Artikel teilen! von Einem der auszog...(41) Am Amazonas 1997 III: M: Gestern Abend, ich war schon im Bett, legten wir in Almeirim an. Natürlich bin ich noch mal ...
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M: Gestern Abend, ich war schon im Bett, legten wir in Almeirim an. Natürlich bin ich noch mal aufgestanden, um dem Treiben zuzusehen. Aus
unserer Ladeluke holten sie einen ganzen Haushalt - ein Umzug. Sie stellten Stühle, Kommoden, ein Sofa, Tische, einen Kühlschrank und jede Menge Kartons auf den hölzernen schaukelnden Anlegesteg.
Und da die Abholer noch nicht da waren, schoben sich einige Frauen die Sitzgelegenheiten zu einem Kreis zusammen, setzten sich und paluderten. Es sah aus wie in einem Wohnzimmer, nur die
Kaffeetassen fehlten.
Freitag, 9.5. 7:00 Uhr morgens
Jetzt sind wir seit 36 Std. unterwegs. Die Hälfe der Strecke haben wir. Gleich kommen wir nach Santarém. Frühaufsteher muss man hier sein. Um 5.00 Uhr schon schimmert die Sonne durch die Plane an der Seite und dann wird sie hoch gerollt. Und das Menschengewimmel in den Hängematten beginnt sich zu regen. Manche haben sich eine Decke über das Gesicht gezogen, manche sind eingerollt wie eine Larve in ihrem Kokon, husten tut’s hier und da, Füße kommen raus und verschlafene Gesichter schauen umher als wollten sie´s noch nicht so richtig glauben, dass der Morgen da ist. Und dann muss man sich anstellen beim Waschen und am Klo. Es gibt nur ein Waschbecken auf jedem Deck und 2 Klos für Männer und 2 Klos für Frauen. Praktisch ist das: man sitzt auf dem Klo und kann sich gleichzeitig duschen. Um ¼ vor 6 knallen die beiden Damen von der Küche eine große Kanne auf den langen Tisch hinten zwischen den Klos, ein Bottich mit Tassen wird auf einen Stuhl gewuchtet. Das Frühstück ist da. Es gibt (wie immer) sehr süße Milch mit einem Hauch Kaffee und trockene Kräcker. Und da es nicht für alle reicht, muss man sich ein wenig drängeln und die Kinder nehmen sich Berge von Kräcker, weil es bis Mittag reichen muss und ob es mittags was gibt ist so sicher nicht. Und dann steh ich mit meiner ergatterten Tasse Milchkaffee an der Rehling und schau auf den frischen Urwald, der im Morgenlicht glitzert und geheimnisvoll strahlt. Lacht er mich an, oder lacht er mich aus? Ach, das ist das egal. Der ist da und basta. Wir kleinen Menschlein interessieren ihn nicht sonderlich.
Danebenbenommen
Hinten und vorn auf dem Schiff Blechkajüten. Vorne das Ruderhaus, so klein, dass nur der Steuermann darin stehen kann. Dahinter 7 Kabinen 1,80
m lang, 2 m breit, in einer davon wir. Und hinten auf dem Schiff sind die Blechkabinen die Klos die gleichzeitig Duschen sind weil ein Wasserrohr darüber hängt. Ein Verschlag ist die Küche.
Zwischen dem Männer- und Frauenklo links und recht ein langer Tisch mit zwei Bänken. In 3 Schichten wird gegessen. Reis und Farofa (Maniok-Mehl) gibt’s immer. Ohne Farofa, sagen sie, ist das
Essen nichts. Und dann gibt’s mal Fleisch - mal Hähnchenstücke, auch mal Nudeln und braune Bohnen als Beilage. Wir haben natürlich und vornehm, wie wir sind, Messer und Gabeln benutzt. Bis uns
auffiel, dass das nicht die feine amazonische Art ist. Die geht so: Man benutzt als Hauptessinstrument den Löffel. Den greift die Hand von oben im Klammergriff, Daumen zum Löffel hin gestreckt.
Der Oberkörper beugt sich über den Teller, mit dem Löffelrand wird alles zerkleinert und hier und da, wenn´s zu zäh ist, darf auch das Messer benutzt werden. Und dann wird geschaufelt, was das
Zeug hält. Ja, ja, Sitten!
M. hat Schnupfen. Das kommt von den Klimaanlagen in den Hotels. Die Leute hier haben eine Lust am Frost wie wir an der Wärme. Wenn eine Klimaanlage da ist, wird sie aufgedreht. Sie tanken sich mit Kälte voll wie wir mit Hitze.
Links und rechts gleiten die Wände des Urwalds
vorbei. M sagt, schrecklich der Gedanke, hier zu kentern. Es stimmt, man käm nicht rein in den Wald. Alles zu. Am Horizont Rauchschwaden. Sie flämmen den Wald ab für Weiden oder Ackerland
(Hauptursache der Vernichtung des Amazonaswaldes ist die Fleischproduktion. Rund 70 Prozent des vernichteten Tropenwaldes wurden für Viehweiden gerodet, ein Großteil des Restes für den
Futtermittelanbau). Das geht nicht, nein, so kann man diesen Wald nicht behandeln! Er geht dabei gründlich zu Grunde und zwar für immer. Der Regenwald, so hat man mich gelehrt, hat nur wenig
fruchtbare Humusschicht auf seinem Boden, er lebt von seinen ausladenden Kronen. Und wenn man die Bäume fällt und den Wald abräumt, dann kann man auf der Krume nur 5 bis 7 Jahre was anbauen. Dann
ist der Boden ausgelaugt und steinig und von selbst nicht mehr regenerationsfähig. Das zwingt in einen üblen Kreislauf mit Neurodung , zeitlich begrenztem Anbau, Neurodung. Jede zwei Sekunden
wird weltweit ein Fußballfeld an Urwald platt gemacht. Die fortschreitende Rodung der Urwälder verringert die Menge des verdunsteten Wassers, aus dem sich der Fluss speist, und die
Symbiosen der Tier- und Pflanzenwelt verlieren ihre Existenzgrundlage. Wenn kein Urwald mehr existiert, müssen wir uns die Luft beim Aldi in Dosen holen. Mac Donalds lässt grüßen. VW
übrigens auch. Die sind voll mit dabei bei der landwirtschaftlichen Amazonasnutzung.
M: Hier redet man viel. Eine junge Frau stellt sich neben mich, sagt, sie hätte geschlafen und dann Lust gehabt sich zu
unterhalten. Und fing an. Sie hat uns eingeladen, wir könnten bei ihr wohnen in Manaus. Sie hätten in ihrem Haus schließlich zwei Zimmer, und die bräuchten sie ja gar nicht zu dritt. Als ich ihr
erzählte, was wir für ein Hotelzimmer zahlen, meinte sie, damit könnte sie das ganze Schlafzimmer einrichten. Und für drei Übernachtungen wahrscheinlich das ganze Haus