Artikel teilen! von Einem der auszog...(36) Rio de Janeiro (1992-97) Überfall Teil 2: Von da an ist alles nur noch verschwommen in meinem Kopf, jetzt rühren si ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Von da an ist alles nur noch verschwommen in meinem Kopf, jetzt rühren sich die Nachbarn, warum nicht vorher, M hat so geschrieen, sie müssen ins Krankenhaus sagt jemand, nein, muss ich nicht, merke, M ist gemeint, ja, jemand führt sie weg, weiß nicht mehr wer, ich brauche ein Telefon, das Büro anrufen, die müssen doch wissen, warum ich nicht komme, ich helfe ihnen, sagt Renate, schicke den Fahrer, Paulo kann M zum Krankenhaus bringen, dann müssen die Kreditkarten gesperrt werden, ich mach das. Franklin kommt sofort, wen soll ich noch informieren? Bleiben Sie sitzen, wir helfen, das beruhigt, ein wenig. Dann ist die Polizei da, fragt, ich weiß nicht, können Sie zum Protokoll mitkommen? Ja, sagt der Polizist im Auto, das sind Verbrecher aus den Favelas. Kommt immer mal wieder vor. Ich bin wie in Trance, werde zurück gebracht, Franklin ist da, trinken wir was, lässt mich erzählen, stottern, nimmt mich in den Arm, ich weine, das Gefühl ist schlimm, so schlimm, konnte nichts tun, nichts und M ist verletzt, das Gefühl von Hilflosigkeit schlägt um in versagt haben, zugelassen haben, dass die Sicherheit der Wohnung verletzt wurde, die geliebte M, das Zittern verlässt mich nicht, Franklin hält mich warm, gibt mir Schnaps, fängt an zu erzählen, wie er in der Zeit der Militärdiktatur verfolgt, gejagt wurde, untertauchen musste, gefangen und gefoltert wurde, wie er sich gefühlt hat, unfähig sich und die Seinen zu schützen, es versteht mich jemand, tut mir gut. Was ist mit M, Ruhe, Ruhe, sie wird begleitet, sie kommen wieder. Irgendwann bringen sie M zurück, die Nase, die Stirn aufgeplatzt, genäht und notdürftig verbunden, kaum hinsehen kann ich vor Scham und Angst, wie sie aussehen wird. Warum hast du nichts getan als sie mich schlugen, sagt sie, ja, warum, lieber sterben als so leben mit der Schuld. Sie bringen sie ins Bett, andere trösten mich, wo kommen die alle her? Die Wohnung zu, die Wohnung zu, macht die Türen zu, da kommen sie rein. Tisch und Schrank schieben wir vor den Eingang, verrammeltn die Tür, hier ist Unsicherheit. Schlimm, sich so zu fühlen in der eigenen Wohnung. Sie lassen uns nicht alleine, später kommen die Freunde Jack und Anita, wir haben es erst jetzt gehört, irgendjemand hatsie informiert. Anita schreit im Schlafzimmer M, M, was ist dir passiert. Mach dir keine Sorgen, sagt sie, wir haben gute Schönheitschirurgen hier. Ist auch nicht sehr tröstlich. M geht es nicht gut, ich kann ihr kaum unter die Augen treten, nur weiter trinken.
Später erzählt sie, was sie diese Nacht noch für Ängste hatte. Und wieder hatte ich nicht geholfen. Ich bin weg gegangen. Konnten wir noch weiter zusammen leben, würde ihr Vertrauen in mich jemals reparabel sein? Wie sind sie herein gekommen? Einer hat gesagt, er sei der Sohn der Nachbarin, sie sei krank und das Telefon defekt, ob er bei uns anrufen könne. Am Abend zuvor hatte es schon einmal geklingelt, durch den Spion hatte M einen Mann gesehen der bat, die Wohnung ansehen zu dürfen, er wolle die unter uns mieten, da sei aber niemand. Nein hatte M gesagt, beim Öffnen der Tür aber stand dieser Mann hinter dem Ersten, drängte sie in die Wohnung zurück, da hatte sie gewusst, das war ein Überall. Sie hatte getreten, gebissen und zu schreien begonnen, Schreie, die der Mann mit Pistolenschlägen auf den Kopf und ins Gesicht erstickte. Wieder war er da, der Vorwurf, unausgesprochen, hast mir nicht geholfen, hast mich denen überlassen. Raus aus der Wohnung sagte das Gefühl, raus aus der Ursache, weg, heim, zurück nach Deutschland. Das dauerte. Wir hatten Glück im Unglück, die Freunde kannten Psychologen, deutschsprachig weil aus dem Süden, Nachkommen von Einwanderern. Probleme schildern, über Gefühle reden ging präziser in der eigenen Sprache. M schaffte relativ schnell, das Ereignis zu analysieren, zu verarbeiten. Sie erzählte es immer wieder, jedem, der ihr sein Ohr lieh. Es hilft mir, sagte sie. Erzählen Sie mir aus ihrer Kindheit, hatte die Psychologin gesagt, was wollen Sie mit meiner Kindheit, ich bin überfallen worden hatte M verärgert geantwortet. Wir wollen doch, dass Sie nicht wieder die Tür öffnen, war die Antwort, und das liegt in Ihrer Kindheit vergraben. Es war da.