Quantcast

Letzte Artikel

  • Nürnberg tut uns gut
    Sie ist unsere Lieblingsstadt in Deutschland. Weil Toria dort wohnt und wir uns kennen gelernt haben. In Nürnberg. Und lieben. Nürnberg auch....
  • 150 Jahre SPD: Ist sie müde, unsere alte Dame?
    10. Juni 2013 20:28 -. Im Tal Regen, aber die Sonne wird stärker. Ach Sonne, komm schon, wir haben so lange auf dich gewartet. Rio de...
  • Rom: Alles hat ein Ende
    Seit 2 Tagen regnet es. Macht nichts. Auf keinem der Bahnhöfe der S-Bahn habe ich eine Uhr gesehen. Auch keinen Fahrplan mit...
  • Rom die Schöne, ewige Stadt
      Ach ja, Rom. Urbs wird sie genannt, DIE Stadt. Wir kennen den Segen. Urbi et Orbi, der Stadt  und dem...
  • Rom VIII; Begegnungen
    Vor der Sintflut an Informationen waren wir in eine der Bars im Vatikanischen Museum ausgewichen. Ich war müde. Ein starker Kaffee sollte...
  • Rom VII; Vatikanisches Museum, Sixtinische Kapelle
    Montag, den 6. Mai 2013; noch immer Vatikanisches Museum, diesmal der Höhepunkt: die Sixtinische Kapelle   Lange,...
  • Rom, Rom, Rom VI
    Ein Mordsgewitter zieht des Nachts über uns hinweg. Im WoMo ist die Naturgewalt viel näher und unmittelbarer. Auch angstvoller....
  • Rom, Rom, Rom V
    Später steigen wir eine steile Gasse in Trastevere hoch, an den vielen Denkmälern vorbei auf den Gipfel, auf dem Garibaldi zu Pferd von...
  • Rom IV
    Um uns herum auf dem Campingplatz Vogelgezwitscher, dass es eine wahre Pracht hat. Neben uns im Gebüsch manchmal das Schlagen einer...
  • Rom III
    Freitag, den 3. Mai 2013: 
Mich erstaunt immer wieder, wie unbefangen Italiener mit ihren Altertümern umgehen. Dass für die...
Vollständige Liste

Burn Out, Tinnitus u.a. Wehwechen

Sunday, 1. january 2006 7 01 /01 /Jan. /2006 14:37

TAN Kipepeo - 12 ReinholdMein Leben hat sich radikal verändert, ist mutiert vom "wanton“ (geiler Hecht, sagt mein Wörterbuch) zum "leisurely", dem Gemächlichen. Ja, ja, was einem so alles passiert. Es sei auch ganz interessant, auf dem Balkon zu sitzen, in sich zu lauschen denn die Welt mit Lust erobern - sagte man mir. 
Eine Zeitlang nur 4 Std. zu arbeiten, hatten die Ärzte verordnet, danach 6 Wochen 6 Std. und nach weiteren 6 Wochen die volle Zeit. Die 4 Std. Regelung ist eine sehr gute Regelung. Die halte ich prima aus, kann sogar mehr machen als gedacht denn bei so einer reduzierten Zeit lässt man alles nicht Nötige weg und konzentriert sich auf das Wichtigste. Ich lebe reduzierter, konzentrierter. Morgens trinken wir unseren Kaffee auf dem Balkon und essen wundervolle Früchte. Um 9.00 kommt Shamte und holt mich ab. Wie immer ist viel zu lesen, schreiben, koordinieren, organisieren, Tagungen eröffnen, Kontakte pflegen, der Laden muss laufen aber der Trick ist, die anderen mehr laufen zu lassen. Gute Unterstützung kommt von der Stiftung. Sie ist mit allem einverstanden, solange ich weiter arbeiten kann, hat gedrängt, mich auf drei Schwerpunktthemen zu konzentrieren - anstelle der ansonsten multiplen Themenbearbeitung. 
Mittags muss ich schlafen, das ist noch immer notwendig und viel Zeug, rechnet man die 10-11 Std. Schlaf nachts hinzu. Der Arzt sagt, meine Müdigkeit kann lange dauern. Sie ist halb auf die Tabletten und halb auf Erschöpfung zurückzuführen. Ich muss mein Leben danach einrichten. So um 1/2 6 mache ich meine Entspannungsübung. Und danach sitzen wir auf dem Balkon, trinken Tee, ich rauche meine Zigarre und wir schauen der Sonne beim Untergehen zu. Oft wird der Himmel in allen Rotfarben gemalt, die sich langsam in dunkelrot, grau verschieben und dann ist die Nacht da und es sind immer noch 30 Grad. Am Wochenende feiern wir manchmal. Und so 1-2 mal die Woche treffen wir uns mit Freunden. In solch beschaulichen Bahnen verläuft z.Z. mein Leben. Alkohol nur am Wochenende und täglich 1 Zigarre oder Pfeife. Ansonsten Tee. Und das mir! 
Manchmal fühle ich mich wohl in meinem neuen Leben. Das andere Leben ging so rauf und runter. War auch nicht schlecht. Nee.

Was war passiert? Du hattest dich schon seit Jahren verändert, dich zurückgezogen, warst überreizt, nicht mehr derselbe, den ich kannte, sagt M. In Dar es Salaam wurde es evident und als Burn Out Syndrom diagnostiziert. Schon seit Langem war es mir schwerer und schwerer gefallen, ins Büro zu gehen. Ich mochte meine Mitarbeiter, auch die Arbeit: es war der beste und erfolgreichste Job den ich bisher hatte. Politisch hoch interessant hatte ich erfolgreich angeknüpft an der Freundschaft zwischen Nyerere und Willy Brandt und baute an dem Kontakt zwischen der Regierungspartei CCM und der SPD. An der momentanen Arbeit konnte es nicht liegen. Nichts war mehr mit abends ausgehen,  zu müde. Alles, was mir bis dato Spaß gemacht hatte, landete als Anforderung, wurde abgewehrt. Es ging mal besser mal schlechter, antriebsarm, müde und depressiv lag ich am liebsten im Bett unter dem zugezogenen Moskitonetz und las oder schlief. Die Welt um mich war schwarz und  düster, schloss mich mehr und mehr ein in einen Kokon aus Traurigkeit. Immer öfters kamen Träume der Bedrohung, wie damals nach unserem Horrorerlebnis in Rio und Selbstmordgedanken. Weinen kam von selbst und in Schüben. Sogar das Essen hat mir M. ans Bett gebracht, noch nicht mal unterhalten mochte ich mich.

Burn Out ist so, wie wenn man die Luft aus einem Ballon lässt. Oder das Gefühl, als wäre man eine der Puppen die am Fadenkreuz geführt werden und dann leblos über einem Stuhl hängen. Keine Kraft, kein Antrieb mehr. Diese Nervenkrankheit wird subsumiert unter Depression. Als hauptsächliche Ursachen wurden diagnostiziert: Posttraumatischer Stress und langjährige Überforderung. Das Posttrauma kommt von dem Überfall in Rio, den ich nicht verarbeitet, weggesperrt habe. Und dieses „Wegsperren“, „zuhalten der Schranktür“ kostet unmerklich und permanent Kraft. Die Überforderung bedeutet, ich habe immer am Maximum gelebt und manchmal auch darüber hinaus. Nicht unter- (aber auch nicht überschätzt) werden sollte die Kraft, die gebraucht wird, um sich andauernd an neue Kulturen anzupassen. „Kulturelle Assimilation“ nennen sie das. Mich anzupassen ohne mich zu verlieren war in Afrika schwerer als in Südamerika.

Interessant auch die Erkenntnis, dass in meinem Beruf als Auslandsmitarbeiter das Burn Out Syndrom weit verbreitet ist. Das bestätigen wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit "Kultureller Assimilation" unserer Sparte und seinen psychologischen Schwierigkeiten befasst. Mein Arzt in Dar es Salaam hat mich mal gefragt, ob ich weiß, wozu das Päckchen Papiertaschentücher auf seinem Schreibtisch dient. Für die Tränen deiner Kollegen, war seine Antwort.

Drei mal für Monate in Deutschland zu Behandlung und Kur und ein halbes Jahr krank geschrieben war die unmittelbare Folge.

Die Behandlungen haben mich weiter gebracht. Sogar enorm. Eine große Einsicht in mich und meine Verhaltensweisen gewonnen, auch Instrumente gelernt, mit dieser Krankheit umzugehen. Aber die 100%ige Arbeits- und Stressfähigkeit war weg. Von da an ging es nur noch mit reduzierter und genau dosierter Arbeitszeit. Und der Schritt zur Altersteilzeit war notwendig um nicht wieder in das große Loch zu fallen. Schwer war die Entscheidung, ich wäre liebend gerne bis ans Ende meines Berufslebens in Dar es Salaam geblieben. Es war mein bester Job und der Höhepunkt meines Berufslebens.

Kommentar hinzufügen - Kommentare (0)ansehen
Wednesday, 15. october 2008 3 15 /10 /Okt. /2008 17:41

Krank. Grippe. Typisch Deutsch. In Afrika & LA kannten wir das jährliche Herbstleiden nicht. Dafür andere Seuchen. Mich wunderts noch immer, dass wir keine Malaria gekriegt haben. Bei unseren jahrelangen Aufenthalten war es empfehlenswert, keine Vorbeugemedikamente zu nehmen. Gehen zu sehr auf die Nieren. Jedem, der nur kurz in diesen Ländern ist, empfehle ich dringend die Malaria-Prophylaxe. Malaria tötet mehr Menschen als Aids. Und wird weniger bekämpft. 2006 waren es knapp 1 Mio.  Es sind ja auch hauptsächlich Kinder, die es trifft. Hier ein Artikel, er ist zwar schon älter, trifft aber das Problem: Malaria fordert alleine in Afrika über eine Million Tote pro Jahr

Kommentar hinzufügen - Kommentare (0)ansehen
Monday, 22. december 2008 1 22 /12 /Dez. /2008 17:41
Fährt man von Brückenau nach Westen
am Flüsschen Sinn entlang durch das Tal hört die Stadt auf. Plötzlich beginnt sie wieder. Erst kommt eine bayrische Kirche, dann kastenförmige Zweck- und Wohnbauten um unvermittelt den Blick frei zu geben auf ein Karree hochherrschaftlicher Gebäude quer im Tal. Die Alleen in der Mitte enden am Schloss, das an Sanssouci erinnern soll und ist eingerahmt von wuchtigen Gebäuden aus der klassizistischen und barocken Zeit. Das Grand Hotel gibt es dort ebenso wie einen griechischen Tempel, Kurhallen, Rundbauten, Pavillons, Lokale,  alles aus dem vorletzten Jahrhundert und noch früher gebaut. Ich seh sie, die Herren in Frack und Melone, die Damen in Krinoline und blumengeschmückten Hüten wie sie flanieren und sich den Mund fusselig reden über Ludwig und Lola. In der Tat haben sich beide hier kennen und lieben gelernt was nicht schwer war, denn Bad Brückenau war das Staatsbad von König LudwigII.   Heute stören moderne Autos und Telefonzellen das Bild und im Pavillon ist ein Friseur untergebracht.

Kurz bevor man zum Staatsbad kommt steht rechter Hand am Berg ein hoher Plattenbau-Komplex.  Es ist das
Regena, ein Privatsanatorium für begüterte Leute. So hässlich von außen, so gediegen wirkt es innen. Ruhige, braun-gelbe, rote und graue Töne dominieren und schaffen eine entspannt Atmosphäre. Die Möbel sind bequem, die Dekoration zurückhaltend. Auffallend nett ist das Personal. Viele Gäste sind öfters hier. Weihnachten ist kein Platz mehr in dieser Herberge. Gesundheit als Ersatzreligion? Oder fehlt die Familie? Das Haus wird bei einem Test an dritter Stelle in Deutschland geführt.

M hat mich gefahren

und ist mit Max weiter zu Toria nach Nürnberg. 7 Tage Power-Woche zum Sonderpreis. Enthalten sind: Essen, Hotel, Fittnesscheck und Cardioprogramm. Bewegung, Sport war schon bei meinen Behandlungen im "Hotel zur lockeren Schraube" das Zentrum der Therapie (schau mal hier: Hotel zur lockeren Schraube 1. Aufenthalt ). Abgeschlossen leben in einer Atmosphäre der Ruhe fördert bei mir die Regeneration. In der letzten Zeit waren die Nachwirkungen des Burn Outs wieder spürbar, hatten die Depressionen wieder zugenommen.
Viel Sport machen, ausruhen, entschlacken war mein Ziel. Gestrichen sind Alc, Tabak, Sex, Feste, auch der PC und der ganze Unsinn der mich aufregt.

Hinzu buchen

könnte ich aus einem Katalog von Therapieangeboten (Auszug): Entspannen und Regeneration, Abnehmen & gesunde Ernährung, Schmerz & Energietherapie, Entgiftung, Entsäuerung, Good Age (die meinen wohl, gut in die Age kommen) auch gegen Überlastung, Stress & Schlafprobleme gibt es Programme. Und Kneipp / Alternativmedizin wird angeboten, sogar chinesische Ärzte praktizieren traditionelle chinesische Medizin. Und dann freilich auch "Beauty Sinnesfreuden" für Damen & Herren. Jedes Päckchen, jede Therapie kostet extra. Sogar Frischzellentherapie soll es geben.  
Ich buche zusätzlich: Kraft Training, Massage, Ayurveda Gesichts- und Halsmassage und später verordnet mir der Arzt eine Phyto-Therapie gegen den Reizhusten.

Die Nutzung von Schwimmbad und Saunen ist frei für die Gäste.

Das Schwimmbad ist ein Traum in blau, sogar das Wasser ist wie das Meer in der Karibik. Und es rauscht wie im Wasserfall. Taucht man an einem Ende ein, strahlen 3 Sonnen am anderen Ende. Daneben und draußen ist ein Sole-Warmbad, das ist nichts für mich. Riecht nach faulen Eiern.

Die Therme nutze ich fast jeden Tag. 4000 qm Saunalandschaft im griechischen Stil, zurückhaltend und vornehm. Die finnische Sauna ist mit dorischen Säulen dekoriert, auf blau-weiß bemaltem (griechischen) Himmel schimmern ovale Richtreflexe des Saunaofens. Flötenmusik tröpfelt von der Decke. In der Dampfsauna sind die gemauerten, tiefen und bequemen Bänke mit blauen Mosaiksteinchen ausgelegt, aus einer Amphore quillt Dampf und am künstlichen Himmel leuchten elektrische Sterne in wechselnden Farben. Im achteckigen Geruchstempel sind vier Nischen eingelassen und blau weiß verkachelt. In der Mitte steht eine Amphore auf einer Säule, darüber hängt an Perlenschnüren eine Schale, gefüllt mit Blüten. In Abständen geht ein magisches Licht darüber an, aus der Amphore strömt heißer Rauch nach oben durch die Schale und füllt den Raum mit duftigem Dampf.  


Es gibt noch eine Sauna, mit 60 Grad fast kalt. An der Decke verschiedenfarbige Neonröhren die wechselweise klickend angehen. Ich weiß nicht, wozu das Ganze dient. In einem Schrank liegen Handtücher für jede Gelegenheit. Unter einem Stapel steht: für den Körper, darunter: für die Sauna, darunter: Bettlaken für die Liegen. Unter einem Stapel mit kleinen Handtüchern steht: Sitztücher. Für was die sind hab ich nicht rausgekriegt.


In einer Schale mit Eis werden verschiedene Sorten Wasser und Apfelschorle angeboten. Eine Dusche ist mit unterschiedlichen Gusstechniken ausgestattet, daneben gibt es eine mit Tropenregen und Duftdusche. Der Eingang wird von einem Becken eingenommen, in den ein gekippter (natürlich griechischer) Krug Eisstückchen ausspuckt. Damit soll man sich den Kopf kühlen. Das Dauerklicken wirkt beruhigend. Neben dem Schwimmbad ist ein Raum mit körperwarmen Steinliegen, einem Brunnen, der plätschert und Rauch erzeugt, ruhigem, indirektem Licht auf braun gemaserten Wänden und einer griechischen Büste. Da soll ich nach der Massage hingehen. Ich entspanne wohlig. Nur Brunnen und leichtes Rauschen der Klimaanlage sind zu hören.  


Einzig der Kamin im Ruheraum stört mir die Eleganz. Er brennt elektrisch. Trotzdem steht Feuerholz davor.


Der Body-Check

ist ernüchternd. In Ruhestellung Spitzenklasse mit einem Puls von 56 und Blutdruck 130/80. Da merkt man das jahrzehntelange Training, denke ich stolz. Aber dann, unter Belastung steigt der Blutdruck auf 210/80!!! Besorgniserregend.  Der Body-Mass-Index liegt bei 23 und das Körperfett bei 22. Der Computer wirft aus: Mittelmass, Befriedigend. OK, ich liege weit über dem Mittelwert aller gemessenen gleichaltrigen Patienten. Aber ich will immer exzellent sein. Immer. M kommentiert trocken: was meinst du eigentlich, was da rauskommen soll bei deinem Saufen, Rauchen und anderen Lastern? Immer die Laster.
Ich erhalte ein Programm für Fahrradergometer, verschiedene Geräte und Laufband. Das ersetze ich und laufe durch Wald, Stadtbad und Park zurück.

Wunderbar der erste Morgen. Die Sonne glitzert auf dem Schnee, ich trabe durch die Landschaft. Ein alter Mann ruft mir freundlich zu: schöner Tag. Da grüßt der andere ältere Mann zurück: wunderschön der Tag. Ich schaue in die Sonne und bin glücklich. Ach ja, wir alten Männer.


Meine Schultern und Rückenpartien sind hart wie ein Waschbrett und wenn die Masseurin knetend hindurchwalkt rattert es bis in meinen Bauch. Und ich hatte geglaubt, nur mein Hals sei etwas steif.


Ich liebe und kenne diese abgeschlossene Stimmung.
Im "Hotel zur lockeren Schraube" war es auch so (Geschichten stehen unter Tansania). Mein Ich kriecht in mich hinein. Soziale Kontakte werden minimiert, konzentriere mich auf Sport, lesen, lernen, Musik hören, schreiben. Liege zumeist im Bett. Das Seelchen ist stabil bei 6 auf einer Skala von 1 (fast Selbstmord) bis 10 (glückselig). Kaum Schwankungen, Höhen, Tiefen. Ich existiere. Keine Zeitung, keine Nachrichten, kein Rauch, kein Alkohol. Der Zustand ist gut für eine bestimmte Zeit. Dann will ich wieder Höhen und Tiefen. All das Zeug, das ungesunde.

9.00 Uhr Frühstück, danach 1 Std. Fitnessraum, zurück ins Bett, lese, schreibe, gehe zur Massage. 12.30 Mittagessen. Kaum zurück, liege ich wieder im Bett, lese weiter (die erste Hälfte des Tages in der Regel Studium, danach Belletristik). Schlafe. Laufe 1/2 Std durch Wald und Park. Zurück bin ich wieder im Bett. Gehirnjogging. Dann Autogenes Training. Abendessen. 8.00 Uhr Sauna und dann lese ich weiter, im Fernsehen kommt nichts. Mein Gehirn arbeitet dual. Parallel zum Lesen fallen mir Ansätze ein die unbedingt aufgeschrieben werden wollen.
Wohlig, das Gefühl des in sich Lebens, konzentriert um Kernaufgaben, die mir gut tun. Zu Hause dominieren die zu erledigenden Aufgaben, Zeit erscheint vergeudet und ist es nicht. Da ist das Einkaufen, das hier was Machen, da was Tun, hierhin Fahren, dahin Gehen. Druck überall. Notwendig scheint alles, sinnvoll manches. Eine Wand baut sich manchmal auf, die Vereinnahmung heißt. Anforderungen werden zu Belastungen. Das gehört zum Krankheitsbild.

Messias auf dem iPod. Händels wohltuende Musik strahlt direkt in mein Gehirn. Ich darf den Text nicht beachten: "Ein Mann der Schmerzen und umgeben von Qual". Wo bleibt der Mann der Liebe? Ach Jesus, was haben sie mit dir gemacht.


Die Speisekarte
vom Dienstag den 16. Dezember 2008
Mittagsbuffet: Gemüseeintopf mit Safran "Vegetarisch" oder Gebratenes Lammnüsschen in Zitronensoße "Mediterran" oder Geschmorte Schweineroulade in Specksoße  "Regional" oder Wockgeröstetes Fünffarbengemüse "Nach den 5 Elementen". Abends Kalt-warmes Buffet mit Meeresspezialitäten oder Bauernrösti mit Meeresfrüchteragout oder Ravioloni mit Pilzfüllung. Danach Käseauswahl und Dessertvariationen. Eine Frau vor mir schaut sich die Mousse ou Chocolat an, flüstert sich zu, eigentlich darf ich nicht und grapscht mit einem sicherstellenden Griff das Glas, weg ist sie. Richtig so! Diesen Köstlichkeiten sollte man nicht widerstehen.  

Lese

Einen Krimi von Ake Edwardson, Richard Kapuscinski: Afrikanisches Fieber und über die Erfindung und den Erfinder von Apple, Steve Wozniak. Manchmal noch mache ich mit Buddhismus weiter.
Edwardson  regt mich auf. Sein Kommissar Winter ist ein Männertyp, der es mir bis heute schwer macht, der zu sein der ich bin. Immer schon waren da die Vorbilder in den Büchern. Starke, verschlossene Männer. Tatkräftig. Auch mal zweifelnd. Aber irgendwann gingen sie ihren Weg geradeaus. Winter ist ein Frauenheld. Er will joggen, seinen Frust los werden. Es klingelt, eine seiner Frauen steht vor der Tür. Sofort schaltet er um, nimmt sie stürmisch in die Arme, drängt sie ins Schlafzimmer, vögelt sie schnell, heftig. Während er noch ihre wohlproportionierten Schenkel bestaunt klingelt das Telefon. Sie nimmt ab, übergibt, es ist sein Kollege aus London. Sie geht ins Bad, kommt angezogen zurück, winkt ihm freudig zu und verschwindet. Im Klappentext steht, es sei ein kritischer Roman über den Niedergang der schwedischen Sozialmodells, an Sjöwall-Walhö anknüpfend. Klingt eher nach Männerfantasien.

Richard Kapuscinski ist der fundierteste Afrika-Kenner, den ich bisher gelesen habe. Er war polnischer Journalist und hat vier Jahrzehnte den schwarzen Kontinent bereist. Seine Zeitung war arm, er lebte und reiste mit Afrikanern. Und übergibt tiefste Einblicke in die Kulturen, Konflikte und Ängste der Menschen, einfach und verständnisvoll beschrieben. Als Journalist jagte er Meldungen hinterher. Normalität ist keine Meldung. Hunger, Kriege, Völkermord, Revolution, Stammeskonflikte, Zauberei, Glaube sind seine Themen. Recht so! Deckt die Machenschaften des Unmenschlichen auf! Zu vielseitig sind sie, völkerübergreifend. Ihre Protagonisten agieren liebend gerne im Verborgenen. Deckt sie auf! Kapuscinski tut es. Die Seele Afrikas ist in dem Buch. Ehrenwert sein Versuch, afrikanische Denkart einsichtig zu machen als eine andere Welt und unterschiedlich zu unserer kalt-logischen aber ökonomisch erfolgreichen. Was mich stört weil zu selten durchschimmernd: das andere Afrika. Den Kontinent der lieben, strahlenden, menschlichen, ruhigen Menschen. Das Afrika, das ich so liebe. Einige Zeit später notiere ich: K macht mir Angst. Zu viel des Bösen. Immer nur Grauen und Leid. Und seine Ursachen, die von anderem Grauen und Leid zeugen.


Fertig mit iWaz. Steve Wozniak war der Erfinder der Apple I und II, der ersten wirklichen Personal Computer mit Einsatzmöglichkeiten (es hat schon vor ihm Kleincomputer gegeben aber entweder waren sie klotzig teuer für Spezialeinsätze oder sie waren Spielereien für Computer Freaks. Ein Genie, dieser Wozniak. Und Auslöser der wahrscheinlich größten industriellen Revolution. Die ganze Geschichte steht da drin.


Buddha lehrt, dass es im Leben nur eine einzige Gewissheit gibt, nämlich dass es enden wird. Der Gdanke gefällt uns nicht: wir geben uns Mühe, ihn zu vergessen indem wir uns nur auf das Leben vorbereiten. Eltern ihre Kinder, Institutionen sind für die Lebenden da, nicht für die Toten. Und die Religionen bieten tröstliches: vielleicht sterben wir doch nicht so richtig. Die Vorbereitung auf den Tod muss zu unserem Leben gehören. Wie wahr! Mir kommt es das Altern vor, als wenn ich in einen Trichter geraten sei dessen glatten Wände abwärts führen. Vergebens strecke ich mich nach einem Halt und kann doch höchstens manchmal bremsen.


Die Klientel

Sehr gesundheitsbewusst und überdurchschnittlich schlank. Einige davon sehr alt. Gedeckte Farben beherrschen die Mode, braun in braun und grau in grau, Männlein und Weiblein. Die Frauen sind mit praktischen Haarfrisuren ausgestattet, zwei ältere Damen haben sogar Stoppelhaar. Nichts für mein Auge.
Eine alte Frau erzählt. Sie kommt mit ihrem Mann schon lange Zeit regelmäßig. Im Sommer 4 Wochen, im Winter 3 Wochen. Ihr Mann ist im Frühjahr gestorben. Sie fühl sich hier zu Hause und bleibt in der Tradition. So was ähnliches wünsche im mir auch. Allemal besser als Mallorca. Mit einem Klick, sagt Frau W., habe der Therapeut ihre Allergien ausgeschaltet. Jetzt kann sie wieder ganze Tafeln Schokolade essen. Sie wird ihn fragen, ob er die Schoko-Antipathie nicht wieder zurück klicken kann. Heute hat der Arzt ihren Körper befragt nach der Reaktion des ausgestreckten Arms. Er behandelt mit Laser. Kostet 82,- Euro. Es hilft ihr. Mindestens 50% aller Heilkunst beruht auf Glauben. Weltweit. Ich glaube ihr.

Tischsitten

Frau W schafft es, mit Messer und Gabel Butter auf ihr Brötchen aufzubringen. Danach werden Messer und Gabel verwendet, um säuberlich und akkurat das Brötchen mit Käsestückchen zu belegen. Gekrönt wird das Ganze mit einem Viertelchen Obst, ebenso gekonnt mit Besteck entschalt, entkernt und aufgelegt. Das soll mal ein Chinese nachmachen! Übertrieben finde ich die Kunst der Besteck-Handhabung, wenn auch Spaghetti mit Messer und Gabel zugeführt werden. Ich falle auf. Habe keine Scheu, die Nahrung mit den Händen zu berühren, liebe es, mich auch am Geruch zu laben, esse wenn es geht mit der Gabel in der einen und Brot in der anderen Hand. Das habe ich von den Italienern und den Afrikanern und den Südamerikanern. Unsere Tischsitten sind nicht allgemein gültig.
Immer, wenn es um die Kunst geht, mit Messer und Gabel zu essen, fällt mir eine Geschichte ein. Es war auf einem Flug von Rio nach Lima. Der Flug ging weiter über San Franzisko nach Tokyo. Die Mehrheit der Passagiere waren Japaner. Es gab Fleisch, die erste Etappe war ein Inner-Kontinentalflug. Auf dem Tisch waren Besteck und Stäbchen ausgelegt. Einige nahmen das Fleisch mit den Stäbchen auf und knabberten an den Rändern herum. Ein paar Japaner trauten sich, Messer und Gabel zu benutzen. Es sah nach Selbstverstümmelung aus. Mir wurde klar, dass es eine hohe Kulturleistung ist, die langer Trainingszeit bedarf, um elegant und wirkungsvoll Messer und Gabel zu benutzen.

Ayurveda

Mittwoch, den 17.12.08. Bin völlig k.o. Habe mir Hals und Kopf indisch massieren lassen. Irre, wenn warmes Öl auf die Haare fließt und verteilt wird. Im Gesicht werden sanft aber bestimmt Nervenenden gedrückt. Das soll ruhig stellen. Ich will nur noch schlafen. Und stehe neben mir. Ayurveda, erfahre ich, ist eine ganzheitliche Heilkunde, in die essen, leben, Meditation genauso eingeschlossen sind wie Massage. Die Abendländer-Menschen haben sich das Angenehme rausgepickt.

Ich werde krank

Kriege einen Reizhusten und fiebere Nachts das Bett nass. Der Arzt ist schon zu Hause als ich mich melde. Er verschreibt telefonisch und eine halbe Stunde später habe ich Hustentropfen. Am nächsten Morgen soll ich mich bei ihm melden. Da werde ich eingereiht in die Alternativ-Medizin und kriege selbst gemixte Elixiere zur Stärkung der Abwehrkräfte. Ob sie geholfen haben weiß ich nicht. Denn die Arznei aus der Apotheke nehme ich weiter.

Dann ist die Woche rum und M kommt zur Tür rein.
Mein Herz geht auf und die Sonne strahlt. Was für ein wunderschöner, farbiger und freundlicher Anblick, diese Frau! Nach all den grauen Mäusen.



Kommentar hinzufügen - Kommentare (0)ansehen
Saturday, 23. may 2009 6 23 /05 /Mai /2009 16:49
Vom französischen Philosophen Montaigne: "Ich erziehe und reize meinen Geschmack...zu körperlichen Annehmlichkeiten" Denn "wir müssen uns mit Zähnen und Klauen an den Genuss der Freuden dieses Lebens klammern."

OK denn, Freunde, lasst uns klammern!

Aus Neurobiologischer Sicht ist das ganz sinnvoll, sich selbst heiße Bäder, Massagen, Düfte, Musik, gutes Essen gegen die Qualen von Traurigkeit und Einsamkeit zu verschreiben. Wer sich verwöhnt, tut was für sein Glück. Denn alle Genüsse führen zur Freisetzung  von Opioden (die Hormone heißen so, weil sie ähnlich wie Opium wirken), die unangenehme Spannungen abbauen und den Trübsinn, die Einsamkeit wirkungsvoll mildern.

Es gibt sogar noch einen weiteren Effekt, die diese Glückssubstanzen auslösen. Sie steigern die Lust auf Freunde um sich herum. Und das, wir wissen es, ist dann der letzte Sprung aus der Traurigkeit.
Kommentar hinzufügen - Kommentare (0)ansehen
Sunday, 24. may 2009 7 24 /05 /Mai /2009 12:18
Depressionen, so die neuesten neurologischen Erkenntnisse, schläfern das Gehirn ein. Es fällt in den Winterschlaf. Das ist der Grund, warum die gewohnte Reaktion des sich Zurückziehens nicht hilft, wenn wir unglücklich sind. Wer sich zurück zieht, macht alles nur noch schlimmer. Die Unlust macht sich breit und breiter, Lähmungserscheinungen von Gefühl und Verstand nehmen zu. Es gilt, durch langsame Aktivitäten sein Gehirn zu reizen, was zu tun. Und dann gilt es noch, zu versuchen, den negativen Gedanken und Gefühlen gewollt positive entgegen zu setzen. Das ist schwer, ich weiss es. Deshalb wahrscheinlich war das Universalmittel in meinen Behandlungen (natürlich neben die Psychoanalysen und den Tabletten) Sport zu machen. Immerzu bewegen, möglichst auch draußen, dazu wurden wir angehalten. Bis heute versuche ich, nicht nur generell Sport zu treiben sondern bewusst raus zu gehen, durch den Wald zu laufen, den Hund mitzunehmen immer dann, wenn die negative Spirale los wummert. Und draußen die Natur zu beobachten. Das geht am Anfang kaum, dann aber zunehmend besser. Nicht, dass die schlechten Gedanken weg sind, der Schwerpunkt verschiebt sich. Zuerst dominieren sie, dann verbleiben gleich viele negative Gedanken und Natureindrücke und zum Schluss, wenn ich Glück habe, dominiert letzteres, die schlimmen Gedanken treten in den Hintergrund.

Bedrücktheit kann nämlich zum Selbstläufer werden. Zuerst ist ein Anlass da und dann fängt das Gehirn an, den Trübsinn aus sich selbst zu speisen. Alle anderen Gehirnaktivitäten werden eingeschränkt, Verstand und Konzentration lassen nach (das ist der Grund, warum wir bei Depressionen kaum leistungsfähig sind). So wie die Muskeln eines Beines, das im Gips war, langsam wieder gestärkt werden müssen, so muss unser Gehirn wieder daran gewöhnt werden, seine Tätigkeit aufzunehmen und sie langsam zu erhöhen.

Es gibt noch einen guten Rat, den ich gelesen habe. Gewollt lachen. Das Gesicht verziehen, bis die Mundwinkel die Ohren erreichen. Wichtig dabei ist, dass die Augen Fältchen ziehen! Sonst bleibt es ein gewolltes Grinsen und hat keinen Lacheffekt.

(alle Ratschläge und Weisheiten aus Klein: Die Glücksformel)
Kommentar hinzufügen - Kommentare (1)ansehen
Tuesday, 26. may 2009 2 26 /05 /Mai /2009 19:58
Jede Beschäftigung hilft gegen Trübsal. Wenn man etwas tut, wird unser Gehirn alternativ gefordert, es bleibt ihm weniger Zeit, sich mit trüben Gedanken zu beschäftigen. Am Besten tut man etwas, das Erfolgserlebnisse verspricht. Klein anfangen! Ja nicht überfordern. Mit einfachen Aufgaben beginnen wie z.B. aufräumen, den Haushalt auf Vordermann (oder Frau oder was auch immer) bringen, Einkaufen, Post oder Emails erledigen, all das, was man schon lange tun wollte. Solche Aufgaben führen garantiert zum Erfolg und sind für unser Gehirn wie ein Aufwärmtraining.

Dann und immer wieder: Sport! Sport ist ein geradezu ideales Mittel, um Trübsinn zu vertreiben. Und wirkt gleich doppelt. Einmal beschert er uns - richtig betrieben - garantiert Erfolgserlebnisse. Wenn man die Ziele nicht zu hoch steckt und wenn man ihn regelmäßig betreibt. Egal was, aber 3 x pro Woche 1/2 Std. sollte sein. Zum Anderen geschieht bei Sport was im Gehirn, hat man festgestellt. Bewegung fördert das Wachstum, sogar die Neubildung von grauen Zellen (um genau zu sein: der Neuronen). Deshalb steuert Bewegung dem Grund der Depression entgegen: dem Schwund von grauen Zellen, dem Stillstand im Gehirn. Die Wissenschaftler haben festgestellt, dass Sport, 3x/Woche, sich bei manchen Menschen genau so wirksam erweist wie das derzeit beste Medikament - und eine Psychoanalyse ersetzten kann. Von wegen Sport ist Mord, genau umgekehrt ist richtig. Und Churchill mit seiner Weisheit "no sports, just whisky an cigars" hat sich ans eigene Bein gepinkelt. Sein Leben lang hat er gegen schwerste, krankhafte Depressionen angekämpft. Sicher, die waren bestimmt auch genetisch angelegt, aber seinen Wahlspruch umgedreht angewandt hätte Erleichterung verschaffen können. Sagen die Fachleute heute.

Dann gibt es die Robinson Crusoe-Therapie. Der hat, auf seiner Insel seine Einsamkeit betrauernd, vor der drohenden Depression aufgeschrieben was sein Soll und Haben ist. Links das Übel, rechts das Gute. Und siehe da, es ergab eine Liste in beiden Spalten. Er hat deprimierende Seiten und gute Seiten seines Zustandes entdeckt. Robinson entschloss sich, die guten in den Vordergrund zu stellen. Sich für das halb volle statt das halb leere Glas zu entscheiden ist eines der wirksamsten Mittel gegen Niedergeschlagenheit überhaupt.
In der Psychologie gibt es einen modernen Namen für diese Methode: Kognitive Verhaltenstherapie. In einer 10 Millionen $ Studie über Jahre an mittel und schwer depressiven Menschen stellte man fest, dass 60% der Kranken damit geheilt wurden. Genau so viele, wie mit Tabletten. Mit Tabletten und der Methode lag der Heilungserfolg sogar noch höher. Bei der Psychotherapie dagegen liegt der Heilungserfolg bei 30%. Die Robinson-Methode ist einfach und sofort umsetzbar. Und mit der Zeit wird offenbar die Kontrolle der dunklen Gedanken zur Gewohnheit, grauen Zellen werden neu programmiert. Probiert es mal, wenn die dunklen Schatten kommen. Einfach 2 Spalten machen, links das Übel einer Sache, rechts das Gute, na ja, ich habs ja schon erklärt. Ich solls auch probieren, sagt M, damit ich seh, wie gut es mir geht. OK, machen wir.

Ich weiß, die Vorschläge sind schwierig umzusetzen wenn die dunklen Schatten über einen herfallen. Dann ist alles nach innen gerichtet, das Interesse an der Umwelt schwindet, grübeln setzt ein, um die Ursachen des Elends zu erkunden.
Wenn wir es schaffen diese Spirale des Grübeln zu durchbrechen, sich mit anderen Menschen und Dingen zu befassen, dann können wir Erleichterung erreichen. Das wünsche ich uns.

Kommentar hinzufügen - Kommentare (0)ansehen
Thursday, 25. february 2010 4 25 /02 /Feb. /2010 12:09
Wie eine wollene Decke senkt sich dieser dunkle, zuweilen bläulich schimmernde, tief über den Bergen hängende, Himmel auf mein Seelchen. Es ist keine Depression, Schübe nennt man das glaube ich. Sie gehen wieder, Depression bleibt.

Depression, lerne ich, ist eine Volkskrankheit, deren Gefährlichkeit bei dem Tod des Torhüters der Allgemeinheit bewusst wurde. 4 Mio. Kranke soll es geben in D, nicht zu zählen die Leute mit depressiven Schüben. Wir behandeln sie, sagen die Fachleute, es gibt Pillen und Methoden. Emke wurde lange Jahre behandelt und starb doch. Denn darunter und darüber hinaus gibt es mehr, dass sich der Behandlung entzieht. Wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft, die dem Individualismus dient. Individualisten sind gefragt, Siegertypen werden verlangt, die Kollegen aus dem Rennen boxen ist gesellschaftsfähig, streben nach Vollkommenheit - die es nie geben wird - ist angesagt, Stress die Tagesordnung, Schnelligkeit System. Klar, wer gewinnt kriegt einen unglaublichen Adrenalinschub, wird nicht nur finanziell belohnt. Auf der anderen Seite aber droht der Abgrund, der Absturz, der Grat auf dem wir uns bewegen, ist schmaler geworden bis hinein in das normale Berufsleben. Die Angst vor Pleiten, Entlassungen, Absturz in Hartz IV geht um, vor Bankencrash und Wirtschaftskrise. Noch ist es da, das soziale Netz in Deutschland. Aber auch daran wird ausgedünnt. Die "Ich" Gesellschaft wird auch politisch der "Wir" Gesellschaft vorgezogen in der neuen Koalition, hedonistische, egozentrierte Lebensweisen der Spaßgesellschaft sind Vorbild. In diesem Spannungsfeld von Erfolgssucht und Absturzgefahr sucht sich manches Seelchen Auszeiten, Ruhephasen, Rückzugsmöglichkeiten bis hin zur seelischen 0 Stellung, da, wo nichts mehr geht (ich habe gelernt, meine Befindlichkeit auf einer Skala von 0-10 einzuordnen, das hilft, auch kurzfristige positive Trends wahr zu nehmen. 0 allerdings ist gefährlich).

Einer Versuchung muss vorgebeugt werden. Wenn das System, oder die Kindheit, oder irgendwas sonst nach vorne geschoben wird um Verantwortung abzugeben nach dem Motto: ich kann nichts dafür, dass es Stress auf der Arbeit gibt, dass mich meine Eltern geschlagen haben, dass mich meine Frau verlässt, dann wird ein essentieller Fakt übersehen: Die Freiheit zur Entscheidung macht den Menschen aus, unterscheidet ihn von allen Lebewesen. Und diese Freiheit, lerne ich gerade, gibt es bis hin zu schweren geistigen Krankheiten. Sie kann negativ eingesetzt werden. Wie bei Emke. Sie kann aber auch fruchtbar eingesetzt werden zur Selbstheilung nach dem Motto von Rilke:
Wolle nie irgend eine
Beunruhigung,
irgend ein Weh,
irgendeine Schwermut
von deinem Leben ausschließen,
da du doch nicht weißt,
wie diese Zustände
an dir arbeiten

Es gibt noch einen Trick, lerne ich gerade in einem sehr interessanten Buch (Lütz, Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen). Die Frage "Warum bist du eigentlich so depressiv", der Versuch, die Ursachen zu ergründen sei falsch. Die Frage bringe den Schwermütigen nur dazu, weiter hinein in seine Schwermut zu tauchen, wenn er das ganze Elend seines Lebens erzählt. Fragt man aber: "Wie hast du das eigentlich trotz deiner Schwermut so lange durchgehalten", dann besteht die Chance, sich zu erinnern, dass man trotz allem noch dieses oder jenes gemacht hat, sich manchmal ablenken konnte, dass es in der Schwermut auf und ab geht. Das sind die individuellen Kräfte, die einen trotz des Loches, in das man gestürzt ist, aufrecht erhalten. Psychotherapeuten dieser Schule versuchen dann, die Gedanken eines Menschen zunehmend auf diese Kräfte zu lenken. Man zieht sich sozusagen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf. Den Ansatz kann man auch selbst anwenden. Und vor allem können wir mit dieser Frage unseren Freunden mit Problemen ein wenig beispringen, sich und seine positiven Möglichkeiten selbst zu sehen. Ein wenig nur, wer krank ist, braucht einen Therapeuten. Wenn es aber nur temporär ist, könnte das helfen. Werd es versuchen.   

Der Titel des Buches weist übrigens auf die zentrale These von Prof. Lütz. Der sagt, dass viele Normale unnormaler sind als Verrückte. Oder wie soll man sonst verstehen, was diese "Normalen" alles so anstellen? Wir können es täglich in den Nachrichten verfolgen, da kommen sie vor, die "Kriegshetzer, Terroristen, Mörder, Wirtschaftskriminelle, eiskalte Buchhaltertypen und schamlose Egomanen". Die wenigsten dieser Täter sind geistesgestört, ja, wir selbst denken schon, dies sei normal. "Vor einem wirklichen Weltgerichtshof sähe es verdammt schlecht für uns aus. Man müsste befürchten, dass die ganze Menschheit wegen nachweislich verrücktem Verhalten und akuter Fremdgefährdung der gesamten Schöpfung in die Psychiatrie eingewiesen würde". Interessanter Gedanke, nicht?
Kommentar hinzufügen - Kommentare (4)ansehen
Tuesday, 15. june 2010 2 15 /06 /Juni /2010 12:36

Sie wissen nicht genau, wodurch Tinnitus entsteht. Es können körperliche Ursachen sein, aber auch Stress scheint eine Rolle zu spielen. Dies habe ich behalten von den Fachleuten, die mich behandelten: In den ersten Monaten kann Tinnitus ausgelöst werden durch Entzündungen oder mechanischen Schäden am Mittel- oder Innenohr. Das kann durch Lärm geschehen, einem Gehörsturz, einem Schlag, Schuss, was auch immer.
(Zeichnung aus: Wikipedia)

330px-Anatomy of the Human Ear de.svg

Die Schalwellen gelangen von der Ohrmuschel in den Gehörgang und lassen das Trommelfell vibrieren. An der Innenseite des Trommelfells sind drei winzige Knochen befestigt, die ebenfalls zu schwingen beginnen. Diese Knöchelchen heißen Hammer, Amboss und Steigbügel. Der Steigbügel wiederum ist mit der Schnecke als eine Art Tauchkolben verbunden, der sich durch die Schwingungen der Knöchelchen auf und ab bewegt. Dies führ dazu, dass die flüssige Substanz im Inneren der Schnecke in Bewegung gerät und die Haarzellen (wir besitzen bis zu 150 davon) biegt. Und an dieser Stelle findet die Umwandlung der mechanischen Schallschwingungen in Nervenimpulse statt. Die Härchen werden gebogen, lösen Impulse aus und die werden über Nervenstränge ins Gehirn geleitet. Unser Gehirn "hört" also über Nervenimpulse.
Wird nun irgend etwas auf diesem mechanischen Weg zerstört (z.B. können durch erhöhte Lautstärken die Haarzellen geknickt werden), erhält das Gehirn dauerhaft veränderte Impulse. Jeder Mensch hat ein Geräusch im Ohr, das Dauerrauschen kann man feststellen in einem schalldichten Raum. Nur "definiert" unser Gehirn dieses Rauschen als "Ruhe". Abweichende Impulse davon sind Geräusche und dauerhaft abweichende gerade im "Ruhezustand" sind unangenehm.

Wird die mechanische Störung schnell behandelt, ist die Heilungschance in den ersten Monaten höher. Wenn nicht, setzt das Geräusch sich fest, wird zum Tinnitus, unabhängig von allen mechanischen Störungen. Denn unser Gehirn fängt an, das Geräusch autonom zu fabrizieren, ähnlich dem Phantomschmerz in fehlenden oder amputierten Gliedern. Das hat man gemerkt, als Patienten, die es nicht mehr aushalten konnten, der Hörnerv durchtrennt wurde. Doch das Geräusch des Tinnitus blieb. Hier liegt offenbar der Grund, weshalb Tinnitus so schwer und direkt zu behandeln ist: er wird irgendwann zu einem neurologischen Problem. Doch einige Probleme des Nervensystems kann man psychologisch behandeln. Auch Tinnitus.

Die Erklärung anderer Fachleute ist differenzierter, einig sind sie sich nicht. Mir ist dieser einfache Ablauf geblieben und einsichtig. Vor allem, weil es mir geholfen hat.

Alle, die Tinnitus haben wissen, dass er mal lauter, mal leiser ist. Besonders laut wird er, wenn man an ihn denkt, sich mit ihm beschäftigt, ihn nicht aus dem Kopf kriegt. Auch Stress verstärkt ihn. Den Gehörsturz hatte ich in Kolumbien, da wusste man nichts von Tinnitus, mich hat auch nichts gestört. Erst Monate später kam ich nach Deutschland und da waren alle Zeitungen voll von Tinnitus. Plötzlich hörte ich ihn auch. Geholfen hat mir in einer Kur einmal die Einsicht in die Ursachen (wie oben), Entspannungsübungen und Musiktherapie. Im entspannten Zustand lernten wir, gezielt auf Einzelinstrumente zu hören und beim Autogenen Training lernt man, sich auf Entspannungsformeln zu konzentrieren. Wenn man das kann, ist das Geräusch weg. Es kommt wieder, natürlich, besonders jetzt ist es da beim schreiben, sich darauf konzentrieren. Aber generell hilft es oft. Und auf die Dauer öfters.

Das hab ich in Wikipedia gefunden unter "Allgemeine Regeln zum Umgang mit Tinnitus", entsprechen den von mir gelernten:

"Man sollte sich möglichst wenig Stress und keiner zu starken akustischen Belastung aussetzen. Akustische Ablenkung (zum Beispiel leise rhythmische Musik) sollte genutzt werden, um sich nicht auf das Ohrgeräusch zu konzentrieren. Das ist eine gute Möglichkeit, die Einschlafprobleme, die häufig mit starkem Tinnitus verbunden sind, zu mildern. Es soll generell verhindert werden, dass sich das gesamte Denken und Fühlen des Patienten immer mehr um die Krankheit dreht, da hierdurch erfahrungsgemäß der Leidensdruck wächst. Absolute Stille führt leicht zur Konzentration auf das Ohrgeräusch und verstärkt es subjektiv. Nach sechs bis zwölf Monaten spricht man von einem chronischen Tinnitus. Dann ist es vor allem wichtig, dass der Betroffene lernt, mit dem Ohrgeräusch umzugehen."

Medikamente mit überprüfbarer Wirkung gibt es bis jetzt nicht, die Frage, ob akustische Hilfsmittel empfehlenswert sind, kann ich nicht beantworten. Es kann ja sein, dass sie auch psychologisch eine Erleichterung suggerieren. Bei der neuesten Hörhilfe sprechen sie von 30% Heilerfolg. Bisher, stand da, wurden nur 60 Patienten damit ausgestattet. Und es kostet 1000e Euro. Uns wurde gesagt, nicht auf Außenhilfe hoffen, entspannen und lernen, vorbei zu hören. Das wollte ich weiter geben.

 

 

 

 

Kommentar hinzufügen - Kommentare (1)ansehen
Sunday, 5. september 2010 7 05 /09 /Sept. /2010 11:10

Das Haus

Zusammengewürfelt, unschön in Schnellbeton gegossen, lag das Kur-Heim oberhalb der Ortschaft an der Flanke eines Berges. Innen hatte es den Charme eines Zwitters zwischen einfachem Hotel und Krankenhaus, entsprechend seinem Zwecke, Leute arbeitsfähig zu machen. Dahin hatte es mich verschlagen, das Geräusch im Ohr war zu stark und depressiv geworden. Es war meine erste Kur, die Bezeichnung kannte ich von Lungenheilanstalten in der Literatur. "Hier", hatte ich aufgeschrieben, "komme ich rein und mit hoher Sicherheit wieder raus, anders als die Lungenkranken". Tröstlich. Die Welt draußen war schon am 2. Tag weit weg, ich fühlte mich eingeschlossen wie in einem Iglu. Hier konnte ich nachdenken über die großen Fragen meines Lebens und den Tinnitus heilen lassen.

Gnome

An die Umgangsformen zu gewöhnen fiel schwer. "Am Tisch reden sie gleich los, ich habe eine Sperre. Männergeschichten. Touren mit der Harley durch die Everglades, Vorteil des Sling-Antriebes (was ist das) gegen den Kardan. Wie kommt man in Lanzarote am schnellsten die Berge hoch? Mit dem Rennrad natürlich. Diese elendigen Machos. Kleine Gnome führen sich auf als große, starke Männer. Psycho und Entspannung brauchen sie nicht. Und Tinnitus ist der Tinni. Bin ich deutscher als Deutsch? Bisher immer über deren Festhalten an Formen gelästert. Und nun stört es mich, wenn sich alle duzen. Messer und Gabel-Manie herrscht vor. Nur die Brötchen wagen sie noch, in die Hand zu nehmen. Schwergewichtige Männer mit verfetteten Fäusten bemühen sich, zierlich das Brot mit Butter und Käse in Stückchen geschnitten zum Munde zu führen." Ich lästere, will anders sein. Notiz: "In der Sauna: hässliche Gestalten, unproportioniert und kleinschwänzig. Die äußere Ungereimtheit setzt sich im Gehirn fort. Frauen sind kein Thema und wenn, dann unangenehm. Autos, Aktien, die eigene Größe. Nette Männer gibt es auch. Will ich wohl meinen, mich und ein paar wenige.

Therapie ist die "Wiederherstellung der körperlichen oder physischen Funktion"

Mit einem Hexenschuss angereist, der erweist sich als goldrichtig. So habe ich wenigsten etwas Konkretes. Rücken geröntgt. Was haben sie? Tinnitus? Des is doch des wo mer nix hat. Zu den alten Herrschaften eingeteilt. Wassergymnastik!! Pah. Sport und Spiel sei nix für meinen Hexenschuss. Gesund leben will ich, "3x die Woche vegetarisch bestellt und nun das: Reis mit Ananas zum Frühstück, Reis mit Gemüse mittags und abends Reis mit anderem Gemüse. Und am nächsten Tag in der Suppe". Tage später: "Also dann doch lieber Reis. Es gab Kohlrouladen mit einer bräunlich-dünnen Wassersoße."

"Motorelax soll helfen. Wirbelsäule anspannen-entspannen, Kinnladen anspannen-entspannen, von Musik sich wohlig einlullen lassen, den Atem beobachten - prompt kam der Überfall in Rio zurück, Augen auf, draußen war ich." 

Thai Chi lernen wir. Und entspannen nach Jakobson - das Gesicht verziehen, die Füße einknicken und denn dem Entspannungsgefühl hinterherlurchen. Nichts für mich.

Ich lernte in der Theorie, der Tinnitus ist nicht körperlich. Der Schall, als Schwingung geleitet über Hammer, Amboss, Steigbügel, wird in der Schnecke, die Haarzellen besitzt, in Nervenimpulse umgeformt. Unser Gehirn "hört" Nervenzucken. Immer dann, wenn laute Geräusche dauerhaft wirken oder Zellen mechanisch zerstört werden, entstehen Nebengeräusche. Irgendwann fängt das Gehirn an, das neue Geräusch autonom zu fabrizieren, ähnlich dem Phantomschmerz fehlender oder amputierter Gliedern. Dann ist Tinnitus ein neurologisches, ein Nervenproblem. Und Probleme des Nervensystems müssen psychologisch behandelt werden. Auch Tinnitus. Dafür war die Gesprächstherapie.

Kommentar hinzufügen - Kommentare (5)ansehen
Tuesday, 7. september 2010 2 07 /09 /Sept. /2010 09:55

Teil I endete mit: Und Probleme des Nervensystems müssen psychologisch behandelt werden. Auch Tinnitus. Dafür war die Gesprächstherapie.


Die Gruppe

Was wir in der Gesprächstherapie gemacht haben ist nicht mehr in Erinnerung, auch in den Notizen steht nichts. Nur die Zusammensetzung der bunt gewürfelten Truppe mit dem Einheitsproblem.

"Anne ist Lehrerin in einer Christlichen Schule. Das, so sagt sie, sei ein Traum zu arbeiten. Andreas, der Eierkopp, ist Bankangestellter, Wolfgang Chef der Logistik einer Telefongesellschaft, zuständig für Europa. Er arbeitet 60 Std. die Woche. Sandra, Polizistin, arbeitet mit Jugendlichen in der Verkehrsausbildung. Sie ist immer blass, hat rot gefärbte Haare, ein Haus und ist unglücklich. Ludwig ist Chef der Reparatur von Hubschraubern bei der Bundeswehr und Wolfgang Designer für Pappreklame in Schaufenstern. Wahrlich ein Sample interessanter Lebensentwürfe. Mal sehn, wie tief ich eintauchen kann."

Es half die Audio-Kommunikation,

das Umlenken der Aufmerksamkeit vom Geräusch im Ohr weg auf andere Geräusche. Wir hörten Musik im entspannten, meditativem Zustand, hingeleitet von der Therapeutin mit ihrer sanften Stimme - sie spüren ihren Rücken am Stuhl, ihre Beine auf dem Boden, wenn sie wollen, konzentrieren sie sich auf ihren Atem, er strömt....und dann begann, ganz leise erst, die Musik zum hinein Versinken, einzelne Töne, Instrumente lösten sich, darauf konzentrieren war wohltuend erleichternd. Dann war das eigene Geräusch weg.

 

Kommentar hinzufügen - Kommentare (0)ansehen
Erstellen Sie einen Blog auf OverBlog - Kontakt - Nutzungsbedingungen - Werbung - Missbrauch melden - Impressum - Artikel mit den meisten Kommentaren