervorragende Abhandlung auf der Grundlage von Darwins und Jones Erkenntnissen. Habe ich mit Interesse eben glesen, und viele Einzelheiten und Besonderheiten sind mir neu. Der
erste Teil, wo es um Betrügereien und Schummeleien geht, ist amüsant zu lesen, aber - so richtig aus der Sicht des menschlichen Verstandes. Wir menschliche Spezie sind auch die einzige in der Natur, die beurteilt und verurteilt, um uns selbst zu genügen. Lach!


Vielen Dank für den Hinweis auf den Artikel und viel Freude beim Weiterforschen.


Herzl Grüße von mir und vom Bienenragwurz,


oachim

R.Einloft 03/28/2013 10:33



Tja, da hast Du recht, die Wertung geben wir zu. Schummeln in der Natur ist eine Strategie, die sich bewährt hat und demzufolge weiter besteht. Wir machen da eine moralische Kategorie draus. Ist
ja auch gut so, denn Menschen, die schummeln, sind nicht so recht passend in unserem Gemeinwesen.


Darwin und alles, was danach kommt, erforsche ich gerne. Find ich faszinierend. So lange es bei der Theorie bleibt, um die Welt besser verstehen zu können und nicht zu einer Glaubensrichtung
wird.


Pfleg mal Deinen Bienenragwurz schön und guck mal, wo der schummelt :)


Gruß und schönen Tag,


RE



John Core 01/28/2013 10:26


WOW - toller Beitrag! Nur ob Darwin einer der größten Naturforscher war ... wage ich zu bezweifeln ;-)

R.Einloft 01/28/2013 12:55



Danke für die Blumen. Ja, ich weiss, bei Darwin scheiden sich die Geister.


Bestens RE