Gebrauchsanweisung
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Nicht alles ging gut, einiges war seltsamerweise zum Schluss trotzdem gut. Zu acht saßen wir im Auto, Schwester Hanne, Jörg, die beiden Kinder Kathi und Lukas, Frank und Ana Paula, wir kamen zurück von einem langen Wochenende auf der Ilha Grande, einer dieser 350 Inseln südlich von Rio. Ich erinnere mich an den kleinen dreijährigen Lukas, der, frei gestellt, von allen Köstlichkeiten auf dem Buffet, stur Weißbrot, Nudeln und Gurken futterte. Aber Lukas, da sind doch so viele schöne Sachen. Aber ich darf doch, sagte er und nahm sich Weißbrot, Nudeln und Gurken. Es war schön in den kleinen Hütten, geangelt hatten wir, waren Boot gefahren, hatten einsame Strände entdeckt, waren durch den Tropenwald gelaufen und abends schreckensbleich in den Hütten verschwunden, die Löwen kommen. Der Wächter lachte sich schubbelig, das sind Brüllaffen, ihr Weißhäute. Nun aber saßen wir fest in unserem Auto, innen und außen. Seit Stunden ging es nur schrittweise voran, wenn überhaupt. Der Rücklauf aus dem langen Wochenende hatte einen Stau apokalyptischen Ausmaßes entwickelt. Oder war die Zukunft schon eingetreten, die Welt zu mit KfZ? Wir hatten nichts zu essen und zu trinken dabei, wollten eigentlich schon zu Hause sein, machten uns Sorgen um die Nerven der Kinder. Doch die fingen an, uns zu beruhigen. Zuerst singen, wir sangen was wir konnten, dann erzählen. Ich habe sie noch im Ohr, die Stimme der kleinen Katharina auf der Rückbank, mit den Fingern in ihrem Haar drehend, vom Karlson auf dem Dach erzählend, fast lückenlos kannte sie das Lindgren-Buch über den Jungen mit dem Propeller auf dem Rücken, der allein in einem Haus auf dem Dach lebt, phantastische Fähigkeiten besitzt und auf Erwachsene nicht hört: Karlson, Karlson, wechsele deine Strümpfe, rief die Oma. Da wechselte ich meinen linken Strumpf auf den rechten Fuß und den rechten Strumpf auf den linken Fuß. Wir hatten kaum gemerkt, dass es weiter ging. Fünf Std. hat die Fahrt gedauert und war mitnichten langweilig.
Anderes hätte schlimmer ausgehen können. Öfters saßen wir vor dem Restaurant Ecke Av. Atlantica-Princesa Isabel mit der guten Aussicht auf Flanierende, schöne Frauen und Männer, die auf Touristen warteten, den Verkehr, der interessant sein konnte. Eine Frau im Bikini mit tiefgeschnalltem Handy und Stiefeln auf einem schweren Motorrad sieht man nicht alle Tage. Und eine Schönheit im Tanga auf einem Rennrad konnte der Beachtung und Würdigung aller sicher sein, sah das scharf oder schon verboten aus? Gute Caipirinha gab es, wohlschmeckende Kleinigkeiten, gutes Essen in kribbelnder Atmosphäre. Die schlug um in Gefahr. Friedemann wollten wir den schönen Ort zeigen, saßen mitten in dem bunten Gewühl, Verkäufer standen herum, boten Tücher, Schmuck, Kinkerlitzchen an, da saust ein Auto um die Ecke, aus dem Seitenfenster ragt eine Pistole, es macht plopp, plopp, plopp, Querschläger plingen, Menschen schreien, ich auch, unter den Tisch, runter, runter. Von unten sehe ich M und Friedemann sitzen bleiben, erstaunt dem Gewirr sich versteckender, fliehender Menschen zuschauen. So schnell wie die Gefahr kam war sie vorbei. Warum seid ihr nicht unter den Tisch? Wir dachten, das hat sowieso keinen Zweck. Kann sein. Die Attacke hatte wohl einem Bandenmitglied unter den Gästen gegolten.
Manches auch war weniger schlimm als befürchtet. Werners Geburtstag fiel in die Zeit seines Besuches. Zusammen mit Sonia kamen sie, wie in Ecuador, diesmal nicht die Söhne sondern uns beglückend. Ihm, dem nun schon renommierten Fotografen ein besonderes Geschenk zu machen war nicht einfach. Dann kam die Idee. In Rocinha, der mit 250 000 Bewohnern größten Favela Rios unterstützten wir als FES ein Projekt, in dem Frauen Stoffreste von Kleiderfirmen umsonst bekamen, sie weiter verarbeiteten zu mittlerweile atemberaubenden Kreationen, Preise bei Modenschauen gewannen, aber keine Ve
rkaufskanäle hatten. Gut geschossene Modefotos konnten uns helfen, ihre Bekanntheit zu erhöhen. Wir schenkten Werner ein professionelles Model für einen Tag für Aufnahmen in und außerhalb
der Favela. Das aber ging nur, wenn der Drogenboss, Herrscher der Ansiedlung, seine Zustimmung gab. Er gab sie und von da an waren wir sicher. So sicher, wie in Abrahams Schoß, niemand würde wagen,
uns oder Werners teure Ausrüstung anzurühren. Aufregend war sie schon, die Fahrt hinauf zum Eingang, beäugt und angekündigt von den Jungen rundherum auf den Hügeln, die mit ihren Drachen Signale
sendeten. Der bewaffnete Wächter am Eingang hieß uns warten, schon nach kurzer Zeit durften wir einfahren. Eine andere Welt voller schmaler, steiler Gässchen tat sich auf, einfache Wohnungen, mit
Backsteinen oder Hohlblocks zusammen gestückelt, klebten aneinander wie verschachtelte Legosteine, kleine Lädchen, Verkaufsstände, einfache Bars überall, reger Betrieb auf den Gassen, die Leute
grüßten freundlich, wiesen den Weg. Die Frauen freuten sich über den Besuch, angekündigt zwar, doch ganz hatten sie nicht glauben wollen, dass richtige Profis kommen, ihre Produkte vorteilhaft
aufnahmen. Wir wurden von Familien nach Hause eingeladen, bestaunten die verwinkelten, doch gut ausgestatteten Wohnungen mit Fernseher, Musikanlagen, Küchen, Wohnzimmer, Schlafzimmer, alles wie in
der Welt unten auf die sie eine fantastische Aussicht hatten. Das, sagten sie, ist unsere Welt, nein, hier wollen wir nicht weg, alles da, wie ihr seht und alles billiger. Neuerdings, sagten sie,
gibt es auch Schulen und Krankenhäuser, der Staat fängt an, uns zu akzeptieren, wir haben Wasser und Strom und wenn es keine Drogenkriege gibt, sind wir hier sicher. Die Bosse führen ein hartes
aber gerechtes Regime. Natürlich beklagten sie ihre Armut, sie mussten eng zusammen leben, viele kleine Einkommen summieren um auszukommen. Verwunderlich war das alles, ganz anders, als
vorgestellt. Und herzlich. Werner fotografierte bis zum späten Nachmittag vor pittoreskem Hintergrund und großartiger landschaftlicher Kulisse, später wechselten wir an den Strand,
vervollständigten die Serie. Zumindest eine russische Fluggesellschaft hat sie veröffentlicht, an einer internationalen Modenschau in Berlin haben sie erfolgreich teilgenommen, eine eigene
Verkaufsstelle in einem Einkaufszentrum in der Stadt eingerichtet. Aber immer klaffte eine Lücke zwischen der Akzeptanz der Modewelt, auch in Brasilien und dem größeren Erfolg, ihre fantasievollen
Kreationen zu vermarkten
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