Die letzte Krise hat gezeigt, dass Wachstum kein Automatismus im Kapitalismus ist. Das ist bekannt, doch die Apologeten des Systems tun so, als wäre die Krise nur ein Betriebsunfall. Ist es
nicht. Krisen sind unausweichlich, ja es kann sogar sein, dass Wachstum in hoch entwickelten kapitalistischen Gesellschaften zurückgeht, einfach weil eine Sättigung bei der Güterversorgung
erreicht wurde. Deshalb ist es opportun, mal darüber nachzudenken, was wäre, wenn... Könnte auch sein, dass unser Wirtschaftssystem gerechter, menschenfreundlicher gemacht werden könnte. Wär doch
was, oder?
1. Ohne Wachstum gäbe es weniger CO2 Ausstoß
Die Krise ist für viele Unternehmen überall auf der Welt schlimm. Das Ökosystem der Erde aber wird sich ein klein wenig erholen. Die Wirtschaft wird schrumpfen, und die Natur wird wachsen. Das
ist die gute Nachricht der Weltrezession. Denn Wachstum belastet die Umwelt. Allein seit dem Jahr 2000 stiegen die weltweiten CO 2 -Emissionen um zwanzig Prozent, stärker als in den achtziger und
neunziger Jahren. Mittlerweile wird dieser Ausstoß als eine Bedrohung unseres Klimas angesehen. Alle Anstrengungen, Wachstum mit Klimaschutz zu verbinden, sind fehlgeschlagen, führen allenfalls
zu einer geringeren Zunahme der Verschmutzung, keinesfalls zu einer Reduktion.
Null-Wachstum und Rezension dagegen verringert umgehend und messbar in kurzer Zeit die Umweltbelastung. Die CO 2 -Emissionen sinken. Offenbar gibt es keinen besseren Klimaschutz als ausbleibendes
Wirtschaftswachstum.
2. Ohne Wachstum wären wir genau so glücklich wie zuvor.
Die typisch deutsche Familie ist ein Produkt des statistischen Bundesamtes. Das Amt errechnet den Durchschnitt von allem, was wir haben. Die Durchschnittsfamilie mit Vater, Mutter und 1 Kind lebt
in einem Vorstadtreihenhaus mit 130 qm und ist ausgestattet unter anderem mit: Auto, Fernseher, DVD-Spieler, einem digitalem Fotoapparat, einem PC, einem Geschirrspüler und einer Waschmaschine,
gutem Herd, großem Kühlschrank, Gefriertruhe, einer Mikrowelle etc. Halt mit allem, was man so hat. Das Haushalteinkommen der Durchschnittsfamilie liegt bei 3250 Euro. Würde ihr Einkommen
jährlich um zwei Prozent wachsten, dann würden sie in 20 Jahren anderthalbmal so viel verdienen wie heute. Sie könnten sich dann z.B. ein zweites Auto leisten, oder ein größeres, sie könnten sich
einen neueren und noch größeren Kühlschrank kaufen, einen Flachbildschirm im Kinoformat und so weiter. Wäre diese Familie dann glücklicher?
Macht Wachstum glücklich?
Verkauft wird uns die bunte, steigende Warenwelt mit dem Versprechen, glücklicher zu werden. In den Lehrbüchern hört sich das so oder ähnlich an: "Der individuelle Nutzen der Wirtschaftssubjekte
steigt, wenn mehr Güter und Dienstleistungen gekauft werden". Das ist die Basis, auf der das ganze Gebäude der Wirtschaftswissenschaften steht. Unser "individuelle Nutzen", steigt, sagt die
These, Glück und Zufriedenheit der Konsumenten nehmen zu, wenn mehr produziert wird. Das ist eine der meist erforschten Fragen, denn letztendlich steht und fällt die Theorie mit dieser
Antwort. Alle bisher gemachten Untersuchungen kommen zu einem eindeutigen Schluss, der als gesichert gelten kann. Die Antwort heißt: JEIN. Wachstum macht tatsächlich glücklich, aber nur, wenn man
wenig besitzt, wenn es um die ersten großen Sprünge geht. Ab einem gewissen Niveau hebt das Wirtschaftswachstum die Zufriedenheit nicht mehr.
In den vergangenen dreißig Jahren hat sich das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland verdreifacht. Das heißt, verkürzt gesagt: Der durchschnittliche Deutsche kann sich heute dreimal so viel leisten
wie damals. Die Lebenszufriedenheit aber ist unverändert geblieben. Sie dümpelt um das Niveau von 1970 herum. Genau wie in Frankreich, in Großbritannien, in Italien, genau wie in fast allen
großen Industrieländern, mit Ausnahme der USA. Dort sind die Menschen heute sogar weniger glücklich als früher. Vom Gesichtspunkt des glücklich und zufrieden leben Könnens aus muss es die
Durchschnitts-Familie also nicht schmerzen, wenn das Bruttoinlandsprodukt mal ein paar Jahre lang nicht wächst. Wir leben heute sogar auf einem weitaus höheren Niveau als 1970, haben alles, was
machbar ist. Es tut uns nicht weh, wenn Opel weniger Autos baut. Wir könnten sogar ganz froh darüber sein: Je weniger CO2 in der Luft ist, desto besser für alle. Was wir weiter brauchen sind
Ersatzinvestitionen wenn Sachen kaputt gehen, Produkte die länger halten und die Umwelt schonen. (Ja, ja, ich weiss, ich übersehe die "Haben wollen" Mentalität, mehr. größer, schneller, vor allem
den Nachbarn übertrumpfen. Die Frage ist, ob wir uns mit dieser partiellen Glückszunahme nicht Einbrüche größerer Art erkaufen, die unser Leben beeinträchtigen).
Für die hoch industrialisierten Länder gilt die Annahme der Wissenschaft nicht mehr, dass Wachstum glücklicher macht und notwendig ist. Das gilt nur für Länder, die unser Niveau noch lange nicht
erreicht haben. (Auch da gibt es Unterschiede und andere wichtige Faktoren. Länder mit Konflikten und Problemen rangieren auf der Zufriedenheitsskala ganz unten, Länder mit gerechterer
Einkommensverteilung viel weiter oben als sie nach Einkommen eingestuft wurden).
Zwischenfrage: Ist die Wirtschaft für den Menschen da oder der Mensch für die Wirtschaft?
In allen Gesellschaften der Vergangenheit hat der Mensch gewirtschaftet um seine Bedürfnisse befriedigen zu können. Selten konnte er genug herstellen, zu oft gab es Mangel. Das hat sich geändert.
Wir werden zugeschüttet mit Waren, die immer billiger, immer schnelllebiger sein müssen. Und dann kommt noch etwas seltsames hinzu: wir arbeiten längst nicht mehr um unsere Bedürfnisse zu
stillen, wir arbeiten, damit wir einen Arbeitsplatz haben. Heute ist der Kapitalismus eine große Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Dabei ist es egal, ob der letzte Unsinn produziert wird, Hauptsache,
es gibt Arbeit. Brauchen wir wirklich Opel? Nein, brauchen wir nicht. Nach dem Lehrbuch des Kapitalismus werden diejenigen Produktionseinheiten ausgespuckt, die es nicht geschafft haben. Radikal.
Das treibt an und soll antreiben, mehr und billiger zu produzieren, vorne mitzumischen. Opel hat es nicht geschafft. Sie haben Jahrzehnte lang schlechte Autos gebaut, nicht genügend
abgesetzt, nichts für schlechte Zeiten auf die Seite gelegt. Und plötzlich muss der Staat - sprich der Steuerzahler - das Versagen finanzieren, eine ausgespuckte Wirtschaftseinheit ins Leben
zurückbefördern. Einzig mit dem Argument, Arbeitsplätze zu erhalten. Der Markt braucht Opel nicht, es gibt genügend Autos. Jetzt funktioniert nicht einmal mehr der Selektionsmechanismus des
Marktes, von dem so viel gehalten wurde. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Wozu brauchen wir dann noch Kapitalismus? Einst war der Kapitalismus ein großer Wohlstandserzeuger,
heute ist er, zumindest in den Industrieländern, eine große Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.
3. Ohne Wachstum müsste die Arbeit verteilt werden
In der Tat müssten wir uns eine neue Bedeutung der Lohnarbeit ausdenken, wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst. Wachstum schafft Arbeit, so das Credo von Politik und Wirtschaft landauf, landab.
Ganz stimmt das ja nicht. Zuerst mal hat das Wachstum der letzten 30 Jahre über 5 Mio. Arbeitsplätze vernichtet. Das kommt durch die Mechanisierung und Rationalisierung, auch durch erhöhten
Arbeitsdruck auf die verbliebenen Arbeitnehmer. Es muss mehr in kürzerer Zeit produziert und geleistet werden. Natürlich schafft Wachstum auch neue Arbeitsplätze aber nie so viel wie
wegfallen. Die Krise lässt Arbeitslosenzahlen wieder steigen, das ist wahr.
Ist das so schlimm, wenn Menschen nicht mehr wie die Bekloppten malochen müssen, wenn andere, sinnvollere Tätigkeiten an ihre Stelle treten wie Nachbarschaftshilfe, Altenbetreuung, mit Kindern
spielen, für die Gemeinde was machen oder einfach am Wasser liegen und den Wolken zuschauen? Jetzt spinnt er, hör ich die ersten denken. Nein, das tue ich nicht. Ich mach ähnliches, weil ich
ausgeschieden bin aus dem Berufsleben. Und weiss gar nicht mehr, wie ich so viel arbeiten konnte, wo mein sinnvolles anderes Leben war. (Ich war zudem noch in einer komfortablen Position als
leitender Angestellter für entwicklungspolitische Projekte in Südamerika und Afrika. Da gab es Sinn - aber auch viel Unsinniges). Generell denkbar ist, dass Menschen weniger malochen und mehr
leben. Wir reden darüber, ich erinnere, was wäre wenn. Null-Wachstum würde geradezu dazu zwingen, Arbeit anders zu verteilen weil kein Staat es sich leisten kann, alle Arbeitslosen zu versorgen.
Dann müssten wir Alternativen andenken und durchführen. Es gab einmal eine Zeit, da haben die Gewerkschaften genau dieses Argument gebracht: wenn weniger Arbeit da ist, muss sie anders verteilt
werden. Das wurde von den Unternehmern entrüstet zurückgewiesen, es koste zu viel. Aber was kostet es, wenn Millionen Menschen ohne Arbeit sind? Wenn Maschinen körperlich und geistig
anstrengende, zumeist auch noch stupide Arbeit dem Menschen abnehmen, ist das begrüßenswert. Nur in unserer Gesellschaft wird es negativ, weil Menschen entlassen werden.
4. Ohne Wachstum kriegt nicht jeder Chinese ein Auto
Das ist ein Horrorszenario für mich. China hat sich in der Tat in seinen Zielkatalog geschrieben, dass immer mehr Menschen ein Auto haben sollen neben anderen Wohlstandserzeugnissen. Es tut mir
leid für die Chinesen, das geht nicht. Dann würden die Rohstoffe weltweit nicht reichen und die Umwelt ginge total kaputt. Manche Menschen sagen, die Technik schafft das schon, die erfindet was.
Es ist allerdings nichts in Sicht, um Rohstoffe zu ersetzen oder Autos zu bauen, die nicht die Umwelt belasten sowohl bei der Produktion als auch beim Fahren. Auch wenn ein Auto erfunden würde,
das nur 1 Ltr. auf 100 Km verbraucht, würde China alle Vorräte der Welt an Rohöl und Rohstoffen benötigen. Die Chinesen sind erfolgreich dabei, sich in Afrika die Rohstoffmärkte zu sichern. Sie
machen das offen und ohne Rücksicht auf politische Zustände in den Ländern. Gibst du mir Rohstoffe jetzt und in Zukunft, geb ich dir Kredite, Waren und Bauwerke in Hülle und Fülle. Die hintersten
Winkel von Afrika sind heute schon voll von billigem chinesischem Ramsch. Unsere Industrien aber brauchen diese Rohstoffe genauso. Da stehen noch Verteilungskämpfe an!
Gut, China ist noch lange nicht so weit. Aber sie wachsten 10% jedes Jahr und gehören zu den Großen in Welthandel und Produktion. Positiv ist, sie haben eine gezielte Politik, die Armut zu
verringern. Ich kenne kein Land, das in 30 Jahren die extreme Armut von 50% auf 10% gesenkt hat so wie China. Bis 2020 wollen sie einen Basiswohlstand für alle erreicht haben. Ich hoffe, dass sie
dabei nicht den gleichen Weg der Warenüberproduktion gehen, wie das bei uns der Fall ist. Bisher tun sie es, auch sie müssten ihre Strategien ändern und nachhaltig für das Wohl der Menschen
produzieren.
Ich kann den Chinesen und allen Menschen in der 3. Welt nicht verübeln, dass sie davon träumen, wie wir zu leben. Wir müssen runter von unserem hohen Wachstumsross, die Ressourcen weltweit sind
begrenzt, es drohen Verteilungskämpfe viel härterer Art. Ohne Wachstum steigen die Chancen, auch weltweit eine größere Gerechtigkeit zu erreichen.
5. Wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst, müssten die Reichen mehr Steuern zahlen.
Ein staatliches Grundeinkommen wäre eine Möglichkeit, weniger und verteilte Arbeit zu finanzieren. Die Holländer machen das schon mit der Rente: jeder Staatsbürger, unabhängig davon, ob er jemals
Beiträge einbezahlt hat, ob er Hausmann war oder Generaldirektorin, erhält eine Grundrente, die das Existenzminimum absichert. (Betriebliche Renten und private Absicherungen ergänzen das Modell).
Ein Grundeinkommen würde viel kosten, besonders wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst. Der Staat müsste wohlhabenden Leuten mehr Geld abnehmen. Das Drittel der Reichen hat in den letzten Jahren
extreme Einkommenssteigerungen erhalten, die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Aber an unserem Steueraufkommen nehmen diese Leute noch immer unterdurchschnittlich
teil, sie haben genügend Schlupflöcher. Das gäbe natürlich Knatsch mit den Regierenden und diese Probleme versuchen Politiker zu vermeiden. Ohne Wachstum aber gäbe es dringenden Handlungsbedarf.
Gerechter ginge es dann in unserer Gesellschaft zu. Und mit höherer Gerechtigkeit in einer Gesellschaft, so sagen es die Glücksforscher, steigt die Zufriedenheit und das Glück aller
Beteiligten.
6. Wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst, wäre dann noch Kapitalismus möglich?
Kaum, zumindest so nicht, wie er heute existiert. Ich weiß, es wird schwierig, den Kapitalismus umzubauen. Das System ist auf Gewinnmaximierung ausgelegt, auf Verdrängung von Konkurrenten, auf
größtmöglichem Wachstum gegründet. Das ist systeminhärent, nicht, weil die ausführenden Menschen gut oder böse sind. "Bei Strafe des Untergangs" müssen sie so handeln, hat Marx festgestellt. Aus
einem Bullterrier wird nicht einfach ein Schoßhund. Aber: es hat schon mal einen anderen Kapitalismus gegeben in Deutschland, er nannte sich "Soziale Marktwirtschaft". Einer der Vorgänger unseres
25% Gewinnmargen Zockers Ackermann hieß Hermann Josef Abs. Er war Vorstandsvorsitzender und später Vorsitzender des Aufsichtsrates der Deutschen Bank und zeitweise der mächtigste Mann in unserem
Land. Für diesen Erzkapitalisten war es unabdingbar, dass alle in der Gesellschaft, Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, am erwirtschafteten Reichtum zu beteiligen seien. Jeder an seinem Platz, klar,
aber jeder mit einem Anspruch. Sozialer Ausgleich, Spannungsabbau war Maxime des Erhardtschen Modells. Diese Wirtschaftsform hat man aufgegeben, sie ist einem Turbokapitalismus gewichen, der
Raffgier prämiert. Warum wir das nicht wieder ändern können Richtung größerer sozialer Ausgewogenheit will mir nicht in den Kopf. Wenn man dem Kapitalismus andere Gesichter geben kann, warum dann
nicht auch das oben skizzierte?
Egal ob Arbeitszeitverkürzung oder Grundeinkommen, die theoretischen Konzepte liegen vor, man muss sie nur anwenden. Man braucht allerdings Mut. Es geht, rein theoretisch, auch ohne
Wirtschaftswachstum. Die Konsumenten brauchen es nicht, und die Arbeitsgesellschaft ließe sich verändern. Es wäre die größte politische Anstrengung in der Geschichte der Bundesrepublik, aber es
wäre möglich. Das Land könnte schon damit zurechtkommen, wenn Opel nicht von Jahr zu Jahr mehr Autos verkauft.
PS: Spiegel-Headline vom 5.6.09
Das Bruttoinlandsprodukt wird 2009 in Deutschland um 6,2 Prozent sinken. Das sagt die Bundesbank voraus. Ihre Prognose fällt damit noch schlechter aus als die Vorhersagen von Regierung und
führenden Wirtschaftsforschungsinstituten. Auch Ökonomen rechnen mit jahrelangen Folgen der Krise.