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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

von Einem der auszog....(40) Rio de Janeiro (1992-97) Exodus

1. März 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Rio&Brasilien

Wir saßen fest. Schon Monate vorher waren alle Unterlagen für den Umzug nach Kolumbien beantragt, Visa, Ausfuhrbewilligung, Einfuhrbewilligung, hier Papiere, dort Papiere, die Zentrale in Bonn drängte, das Büro in Bogotá musste übergeben werden, doch es tat sich nichts, weder bei den kolumbianischen noch bei den brasilianischen Bürohengsten. Warten Sie, es kommt bald, war die Standardantwort, wir warteten. Mein Nachfolger für das Büro Rio war schon da, die Wohnung gekündigt, wir mussten raus, die Möbel einlagern irgendwo im Hafen, mit 2 Koffern und dem unbegleiteten Fluggepäck ins Hotel.

Tagebuchauszüge:

28.2. Letzter Tag im Büro, noch viel zu erledigen. Keine Visa in Sicht. Auch die Papiere für den Umzug sind nicht da. Fraglich, ob wir am 7.3. unseren Urlaub wie geplant beginnen können. Wir wollen über den Amazonas nach Manaus, von da nach Kolumbien ausreisen. Die Leute im Büro sind alle lieb, man merkt ihnen an, wie schwer der Abschied fällt. M haben sie einen riesigen Blumenstrauß geschenkt und Clayton, mein "Ziehsohn",  kämpft den ganzen Tag mit den Tränen. Wir sind traurig.

1.3. Heute Mittag mit Anita und Jack im "Sentaí" (setz dich hier hin), dem kleinen, einfachen portugiesischen Restaurant mit dem fantastischen Essen. Anita ist solch ein lieber Mensch - auch wenn sie politisch ziemlich verquere Ansichten hat, sie kommt halt aus der Oberschicht. M ist in Jack verknallt, der ist aber auch so was von lieb.

Rückblende: In Buzios haben wir die beiden das erste Mal getroffen, sie waren im selben Hotel und von Beginn an sympathisch. Anita hyperaktiv, kontaktfreudig, Lebenslust ausstrahlend, Jack ein holländischer Brasilianer, der nach seiner Militärzeit in Guyana Lust an Lateinamerika kriegte, sich in Brasilien und seine Brasilianerin verliebte, seither blieb, als erster europäischer (halb)Profi bei einem brasilianischen Fußballverein begann, umlernte, Schmuckhändler bei Stern wurde, nun sind die beiden selbstständig, fahren auf Kreuzfahrtschiffen in der Welt umher und verkaufen ihre selbst entworfenen, wertvollen Kostbarkeiten. Ruft an, kommt vorbei, sagten sie, uns aber hatte man beigebracht, die Floskel nicht allzu ernst zu nehmen, sie bedeute freundliches Entgegenkommen, erst die 3. Einladung sei wahr zu nehmen, wir riefen nicht an und lagen falsch. Es ging gut aus, sie hatten gewartet, sich gewundert, riefen zurück und lachten, als wir von unserer interkulturellen Kommunikationsbarriere erzählten. Sie führten uns ihre Oberschichtenfamilie vor, die netter war als wir dachten, abgesehen davon, dass Schönheitsoperationen bei den Frauen ein Dauerthema war, zeigten uns Bars und Restaurants, die wir ansonsten gemieden hätten, nicht immer weil sie teuer waren, manche auch skurriler, aber alle mit Spezialitäten brasilianischer oder portugiesischer Art.

Tagebuch 1.3. Jack und Anita hatten heute ihren 17. Hochzeitstag. In letzter Zeit gab’s Spannungen, hoffentlich legt sich das wieder. Sie brauchen einander, ergänzen sich hervorragend in ihrem Geschäft. Anita kommt überall gut an, knüpft Kontakte mit ihrer einnehmenden Art und Jack gewinnt Kunden mit seriöser Kenntnis und einem guten Händchen vom Ankauf der Steine bis zu ihrer Herstellung. Sie sind unsere besten Freunde in Brasilien.

3.3. Im "Ele & Ela", unserem Lieblingsclub scheinen sie zu ahnen, dass wir gehen. Die Nächte sind voller Zuneigung, Wärme Lachen, Flirten und erotischer Spannung. Wir  tanzen bis zum Umfallen, M´s Kleid ist zum Auswringen, klebt fast transparent an ihr. M drängt darauf, schon um 5.00 Uhr morgens nach Hause zu gehen, sagt, sie will nicht, dass ich wie Charles Bukowski aussehe und mit einer Fahne zum Arbeitsessen gehe. Ein Seminar soll ich auch noch besuchen. Keine Lust mehr.

6.3. Die Visa kommen wahrscheinlich erst übernächste Woche - ade Urlaub. Die Papiere wegen des Umzugsgutes sind ganz verschwunden - bei der Deutschen Bank, die soll Sicherheiten stellen. Wir sitzen hier wie bestellt und nicht abgeholt. Gestern Abend waren wir wieder im "Ele & Ela", aber es war nichts los. Da sind wir in ein Motel gefahren wie so oft, in eines für die Liebe gedachte, mit Whirlpool, rundem Bett, Video, klitzekleiner Tanzfläche und Bedienung durch eine Klappe, beliebt in Brasilien von Liebes- bis zu Ehepaaren, ausgezeichnet im Telefonbuch mit Herzchen von 1 - 5 statt Sternchen. Der Sonnenaufgang  auf dem Weg nach Hause die Strände entlang war fantastisch. Um 1. Uhr Mittags Frühstück im Bett, der Nachfolger organisiert das Büro schon um, muss ich nicht dabei sein.  Versuchen, uns von den Widrigkeiten um uns herum nicht die Laune verderben zu lassen.

14.3. Warten immer noch. Für heute waren die Pässe mit den Visa versprochen worden. Heute ist Freitag, also kommen sie frühestens Montag. Gut, dass wir die Flugtickets erst für Dienstag Abend gekauft haben. Bis dahin wird es ja wohl klappen! Am Dienstag ist mein Geburtstag. Wir fliegen um 22.56 Uhr los, über Miami, und sind am Mittwoch, unserem 15. Hochzeitstag, mittags gegen 12. Uhr in Bogotá. Ich bin sehr traurig, würde am liebsten dauernd heulen. Da hilft nur trinken und ausgehen, aber das funktioniert auch nicht so richtig. M hat einen Mordsschnupfen, ist froh, wenn sie in Ruhe gelassen wird. Mit dem Gepäck und dem Umzugsgut scheint jetzt alles in Ordnung zu gehen, 1000,- DM Schmiergeld haben wir gezahlt.

16.3 Samstag auf Sonntag der letzte Abend im „Bacarat“ und "Ele&Ela". Wussten sie, dass wir gehen? Alle konnten es nicht wissen, nur wenige, bereiteten uns den schönsten Abend mit einer heißen Abschiedsparty. Wollen die, das wir bleiben? Die ganze Rasselbande nahm uns regelrecht in Beschlag.. Nur getanzt haben wir alleine. Soweit man mitten im Gewühl schwitzender, lachender, flirtender, fummelnder Menschen alleine sein kann.

17.3. Montag. Die Pässe sind noch nicht da und die Express-Firma für das unbegleitete Gepäck ist telefonisch nicht zu erreichen. Alles, was schief gehen kann geht schief!

Wir sind doch noch ausgereist - irgendwann danach, ich weiß nicht mehr viel davon, eine gnädige Hand schickte mir Fieber, nur schemenhaft sind Bilder übrig. Nachts hatten wir uns zum wiederholten Male von Anita und Jack verabschiedet, morgens um 1/2 5.00 war Einchecken zum Flug nach Bogota über Miami. Wir stehen in der Schlange, da sagt M, das kann doch nicht wahr sein. Doch, die Freunde hatten es sich nicht nehmen lassen, waren da, M weinte, Anita auch. Hier, sagte sie, das ist ein Schutzengel für Kolumbien und steckte ihr einen goldenen Engel mit kleinem Brillanten an. Dann war es vorbei, Rio zu Ende. Unsere schönste, spannungsvollste Zeit.

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Corinna Starker 03/02/2010 15:21


Echt interessanter Artikel. So etwas würde ich auch gerne machen und dann auch darüber schreiben. Könnte mich aber gar nicht von meinen ganzen Gesundheitsprodukten trennen, die müsste alle mit auf
den Weg^^


R.Einloft 03/03/2010 13:35


Ach, heutzutag muss man sich von wenig trennen, die Welt ist zusammen gerückt. Abenteuer, Geschichten erleben, das ist ein Salz, das süchtig machen kann. Ich kann dir nur empfehlen, versuche es
mal. Deine Gesundheitsprojekte schaue ich mir an.
Gruß RE