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Von einem der auszog: Chile

Thursday, 5. february 2009 4 05 /02 /Feb. /2009 16:58

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Chile

Träume, beschied ihm ein Freund im Dorf. Aber die Wirklichkeit ist hier. Sprachs, heiratete und baute sich ein Haus. Meine Träume waren noch lange nicht erreicht.

Das Wetter war trübe, ich kam aus dem Gebäude, war benommen, konnte es noch nicht greifen und glauben. Freund Viktor hatte es nicht geschafft, auf meiner Urkunde aber stand: Zulassung zum Hochschulstudium ohne Reifezeugnis. Gut, das mit der offenbar mangelnden Reife juckte ein wenig, aber was soll´s, das Studium wartete. Soziologie und Volkswirtschaft sollten die Lücke in meinem Verständnis der Welt , die mir in Chile bewusst  geworden war. Ein Traum wurde wahr, den ich noch nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Wer konnte auch den Weg von der Dorfschule über Dreher, Schmalspur-Ingenieur, Entwicklungshelfer bis zur Universität voraussehen? Zufall, dachte ich.

Begonnen hatte die Wende in meinem Leben mit der Cabora Bassa Gruppe in Frankfurt. Nein, begonnen hatte es in Chile. Zwei Jahre als Entwicklungshelfer waren geprägt durch Nichtverstehen. In Antofagasta, einer Hafenstadt im Norden von Chile, 1400 km von der Hauptstadt Santiago entfernt war ich 1968 gelandet. Schon die 3 Monate Vorbereitung in Wächtersbach öffneten Tore. Landeskunde, Sprachen, Geschichte, da wurden Inhalte geboten, die interessant waren. Den Deutschen Entwicklungsdienst gab es noch nicht lange, wir gehörten zu den Pionieren und mussten Orientierungsläufe im Wald absolvieren. Falls wir mal verloren gehen sollten in den Entwicklungsländern. Wir lebten in einem verwunschenen Schloss in Erkern, Turmstuben, umgebauten herrschaftlichen Räumen und Dienstzimmern eng zusammen. Eine Gruppe ging nach Asien, die andere nach Afrika, wir waren die Latinos. Dafür hatte ich mich entschieden nicht nur wegen der Urwaldmädchen in meinem Buch, das Interesse an Lateinamerika begann mit einem Sanella-Einklebebuch. Bilder, Fahnen, Daten mussten von Margarine Packungen gesammelt werden und die spannende Reisen eines Jungen durch Argentinien, Chile, Bolivien, Brasilien faszinierten mich. Nun war es soweit, selbst Erleben war in Reichweite. Dafür lernten wir, bildeten Gruppen, hatten Spaß. Wenig Glück hatte ich bei den jungen Frauen, der Tölpel aus dem Dorf kam zu oft durch und ich zu einer bleibenden französischen Vokabel: jamais - niemals. Die Antwort kriegte ich nach einer erotischen Ringerei, die ich mit einem Welpenspiel verwechselte und zubiss. Da hatte ich eine Freundin weniger und ein Wort mehr. Die Abschiedsfeier fand im Rittersaal statt. Wir seien Sendboten des guten Deutschland, hatte der Leiter gesagt und benahmen uns aus Übermut wie Russen. Das Gläser-hinter-sich-Werfen war nicht einfach, unsereins ist vorsichtig beim mutwilligen Zerstören.   

Es war eine schöne Zeit. Bis auf Spanisch, das fiel mir schwer, ich war nicht der Einzige. Die Gruppe wurde über Rio nach Santiago verfrachtet und alles war neu. Das Terrain war vorsichtig zu erkunden, die Kreise, die wir zogen, waren erst mal eng. Santiago de Chile, ein Konglomerat aus Reich und Arm, Alt und Neu, Vertrautem und Unbekanntem verwirrte. Die wuchtigen, historischen Gebäude aus spanischer Zeit im Zentrum kamen bekannt vor, solche Armut wie am Rande der Stadt machte sprachlos.  Die Menschen gingen langsamer, spielten Schach auf der Strasse, Schuhputzer waren da, ambulante Verkäufer und alle sahen anders aus als erwartet. Während die Verkäufer eher Indios glichen, waren doch die meisten offenbar europäischer Herkunft. Kein Wunder, die Spanier haben die Ureinwohner fast ausgerottet, das Land wurde Siedlungsgebiet. Nur die Tapfersten und Härtesten schafften es über die Anden oder durch die Maghellan-Strasse. Stolz war Chile auf seine Geschichte, die europäische Kultur und demokratische Tradition, Erbe der Einwanderer. Das sollte sich leider ändern. Wir aber staunten und sahen Deutsche, Engländer, Spanier, Jugoslawen und später Chinesen im Norden und manchmal auch Indios. Und natürlich alle möglichen Mixturen dazwischen. Sie sprachen Spanisch mit solch einer Geschwindigkeit, dass kaum etwas zu verstehen war. Hinter der Stadt erhoben sich majestätisch die Anden mit schneebedeckten Gipfeln. Es sah aus, als würde Santiago in die Berge hineinwachsen, bewacht werden.

Der chilenische Sprachlehrer hatte zum Eingewöhnen Empanadas empfohlen. In der traditionellen Variante wird die Teigtasche mit Hackfleisch gefüllt, viel Zwiebeln, einem gekochten Ei, Rosinen, Oliven und im Ofen gebacken. Einer traute sich und bestellte Empleadas bien caliente. Wir wären bald rausgeflogen aus dem Lokal. Nicht heiße Teigtaschen, heiße Dienstmädchen hatten wir bestellt.

Antofagasta, die Wüstenstadt am Pazifik, ist umgeben von der Atacama, einer der trockensten Gegenden der Erde. Im Inneren werden Kupfer, Nitrat und Salpeter abgebaut, ihre Verschiffung hat die Hafenstadt wachsen lassen. Die Wüste geht gleich hinter der Stadt los, manchmal weht der Sand durch die Straßen. Es ist heiß, trocken und wenn es alle Jahre lang mal regnet fließt das dreckige Wasser durch die Löcher im Blechdach die Wände herab.  Zugeteilt wurde ich der Technischen Universität, Abteilung Lehrlingsausbildung. Entwicklungsländer haben in der Regel kein System der Facharbeiter-Ausbildung wie bei uns, Praxis und Theorie wird, wenn überhaupt, in eigenen Instituten vermittelt. Was können sie denn so, verstand ich mehr intuitiv als spanisch beim ersten Gespräch mit dem Leiter, einem älteren, ruhigen und sympathischen Mann. Messtechnik haben Sie gemacht, das können wir brauchen. Im Keller ist ein Labor, da steht sogar eine Messmaschine mit hoher Genauigkeit, die ist geschenkt und keiner von uns kann sie bedienen. Da können Sie unterrichten. Und da war ich Lehrer. Die Klasse verstand mich nicht, ich verstand nicht, warum sie noch nicht einmal wussten, was 1 m ist. Das Missverständnis war doppelt: auch sprachlich waren wir Welten entfernt. Das besserte sich langsam, aber nie haben sie kapiert, warum man auf ein Hundertstel und genauer messen soll. Jeden Vortrag musste ich ausarbeiten und korrigieren lassen. Sr. Hernandez, der Chef, war langmütig und hilfreich, doch als ich eines Morgens mit dickem Kopf nach einer langen Nacht kein Wort raus brachte und die Schüler heim schickte, war das zu viel. Die sollen lernen!

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Friday, 6. february 2009 5 06 /02 /Feb. /2009 09:59

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Chile

von Chile bis Cabora-Bassa Teil I

Die Stadt war öd. Im Zentrum gab es einige kümmerliche grüne Pflanzen, die dauernd bewässert werden mussten. Einzig in der Nähe der Universität war ein langer, schmaler Park mit üppigen Palmen. Die Erde, so erzählte man mir, kommt aus Europa. Segelschiffe, die Kupfer oder Salpeter laden wollten, brachten Erde als Ballast mit, die hier aufgeschüttet wurde. Meine erste praktische Lektion in einseitigen Handelsbeziehungen, auch Ausbeutung genannt. Die Minen gehörten Ausländern, Gewinne wurden abgeschöpft und ins Ausland transferiert und den Chilenen blieb Erde. Um 17:00 war „Once", Teatime, von den Engländern abgeschaut, die lange das Land wirtschaftlich beherrschten, aber keiner wusste, woher die Bezeichnung "Once"(Elf) kam. Um 18:00 war Plaza-Rundgang, ganze Familien schlenderten um den Platz, junge Mädchen stellten sich aus, junge Männer schauten zu und der deutsche Braumeister fuhr mit seinem offenen Mercedes die 3 asphaltierten Straßen rauf und runter, machmal hatte er Glück und eine Frau dabei. Sein Bier war gut. Dann kam schnell die Nacht und zaghafte Lichter gingen an.  Die Ereignisse der Welt gingen an uns vorbei, Fernsehen gab es kaum, die Mondlandung ging ohne unsere Teilnahme gut über die Bühne. Erst viel später erfuhr ich davon.

1969 starb mein Opa. Er hat mir viel bedeutet. Als das Telegramm kam, war er schon beerdigt worden. Eine schwere Zeit, gelockert durch die permanenten neuen und völlig anderen Erfahrungen. Ich begriff die politische Relevanz der Politik nicht. Enteignungen ungenutzter Ländereien, Übergabe an landlose Bauern, Diskussionen über Verstaatlichung der Minen, soziale Politik, all das war in Chile unter Frey (Vater) an der Tagesordnung der Christsozialen Regierung. Dann kam der Wahlkampf.  Wahlplakate mit Pablo Neruda als Präsidentschaftskandidaten tauchten auf und verschwanden, als die Kommunisten sich der Unidad Popular anschlossen und Allende zum Kandidaten nominierte. Weder wusste ich, wer Neruda war, noch begriff ich, dass Allende eine neue Politik der sozialen Gerechtigkeit für das Land wagen wollte. Noch heute bedauere ich, kein Wahlplakat mit Neruda zu haben.

Alles war neu, fremd, spannend. Frauen eingeschlossen. Angela war die erste Freundin. Sie arbeitete in Arica als Hausangestellte und reiste alleine durch den Kontinent. Mit ihr konnte man Pferde klauen, Nächte durch trinken und reden. Sie war knuddelig, sexy, hatte blonde lange Haare und war ein Traum der Latinos. Meine Traum war sie auch. Nach einem Jahr  musste sie raus aus dem Land, ihr Visum war abgelaufen. Ich war verliebt und wusste nicht, ob es Liebe ist.

Vanessa, La Comtessa, war schlank, schmal, grazil, hatte schulterlanges, volles schwarzes Haar, Temperament, zwei Kinder, die in Santiago mit den Großeltern lebten und ging mit mir nach Hause. Ich dachte, sie sei verliebt in mich, sie dachte an Geld und Sicherheit aber mit der Zeit kamen wir uns näher. Dann war sie weg, verwischte alle Spuren, ich wusste einzig den Stadtteil, fuhr ihr nach und fand sie. Das Haus aus Hohlblocksteinen, dreiräumig, nicht verputzt und tapeziert, war sichtbar Marke Eigenbau. Wohnkooperativen erhielten Baumaterial aus einem Regierungsprogramm und bauten ihre Häuser gemeinsam. Da wohnte sie bei ihren Eltern. Was für ein Fest! Der Vater nahm mich mit zu seinen Freunden, wir tranken aus Kokosnüssen, die mit Schnaps verstärkt waren, gingen zum Fußball und spielten mit den Kindern. Die waren süß, nannten mich Monito - Äffchen - weil ich einen Bart hatte und wollten mich als Vater. Beinahe hätte es geklappt. Vanessa wechselte zum Schmuggeln, ich half, wenn ich konnte. Arica, die nördlichste Stadt Chiles, 2000 km von Santiago entfernt, war Freihandelszone und billiger. Da kauften wir ein und transportierten die Koffer im Bus. Halbwegs Antofagasta war in einem tief eingeschnittenen Cañon die Zollstation, alle mussten raus, nur wir wurden nicht kontrolliert weil ich Ausländer und fern des Verdachtes auf systematisches Zollvergehen war. Es war zu wenig, was übrig blieb, mein geringes Unterhaltsgeld reichte nicht, die Eltern hatten nur ein Einkommen zum Überleben und Vanessa verschwand um Geld zu verdienen.

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Sunday, 8. february 2009 7 08 /02 /Feb. /2009 09:08

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Chile

Chile bis Cabora Bassa Teil I; Teil II;

Die Arbeit an der Tecnica nahm ihren Lauf, Ich musste lernen, wie man lehrt und doppelt lernen, wie man in Spanisch unterrichtet. Die Kollegen waren freundlich, bestaunten den Gringo, nahmen ihn mit nach Hause und auf Ausflügen. Ihr Umgang mit der Zeit war schwierig zu lernen. Um 20:00 Uhr war ich eingeladen und stand geschniegelt und gebügelt vor der Tür. Das verursachte ein größeres Dilemma. Die Hausfrau hatte noch die Lockenwickler eingedreht, der Hausherr lag in der Badewanne. Ich wurde zwischengeparkt und bekam diplomatisch verpackt meine Lektion. Eine Stunde später erscheinen ist immer noch früh. Sonntags machen sie einen Churrasco am Strand, sagte der Kollege, mit ihren Frauen, Wein, viel grillen und guter Laune, Gringo komm mit, um 9:00 an der Uni. Um 11.00 wollte ich gehen, da kam der 1. Am Wochenende hat die Zeitangabe nur symbolischen Charakter. Alles vor 12:00 bedeutet Vormittag. In der Tecnika war das anders. Disziplin war wichtig, Verspätungen wurden geahndet. Jorge Salgado war mit am Strand, ein berühmter Mann in der Stadt. Er war Kontiki gefolgt und alleine in einen kleinen Boot von Südamerika aus über den Pazifik gesegelt bis nach Honolulu. Er ging und sprach langsam und bedächtig, entsprach so gar nicht meinen Vorstellungen von Abenteurer. Seine Geschichten erzählten vom Meer, das niemals aufhört.

Jorge brachte uns das Segeln bei. Der Yachtclub hatte 4 alte Holzboote und residierte auf der Mole, die vordem zum Beladen der Segelschiffe diente. Gleise auf dem baufälligen Holzsteg und alte Schuppen zeugten noch davon. Von hier aus wurden die Schaluppen beladen, die hinaus zu den Seglern fuhren, Kupfer mitnahmen und Sand brachten. Am Ende des Stegs über dem Wasser stand eine Holzhütte, das Clubhaus. Neue Worte in Spanisch waren zu lernen, Worte der Segelsprache. Oreja de burros,  bezeichnete plastisch die wie Eselsohren abstehende Fock und Hauptsegel, wenn sie nach beiden Seiten ausgestellt mit Wind von hinten sich blähten.  Andere Begriffe waren schwerer zu lernen. Wir Deutsche segelten zusammen in einem Boot die Osterregatta. Bei der letzten Einzelwertung schafften wir den Sprung auf den 2. Platz in der Gesamtwertung. Einfach dadurch, weil alle versuchten, mit dem Spinnacker, dem großen, bauschigen Vorsegel, im Wechselwind von hinten zurecht zu kommen, nicht zurecht kamen, wir diese Technik nicht beherrschten und mit den oreja de burros als 1. einliefen.  Zuverlässig wie die Alemanes, lobte man uns.

Der Arzt hat eine Überdosis Arsen in mir festgestellt plus noch einige Mikroben. Darf kein Leitungswasser mehr trinken, man gewöhnt sich dran. Alkohol muss aushelfen. Mein Selbstbewusstsein hebt es nicht, im Gegenteil. Angela heiraten, ein Häuschen bauen, viele Kinder haben war eine Perspektive, Vanessa kam dazwischen, hin und her geschüttelt war das Seelchen, fand keine klare Lebenslinie, fragte nach dem Sinn. Die Kollegen raten, Vanessa zu heiraten, sie sei ihr Leben lang dafür dankbar. Den Rat folgten sie selber und verlobten sich mit Latinas.  An der Arbeit kann die Ungewissheit nicht liegen. Der Beauftragte des DED lobt mein Projekt und bietet eine Verlängerung an. Das plus Heirat hätte mehr Unterhaltsgeld bedeutet, aber ich konnte mich nicht entschließen, schob die Entscheidung hinaus.

Seeigel war für die Chilenen eine besondere Köstlichkeit. Verkäufer mit ganzen Bündeln dieser stacheligen Viecher waren schnell ihre Ware los. Scharf gewürzt mit Pfeffer und Salz, zermatscht und mit Petersilie überstreut war die rot-glitschige Masse offenbar eine Leckerei. Mir war übel. Du musst das 5 mal essen, dann schmeckt es wunderbar. Beim vierten Versuch fing es an, besser zu schmecken. Oder Kuddeln, Magen, Darm mit Saubohnen in einer braunen Soße gekocht. Die Bohnen schmeckten, die Kuddeln waren glibbrig. Und die Hausfrau schaute neugierig zu. Es musste schmecken.

Drei Tage dauert das jährliche Fest zum Gedenken an den Sieg über die Spanier und die Unabhängigkeit. Im Stadion waren Buden aufgebaut, Cola de Mono war das Getränk der Nationalfeiertage, ich lernte es kennen. Sein kakaoähnlicher Geschmack verleitet, ich trank zu viel und kam nur mit Schwierigkeiten durch das Stadiontor. Hier das Rezept:
 1 Flasche Pisco,  Aguardiente oder Vodka
5 Ltr. gezuckerte Milch oder 5 Dosen süße Kondensmilch
2 Tassen Mokka (stark)
Schalen von 3 kleinen Zitronen
2 Zimtstangen, 5 Nelken, 2 Vanilleschoten, 2 Prisen Muskat
Milch mit Nelken, Zitronenschalen, Zimt aufkochen, kalt werden lassen (24 Std.), Kaffe dazu geben, 5 Min ziehen lassen, durchsieben (sieht aus wie Spülwasser, Goran hat das fertige Produkt mal weggeschüttet weil er mir beim Aufwaschen helfen wollte) und dann zum Schluss den Schnaps dazu und mit Muskat würzen. In Flaschen abfüllen und schnell verbrauchen. Bei einem größeren Fest kein Problem.
PS: Mit Eis schmeckt er auch gut

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Monday, 9. february 2009 1 09 /02 /Feb. /2009 09:00

von REinloft - veröffentlicht in: Von einem der auszog: Chile

Der Süden des Landes ist grün und fruchtbar. Wir saßen auf der Mole in Puerto Montt, Fischer legten an, verkauften die auf dem Boot frisch gekochte Langusten. So was hatte ich noch nicht gesehen, geschweige gegessen. Wir liehen uns einen Hammer, ich lernte die Scheren zertrümmern, wir tranken Wein aus der Flasche und hatten ein Festmahl. Die Gegend war überwältigen schön mit den Seenplatten und dem Vulkan ähnlich Fujiyama, erinnerte an die Schweiz und ist deutsch. Nach der bürgerlichen Revolution 1848 hatte der chilenische Präsident gescheiterte deutsche Revolutionäre als Kolonisten angeworben, um die Seenregion in das Mutterland einzugliedern. Ihre Nachkommen sind immer noch da. Etwa 1 Std. mit dem Boot durch Mangrovenwälder gelangt man zu einer Bucht mit einem Fischerdorf. Nur oben auf der Steilküste stehen noch Häuser. Schon auf der Fahrt waren die überschwemmten Wälder aufgefallen und Schiffe, die an Berghängen gestrandet waren. Die Leute erzählten noch immer, als ob es gestern gewesen wäre. 1960, am 22. Mai, hatte die Erde gebebt wie noch nie zuvor. Von Valdivia bis Puerto Montt und weiter waren Städte und Dörfer zusammengefallen. Das schlimmste Beben, das es jemals gegeben hat, löste einen Tsunami aus, der über Hawaii bis nach Südafrika Verwüstungen anrichtete. Die Menschen kannten Tsunami nicht, nannten es Seebeben und erzählten, wie das Meer weg ging, weit, weit, sie sahen den Meeresboden km entfernt mit hüpfenden Fischen und dann kam die Riesenwelle zurück, zerschlug das Dorf, nahm Schiffe und Boote mit, rollte den Fluss hoch, trug Dampfer und Häuserreste auf die Berghänge und erreichte die Stadt. Es war nach dem Beben die zweite Katastrophe. Die dritte drohte Wochen später. Das Erdbeben hatte den Ausfluss eines Sees in den Bergen zugeschüttet. Das aufgestaute Wasser hätte die Stadt gänzlich vernichtet. Im letzten Moment konnten Sprengungen den Lauf verändern. Noch 1969 waren die Schäden zu sehen.

Auf der Fahrt durch die Wüste wirbelte der alte, englische Zug eine lange Staubfahne hinter sich her. Hier oben, bei Antofagasta, ist Chile mit 250 km am breitesten gegenüber dem Durchschnitt von 50 km bis nach Feuerland. Durch die Weite der Landschaft, ihre Monotonie und Abgeschliffenheit merkt man das Vorankommen nicht und die Zeit wird ein nebensächlicher Faktor. Abends bei Sonnenuntergang sahen wir von der hinteren Plattform aus ein skurriles Spiel von Sonnenstrahlen in wirbelndem Wüstensand. Es war noch immer heiß, obwohl die Strecke schon bergauf, Richtung Anden ging. Der Schaffner brachte für jeden 6 Decken, wir lachten und dachten uns unseren Teil. Bei der Hitze! In der Nacht aber wurde die Luft knapp und die Decken reichten nicht aus gegen die Kälte. Um 4:00 am Morgen kamen wir in Ollagüe an, dem Grenzbahnhof, auf 4000 m Höhe, ringsum schneebedeckte Bergriesen und noch höher gelegen eine Salpetermine. Keine Ahnung, wie Menschen es schaffen, hier noch schwer zu arbeiten. Die Fahrt über den Altiplano, die Hochebene von Bolivien, war eintönig trotz der pittoresken Indigenas mit ihren Trachten und Hüten, der ausgetrockneten Salzseen, der Lamas und der verfallenen Dörfern. Wir waren zu dritt, ich hatte mich zwei Amerikareisenden angeschlossen und wollten erst einmal über Oruru, Potosi, Sucre, Monteaguro die Anden runter in den Urwald nach Camiri. Ihr werdet umgehend verhaftet, ihr Gringos mit Bärten, sagten sie uns. Das Kampfgebiet von Che Guevara war immer noch militärisch abgeschirmt und Regis Debray, der französische Intellektuelle und Unterstützer des Che, saß im Gefängnis der Stadt.     
Der verhörende Offizier war freundlich, notierte alle Daten und Pläne, ließ uns fotografieren, zur polizeilichen Anmeldung bringen und gab uns bis zum Hotel einen Adjutanten mit. Nein, nicht als Bewachung, nur zur Sicherheit, sagte der. Das Hotel hatte eine Bar vor einem Innenhof, in dem Mädchen gegen Bezahlung arbeiteten. Sie waren nett, wir luden sie ein zu einem Ausflug und fuhren am nächsten Morgen mit der Gruppe junger Huren an den Fluss. Aber ja nicht zusehen wenn wir baden. Wir mussten weit weg gehen und hörten sie lachen.
Bisher waren wir mit Bussen, Jeeps und Lastwagen gereist. Santa Cruz war besser mit dem Flugzeug zu erreichen. Der Flugplatz, eine hoppelige Wiese, sah nicht vertrauenerweckend aus. Zu allem Unglück schob sich vom Westen her ein schweres Wetter über die Bäume, davor schaukelte eine alte DC und setzte zur Landung an. Der Regen begann, im Eiltempo wurde aus- und eingeladen und schon stand das Flugzeug wieder am Ende der Wiese, startbereit. Der Regen war heftiger geworden und der Pilot beorderte alle Mann auf dem Rollfeld zum Festhalten des Fahrwerks. Er gab Gas bei voller Bremse, ließ sie frei, die da draußen purzelten herum, das Flugzeug schoss voran wie von einem Katapult und schaffte es, von Böen geschüttelt, knapp über die Baumwipfeln. In Santa Cruz erhielt ich meine erste bleibende Lektion in Moskitos. Ich wollte auf der Veranda schlafen, drinnen war es zu stickig, sie warnten mich, och, macht mir nichts aus, ich schlief ein und wachte kurz darauf mit völlig zerstochen Gesicht wieder auf. Diese Nacht habe ich jeden Moskito auf seiner Flugbahn verfolgt aber keinen erledigt. La Paz, Titicaca See und Peru waren die nächsten Ziele. Spät am Nachmittag sahen wir einen Rauchpilz wie von einer Atomexplosion. Es war der Dampf von La Paz, tief in die Schüssel des Plateaus gesenkt aber immer noch atemberaubend wegen der 3 600 m Höhe, der bunten Bevölkerung, von Indigenas und Mestizen dominiert, seiner Lage an den Wänden des Kraters und den Vulkanen drumherum.

Ich fahre über Arica allein zurück nach Antofagasta, die Ungewissheit, was Liebe ist und wen ich liebe, zermürbt mich. Angela schreibt aus Libyen, sie ist Hostess auf einem Tanker. Ich möchte, dass sie zurück kommt. Noch immer habe ich Angst vor den Konsequenzen, die Heiraten bedeutet. Abgesteckte Rahmen sind in meinem Kopf verankert, feste Vorstellungen, sesshaft werden zu müssen.  Zwei Seelen stritten in mir, ich aber wusste noch nicht, wie die Unruhe in mir zu befriedigen sei. Erst viel später sollte ich lernen, dass Freiheit und Verpflichtung sich nicht ausschließen. Tagsüber versuchte ich zu lernen, die Gedanken zu regulieren, mich auf meine Umwelt zu konzentrieren. Aber abends kam der Alkohol. Ich bekam mich nicht in den Griff, wollte eine klare Linie und fand sie nicht. Lesen war nach wie vor Abtauchen in andere Welten. Heine lernte ich kennen, Ghandi, Mann, Chrustschow, Lenz, Tucholsky, Hemingway, wir tauschten die Bücher aus und manchmal fand ich Ruhe. Mein Zweifeln an Gott und seiner ausgleichende Gerechtigkeit erhielt neue Nahrung. Die Armut um mich herum war schrecklich, die Gemetzel in Vietnam und Biafra unbegreiflich, Fragen kamen auf, ob das am kapitalistischen System liegen könne, ob mehr haben wollen System sei? Und Gott? Wo blieb das Christentum, dem Jesus vorgegeben hatte, gerecht zu leben?

Vanessa kam zurück, blieb, arbeitete in den „Brujas“, dem Nachtlokal, in dem wir uns kennen gelernt hatten, wollte nur noch Tänzerin sein, wir lebten zusammen. Das Nachtlokal lag draußen vor der Stadt in einem Slum am Meer. Oben auf dem Flachdach waren Kabinen, da wohnten die Frauen. Um 11.00 abends fing ihre Arbeit an und ging bis 4:00, manchmal 5:00 morgens. Den weiten Weg nach Hause vermeidend, schlief ich auf dem Dach. Musik dröhnte, Lachen und Gekreisch scholl herauf, Schlafen war beschwerlich. Um 6:00 musste ich weg, um 7:00 fing der Unterricht an, manchmal mit dickem Kopf. Die Treppe am Seiteneingang ging direkt zum Dach, Vanessas Kolleginnen fangen mich ab, bewirten mich, tänzeln um mich herum bis ich mitkriege, dass meine Frau Freundin Besuch hat und sie mich ablenken wollen. Vor Kurzem hatte es einen Toten wegen in einer ähnlichen Situation gegeben, davor hatten sie Angst. Meine Reaktion war nicht freundlich, der Besuch war ein alter Bekannter, ob zwischen den beiden was war, hab ich nicht heraus gekriegt. Danach habe ich ein Zimmer gesucht, wo wir zusammen wohnen konnten. Es war schwer, die verschiedenen Tagesrhythmen abzugleichen, aber Geld für die bessere Schulausbildung der Kinder musste sie verdienen. In jedem anderen für sie geeigneten Beruf hätte sie weniger gehabt und ihr Mann hatte sich abgesetzt und zahlte nicht.   

Die Regionalbeauftragte des DED für den Norden des Landes hieß Carola, residierte einen Katzensprung von der Universität entfernt, kümmerte sich aber wenig. Meisten zu dritt am Ort,  arbeiteten die anderen an der Universidad de Chile, die eigens ein Häuschen für Entwicklungshelfer zur Verfügung stellte. Eine Zeitlang wohnte ich dort, musste raus, weil ein vierter EH kam und hauste fortan in Notunterkünften, manchmal mit Vanessa zusammen. Adobe-Hütten aus selbstgebrannten Lehmziegeln mögen atmungsaktiv sein, unsere bröckelte und staubte in der Hitze. Auch andere EH formulierten Kritik an der Vorgesetzten, wir schafften es, sie abzusägen. Ich kriegte zwar keine bessere Wohnung aber einen Stolz auf den Erfolg. Meine erste Protestaktion gegen die da oben! Von der Studentenrevolte hatte ich zu dem Zeitpunkt keine Ahnung. Die war an mir vorbeimarschiert.  

Der "Traumstraße der Welt", der Panamericana  zu folgen war  mein Traum. Runter bis Puerto Montt war ich sie schon gefahren, bis dort, wo sie am Meer endet. Rauf über Peru und Ecuador sollte folgen. Ich bestieg den Greyhound Bus, Vanessa verschwand, ich dachte, für lange. Durch Peru folgt die Straße der Küstenlinie, in Lima blieb ich, dann in Guayaquil und Quito. Den Rio Napo sah ich, die Straße endete, Waren und Menschen wurden umgeladen auf eine Plattform am Stahlseil und Mensch und Material schaukelte über den braunen Fluten schräg hinunter auf die andere Seite, dotzte dort an alte Reifen und wurde mit einer Handkurbel wieder zurück geholt. Es war das Ende der zivilisierten Welt, die Cola Schilder hörten auf. Hund hab ich gegessen, aber erst, als sie mir sagten, das war Hund, da wurde mir schlecht. Dass ich 12 Jahre später als Beauftragter des DED in dieses Land zurückkehren würde, war unvorstellbar. Dann hatte ich keine Lust mehr, wollte heim und schiffte mich in Guayaquil ein. Durch den Panama Kanal kamen wir nach Caracas und dort stand Vanessa am Kai. Ich traute meinen Augen nicht.
In Teneriffa erhielt ich ihren Brief. Sie sei im Hafen noch vergewaltigt worden, hätte unser Kind verloren und sei zurückgekehrt zu ihrem Mann.

Die Cabora Bassa Gruppe war entstanden durch Ingenieure und Techniker von Siemens und Hoch Tief, die nicht einverstanden waren mit dem Engagement ihrer Firmen beim Abenteuer in Mosambik. Der Bau des großen Staudamms Cabora Bassa war ein gefährliches Wagnis diente der tatkräftigen Unterstützung der portugiesischen Kolonialpolitik. Wir dagegen unterstützten die Befreiungsbewegung FRELIMO und ihre Forderung nach Unabhängigkeit. Studenten hatten sich der Gruppe angeschlossen, die für eine marxistische Fundierung unserer Aktionen sorgten. Ich lernte Marx kennen, lernte, dass Kapitalismus Ausbeutung, höhere Profitrate und Krisen bedeutet und fand Lenin mit seiner Definition des Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus einsichtig. Die Gruppe wurde mein Lebensinhalt, die Mitglieder meine Freunde. Als Jürgen mit Jo für ein Jahr durch Afrika fuhr, übernahm ich die Leitung. Das neue Leben in Wohngemeinschaften fand ich zugeschnitten auf mich, die Selbstverwirklichungs-Idee der 68er  überwältigend, der lockere Umgang miteinander erstrebenswert. Irgendwo da musste es lang gehen. Du musst auf die Universität, sagten sie. Bob drohte, mir feste in den Arsch zu treten wenn ich nicht studierte, biste blöd, wie denn? Bei Rowenta weiterhin Dress Fits und elektrische Fondue-Geräte entwickeln, Sachen, die niemand wirklich brauchte, machte mich depressiv. Gudrun kam von einer Frauentagung zurück und hatte die Idee. Zwei ihrer neuen Bekannten lernten seit einiger Zeit auf der Abendschule, die zur Begabtenprüfung führt. Und die beiden waren bereit, mir ihr Wissen weiter zu geben. Das Projekt nahm Gestalt an, ich kündigte, lernte wie verrückt, besuchte die Uni als Gasthörer, Gudrun korrigierte meine Arbeiten, Bob lehrte mich Philosophie und amerikanische Geschichte und es klappte.
Da hatte ich sie vor mir, die nächste neue Welt.

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