Artikel teilen! von Einem der auszog... (39) Rio de Janeiro (1992-97) Erdnusskinder Teil II: Ganz waren sie nicht einverstanden, die Mütter, mit unserem Vorschl ...
Andere Welten oder: vom Leben in Chile, Ecuador, Brasilien, Kolumbien, Tansania, Mosambik und immer wieder Deutschland
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Ganz waren sie nicht einverstanden, die Mütter, mit unserem Vorschlag, einen Mindestlohn für die Kinder monatlich zu bezahlen, damit sie die Schule besuchen konnten. Ernährer der Familie mussten arbeiten. Es ging auch prompt schief, das Geld war schnell verbraucht, wie auch nicht bei einer Versorgung am unteren Rande der Bedürfnisse, dann waren die Kinder wieder da und verkauften ihre Tütchen Erdnüsse. Bis wir das System veränderten, das Fixum verringerten, die Klassenarbeiten mit ihnen durchsprachen, ihre Leistungen zusätzlich belohnten. Für die Jungens war es eine Lösung, für die Mädchen nicht. Sie wollten nicht so recht lernen.
Dann waren es sechs, dann sieben, dann acht am Tisch jeden Samstag, die Kleinen der Familien waren größer geworden, trugen auch schon Tütchen, einige wenige, durch die Tischreihen. Und saßen strahlend vor ihrem Getränk und dem Teller mit Feijoada. Jorge, der Ober, nahm sich ihrer an während der Woche, passte auf, dass sie keinen Unsinn machten, berichtete, sah uns als Erzieherersatz. Rücksprachen mit den Müttern brachten nichts, die verstanden gar nicht, was wir wollten. Ernährer dürfen auch mal Unsinn machen.
Geht ihr auch ab und an zum Strand, schwimmen? Sie sahen uns erstaunt an, nein, wir haben keine Zeit und keine Badekleidung. Dann wirds aber Zeit, wir statteten sie aus und luden sie ein für ein, zwei Stunden. Die Mütter sagten notgedrungen ja, unsere Erdnusskinder strahlten. Stressig wurde es, ein halbes Dutzend Kinder, die noch nie im Wasser waren sind wie ein Flohzirkus, sie stoben nach allen Seiten davon, die mutigsten ins Wasser, in die bedrohlich hohen Wellen, wir hinterher, hatten gar nicht Hände genug um zu behüten, zusammen zu halten, die Übersicht bewahren. Noch mehr jubelten sie unter der Dusche anschließend bei uns, warmes Wasser aus der Leitung kannten sie nicht, wollten gar nicht mehr darunter raus. Wir hatten nicht beachtet, dass alle von oben bis unten mit Sand voll und die Füße schwarz waren. Der Kleinste schwang sich in die Hängematte, stieß sich mit den Sohlen von der Wand ab, die war hinterher nicht mehr weiß. Die Wohnung musste komplett entsandet werden. Der Spaß war es wert.
Ausflüge kannten sie nicht, woher denn auch, am Zuckerhut fuhren sie jeden Tag vorbei, noch nie waren sie oben. Wieder mussten die
Mütter überzeugt werden. In der Gondel wurde ihnen mulmig, die Stadt sank unter den Füßen hinweg, die Sicht wurde breiter, sie waren froh, oben an zu kommen. Dann aber war das Erstaunen groß, da
hinten, da, das ist die Brücke, oh wie lang die ist, und da, was ist das, das ist Niteroi, ja, da wohnen wir, und schau mal die Schiffe, wie klein, schau mal hier, schau mal da. Im Rest-Urwald
hinten auf der Kuppe, da wo es schon abwärts geht ein kleiner Spielplatz.
Sie haben die Schaukel fast aus den Angeln gerissen vor jauchzen. Sie waren noch immer Kinder wenn sie durften.
Weihnachten wurde zum Kinderfest. Alle waren eingeladen, kamen in ihren besten Kleidern, saßen um den Tisch und futterten mit vollen Backen Hähnchen bis sie nicht mehr konnten. Niemand musste etwas mitnehmen, die Mütter waren gesondert versorgt, es war alles für sie. Weihnachtstannen gab es nicht, wir hatten den großen Gummibaum ins Wohnzimmer bugsiert, mit Kugeln und Kerzen geschmückt, der passte sowieso besser in die Umgebung. Ich schlich mich raus, schleppte die Geschenke durch den hinteren Eingang unbemerkt unter den Weihnachtsbaum, klappte die Tür, ich glaube, das Christkind war da. Unbeschreiblich dieses Leuchten in ihren Augen, sie redeten durcheinander, das ist für mich, nein, für mich, das da ist für dich, umarmten ihre Geschenke, ganz vorsichtig packten sie aus, ließen niemanden mehr ran, spielten selbstvergessen, bestaunten ihren Reichtum. Einmal haben wir den Jungens gute Turnschuhe geschenkt, die haben die Mütter gleich verkauft, sie brachten viel Geld. Eine Zeitlang zumindest waren die Kinder glücklich.
Geschafft haben es die Jungens. Sie beendeten die Schule und lernten einen Beruf. Den Weg der Mädchen konnten wir weniger beeinflussen, Michelle zumindest bemühte sich, etwas zu lernen, was nicht einfach war, da sie sich um drei jüngere Geschwister kümmern musste. Aber die Zeit mit ihnen war schön. Es waren 5 glückliche Jahre. Für alle.