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Mittwoch, 18. november 2009 3 18 /11 /2009 12:31

Oswaldo war die nächste Adresse für unsere Gäste. Allein die Fahrt hinaus, fast vor die Stadt, führte am Strand von Ipanema und Leblon vorbei, durch Gavea und den Nationalpark nach Barra da Tijuca, von Bergen eingefasst an einem meilenweiten Strand gelegen. Im Ort, versteckt, nur Kennern bekannt, das einfache Lokal mit den besten Batidas der Stadt, jenem süffigen Getränk gemixt aus dem landeseigenen Zuckerrohrschnaps Cachaca, tropischen Früchten, weißem Rohrzucker, Limonen und Eis. Herausragend die Batida de Coco, aber auch die 2 Dutzend anderen Geschmacksrichtungen von Maracuja über Erdnuss bis Zitrone waren nicht zu verachten. Es schmeckte verführerisch gut, die lustvollen Gesichter beim ersten Schluck waren ein Foto wert.

Manchem schmeckte es zu gut. Zu meinem Job gehörte es, Politiker, Gewerkschafter, für die FES wichtige Leute zu betreuen, Programme zu machen, Kontakte her zu stellen. Seltsam war schon, immer öfters kamen Delegationen vorbei, die eigentlich woanders hin wollten. Sie alle nahmen den Umweg über Rio. Es hatte sich wohl rumgesprochen, dass wir exzellente Begleitprogramme anboten. In der Tat war es mir ein Vergnügen, diesen oft gestressten Leuten die Schönheiten der Stadt zu zeigen. Es gab genug davon.

Thierse kam um 5.00 Uhr morgens, Lufthansa hatte einen sehr unangenehmen Flugplan, er lehnte es ab, wie die anderen Besucher im Hotel den time lag auszuschlafen, wollte möglichst alles sehen. Es wurden ein intensiver, langer Tag. Fast hätte wir ihn in eine unglückliche Situation gebracht, ihn, der unbedingt das Elend sehen wollte. Der Wagen war plötzlich umringt von böse blickenden jungen Leuten, was habt ihr hier zu suchen, der Fahrer reagierte blitzschnell, wir kamen frei und suchten sicherere Zonen auf. Oswaldo war zum Ausgleich gut. Thierse schmeckte es, wollte aber weiter, mehr sehen, hören, Informationen sammeln. Matthiesen, Minister für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft in NRW, war da schon ein anderes Kaliber. Die gesamte Delegation soff sich fest bei Oswaldo, erfreute das Lokal mit markigen Sprüchen und lautem Lachen. Wir mussten dringend zurück, die Zeit reichte kaum, der Empfang beim Gouverneur wartete. Ich drängte, einige standen auf, da erhob sich Matthiesen, nicht mehr sicher auf den Beinen und verkündete, wenn der Minister sagt, es wird noch einer getrunken, dann wird noch einer getrunken. Die Hälfte der Delegation blieb im Hotel, war nicht mehr fähig zu Gouverneursgesprächen. Matthiesen habe ich bewundert. Sichtbar angeschlagen hielt er trotzdem seine Rede tadellos, sein Zustand machte ihn, den ansonsten spröden, zu einem witzigen Gesprächspartner, der die Brasilianer mit seinen Ideen zum Umweltschutz faszinierte.

So, jetzt gründen wir eine Nebenstelle der Gewerkschaft Bau, Steine, Erde sagte der Delegationsleiter, Sektion Barra da Tijuca. Und dann müssen wir regelmäßig her. Es war schon das zweite Mal, dass sie kamen, auf ihren Reisen zu Kongressen in Chile Zwischenstopp in Rio einlegten. Schien ihnen zu gefallen. Er holte ein leeres Blatt Papier heraus, fing an, die Statuten aufzuschreiben. Meinte der das Ernst? Der Tisch stand voll mit kleinen Batida-Gläschen, eine eigene Methode abzurechnen, immer neue zu bringen, zum Schluss die Anzahl zählen. Sie hatten alle Sorten probiert, die vier Mitglieder der Delegation - ich durfte nur wenig trinken, fuhr selber, damit alle in den Wagen passten - und waren wieder zu Batida de Coco zurückgekehrt. Wir haben die Sektion mit viel Spaß und wirren Ideen gegründet, ich glaube, sie wurde nicht anerkannt.  


Frank schoss den Vogel ab. Er kam alleine und ging zu zweit. Mutti, Mutti, sagte er ganz aufgeregt am Telefon, ich hab jemand kennen gelernt, jemand ganz süßes. Er war, wie immer, nur ein paar Tage bei uns geblieben, dann musste er reisen. Frank konnte das, mit wenig Geld viel sehen. In Bahia dann war es geschehen, da war diese kleine, knuddelige, hübsche Frau, er hatte sich über beide Ohren verliebt. Ich bring sie mit, aber klar, natürlich, kommt. Ana Paula, geboren in Sao Paulo, war eine jener Mischungen, wie sie nur im Hexenkessel des Ethnienmix Brasilien selbstverständlich sind. Die Mutter Japanerin, der Vater Spanier, aufgewachsen in einer der unzähligen japanischen Einwandererfamilien - Oma und Opa sprachen kaum portugiesisch - und trotzdem Brasilianerin. Sie studierte Mathematik, arbeitete als Informatikfachfrau im Computerzentrum der Universität von Sao Paulo, hatte von all den vielen Einflüssen prägende Eigenschaften: fleißig - wenn sie nur die Zweite in der Schule war, erzählte sie, war es nicht gut genug für ihre Mutter -, stolz, selbstbewusst, weiblich, ein Kind des Landes. Wir nahmen sie gerne in unsere Familie auf, sie gehörte dazu, auch wir waren stolz auf unsere Weltoffenheit, hatten dauernd Vorbilder gelebter Multikultur um uns herum. Frank hing an Ana Paula, er, der große, musste sich dauernd bücken, tat das oft. Sie blieben zusammen, lange Zeit, haben geheiratet, schenkten uns zwei herrliche, wunderschöne Enkelkinder mit blauen Augen, apart ein wenig schräg stehend. Ihrer Einreise nach Deutschland war unproblematisch, durch die spanische Staatsangehörigkeit ihres Vaters war sie auch noch Europäerin
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  • Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte
  • : Erlebnisse, Geschichten, Abenteuer aus verschiedenen Welten. Vom Leben in Deutschland, Chile, Ecuador, Rio de Janeiro, Kolumbien, Tansania, Mosambik und heute im Dorf. Plus Bilder, Reflektionen, Ideen zu Wirtschaft und Gesellschaft, mit Witzigem und Brauchbaren.

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