Mein Leben hat
sich radikal verändert, ist mutiert vom "wanton“ (geiler Hecht, sagt mein Wörterbuch) zum "leisurely", dem Gemächlichen. Ja, ja, was einem so alles passiert. Es sei auch ganz interessant, auf dem
Balkon zu sitzen, in sich zu lauschen denn die Welt mit Lust erobern - sagte man mir.
Eine Zeitlang nur 4 Std. zu arbeiten, hatten die Ärzte verordnet, danach 6 Wochen 6 Std. und nach weiteren 6
Wochen die volle Zeit. Die 4 Std. Regelung ist eine sehr gute Regelung. Die halte ich prima aus, kann sogar mehr machen als gedacht denn bei so einer reduzierten Zeit lässt man alles nicht Nötige
weg und konzentriert sich auf das Wichtigste. Ich lebe reduzierter, konzentrierter. Morgens trinken wir unseren Kaffee auf dem Balkon und essen wundervolle Früchte. Um 9.00 kommt Shamte und holt
mich ab. Wie immer ist viel zu lesen, schreiben, koordinieren, organisieren, Tagungen eröffnen, Kontakte pflegen, der Laden muss laufen aber der Trick ist, die anderen mehr laufen zu lassen. Gute
Unterstützung kommt von der Stiftung. Sie ist mit allem einverstanden, solange ich weiter arbeiten kann, hat gedrängt, mich auf drei Schwerpunktthemen zu konzentrieren - anstelle der ansonsten
multiplen Themenbearbeitung.
Mittags muss ich schlafen, das ist noch immer notwendig und viel Zeug, rechnet man die 10-11 Std. Schlaf nachts hinzu. Der Arzt sagt, meine Müdigkeit kann lange
dauern. Sie ist halb auf die Tabletten und halb auf Erschöpfung zurückzuführen. Ich muss mein Leben danach einrichten. So um 1/2 6 mache ich meine Entspannungsübung. Und danach sitzen wir auf dem
Balkon, trinken Tee, ich rauche meine Zigarre und wir schauen der Sonne beim Untergehen zu. Oft wird der Himmel in allen Rotfarben gemalt, die sich langsam in dunkelrot, grau verschieben und dann
ist die Nacht da und es sind immer noch 30 Grad. Am Wochenende feiern wir manchmal. Und so 1-2 mal die Woche treffen wir uns mit Freunden. In solch beschaulichen Bahnen verläuft z.Z. mein Leben.
Alkohol nur am Wochenende und täglich 1 Zigarre oder Pfeife. Ansonsten Tee. Und das mir!
Manchmal fühle ich mich wohl in meinem neuen Leben. Das andere Leben ging so rauf und runter. War auch
nicht schlecht. Nee.
Was war passiert? Du hattest dich schon seit Jahren verändert, dich zurückgezogen, warst überreizt, nicht mehr derselbe, den ich kannte, sagt M. In Dar es Salaam wurde es evident und als Burn Out Syndrom diagnostiziert. Schon seit Langem war es mir schwerer und schwerer gefallen, ins Büro zu gehen. Ich mochte meine Mitarbeiter, auch die Arbeit: es war der beste und erfolgreichste Job den ich bisher hatte. Politisch hoch interessant hatte ich erfolgreich angeknüpft an der Freundschaft zwischen Nyerere und Willy Brandt und baute an dem Kontakt zwischen der Regierungspartei CCM und der SPD. An der momentanen Arbeit konnte es nicht liegen. Nichts war mehr mit abends ausgehen, zu müde. Alles, was mir bis dato Spaß gemacht hatte, landete als Anforderung, wurde abgewehrt. Es ging mal besser mal schlechter, antriebsarm, müde und depressiv lag ich am liebsten im Bett unter dem zugezogenen Moskitonetz und las oder schlief. Die Welt um mich war schwarz und düster, schloss mich mehr und mehr ein in einen Kokon aus Traurigkeit. Immer öfters kamen Träume der Bedrohung, wie damals nach unserem Horrorerlebnis in Rio und Selbstmordgedanken. Weinen kam von selbst und in Schüben. Sogar das Essen hat mir M. ans Bett gebracht, noch nicht mal unterhalten mochte ich mich.
Burn Out ist so, wie wenn man die Luft aus einem Ballon lässt. Oder das Gefühl, als wäre man eine der Puppen die am Fadenkreuz geführt werden und dann leblos über einem Stuhl hängen. Keine Kraft, kein Antrieb mehr. Diese Nervenkrankheit wird subsumiert unter Depression. Als hauptsächliche Ursachen wurden diagnostiziert: Posttraumatischer Stress und langjährige Überforderung. Das Posttrauma kommt von dem Überfall in Rio, den ich nicht verarbeitet, weggesperrt habe. Und dieses „Wegsperren“, „zuhalten der Schranktür“ kostet unmerklich und permanent Kraft. Die Überforderung bedeutet, ich habe immer am Maximum gelebt und manchmal auch darüber hinaus. Nicht unter- (aber auch nicht überschätzt) werden sollte die Kraft, die gebraucht wird, um sich andauernd an neue Kulturen anzupassen. „Kulturelle Assimilation“ nennen sie das. Mich anzupassen ohne mich zu verlieren war in Afrika schwerer als in Südamerika.
Interessant auch die Erkenntnis, dass in meinem Beruf als Auslandsmitarbeiter das Burn Out Syndrom weit verbreitet ist. Das bestätigen wissenschaftliche Untersuchungen, die sich mit "Kultureller Assimilation" unserer Sparte und seinen psychologischen Schwierigkeiten befasst. Mein Arzt in Dar es Salaam hat mich mal gefragt, ob ich weiß, wozu das Päckchen Papiertaschentücher auf seinem Schreibtisch dient. Für die Tränen deiner Kollegen, war seine Antwort.
Drei mal für Monate in Deutschland zu Behandlung und Kur und ein halbes Jahr krank geschrieben war die unmittelbare Folge.
Die Behandlungen haben mich weiter gebracht. Sogar enorm. Eine große Einsicht in mich und meine Verhaltensweisen gewonnen, auch Instrumente gelernt, mit dieser Krankheit umzugehen. Aber die 100%ige Arbeits- und Stressfähigkeit war weg. Von da an ging es nur noch mit reduzierter und genau dosierter Arbeitszeit. Und der Schritt zur Altersteilzeit war notwendig um nicht wieder in das große Loch zu fallen. Schwer war die Entscheidung, ich wäre liebend gerne bis ans Ende meines Berufslebens in Dar es Salaam geblieben. Es war mein bester Job und der Höhepunkt meines Berufslebens.
Fährt man von Brückenau nach Westen









