Gebrauchsanweisung
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Verglast bis zum Boden war die Stirnwand meines Büros mit Blick auf die Bucht, den Zuckerhut, die im Bootshafen vertäuten Segelschiffe, den Flughafen hinten links auf dem lautlos
Maschinen starteten und landeten und wenn ich gerade hinunter schaute war da der kleine Platz mit der Statue und den Bänken, auf denen immer Leute saßen. Außer Renate, meiner Assistentin, waren
alle Brasilianer, nett, freundlich, herzlich. Die Zwei, die nicht nett waren, hielten sich nicht lange. Auch das kam vor, das Mitarbeiter versuchten, einen zu beklauen, sich Vorteile zu schaffen,
war freilich selten. Wir arbeiteten mit einem kleinen, festen Stamm und einer Reihe externer Experten, die nach Bedarf eingesetzt wurden.
Wirtschafts- und Sozialprojekte mit Multiplikatoreffekt für die beteiligten nationalen Organisationen zu initiieren, gemeinsam durchzuführen, externen Wissen einzuspeisen, sie "lauffähig" zu machen und zu übergeben war unsere Aufgabe. Dazu kamen Fachsymposien, Expertenaustausch, Veröffentlichungen, Kontakte zu politischen Stellen und was sonst noch so alles anfiel. Im Zentrum unseres Auftrags stand die Entwicklung der Klein- und Mittelindustrie, die Verbesserung ihrer Rahmenbedingungen und da herum rankten sich die verschiedenen Ansätze. Die reichten von einem Entwicklungsprojekt mit nationaler Auswirkung bis zu direkter Unterstützung von kleinen Frauenkooperativen in den Favelas. Interessant und vielfältig war das, nur zu leisten mit einem herausragendem Staff. Die meiste Auswirkung hatten wir, glaube ich, bei einem Großprojekt, in dem partizipative Ansätze zur regionalen Planung erprobt und letztendlich auch von den Gemeinden angewandt wurde. Das war ein Modell, mit dem wir national und international hausieren gingen, schaut mal, wenn man die Beteiligten einschließt, mit ihnen plant, geht’s besser.
Da war diese Stadt nördlich von Rio in der VW eine Zweigstelle ansiedeln wollte. Bis dato war es in diesen Ländern so, dass umgehend wie ein wuchernder Pilz darum herum alle möglichen Kleinbetriebe vom Ersatzteillieferer bis Kleinküchen entstanden. Neue Siedlungen, Kleinstätte schossen ungeplant aus dem Boden, konnten schwer eingegliedert werden. Wilde Wucherungen lassen sich nicht mit zentraler Gewalt einfangen, partizipative Planung war das Schlüsselwort, Einbindung der Beteiligten, gemeinsam überlegen und aufbauen. Das vermittelten wir, führten es vor, es funktionierte. Nun ja, einigermaßen.
Ab und an waren Empfänge für wichtige oder sich für wichtig haltenden Personen zu besuchen, besonders wenn der Botschafter oder ein hochrangiger brasilianischer Politiker meine Delegationen einlud. Wie der Gouverneur, der sozialdemokratische Politiker bevorzugte, kein Wunder, Leonel Brizola war nicht nur der große, alte Mann für soziale Demokratie in Brasilien sondern auch lange Jahre 2. Vorsitzende der Nord.Süd-Kommission neben Willy Brandt. Wir wurden vorgestellt bei meinem Antrittsbesuch, er drückte mir die Hand, lange, schaute mich an, sagte, wie ist dein Name, Einloft, Einloft? Verwunderlich nicht nur, dass er den behalten hatte, er sprach ihn auch noch korrekt aus. Weist du, sagte er, Einloft hieß mein Lehrer. Da war es an mir, erstaunt zu sein. Nein, keiner aus unserer Linie im Hinterland war nach Brasilien ausgereist, das konnte ich ihm versichern. Er war ein guter Lehrer, sagte er, sei du gut zu uns. OK, machen wir. Aber seltsam war das mit dem Einloft in Brasilien doch, waren wir nun zu zweit im Land? Langsam kam ich dahinter, in Brasilien gibt es eine Menge Einlofts. Einwanderer vor 150 Jahren, waren sie Nachkommen eines Einlofts in Süddeutschland. Wie der dahin gekommen ist, wissen wir nicht.
Gemeinsam feiern vergaßen wir nicht, es gab genügend Anlässe. Rührend der Abschied, sie verheimlichten wo und was, nahmen uns mit raus nach Niteroi an einen nur Insidern bekannten Strand. Da hatten sie ein kleines Restaurant gemietet, bewirteten und beschenkten uns herrlich, wir fuhren mit der Banane, fielen ins Wasser, lachten, aber in der Freude schwang Trauer mit. Zenaide schlief auf einer Bank, das Bild habe ich noch, tauche ein in die Erinnerung, die schöne.
Nur Duftspuren blieben von der Arbeit. Franklin wurde später Staatssekretär, konnte im Großen umsetzen was wir im Kleinen erprobt. Mein Nachfolger war einer von jenen, die sich selbst beweisen, alles neu machen müssen. Er lies die Projekte auslaufen, begann neue in den Favelas, nicht unwichtige, kleinere, ließ Renate gehen, wechselte das Büro, setzte auf Sparmaßnahmen. Trotzdem wurde das Büro Rio von der FES geschlossen. Aus, wie sie sagten, strategischen Gründen.
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