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Samstag, 14. november 2009 6 14 /11 /2009 11:19

(Fortsetzung der Geschichten Teil IV, was wir alles in Rio lernten)

Wir lernten, dass der Winter “eine Woche, ein strenger Winter zwei Wochen dauert“, die Temperatur auf frostige 23 Grad tagsüber und 18 Grad nachts fallen kann. Dann zieht der Carioca alles was er an T-Shirts hat übereinander an, denn Winterkleidung kennt er nicht, läuft wie eine Wurst mit vielen Pellen durch die Gegend, zittert und hofft auf den Sommer. In der Tat können 23 Grad kalt sein wenn man ansonsten 30 Grad und mehr gewohnt ist.

Und wir lernten, mit dem chaotischen Autoverkehr umzugehen, allerdings nie mit der Eleganz einheimischer Autofahrer, denen Verkehrsregeln eher ein Hinweis denn ein Gebot bedeuten. Rasant fahrend überholen sie links wie rechts, biegen ab ohne Vorwarnung, manchmal quer über alle Spuren und wenn es notwendig ist, fahren sie auch gegen die Einbahnstraße. Ampeln sind ein Hinweis mit möglichen Querverkehr zu rechnen, die Entscheidung zu fahren oder nicht behält sich der Fahrer vor. Doch, oft klappt es und die ganze Schlange hält. Auch die Verkehrsführung war gewöhnungsbedürftig, sie konnte wechseln. Werktags, zu Stoßzeiten, wurde die Avenida Atlantica umfunktioniert zur Einbahnstraße, morgens in Richtung Stadt, abends stadtauswärts. Dann schalteten die Ampeln alle sechs Spuren in eine Richtung, morgens wälzte sich die Blechlawine am Strand vorbei, bog ab in die Princesa Isabel Richtung Stadt , abends kam sie aus ihr, strebte zurück zu den Vorstädten. Es klappte immer, das Umschalten. Jeder wusste es, stellte sich darauf ein und folgte dem einsamen Polizeiwagen, der mit Rotlicht die Gegenbahn frei machte. Hält der Strom der Fahrzeuge an, wieseln plötzlich kleine schwarze Kinder zwischen den Autos herum, putzen Scheiben, verkaufen Kaugummi, bieten Getränke an, betteln. Manche der Fahrer schauen stur gerade aus, andere geben, kaufen, unterhalten sich mit den Kindern, streicheln sie. Die Ampel springt auf Grün und schon sitzt die „galera“, die Rasselbande, oft Ernährer von Familien oder Kinder, die auf der Straße leben, wieder nebeneinander auf dem Bürgersteig und macht Unsinn.

Hollywoodreif war das Erlebnis eines Nachts. Wir kamen von Freunden außerhalb zurück, hinter dem Tunnel eine Blechbrücke, alt, zweispurig, eng, es rasselte, wenn man darüber fuhr. Dann gab es noch ein Geräusch, wurde stärker, ein Wagen überholte und schnitt uns um Zentimeter,  manövrierte in Höchstgeschwindigkeit und Schlangenlinien durch den Fahrzeugpulk, ich sah Gestalten aus dem Rückfenster lehnen, nach hinten wild hantierend, die schossen! Die schossen nach hinten, mitten in der Autokarawane. Ausweichen konnte ich nicht auf der Brücke, hinter uns tauchte ein Polizeifahrzeug auf, Polizisten feuerten aus den Seitenfenstern auf den vor ihnen fahrenden Wagen, wir waren nicht im Film, wir waren dazwischen, das war wieder mal ernst. Gott sei Dank passierte uns unfreiwillig Beteiligten nichts, aufeinander schießend verschwand der Spuk.

„Alles OK“ oder „keine Aufregung“ oder „Mensch, das hast du gut gemacht“, Konfliktreduzierung, positive Rückmeldung bedeutet der aufgereckte Daumen, das primäre Kommunikationsinstrument der Cariocas, weit verbreitet in ganz Brasilien. Saust ein Autofahrer quer über alle Spuren in die Seitenstraße, dann kommt der Daumen aus dem Seitenfester, Tschuldigung, ging gerade nicht anders. Hebt der Ober von ferne den Daumen, will er wissen, ob alles OK ist oder noch Bestellungen anstehen. Einmal sahen wir mit Entsetzen einen Radfahrer mit seinem Freund auf der Stange entgegen der Fahrtrichtung auf der mittleren Spur den Autos entgegen fahrend, ausweichend, rechtwinklig abbiegend, lachend den Dauen in die Höhe strecken, prima Abenteuer, regt euch nicht auf. Täglich braucht man ihn, den Daumen. In Deutschland nicht, das hatten wir vergessen und führte zu Verwirrung. Der Ober brachte ein weiteres Bier nach meinem Zeichen „alles prima“.

Wir fühlten uns gut in der Stadt, voll von neuen Abenteuern

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  • Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte
  • : Erlebnisse, Geschichten, Abenteuer aus verschiedenen Welten. Vom Leben in Deutschland, Chile, Ecuador, Rio de Janeiro, Kolumbien, Tansania, Mosambik und heute im Dorf. Plus Bilder, Reflektionen, Ideen zu Wirtschaft und Gesellschaft, mit Witzigem und Brauchbaren.

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