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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Wüstenstrom: DESERTEC, ein Groß(kotziges)Projekt II

21. April 2011 , Geschrieben von R.Einloft Veröffentlicht in #Unsere Welten - unsere Probleme

Interviewfragen von Laura (Projekt Wüstenstrom für Wiesbaden/FOCUS-Schülerwettbewerb siehe: www.focus.mosbacher-berg.de) an Marianne Schreiber-Einloft und Reinhold Einloft. Sie haben lange Zeit in der Entwicklungszusammenarbeit in Lateinamerika und Afrika gearbeitet in der Planung, Implementierung und Durchführung von Projekten, der Koordinierung des Einsatzes von Entwicklungshelfern sowie der Beratung und Unterstützung demokratischer Entwicklungsprozesse.

·     Was halten Sie von dem Großprojekt „DESERTEC“, durch das z.B. in Marokko ein Solarthermiekraftwerk gebaut werden soll?!

Nicht leicht, eine Antwort darauf zu finden. Besonders nach dem Super-GAU im japanischen Atomkraftwerk  Fukushima und der Wende in der Atompolitik in Deutschland hin zu erneuerbaren Energien wäre es natürlich vorteilhaft, Strom aus Wüstensonne in großen Mengen zu importieren. Was wir wissen ist: Das Konzept DESERTEC ist seit 2009 zur Planung eines Großprojektes mit vielen einzelnen Komponenten geworden. Ein Konsortium um die Konzerne Siemens, E.on, RWE, Münchener Rück und Deutsche Bank will in verschiedenen Ländern des Nahen Ostens (Middle East) und Nordafrika (kurz MENA-Länder) Ökostrom gewinnen. Im Zentrum stehen Großanlagen von solarthermischen Kraftwerken, evtl. auch Photovoltaik und Windparks. Diese Kraftwerke nutzen Spiegel, um Sonnenlicht zu bündeln, in Wärmeenergie zu verwandeln und damit Dampfturbinen anzutreiben. Der Strom soll dann mit einer speziellen Technologie über weite Strecken bis nach Europa transportiert werden. Bis zum Jahre 2050 soll damit etwa 10–25 % des europäischen Strombedarfs aus den Wüsten gedeckt werden. Kapital in Höhe von mindesten 400 Milliarden Euro wird gebraucht.

Unsere Einschätzung ist auf der ersten Ebene eine generelle: misstraue Großprojekten, sei es wo auch immer! Je mehr Komponenten zusammen funktionieren müssen um so mehr neigen sie zu Konflikten. Störungen sind vorprogrammiert. Hinzu kommt: Großprojekte neigen zu Zwängen, werden wichtiger als die Menschen, die dort wohnen.

Riesige Kapitalmengen müssen sich rentieren, auch wenn alles daneben geht. Solche Konstruktionen werden Selbstläufer, die, einmal angestoßen, kaum gestoppt werden können und ob sie funktionieren, kann man nie genau voraus sagen.  Konkret: Wie man in der Wirtschaftskrise gesehen hat, bevorzugen Anleger schnelle Gewinne. Sie wollen kurzfristig Renditen sehen, es geht ihnen nicht um den Erfolg des Projekts sondern um Gewinnmaximierung.

Als nächster Punkt ist zu nennen, dass Großprojekte kaum Technologie transferieren oder am Ort, wo sie gebraucht werden, erzeugen. Gerade in Entwicklungsländern. Das ist andersherum verständlicher: wächst aus kleinen Einheiten etwas Größeres, dann haben alle Beteiligten viel davon, denn es ist ein Lernprozess. Diese Länder brauchen angepasste Technologie, die sie lernen und beherrschen können. Die sie nachbauen und einsetzen können. Die Technologie großer Projekte wird normalerweise von außen mitgebracht und kann nur für dieses Projekt verwendet werden. Das alles wird auch für das Kernprojekt der solarthemischen Kraftwerke so sein.

Nicht übersehen wollen wir, dass die Planer von DESERTEC schon reflektieren, dass die beteiligten Länder auch was davon haben müssen. Die MENA-Länder sollen in die Planung mit einbezogen werden. Der Strom soll zunächst einen wesentlichen Teil des Eigenbedarfs der MENA-Länder decken und ab 2020 bis nach Europa geleitet werden. Mit Entsalzungsanlagen, Windkraftanlagen und andere alternative Anlagen ist geplant, negative Effekte des Großprojektes abzufedern und den Ländern Entwicklung und Aufbau eigener Energiequellen zu erschließen. Das ist schon im Konzept mit drin. Wir halten diese Begleitmaßnahmen für sehr wichtig. Entwicklungsländer dürfen nicht nur Lieferanten für unsere Bedürfnisse sein, sie müssen sich selbst entwickeln und versorgen können.

·       Welche politischen und gesellschaftlichen Probleme sehen Sie in einem solchen Großprojekt?

Die Versorgungssicherheit mit Wüstenstrom ist kritisch. Wie politisch unstabil die Länder in Nord Afrika und Vorderasien sind, das sehen wir im Moment krass. Ob unter den jetzigen Bedingungen des Aufruhrs, der sich wie ein Schneeballsystem weiter ausbreitet, DESERTEC überhaupt weiter angegangen werden kann, ist zu prüfen und zweifelhaft. Und würde es gebaut, wären die Anlagen lohnende Ziele für terroristische Angriffe, könnten als Faustpfand zur politischen Erpressung genutzt werden (wenn ihr nicht tut was wir wollen, schalten wir euch vom Strom).

Dazu kommt, dass Afrika schon immer ein Spielball der ausländischen Mächte war – hier wurden Stellvertreterkriege geführt um Bodenschätze wie im Kongo und Angola. Wie es sein wird, wenn die Afrikaner ihre Energie selbst nutzen wollen oder sie an China verkaufen – wer weiß ob die Europäer dann still halten oder ob sie „ihre“ Interessen mit Gewalt verteidigen.

Gesellschaftlich positiv wird sein, dass während des Baus Arbeiter gebraucht werden. Aber auch da kommen sehr viele Spezialisten zum Einsatz, die es nur in unseren entwickelten Ländern gibt. Das gilt noch mehr für die Betreibung der Anlagen. Als weiterer positiver Effekt kann angeführt werden, dass Steuern und Gebühren abfallen (die sicher hoch sein werden), Infrastrukturen entstehen und das Land gekauft werden muss. Das wäre dann eine zusätzliche Einnahme für die Länder in denen die Anlagen gebaut werden.

·       Wie hoch ist Ihrer Meinung nach die Chance, das Projekt umzusetzen?

Ein befreundeter Kenner der Länder schreibt uns: „Das Projekt geht m.K. seinen Gang und in Marokko und Ägypten werden in diesem Jahr noch die ersten Kraftwerke fertig gestellt. Die Frage ist nun mit der Verkabelung nach Europa.“ Wir denken, es gibt noch andere Hindernisse. Konzerne wie die beteiligten RWE und E.on haben Interesse an der Monopolisierung von Stromerzeugung und könnten das aufs Neue mit dem Wüstenstrom. Regionale, lokale und private Ansätze würden wieder zurückgedrängt, wenn das Kapital in einem Großprojekt gebunden wird. Ganz Europa müsste zustimmen, allein der Trassenbau für die Stromleitungen ist gegen den Willen der Bevölkerung schwer durch zu setzen. Hinzu kommen die immensen Kosten, die bisher nicht beziffert werden. Intern spricht man von 400 Milliarden Euro bis 2050, was Kritiker bezweifeln, weitaus höher ansetzen. Auch die notwendige Stromabnahmegarantie und Anschubfinanzierung der europäischen Länder ist bisher nur vage von unserer Bundesregierung in Aussicht gestellt (andere Länder müssten ebenfalls fest zusagen). Hinzu kommen die technischen Unabwägbarkeiten. In der Wüste gibt es Sandstürme, die die Anlagen beschädigen können. Zur Kühlung braucht man Wasser, viel Wasser, ein schwieriges Unterfangen in Wüstengegenden. (Man will deshalb Wasserentsalzungsanlagen und in Ufernähe bauen). Eine Reihe technischer Komponenten sind noch nicht ausgereift und genügend erprobt. Und last not least ist die politische Lage in der Region, wo die Kraftwerke hin sollen sehr unstabil. Das alles spricht gegen eine Realisierung in größeren Dimensionen.

Was Greenpeace, die ja für das Projekt waren, heute dazu sagt, sollte mal geprüft werden. 

·       Wer muss außer Investoren noch mitmachen, damit es zu einer Umsetzung kommen kann?

Wir nicht, wir sind dagegen. (OK, alle Regierungen in Europa, der MENA-Länder, Industriekonsortien (eines ist ja schon gegründet worden um die Konzerne Siemens, E.on, RWE, Münchener Rück und Deutsche Bank), die vom Bau der Anlagen und Trassen betroffenen Menschen, Wissenschaftler, Ökonomen, endlos die Liste.)

·       Denken Sie, dass andere Quellen für grünen Strom vielleicht besser wären?
Kennen Sie Alternativen, die man in der afrikanischen Wüste nutzen könnte, um Strom zu gewinnen, die dem Entwicklungsgedanken mehr entspricht?!

In Afrika sollte der Strom für Afrika gemacht werden. Ob solarthermische Anlagen die geeigneten sind, darüber streiten sich die Fachleute. Einige meinen, diese Technik sei zu kompliziert und störanfällig in einem Wüstenstandort (Wüstensand kann die Spiegel verkleben) und ziehen Photovoltaik-Technik vor.

Für Europa und Deutschland sind wir der Meinung, dass vorderhand dezentrale private, lokale und regionale alternative Kleinkraftwerke sowie Windkraftanlagen in der Nordsee für die Versorgung mit alternativer Energie vorzuziehen sind. Alle Möglichkeiten zu nutzen, muss das Ziel sein. Alternative Energien stehen nachhaltig zur Verfügung. Es sind Energieressourcen, zu denen insbesondere Wasserkraft, Windenergie, solare Strahlung (Sonnenenergie), Erdwärme und die durch Gezeiten erzeugte Energie zählen. Eine andere Quelle erneuerbarer Energien sind Biogas, Bioethanol, Holz u.a. der aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnenen Biomasse. Da ist noch viel nutzbares Potential vorhanden. Fachleute weisen darauf hin, dass durch den Ausbau der regenerativen Energien bis 2020 bereits 30% (Bundesumweltministerium 2008) und bis 2050 fast vollständig der Bedarfs in Deutschland gedeckt würden. Gleichzeitig muss ein Oberziel der Politik sein die zielgerichtete Optimierung und Einsparung des Energieverbrauchs (Geschwindigkeitsbeschränkungen, Alternativen zum privaten PKW, Energiesparhäuser, Einsatz effizienterer elektrischer Geräte und Anlagen etc.) . Damit könnte der (unsichere) Bau von DESERTEC entfallen.

·       Was für Festlegungen/ Regeln sollte es Ihrer Meinung nach von Seiten der Politik geben, damit die afrikanischen Menschen in den Regionen auch etwas von dem Großprojekt haben?!

Der Aufbau eigener alternativer Energieerzeugung in diesen Ländern kann eine positive Auswirkung auf deren Entwicklung haben, wenn der wesentliche Teil der Wertschöpfung in den Entwicklungsländern stattfindet. Das müsste eine Schwerpunkt nicht nur von DESERTEC sein.

 

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