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Andere-Welten oder: Von Einem der auszog aus seinem Dorf und neue Welten kennen lernte

Camino Portugues XII

17. September 2017 , Geschrieben von REinloft

Sonntag, den 17. September 2017; Pontevedra - Caldas de Reis

Bis ich morgens meine Füße mit Hirschtalg einbalsamiert, die wunden Stellen abgetapt,
Diclo auf die wehen Muskeln aufgetragen, die Hosenbeine angezippt, die nasse Wäsche an den Rucksack und diesen eingepackt habe, das dauert.
Zuerst wollte ich mir ein Taxi nehmen, denn es sind einige Kilometer mehr vom Hotel aus. Doch der Gang durch die fast menschenleere Stadt ist es wert zu laufen. Besonders die Altstadt hat ihren eigentümlichen Reiz. Hier ist alles auf Jahrhunderte alte Pilgerkultur ausgerichtet. Die Straßen, Plätze, Kirchen, Hotels, alles nennt sich nach Peregrino. Einer meiner Experten lobte „Die wunderschöne Kapelle der Madonna Peregrina aus dem 18. Jahrhundert. Auf dem Grundriss einer Pilgermuschel gebaut ist sie ein barockes Kleinod“
Die Pilgerscharen sind schon wieder unterwegs. Die ersten, hat gestern einer erzählt, laufen um sechs los. Dann ist es stockdunkel und eisig kalt. Ich lass mich lieber überholen, dann bin ich auch alleine. Morgens müssen sich die Füße und Gelenke ein laufen. Dann stolpere ich etwas dahin. Diese Pilgergespräche besonders des Abends sind nicht mein Ding. Entweder dreht es sich um Etappen und Herbergen oder man versucht mit Allgemeinwissen Verständigung herzustellen. (Mein Freund geht nie wieder nach Afrika. Weil er mal in Libyen eingesessen hat. Null Ahnung, wie groß Afrika ist.). Und dass man beim Wandern permanent erzählen kann, ist mir nicht begreiflich. Das gibt sich ja auch gegen Nachmittag hin.
Die Vorstadt durch die ich komme, ist nicht reizvoll. Aber in den Gärten und den Einfahrten Weinberglauben. Es riecht nach neu gegorenem. Die Dame, die so freundlich grüßt, hat ein bezauberndes Parfüm an. So ähnlich stelle ich mir die Völkerwanderung vor. Ganze Horden mit Gepäck in die selbe Richtung unterwegs. M fragt, ob ich schon unterwegs bin und wie es geht. Es geht – ganz gut. Gestern mit der Stadbesichtigung wider über 20 Km. Heute bedeckt und traurig.
Es ist Jagdsaison. Männer fahren mit ihren Hunden im Käfig hinterm Auto und den Gewehren und den Freunden in den Wald.

Jeder denkt an sich, nur ich denk an mich. Keine Ahnung, was das jetzt zu sagen hat, es geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Die Gruppe junger Leute vor mir hält Händchen und macht Sperenzchen mit ihren Stöcken. Die haben Überschüssige Kraft. Steil Berg auf, steil Berg ab. Das wäre überhaupt nichts für M gewesen. Viele Strecken hätte sie gehen können, doch manche eben nicht. Ich erinnere mich noch an den Tunguragua, rauf kein Problem, runter musste ich sie streckenweise huckepack tragen.
An die Essenszeiten in Spanien muss ich mich wieder gewöhnen. Mittagessen bis 16:00 Uhr, Abendessen frühestens ab 20:00 Uhr, die guten Restaurants ab 21:30 Uhr. Und abends hab ich Hunger!. Hilfe, da ist sie wieder, die Teutonin. Gottseidank, biegt sie jetzt in ein Café ein. Heute ist sie allerdings ruhig. Zwei Mädchen laufen gegen den Strom, von Santiago nach Porto. Sie erzählen, je näher Santiago kommt umso stärker werden die Pilgermassen. Mindestens drei Dutzend haben mich heute schon überholt.
Gestern noch angegeben, das Leben im Augenblick werde dominant, heute beschäftigt mich zu nehmend wie weit es noch ist (mindestens noch 16 km, bin schon sieben gelaufen). Und ich muss nach Caldas, weil ich erstens sonst das Date mit M am Donnerstag nicht einhalten kann und zweitens eine Absteige gebucht ist. Zwei stolze spanischer Reiter kommen mir auf dem engen Waldpfad entgegen. Das eine Pferd dreht sich im Kreis. Ich weiche in den Wald aus. Durchquere Zauberwald mit silbrigen Blättern, links unsichtbar plätschert ein Bach, rechts kommen Quellen aus dem Berg. Es geht aufwärts. Meine Unterschenkel protestieren. Hohlweg, Lichtflimmern, bin alleine. Kein Wunder, mein Schritt ist schleppend, der linke Fuß molestiert. 11 Km gegangen, noch 12 Km vor mir.
Abwärts frohen Muts und frisch gestärkt mit einem Sandwich Jamon Serrano. Und wen treffe ich? Die beiden schwedischen Ladies. Wir haben uns in den letzten drei Tagen immer wieder getroffen.
Den Fehler mache ich nicht mehr, tagsüber nur Obst zu essen. Obst mag gesund sein, aber nicht für Pilger.
Jetzt weiß ich auch warum das Brandsohlen heißt.
Siesta unter einer Brücke mit murmelndem Bach, jetzt sind es nur noch 7 km. Ich will aufbrechen, wer kommt des Weges? Die beiden Schwedinnen! Wir lachen und wechseln. Sie kommen runter, ich gehe meines Weges. Wir haben den selben Rhythmus. (Und dasselbe Alter. Annika ist drei Jahre jünger.) Der Weg schlängelt sich am Hang entlang, steigt wieder an, absolute Stille, nur meine Schritte und deren klappernden Stock zu hören.
Die Gedanken schweifen. Ein Santiago kenne ich, Santiago de Chile. Es war 1968, wir waren Entwicklungshelfer und gerade angekommen, und unser chilenischer Sprachlehrer hatte uns aufgetragen, unverzüglich eine empanada bien caliente, eine Maultasche chilenischer Spezialität, zu essen. Wir gehen mit der Gruppe in ein Lokal, einer wagte sich vor und bestelle una empleada bien caliente. Der Ober schmiss uns bald raus. Mit der kleinen Verwechslung von Empleada statt Empanada hatte er ein heißes Dienstmädchen bestellt
Da liegt es vor mir! Caldas! Ich bin stolz wie Fritz (wie Otto ist ja jeder). Sieht ein bisschen versifft aus das Städtchen. Aber ich bin ja nicht hier, um es zu lieben. Heute geht es mir, oh Wunder, besser als gestern am Ende der Reise. Und zwischendrin war es genau umgekehrt.
Im letzten Café 3,5 Km vor Caldas. Das Pilgerpärchen neben mir hat 7 Glas Wein bezahlt. Ham die was vor? Ich wüsste nicht, wie das mit meinen zerschlagenem Körper gehen sollte. Der Ober fragt, ob ich schon ein Zimmer habe. Die Stadt sei gerammelt voll. Jedes Jahr würde sich die Anzahl der Pilger verdreifachen. Er fragt ob mir der Camino gefällt. Es ist ein unvergessliches Abenteuer das nicht immer gefallen kann. Es ist eine unvergleichliche Erfahrung mit der Landschaft, den Städten, den Menschen, mit sich, seinem Körper, seiner Ausdauer, seinen Wehwechen, seiner Freude, dem Glücklich sein, dem down sein und alles viel intensiver als im normalen Leben. Das Leben langsam angehen, mit weniger auskommen. Und es aushalten, der Letzte zu sein der in die Stadt einläuft. Das lerne ich.
18:00 Uhr, in der Pension. 9 Std und 23 Km pilgern hinter mir.

Camino Portugues XII
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