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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

von Einem der auszog...(41) Am Amazonas 1997 V

12. März 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Von einem der auszog: Rio&Brasilien

Sonntag, 11.5., 7 Uhr morgens

Amazonas-Rio-Negro11500 Km sind wir jetzt auf dem Amazonas gefahren. Und bis zur peruanischen und kolumbianischen Grenze ist es noch mal so weit. Aber Amazonas heißt er von hier aus nicht mehr. Oficialmente. Und warum sollte das nicht mehr der Amazonas sein? Ei, weil sich hier bei Manaus zwei Giganten treffen, der hochwürdige Rio Solimoes, der seine Wassermassen aus den Anden Perus herunterwälzt und der dunkel-mächtige Rio Negro aus Venezuela, schwarz wie sein Name sagt. Hier bei Manaus vereinigen sie sich, die beiden Riesen. Aber vereinigen wollen sie sich anfangs nicht. Und so fließen sie Kilometer um Kilometer nebeneinander her, der schwarze Rio Negro und der braune Rio Solimoes. Und dann umarmen sie sich und werden DER FLUSS - Rio Amazonas.

 

  Montag, 12.5. Manaus, Hotel Da Vinci

Amazonas-1997-13.jpgWas für eine andere Welt! Gestern um kurz nach 8 Uhr vom Schiff in 1 Taxi in 1 Hotel mit 4 Sternen. Luxus. Wir kamen uns fremd vor. Deplaziert. Im falschen Film. Da waren die letzten Tage vier Blechverschläge gewesen, mit Abtritt und darüber das offenen Rohr als Dusche - und das für 200 Leute (unten gab’s nochmals dasselbe) und hier Marmor, Vergrößerungsspiegel mit indirektem Licht im Bad (damit man seine Pickel auch richtig dick sieht) und ein Klo in dunkel gebeiztem Holz für zwei Leute ! Und zwei große Betten. Und Lichter daneben. Und eine Minibar. Und Fernseher mit 13 Programmen. Und Ober, die um einen herumschleichen, ob man noch was will. Und davor? Da gab’s morgens von viertel vor 6 bis viertel nach 6 eine zuckersüße Milch mit einem Hauch Kaffee und einer Handvoll Keks. Wer nicht rechtzeitig kam, kriegte ein goldenes Nixchen und ein silbernes Nautchen. Und mittags und abends Schlange stehen. Platz am langen Tisch ergattern. Und dann knallten die Teller vor einen und dann kamen der Reis und die Nudeln und ein wenig Fleisch und wenn die gut gelaunt waren in der Küche da unten im Heck, dann gab’s auch noch Bohnen dazu. Und einmal waren sie nicht gut gelaunt. Da gab’s nur Bohnen verdünnt und Reste von Nudeln schwammen einsam umher in der Wassersuppe, die schon etwas vergoren war. Und einmal waren sie gar nicht gelaunt und da gab es gar nichts. Und nett war’s. Freundlich und oft fröhlich. Auf diesem überfüllten Schiff, auf dem es nicht eng wurde. Und niemand hat sich beschwert. Und niemand ist unnett geworden. Wir waren eine Familie.

Und hier? Anonymer Luxus. Alles ist da. Wir sind allein zu zweit. Überlegen, ob wir nicht weiterfahren.

 

Der Regenwald lässt regnen

Deshalb heißt er ja Regenwald. Gigantische Wassermassen verdampft er in die Luft und dann kriegt er sie wieder auf den Kopf. Das sind dann die berühmten Tropenregen.

Die dunkle Wolkenwand kommt näher, grau-blau-schwarz. Franst nach unten aus. Menschen rennen, suchen einen trockenen Platz. Schon kracht es, Blitz und Donner folgen einander und dann öffnet sich der Himmel. Wasserfälle platschen auf die Erde. Vor den Fenstern und den Dachüberhängen erscheinen Wasservorhänge. Die Schwüle kühlt ein wenig ab. Aber nur so lange der Regen strömt. Und dann ist es wieder vorbei. Die Erde dampft wie eine Sauna und der Zyklus beginnt aufs Neue.

 

Ich hatte einen kleinen Freund

Amazonas-mein-Freund-1997-40.jpgauf der Reise. Er schlief in der Hängematte neben unserer Kabine. Wenn ich in mein Heft geschrieben habe, hat er mit großen Augen zugeschaut. Er konnte seinen Namen schreiben. Luis Henrique. Und war ganz stolz darüber. Oben auf dem Deck, wo die Stühle standen und wir den Sonnenuntergang und die Abendkühle genossen, hat er mich gesucht und unten, bei den anderen Leuten und vorn und hinten um dann mit leuchtenden Augen zu verkünden: te encontré, ich hab dich gefunden. Und manchmal traute sich seine kleine Hand in die meine. Mutter, Großmutter, der Onkel und die Kinder machten die beschwerliche Reise nach Manaus in der Hoffnung, Arbeit zu finden. Luis Henrique hat jetzt mein kleines Messer.

 

Wir wollten unbedingt mit dem Bus aus der Stadt zum Hotel zurück.

Nirgends ein Stadtplan und niemand kannte die Straße. Und ein Bus nach dem anderen mit unbekanntem Namen fuhr an uns vorbei. Ein alter Mann mit einer sichelförmigen Narbe auf der Backe erinnert sich : ja, ihr müsst den 113 nehmen. Jawoll, sagt der Kassierer im Bus, zu der Straße fahren wir und ich sage Bescheid. Und dann wird die Straße immer schlechter und die Gegend immer wüster und die Menschen immer ärmlicher. Und uns wird es immer schwummriger. M.hatte die Leica unterm Arm. Und dann sagt der Fahrer hier ist es und dann sagt M., hier steige ich nicht aus und dann fragt der Kassierer die Leute, aber es konnte einfach nicht sein, dass in dieser Gegend ein Hotel steht. Wir haben ein wenig gezittert und mussten dann doch aussteigen, Endhaltestelle. Und sie haben uns alle freundlich zugewinkt und den Daumen hochgehalten und “wird schon” gesagt und da drüben geht’s weiter. Und dann kam ein Taxi und das hat uns quer durch die Stadt zurückgebracht zum Hotel in die Straße mit dem gleichen Namen. Es gab zwei davon. Wir brauchten einen Schnaps.

 

Mittwoch 14.5. Flughafen Manaus

Um 6 Uhr sind schon viele Leute unterwegs. Unser Taxifahrer hatte bei Senna gelernt, dem berühmten brasilianischen Rennfahrer, der gegen eine Mauer fuhr. Mein Taschenmesser wird vom Sicherheitsbeamten als Waffe eingestuft. Es darf nicht mit mir ins Flugzeug.

 

Donnerstag. Kurz vor 8 Uhr morgens Bogotá

Da sind wir wieder in der kalten Stadt an dem Abhang der Anden, da, wo es zum Urwald runtergeht. Die Reise durch den Urwald ist zu Ende. Gestern sind wir von Manaus nach Tabatinga geflogen. Das ist ein verlorener Ort mitten im Urwald und zwar da, wo sich die Grenzen treffen von Peru, Kolumbien und Brasilien. Auf der kolumbianischen Seite heißt der Ort einfach anders und zwar Leticia, obwohl es derselbe ist. Wir sind mit dem Taxi rüber. Aber eine Grenze mit Schlagbaum und Grenzer, die gab es da nicht. Irgendwann fand ich die Reklame am Straßenrand komisch geschrieben. Ach, da waren wir wieder im Spanischen und in Kolumbien. Die Stempel der Ausreise aus Brasilien und der Einreise nach Kolumbien muss man sich irgendwo holen. Der Taxifahrer war der letzte nette Brasilianer auf der Reise, das Taxi ein alter VW, der in Schlangenlinien den Schlaglöchern ausweicht. Wobei die alte Klapperkiste mehr dem eigenen Willen als dem seines Fahrers gehorcht. Aber irgendwann tauchte dann doch der kleine Flughafen auf. Und mit dem alten Wagen und dem netten jungen Mann darin haben wir Abschied genommen von Brasilien. Dem Land unserer Liebe. Hauptsächlich deshalb, weil die Menschen so nett sind. So menschlich. Auf den anderen Menschen bezogen, für ihn mitdenkend. Und lieb und freundlich, oft strahlend. Meist stressfrei. Und wenn Probleme auftauchten, dann haben sie sehr oft ihren Daumen gehoben und tudo bem gesagt und versucht, den Konflikt im Keim zu ersticken. Obwohl, da sind auch die vielen Verbrechen und da ist auch die soziale Ungerechtigkeit. Die vielen armen Leute, die Kinder, die arbeiten müssen, damit die Familie überhaupt überleben kann. Ja, das ist auch da. Das darf man nicht übersehen. Auch das hat mir imponiert, wenn die Leute sagten, jawoll, das finden wir schlimm. Und wenn man genug darüber geredet hatte über das Allgemeine und Schlechte und so, dann kam das Persönliche. Dann wurde was Nettes, was Positives gesucht. Denn selbst leben, das ist ganz, ganz wichtig. Das hab ich gelernt. Theoretisch.

Amazonas 1997-38Kann man Liebe erklären. M sagt, sie glaubt, in einem früheren Leben sei sie Brasilianerin gewesen. Das drückt es genau aus, das Gefühl, da sei es eher möglich, sein eigenes Leben zu leben.

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träumerin 03/14/2010 14:46


Das bei Euch dann immer alles gut geht ist schön. Bei der Hotelsuche hätte ich auch gezittert. Puh...Schade das es kein Fotovon dem so toll beschriebenen regeguss gibt .Das Hotelfoto ist genial,
einfach wunderschön.
Habt einen schönen Sonntag


R.Einloft 03/14/2010 17:38


Ja, ja, wer sich in Gefahr begibt.. aber diesmal wollten wir gar keine. Und manchmal spielt die eigenen Vorstellungen verrückt und die Wirklichkeit ist gar nicht so. Wie auch immer, es war uns sehr
mulmig bei diesem Abenteuer. Die Regenwand zu fotografieren hab ich versucht, es ist nicht geglückt. Glaube, dazu braucht man ein Stativ und längere Belichtungszeiten damit man die Wassermassen
sichtbar machen kann.
Manaus war einmal eine der reichsten Städte der Welt, so Anfang des 20. Jhdts. Wegen des Kautschukbooms. Aus dieser Zeit gibt es noch immer Prachtbauten in der Stadt - mitten im Urwald!
Eine schöne Woche wünsche ich dir
Bestens RE