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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Wie ich den Tinnitus zu heilen suchte (St. Wendel, 20.2. bis Ende März 2001) Teil VI

15. September 2010 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Burn Out - Tinnitus u.a. Krankheiten

 

Therapie
Das mit der Vorstellung, den Überfall als Fernsehaufnahmen zu sehen, distanziert, als wenn es ein fremder Film wäre, das hatte nicht geklappt. Ich konnte mich nicht trennen von dem Ereignis, musste schnell abschalten, fand mich bei der Therapeutin in einer Ecke am Boden kauernd wieder, erzählend. Und konnte plötzlich alles erzählen. Freudig steht in den Notizen: "Gestern Überfall Rio erzählt. Hatte ich noch nie komplett. Hat seine Bedrohung verloren. Was bleibt ist, M verlassen, Verbrecher um gut Wetter für mich gebeten. Sie (die Psychologin); nur für Sie? Ich: befürchte ja." Das, so sagte sie, nennt man Stockholm-Syndrom. Beim Überfall auf die Deutsche Botschaft haben die Geiseln sich befreundet mit den Geiselnehmern. "Sie wollen nicht akzeptieren, dass das die geeignete Überlebensstrategie war."  Und: "In Rio ist der Versorgungsstrang ihres Ichs verletzt worden."

Meine Bemühungen, mich zu verändern, kommentierte sie lakonisch: "Zu viel sollte man sich nicht verbiegen. Veränderungen sind nur in kleinen Bereichen möglich. Ich: will mehr Abgrenzung, Klarheit, Eindeutigkeit. Sie: Das ist zu grob, werden Sie sich vorab klarer, was sie wollen."  Und : "Sie haben die Tendenz zur sozialen Anpassung an die Vorstellung anderer Menschen, wollen sich Wohlverhalten sichern". Später lernte ich, das daraus meine soziale Kompetenz sich speist. Notiz: "Mein Anspruch an mich scheint zu hoch, artet schon im Vorfeld in Stress aus."

Lese: "Abgrund des Widerspruchs. Das Leben des Johannes R. Becher" (Selten von so einem Arschloch gehört. Abgrund der Abneigung. Prägnant die Stelle, wo er den "Gangrän" (Goebbels) einen rassegeilen Häuptling nennt, ein Degenerations-Phänomen von Ratte). Lese: "Carlos Nacimiento Silva. Das Palmenhaus".

Leute brauchen
"Nasenschnupftücher, Brillenputztücher, Arschabwischtücher (extra feucht mit 3-facher Beschichtung), PC-Reinigungstücher, Küchenkrepptücher...."

"Heut hab ich doch wahrhaftig einen gesehen, der sein Brötchen mit Messer und Gabel aß. Mit Marmelade!"

"Ich bin der Einzige (soweit ich sehe) der gebrauchte Turnschuhe an hat." Offenbar gehört die neue Sportkleidung zur Standardausrüstung der Kur.

Es schwankt
"Glücklich aufgewacht. Endlich mal wieder 8 Std. geschlafen." Doch Tage danach: "Gehirn macht sich heuer wieder selbständig. Schon beim Aufwachen (6.00) kommen die Gedanken. Entspannung nicht möglich. Dasselbe beim Laufen im Wald, die Vögel zwitschern, doch die Gedanken interessiert das einen Scheiß". Was hatte die Therapeutin gesagt? "Ist die Konzentration am Tinnitus vorbei nicht möglich, verlangt der Körper etwas anderes. Bewegung, lesen, egal. Das ist raus zu bringen. Hören sie auf sich." Ich höre.

Das schlaue Buch: Fragen bis zum Schaukelstuhl zu beantworten:

1. Was macht mir Spaß in meinem Leben?; 2. Wie kann ich die Dinge, die keinen Spaß machen, abgeben oder delegieren?; 3. In Gesellschaft welcher Menschen empfinde ich Spaß und Lebensfreude; 4. Was will ich noch erreichen?

 

SMS von M 16.3.01: "Reinhold, mein Hübscher, ich liebe dich wie verrückt"

SMS von M 17.3.01: Lieber Reinhold, ich übe wieder, wie ich dich glücklich machen kann mit sms

SMS von M 18.3.01 Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag und mach weiter so. Du bist extrem OK.

SMS von M  20.3.01 Hallo mein Liebhaber, du bis einfach gut, ich schätze deine Kochkunst genauso wie deine Liebeskunst. Mach weiter so!"

SMS von M 27.3.01 "Liebster, du bist immer so lieb zu mir. Bis bald, deine M"

Notiz: "Ich habe eine Partnerin UND Geliebte"

Besuche
waren freudige Schübe. Am Faschingssonntag kam Schwester Hanne mit Schwager Jörg. Bei strahlendem Sonnenschein kamen wir in den einmaligen Genuss saarländischen Frohsinns. Später, fast schon zum Ende hin, kam M. Wir hatten uns einen Monat nicht gesehen, nahmen ein Hotelzimmer, kuschelten und lernten uns neu kennen. Hanne schreibt: „DAS hat Dich vorangebracht, gibs
 zu!
“ Ich gebs zu.

Zurück im Alltag
Ich hatte gelernt "die Bewertung des Tinnitus zu ändern, das Bedrohende weg zu nehmen, umzulenken auf andere Geräusche, Hörverlagerung, Änderung der Fokussierung."

Ich hatte gelernt: "Neue Sicht der Dinge, Verständnis für mein Rauschen. Recht hatte die Medizinalrätin, es war, hatte es sich festgesetzt, mehr psychologisch denn körperlich. Die Konzentration darauf war abzuschalten, vorbei hören zu üben. Deshalb also hatte es in Kolumbien nicht gestört, niemand wusste etwas über Tinnitus, war normal. In Deutschland wussten alle davon, es war die neue Modekrankheit."  

Ich hatte gelernt: "Entspannen, Musik gezielt hören, im entspannten Zustand mich auf Einzelinstrumente konzentrieren. Dann war das Geräusch weg. Es kam wieder, natürlich, besonders beim darüber Reden, Schreiben, in der Ruhe. Doch es half immer öfters. Und je mehr ich übte, umso mehr kamen Erfolge. Geheilt war ich nicht, selten nur verschwinden diese Geräusche gänzlich. Ich kann leben mit meinem Tinnitus, er gehört zu mir und oft vergesse ich ihn.

Daran hatte ich gearbeitet: mich zu konzentrieren, tägliche Tätigkeiten zu reduzieren auf das Wesentliche. Doch das war nach wie vor schwer. Ein wenig schien es nach zu halten. In den Notizen steht nach den ersten Tagen im Büro: "Gelungen: Pause und Entspannung (fast) nach jeder Arbeit eingehalten. Anlaufschwierigkeiten, aber dann doch Konzentration auf meine Vorhaben."  Weiter so, Junge!

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