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Samstag, 31. oktober 2009 6 31 /10 /2009 13:26

Bahia ist alt und voller Historie. 1549 haben die Portugiesen hier ihre erste Hauptstadt als koloniales Zentrum errichtet. Indios wurden aus dem Landesinnern an die Küste gebracht als Arbeitskräfte für die Zuckerrohrplantagen. Hart war die Arbeit, zu hart. Verfolgung und Anfälligkeit der Indios für europäische Krankheiten kamen hinzu, viele starben. Sklaven aus Afrika einzuführen war die glorreiche Alternative (keinesfalls für die Sklaven) und Beginn des Völkergemisches. Vier Gruppen bilden den Ursprung der brasilianischen Bevölkerung: die Portugiesen, die ursprünglichen Kolonialisten, die Afrikaner, ehemalige Sklaven, verschiedene Immigrantengruppen, (hauptsächlich aus Europa, dem Nahen Osten und Asien, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Brasilien angesiedelt haben - seit 1818 sind über 300.000 Deutsche eingewandert -, unter ihnen eine große japanische Bevölkerungsgruppe - 1 Million alleine in Sao Paulo - außerdem viele Polen), und natürlich die einheimischen Volksgruppen der Tupi- und Guarani-Sprachfamilien (200 ethnische Gruppen mit insgesamt etwa 500.000 Mitgliedern). Sehr viele von ihnen haben sich so umfassend vermischt, dass eine klare Zuordnung oft nicht mehr möglich ist. Und leben, summa summarum, recht friedfertig miteinander. Aus einem Kolonialstaat, der in ein Königreich überging, die Unabhängigkeit erkämpfte, ein Königreich blieb, Demokratie und Diktatur erlebte der, seit 1985 wieder Demokratie folgte, bis heute blieb, stabiler wurde, war unversehens ein multi-ethnisches Land geworden, das nur wenige Rassenschranken kannte. Hier oben in Bahia aber dominierte die schwarze Bevölkerung.

Angst hatten wir oft in dieser Stadt, seltsam, so viele Touristen und so viel Lob der Schönheit, wir aber waren vorsichtig. Man hatte uns gewarnt, ja doch, aber vor Rio hatte man uns auch gewarnt, da war sie nicht so dominant, die Angst. War es, weil die Stadt so anders war, auch die Menschen, war es, weil vieles verfallen, die Armut bis ins Zentrum vorgedrungen war? Wir waren Weiße, die fielen auf, die waren reich. Natürlich verdienten die Menschen nicht im Jahr was unsere Kamera gekostet hatte, warum sollten sie nicht versuchen, sie abzunehmen, klang logisch. Armut, so lernten wir, dominiert Brasilien, mancherorts ist sie pittoresk, malerisch anzuschauen, auch die Menschen agieren nicht betrübt wie Arme in unserer Vorstellung, sie sind oft lebenslustig, wohlgemut, genießen ihr Leben. In Bahia sprang uns die Armut an, sichtbarer als in Ecuador, fordernd, Abhilfe verlangend. Mag sein, dass es ein Anfangseffekt war, ausgelöst durch diesen krassen Gegensatz zu einer Wohlstandsgesellschaft, die wir die letzten 5 Jahre wieder genossen hatten. Die Armut sollte uns die ganzen Zeit begleiten, noch sichtbarer in Rio, da begann die Favela einen Block hinter dem Haus, in dem wir wohnten. Sie wurde ein Teil unseres Lebens, den wir nicht ändern konnten, doch zumindest einigen haben wir geholfen, dienstlich und privat. In Bahia waren wir noch hilflos. Nie sind wir überfallen worden, die Kamera haben wir noch heute. Obwohl: fast wäre sie weg gewesen, später, wenn M nicht so kaltschnäuzig reagiert hätte. Aber das erzähle ich weiter unten. Nicht alles Negative auf einmal.

Anspruchslos hatten wir gewählt, in einer Familie zu wohnen, Sprache auch außerhalb des Kurses von Einheimischen zu lernen. Zwei ältere, würdige Damen empfingen uns zurückhaltend, hier, ihr Zimmer, verschwanden - was sie dann immer tun sollten, uns kaum Gelegenheit zum Reden gebend. Voll war das Zimmer mit uns, den Koffern und Taschen, dem Bett, dem Schrank und dem Tisch. Hier sollten wir es sechs Wochen aushalten? Das Fenster zum Hinterhof bot ebenfalls einen trübsinnigen Ausblick. Experte war ich, Leiter des Büros einer internationalen Organisation und wieder in einem sparsam möblierten, engen Zimmer wie in alten Zeiten und während des Studiums. Wir machten das Beste draus und gingen aus. Das konnte man in Bahia.

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