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Dienstag, 24. november 2009 2 24 /11 /2009 11:19

Toria, M´s Zwillingsschwester, war zwei Mal bei uns. Beim ersten Besuch kam sie, von einer Krankheit genesend, am Flughafen an, aufgeschwemmt von Kortison und leidend aussehend. M war sehr erschrocken, wir machen dir eine schöne Zeit, sagte sie, bringen dich wieder auf Vordermann. Schnell ging das in der Stadt mit den freundlichen Personen. Was hast du für schöne blaue Augen, sagten sie ihr im Aufzug. Und solch schönes Haar, deine Schwester? Was hast du  für ein Glück, M als Schwester zu haben. Ihr beide passt zusammen. Das baute auf, die sahen nicht oder wollten nicht sehen wie sie wirklich aussah, die suchten sich was Schönes raus und sagten es. Sonne, Strand, gutes Essen, Trinken sowieso und angenehme Menschen brachten recht schnell die Toria zurück die wir kannten, die lebensfrohe, strahlende. M nahm sie mit, ließ ihr die Augenbrauen mit permanenter Schminke tätowieren wie so viele Cariocas, die konnte nicht mehr verlaufen am Meer, sie bekam eine neue, vorteilhafte Frisur, wurde braun und war wie ausgewechselt. Es gibt ein Brustbild meiner Damen, da strahlen sie um die Wette. Ich war stolz mit beiden auszugehen.

Beim zweiten Besuch zum gemeinsamen 100sten Geburtstag der beiden kam ihr Mann Günter mit, ein Nürnberger Original, jedem Neuen abhold, besonders dem Bier, das nicht seine Marke war, von dem er viel brauchte. Er stöhnte über die Hitze, ging nicht an den Strand, seh ich grad genug vom Fenster aus, sagte er und wenn wir essen gingen, prüfte er kritisch die Gerichte und bestellte Schlachtplatte ähnliche. Er flog früher zurück, sein Gewohntes fehlte ihm. Zum Abschied gingen wir Feijoada essen, das traditionelle Samstagsgericht der Brasilianer aus Rind- und Schweinefleisch - ein Schweineschwänzchen darf nicht fehlen - mit Speck, Wurst, Knoblauch und viel Pfeffer lange gekocht, mit schwarzen Bohnen, Reis, geröstetem Maniokmehl und Grünkohl serviert. Ein verrückter, gut schmeckender Eintopf, früher Sklavengericht aus Resten, jetzt Nationalgericht. Da kriegste dein Schweinefleisch, sagte ich ihm. Er aber misstraute dem Frieden, verschwand, kam wieder, hatte einen Burger beim Mc Donald´s gegessen. Lass mich mal probieren, sagte er als das Gericht für uns kam, beäugte es kritisch, verzog das Gesicht ob des ungewohnten Aussehens, nahm eine Gabel voll und begann zu essen. Hättet ihr mir früher sagen können wie´s schmeckt, grummelte er. Nicht unglücklich, dass ihr Grummler weg war, begann Toria wieder ihr Carioca-Leben und genoss.

Das ist für Sie, sagte der Ober mit verschwörerischer Stimme und gab Goran mit verdeckter Hand ein gefaltetes Briefchen. Wir saßen beim Italiener unten im Haus, hatten gegessen, tranken noch etwas, das Lokal war voll, wie immer  viele schöne Frauen dabei. Ein Torpedo, flüsterte der Ober, von einer Frau, schauen sie sich nicht um, tun Sie, was drin steht. Ruf mich an und eine Telefonnummer stand da, wir schauten verdutzt, Torpedos kannte ich noch nicht, ein Stich von Eifersucht durchzuckte mich. Klar, Goran sah blendend aus, nach ein paar Tagen in der Sonne war er braun gebrannt, keine Frage, dass er Frauen gefiel. Am nächsten Tag rief er die Nummer an, konnte sich mit Spanisch gut verständigen, vereinbarte ein Treffen und kam drei Tage nicht mehr zurück. Am Samstag meldete er sich telefonisch, M fragte, wo bist du, im 7. Himmel sagte er, aber morgen komm ich zurück. Diesmal hatte er mehr Glück, seine neue Freundin war reich, hatte eine Pferdefarm und Goran wollte fortan Pferde züchten. Beim seinem ersten Besuch war er reingefallen. Freudestrahlend kam er nach Hause, erzählte von der schönen Frau die er kennen gelernt habe dort in dem Lokal wo wir immer hin gehen. Er war begeistert, wie unkonventionell der Kontakt zustande gekommen war, wie nett die junge Frau geredet habe, wir müssten sie kennen lernen, ob er sie einladen dürfe. Uns schwante nichts Gutes, sie kam, war aufgedonnert mit tiefem Ausschnitt, interessierte sich umgehend mehr für mich, dem sie größere finanzielle Möglichkeiten zutraute, sie hatte keine Hemmungen. Goran, das ist eine Professionelle, versuchten wir ihn aufzuklären. Nein, das glaub ich nicht, sie ist Angestellte, hat ein Kind, wohnt bei ihren Eltern. Er zog nach einigen Tagen bei ihr ein und erhielt am Ende des Monats eine Rechnung, schließlich müsse sie Kind und Eltern ernähren, könne nicht arbeiten mit Goran bei sich zu Hause und bitte freundlichst um die Spende. Sie war bezahlbar und Goran um eine Erfahrung reicher.       

Mit den Jungen waren wir in Grumari zum Sonnenuntergang. Nur mit guten Freunden fuhren wir an diesen besonderen Platz, das letzte Restaurant der Stadt am südwestlichen Abhang der Bergkette, die Rio umgibt. Ein herrlicher Ausblick wie aus einem Vogelnest auf das Meer linkerhand, die Mangroven im Tal, weite Sicht auf Land und Wasser Richtung Sao Paulo. Wie ein glühender gelber Ball tauchte die Sonne in das Meer, versank Zentimeter um Zentimeter, ihre Farbe durch Orange zu Rot changierend und verschwand. Jedes Mal vermeinte ich zu spüren, wie wir uns drehten, der Rotation der Erde folgten, irgendwann auf dem Kopf standen. Da half nur eine weitere Caipirinha, die Musik begann, der Tanz, die Freude der Nacht. Wir fuhren zurück und dort, auf der Anhöhe bevor es hinunter geht nach Ipanema, geschah das zweite Schauspiel. Der Mond ging auf über Rio, kam aus dem Meer mächtig, rund und rot,  stieg langsam, wir sprangen aus dem Wagen, standen ehrfurchtsvoll, warteten, die Lichterketten der Stadt zeichneten ihre Linien zwischen den Bergen, die sie umgab, wir konnten die Lagoa ahnen, den Strand bis runter nach Copacabana sehen, der Zuckerhut glühte auf, Christo wurde hell, und der Mond beschien die Stadt die wir liebten.

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