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Donnerstag, 12. november 2009 4 12 /11 /2009 11:18

Viel zu lernen gab es, Angenehmes zumeist, Brauchbares auch. Trau als Fußgänger niemals einem Autofahrer, er ist stärker und nutzt das. Es kam vor, dass starrköpfige Touristen mit dem Fuß auf dem Zebrastreifen ihr Recht behaupten wollten. Sie taten es nie mehr, auch wenn es zumeist glimpflich abging, die Botschaft konnte ein Lied davon singen, Deutsche waren anfällig, wollten Recht behalten. Das mussten wir auch lernen, Recht hatte mit Stärke, Reichtum, Rang zu tun, allzu oft nicht mit Gesetzestexten. Verknackte Drogenbosse - ab und an hatte ein Richter doch die Traute - kauften sich Luxuszellen in den Gefängnissen, ausgestattet wie bürgerliche Wohnzimmer mit eigenen Kommunikationsnetzen, durch die sie Verbindung zu ihren Banden hielten, frisch dort weiter machten, wo sie aufgehört hatten. Ein Teil der Polizei war ein eigener Staat im Staat, mit eigenen Werten, Regeln und Absicherungen, keine Regierung schaffte es in unserer Zeit, sie zu demokratisieren. Natürlich mussten sie rau vorgehen bei Gangstern, die in mafiaähnlichen Strukturen organisiert waren, ihre eigenen Reiche in den Favelas mit schweren Waffen verteidigten gegen Polizei und Staat.

Sie ließen uns zumeist ungeschoren auf unseren Fahrten, das halbdiplomatische KFZ-Kennzeichen wies uns einen höheren Status zu, als nicht so einfach zu rupfende Hühnchen. An zwei Begegnungen erinnere ich mich gut. Ein Mal wurde es gefährlich, einmal lustig. Der Posten an der Stadtgrenze stoppte uns wirklich, öffnete, schwer bewaffnet, die Tür, fragte nach Feuer...dingsda, ich verstand Feuerlöscher, griff unter den Sitz und hatte seine Pistole am Hals. Er hatte nach Feuerwaffen gefragt, meine Bewegung als Gefahr durch eine unterm Sitz verborgene Waffe ausgelegt. Eine kleine Strafe musste ich zahlen, ich hatte ihn wohl zu sehr erschreckt. Er mich auch. Die andere Begegnung kam Mitte Dezember, bei der Rückkehr vom Wochenende außerhalb Rios zustande. Sie winkten uns an den Straßenrand, Sie sind zu schnell gefahren, beschied höflich der Offizier. Wieso? Mit was haben sie denn gemessen? Das haben wir gesehen, war die Antwort. Aha. Lange Diskussion über die Rechtmäßigkeit des Kennerblicks bei der Geschwindigkeitsmessung bis mich der Offizier zur Seiten nahm und beschwörend sagte: Aber es ist doch Weihnachten. Bei so viel Chuzpe kann man nur noch lachend zahlen, Bar versteht sich, mit der Bitte, die Strafe auf dem nächsten Polizeiposten für uns zu begleichen. Wurde dankend angenommen, die Spende. Polizisten verdienen tatsächlich wenig, kaum hinreichend, um eine Familie zu ernähren. Wen wunderts, dass sie andere Einnahmequellen suchen müssen. Besonders zu Weihnachten.  

Wir lernten, dass ein „jeitinho“ Schmiermittel der brasilianischen Beziehung ist, das sich Entgegenkommen nach dem Motto, tu mir einen Gefallen, ich tu dir auch einen, immer mit einem zwinkernden Auge an der offiziellen Langsamkeit vorbei, sie austricksend, diesen Behördenmoloch, der nie zu Potte kommt. „Dar um jeitinho“ ist der Ausweg aus dem Dilemma und beginnt schon am Flughafen bei der Einreise und dem strengen Zöllner. Mit „jeitinho“ ist oft was zu machen, lernen mussten wir seine Anwendung. Es kann auch daneben gehen. Wir lernten, das wichtigste Getränk der Cariocas zu schätzen, nein, nicht die Caipirinha, Bier ist es, brasilianisches, zumeist Brahma. Kalt wird der "chope" getrunken, sehr kalt, „uma estupidamente gelada“, ein extrem kaltes. Überall die Bierstände, an denen steht der Carioca in Flip-Flops, Badehose, T-Shirt, wenn er mal arbeiten muss auch im Anzug, diskutiert und labt sich am leichten Getränk, das aus dem Fass durch ein mit Eis verpacktes Rohr aufsteigt, schäumend-kalt in Gläser gefüllt wird, die in Eiswasser gelegen haben, noch beschlagen vom Frost sind. Es zischt beim Trinken, löscht den Durst, macht die Hitze erträglich.

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