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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Wie ich den Tinnitus zu heilen suchte (St. Wendel, 20.2. bis Ende März 2001)

5. September 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Burn Out - Tinnitus u.a. Krankheiten

Das Haus

Zusammengewürfelt, unschön in Schnellbeton gegossen, lag das Kur-Heim oberhalb der Ortschaft an der Flanke eines Berges. Innen hatte es den Charme eines Zwitters zwischen einfachem Hotel und Krankenhaus, entsprechend seinem Zwecke, Leute arbeitsfähig zu machen. Dahin hatte es mich verschlagen, das Geräusch im Ohr war zu stark und depressiv geworden. Es war meine erste Kur, die Bezeichnung kannte ich von Lungenheilanstalten in der Literatur. "Hier", hatte ich aufgeschrieben, "komme ich rein und mit hoher Sicherheit wieder raus, anders als die Lungenkranken". Tröstlich. Die Welt draußen war schon am 2. Tag weit weg, ich fühlte mich eingeschlossen wie in einem Iglu. Hier konnte ich nachdenken über die großen Fragen meines Lebens und den Tinnitus heilen lassen.

Gnome

An die Umgangsformen zu gewöhnen fiel schwer. "Am Tisch reden sie gleich los, ich habe eine Sperre. Männergeschichten. Touren mit der Harley durch die Everglades, Vorteil des Sling-Antriebes (was ist das) gegen den Kardan. Wie kommt man in Lanzarote am schnellsten die Berge hoch? Mit dem Rennrad natürlich. Diese elendigen Machos. Kleine Gnome führen sich auf als große, starke Männer. Psycho und Entspannung brauchen sie nicht. Und Tinnitus ist der Tinni. Bin ich deutscher als Deutsch? Bisher immer über deren Festhalten an Formen gelästert. Und nun stört es mich, wenn sich alle duzen. Messer und Gabel-Manie herrscht vor. Nur die Brötchen wagen sie noch, in die Hand zu nehmen. Schwergewichtige Männer mit verfetteten Fäusten bemühen sich, zierlich das Brot mit Butter und Käse in Stückchen geschnitten zum Munde zu führen." Ich lästere, will anders sein. Notiz: "In der Sauna: hässliche Gestalten, unproportioniert und kleinschwänzig. Die äußere Ungereimtheit setzt sich im Gehirn fort. Frauen sind kein Thema und wenn, dann unangenehm. Autos, Aktien, die eigene Größe. Nette Männer gibt es auch. Will ich wohl meinen, mich und ein paar wenige.

Therapie ist die "Wiederherstellung der körperlichen oder physischen Funktion"

Mit einem Hexenschuss angereist, der erweist sich als goldrichtig. So habe ich wenigsten etwas Konkretes. Rücken geröntgt. Was haben sie? Tinnitus? Des is doch des wo mer nix hat. Zu den alten Herrschaften eingeteilt. Wassergymnastik!! Pah. Sport und Spiel sei nix für meinen Hexenschuss. Gesund leben will ich, "3x die Woche vegetarisch bestellt und nun das: Reis mit Ananas zum Frühstück, Reis mit Gemüse mittags und abends Reis mit anderem Gemüse. Und am nächsten Tag in der Suppe". Tage später: "Also dann doch lieber Reis. Es gab Kohlrouladen mit einer bräunlich-dünnen Wassersoße."

"Motorelax soll helfen. Wirbelsäule anspannen-entspannen, Kinnladen anspannen-entspannen, von Musik sich wohlig einlullen lassen, den Atem beobachten - prompt kam der Überfall in Rio zurück, Augen auf, draußen war ich." 

Thai Chi lernen wir. Und entspannen nach Jakobson - das Gesicht verziehen, die Füße einknicken und denn dem Entspannungsgefühl hinterherlurchen. Nichts für mich.

Ich lernte in der Theorie, der Tinnitus ist nicht körperlich. Der Schall, als Schwingung geleitet über Hammer, Amboss, Steigbügel, wird in der Schnecke, die Haarzellen besitzt, in Nervenimpulse umgeformt. Unser Gehirn "hört" Nervenzucken. Immer dann, wenn laute Geräusche dauerhaft wirken oder Zellen mechanisch zerstört werden, entstehen Nebengeräusche. Irgendwann fängt das Gehirn an, das neue Geräusch autonom zu fabrizieren, ähnlich dem Phantomschmerz fehlender oder amputierter Gliedern. Dann ist Tinnitus ein neurologisches, ein Nervenproblem. Und Probleme des Nervensystems müssen psychologisch behandelt werden. Auch Tinnitus. Dafür war die Gesprächstherapie.

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hanne 09/07/2010 19:03



ich hoffe Du erwähnst auch noch als positives Erlebnis unseren Besuch am Faschingssonntag mit Sonnenschein und dem einmaligen Genuss saarländischen Frohsinns - DAS hat Dich vorangebracht, gibs
zu!



R.Einloft 09/08/2010 13:16



Au weia, das hatte ich vergessen. Steht auch nix drüber in meinem Tagebuch. Wahrscheinlich war es so shön, dass ich tagelang kein Bedürfnis nach Schreiben hatte. Was ist da passiert? Mein
Gedächtnis ist zu.



artemisia 09/05/2010 16:08



habe Dich bei networked blogs als Autor bestätigt, wie kommt man zu solch einer Anfrage? Ich bin dort als Autor noch nicht bekannt, komme mit der Technik nicht zurecht, wenn das so weitergeht,
krieg ich auch noch einen Tinnitus!



R.Einloft 09/05/2010 16:54



:) Ja, das ist ein wenig verwirrend. Du musst dich eintragen als Blog - bei mir geht das unter http://apps.facebook.com/blognetworks/editblog.php, könnte auch gehen bei deiner Bestätigung. Da
tauchte das bei mir auf. Wenns nicht geht, melde dich nochmals


Schöne Woche und viel Glück


RE


Sorry, du bist ja eingetragen, sehe ich. Ich folge dir ja. Schau mal hier: http://apps.facebook.com/blognetworks/help_bestuse.php. Die Bestätigung erfolgt, wenn mindestens 9 Followers dich
bestätigen. Das geht über "Syndication". Doch dieses Management ist gerade außer Betrieb und comes soon back



Marianne Schreiber-Einloft 09/05/2010 15:53



Hättest du nicht ein schönes Foto von deinem Tinnitus gehabt???



R.Einloft 09/05/2010 16:49



Nee, dafür gabs damals noch keine Kamera. Heute ist das natürlich möglich durch den gewaltigen technischen Fortschritt



Teilzeitberlinerin ;-) 09/05/2010 13:16



Uups, wenn man die Überschrift auch zu ende liesst....war das dann doch recht lang. brrrrr Graul



Teilzeitberlinerin ;-) 09/05/2010 13:15



Das Kurhaus hört sich eher an wie Draculas Gruft.


Ich hoffe Du musstest nicht soooo lange darin verweilen und hast dennoch was Gutes mitnehmen können.


Schönen sonnigen Sonntag wünsche ich noch



R.Einloft 09/05/2010 16:48



Ach, oft wars ganz gut, kommt alles noch. Hab viel gelernt über mich und den Tinitus.


Danke, ja, heute ist schön Sonne, geh setz mich gleich noch mal auf den Balkon


Alles Gute und eine schöne Woche


RE