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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Camino Portugues VII

12. September 2017 , Geschrieben von REinloft

 Camino Portugues VII
 Camino Portugues VII
 Camino Portugues VII

Dienstag, den 12.9. Caminha -Valenca

Die Herberge Gallo d’ Oro (Goldhahn) ist in einem alten Gebäude mit knarzenden Dielen und verwinkelten, steilen Treppen und Fenstern die hochgezogen werden müssen wie in Wildwestfilmen. Meines stand unten eine Handbreit auf, ich hab verzweifelt die Verriegelung an den Laufschienen gesucht, und musste feststellen, dass die Lösung einfacher war: Einfach ein Klotz unterm Fenster.Der Kellner kam zurück und fragte, ob das Sandwich auch aus (unverständlich)-Brot sein könnte. Brot war mir egal, hatte Hunger. Doch dann kamen zwei Scheiben fingerdicken bröckeligen Weißbrots. Zusammen mit Butter, Schinken und Käse ergab das eine klebrige Masse, die nur mit viel Flüssigkeit zu bewältigen war. Lerne: wenn du was nicht verstehst, nicke nicht.


Der alte Kellner im Café hat mindestens mein Alter. Er arbeitet von morgens früh bis spät Abends. Satte Leistung. Heute Morgen das Brötchen mit Butter war wieder normal.


Und? Werd ich jetzt ruhiger, contemplativer? Die Bedürfnisse reduzieren sich, ohne Frage. Füße, Gelenke, Nerv, wo lande ich heute Abend, gibt es noch ein billiges Bett (meist nicht). Nachrichten aus D (und überhaupt, Trump schon gar nicht) interessieren immer weniger (aber das war bei unseren Auslandsaufenthalten schon immer so). Die eigene Bedürfniswelt reduziert sich. Das ja. Doch auch darin ist Unruhe vorhanden.

Ach doch, werd schon ruhiger schlicht, einfach weil die vielfältigen Möglichkeiten des Vergnügens nicht mehr interessant sind. Mich heute Abend dabei erwischt, dass ich wie ein alter Türke durch die Stadt lustwandele.







Hat sich noch nicht eingestellt, das von vielen gelobte Camino-feeling. Bis jetzt ist es eine tägliche Herausforderung, die jeweils neu gemeistert sein will. Obwohl: ab und an blitzten Erlebnisse auf, die sich festsetzen und weiter schwingen.







Abendessen In einem kleinen Restaurant. Gemüsesuppe und Omelett mit Krabben. Meins ohne Krabben ist besser.



Die Strecke, die ich gestern nicht gehen konnte, fahre ich heute mit dem Zug. M sagt, zur Belohnung. Weil ich weiter mache? Aber klar doch! Mit neuen Kräften hurtig voran.





Der Camino nach Valenca (nein, nicht Valencia, Valenca mit c und Schweineschwänzchen unten) verlässt in Cerveira den Rio Miño, schlängelt sich auf Nebenstraßen durch kleine Orte den Berghang entlang. Schöne Ausblicke. Auch hier: viele Häuser zum Verkauf.







Des Morgens beim Einlaufen leichter Schwindel. Zu viel Sauerstoff. Gibt sich. Vom Nerv schreib ich nix mehr, sonst rächt er sich wieder.







Es nieselt. Nebelwald über mir.







Später abwärts durch die Flussaue, Gebüsch, Eukalyptus, Fichten, Eichen, wenig Landwirtschaft, kleine, saubere Orte. Schaue viel, denke viel. Morgens weiß ich, der Tag wird sinnvoll, mit Zeit und schwindender Kraft werden die Gedanken pessimistischer. Ich laufe besser, die angenehme Zeit verlängert sich. Der kleine Zeh am rechten Fuß hat eine Blase. Kräcker, Käse und Kakao zum Mittagessen auf den Stufen eines Denkmals.





Valenca (mit c-Schweineschwänzchen) ist ein Fort. Zwei sinds beim genauen Hinschauen. Das waren Festungsanlagen, die schon bei den Römern genutzt, später für und gegen die Mauren eine Rolle spielten (Portugal hat die Reconquista, die Rückeroberung der iberischen Halbinsel von den Mauren begonnen), hauptsächlich aber ab dem 12. Jhd., als Portugal unabhängiges Königreich wurde, die Spanier gegenüber auf der anderen Flussseite davon abhielt, sich das kleine Land wieder einzuverleiben. Versucht haben sie es, die Spanier.





Routine bei der Ankunft. Waschen (mich, Kleider), Füße, Diclo, Rucksack, schreiben. Heute Arbeitsteilung. In der kleinen Dusche unten die Wäsche, drüber ich strampelnd wie beim Weinkeltern.







Mit dem Portugiesischen mal so, mal so. Manche freuen sich und reden meist zu schnell. Dann freu ich mich nicht (die junge Dame an der Rezeption sagt, ich habe einen brasilianischen Dialekt. Freut mich, aber flüssig ist das nicht). Das Gegenteil sind die Leute, die nicht glauben wollen, dass ein Ausländer ihre Sprache spricht. Sie versuchen stur, englisch zu reden (M sage, die wollen auch ihre Fremdsprachenkenntnisse anbringen). Und dann gibt's noch die, mit denen unterhält man sich eine Weile und plötzlich halten sie erschrocken inne und fragen: verstehst du mich überhaupt. Gut geht's wie mit dem Mann in der Bar am Eingang zur Stadt. Der sprach langsam und deutlich und mengte auch mal spanisch dazwischen (um vor denen zu warnen, sie seien zu geschäftstüchtig). Ich brauch mehr Praxis.

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