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Dienstag, 10. november 2009 2 10 /11 /2009 10:45

Freilich gab es auch die andere Seite, das Elend, der Hunger, das Leid, die Kriminalität. Zwei Blocks hinter uns fingen zwei Favelas an, sich den Hügel hochzuziehen, Chapeu Mangueira und Babilonia, dort, wo ansonsten nicht gebaut wird. Die Behausungen in Favelas bestanden am Anfang nur aus Kistenbrettern, Blechkanistern und Palmwedeln als Baumaterialien, mittlerweile aber auch aus Stein und Holz. Sie werden oft als „Stadt in der Stadt“ bezeichnet, sind weitgehend unabhängig von der offiziellen Stadtverwaltung organisiert, oft unter der Leitung des Anführers des dortigen Drogenkartells. Deshalb gestaltet sich die Lebensqualität der Bewohner in den einzelnen Favelas auch durchaus unterschiedlich. Und oft ist der Ausblick besser als in einem Luxus-Penthouse.

Eigene in sich geschlossene Soziotope sind die Favelas, funktionierende Gemeinwesen mit kleinen Läden, Bars, Restaurants, Schulen  mitten in der Stadt, der hügeligen, an jedem Abhang mit eigenen Hierarchien, mit reichen Favelados, die nicht wegziehen weil sie ihre Umgebung, die enge Nachbarschaft schätzen, mit Armen, die gerade aus dem Norden zugezogen, sich mit Häusern aus Pappe begnügen müssen und nicht wissen, was sie morgen essen sollen, immer auf der Suche nach Arbeit, mit fleißigen Leuten in fester Anstellung - übrigens ein wichtiger Grund weshalb Favelas niemals aufgelöst werden können, auch wenn bessere Wohn- und Lebensbedingungen in Siedlungen außerhalb angeboten werden. Hier wohnen die Wächter, Aufpasser,  Autowäscher, Putzfrauen und Dienstmädchen der Reichen. Sie sind der Standort mitten in der Stadt - und natürlich mit Verbrechern, kleinen wie großen, am unsäglichen menschenverachtenden Ende die Drogenmafia, die mit Waffengewalt ihre Herrschaft ausüben, oftmals Tote hinterlassend, um in Ruhe ihren Geschäften nachgehen zu können. Natürlich gibt es auch die Diebe, Räuber und Halsabschneider am Strand und in der Stadt auf der Suche nach leichten Opfern, oft Touristen, aber auch die Einheimischen leiden unter ihnen. Wie soll sie es nicht geben bei diesem Gefälle zwischen Reich und Arm?

Zwölfstöckig unser Wohnblock (der rechte) direkt an der Atlantica, am unteren Ende von Leme. Im 11. Stock unsere Wohnung, unten eines der bekanntesten Lokale von Rio, Da Brambini, hervorragend das italienische Essen, getoppt nur von der auserlesenen Getränkekarte, Sternchen und Stars von Rio traf man hier, wir waren schnell willkommene Gäste, wurden an der Warteschlange vorbei zum freien Tisch geführt. Weiter unten, am Ende von Leme das beste Rodizio-Restaurant der Stadt mit seinem überragendem Angebot an Fleisch, auf Spezialkohle an Spießen gegrillt und vom Ober am Tisch abgesäbelt so viel man wollte. Üblich auch in unserem Block die Tiefgarage, sie war klein, man fuhr das Auto die Rampe hinab, ließ den Schlüssel stecken, der Wagen wurde vom Wart eng in eine Lücke geparkt, vor der Abfahrt rief man an, denn immer mussten einige Wagen bewegt werden, bis der eigene frei war. Bequem war das schon, sehr bequem. Die Leute im Haus kannten uns schnell, man begegnete sich im Aufzug, auf dem Stockwerk, vor dem Haus - das Leben fand draußen statt, Wohnungen mussten nicht so groß sein - beim Einkaufen. Immer waren sie nett, fröhlich, ansteckend in ihrer Neugierde. Schockierend zu Beginn ihre Offenheit und Lust, über das wichtigste Thema, Sex, zu reden. Es konnte vorkommen, dass man im Aufzug die Details der letzten Begegnung erfuhr. Sex war immer ein wichtiges Thema. Wir lernten schnell und gerne, das zu akzeptieren  

 

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  • Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte
  • : Erlebnisse, Geschichten, Abenteuer aus verschiedenen Welten. Vom Leben in Deutschland, Chile, Ecuador, Rio de Janeiro, Kolumbien, Tansania, Mosambik und heute im Dorf. Plus Bilder, Reflektionen, Ideen zu Wirtschaft und Gesellschaft, mit Witzigem und Brauchbaren.

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