"Glaubt nicht bedingungslos den alten Manuskripten, glaubt überhaupt nicht an etwas, nur weil die Leute daran glauben - oder weil man es Euch seit Eurer Kindheit hat glauben lassen. Wendet
an alles Euren Verstand und wenn Ihr es analysiert und für Euch und jeden anderen für gut befunden habt, dann könnt Ihr daran glauben, danach leben und Eurem Nächsten helfen, auch danach zu leben"
(Buddha um 560-480 v. Chr.).
Es waren immer wieder die selben Geschichten. Opa vorneweg und die Anderen im Chor. Glauben war das Wichtigste auf der Welt. Im Kindergottesdienst gab es Bildchen, Lieder und Erzählungen. Wenn
„Fott Onkel Heinrich“, kam (alle alten Männer waren Onkel) war es am schönsten. Auch er erzählte Geschichten von Jesus und aus dem alten Testament. Und zwar spannend! Aber dann kamen immer seine
Geschichten aus dem 1. Weltkrieg, von seinem Pferd in den Schneewehen, das ihn sicher nach Hause brachte, von den wundersamen Errettungen, aus einem Leben voll von Abenteuern. Aus einer anderen
Welt.
Opa war eher für die strenge Art. Der "schmale Weg" der Pilgrims war ein nicht hinterfragbares Dogma, das mich umfangen hielt wie eine Fessel. Es gab mehr Verbote als Erlaubtes, der Weg war mit
Fallstricken weltlicher Freuden übersät. Zwei Mal mussten wir als Kinder sonntags in das Gotteshaus. Zum Kindergottesdienst und zum Gottesdienst. Später kamen der Chor am Sonntag Abend und in der
Woche die Jugendstunden dazu, die Gebetsstunden, die Bibeltreffen. Manchmal wollten wir junge Leute anschließend noch zusammen sein. Das aber war schwierig. Wir wurden nicht gerne gesehen und
lieber nach Hause verwiesen. Auch für Jugendliche war Beten und Arbeiten vorrangig. Und die Vermutung, wir hätten nur Dummheiten im Kopf war nicht falsch.
Einmal habe ich Sylvester eine Freundin nach Hause gebracht und sie geküsst. Es war der erste und süßeste Kuss meines Lebens. Leider gab es keine Wiederholung. Aber dieses Sylvester bleibt angenehm
in meinen Erinnerungen. Ein anderes Mal habe ich alle Eier aus der Vorratskammer für die Gruppe gebraten. Keine Ahnung, wie die Eier schmeckten, aber es war ein Erlebnis. Mutter war nicht
glücklich.
Ein fremder Prediger war zu Besuch bei Opa. Er brachte das Gespräch auf sündige Gedanken und Handlungen und bot sich an, mit mir zu reden. Alle mussten aus dem Zimmer und er setzte sich neben mich.
Ernste Worte troffen ihm aus dem Mund, er wies mich an, ja meine Hände von mir zu lassen, die Sünde sei entsetzlich. Und kam zu Einzelheiten und näher. Seine Hand umfasste meinen Oberschenkel, ein
Gefühl von Wonne und Entsetzen erfasste mich und ich floh wie einst Josef in Ägypten vor der Frau des Potifar. Verwirrt wusste ich: der nicht, auch wenn es ein gutes Gefühl war. Aber warum war es
verboten wenn es sogar von einem Prediger gemacht wird? Nie habe ich das erzählt.
Viel Gefahr durch das weibliche Geschlecht drohte mir nicht. Ich hatte Pickel wie ein Streuselkuchen. Mein ohnehin geringes Selbstbewusstsein sank ins Bodenlose. Mutter half nach und vertrieb die
erste Freundin mit ihrer Clique vom Hof. Pickel, Fundamentalismus und Lerneifer halfen, langjährige Erfahrungen zu sammeln. Ich entging der allgemeinen schnellen Heirat auf dem Dorf. Im Nachhinein
danke ich Mutter. Die Freundin war Metzgertochter im Nachbardorf. Ich hatte nicht berücksichtigt, dass ein Metzgerschwiegersohn Verpflichtungen hat. Nur die neuen Freuden gesehen.
Bis zum 15. Lebensjahr war ich noch nie im Kino. Das Vergnügen war weltlich und streng untersagt. Die Gruppe, die mich ab und an akzeptierte - ich durfte ja nichts - machte mich heiß. Von Liane,
dem Mädchen aus dem Urwald, hatte ich gehört. Nackte Brüste sollte es da zu sehen geben. Wasser stand mir im Mund und ich ging mit ins Nachbardorf. Da wurde es schwierig. Sah mich jemand, der mich
kannte - und als Opas Enkel war ich bekannt - war es um mein Heil geschehen. Den langen Gang huschte ich abgewandt runter und da war sie, die halb-nackte Marion Michael. Eine Wonne! So also sahen
Frauen ohne Kleider aus! Und nach dem Kino ging es weiter mit den Freuden. Ein Mädchen war in der Gruppe übrig und ging mit mir. Es war kaum zu glauben: die Sünde wurde auch noch belohnt! In einem
Trichter in der Nähe des Waldes knutschten wir. Das war’s! Ich wollte nie mehr aufhören. Bis meine Mutter sie vom Hofe wies. Den inquisitorischen Fragen zu Hause konnte ich nur angstvoll und mit
einer halben Lüge begegnen. Ich war ja wirklich im Wald gewesen.
Rauchen war auch verboten. Wir probierten es mit Zeitungspapier und dürren Blättern. Bis die Amis kamen. Eine Gruppe hatte ihr Manöverlager auf dem Fußballplatz im Nachbardorf aufgeschlagen. Wir
wanderten hin. Bei meinem ersten Versuch Jahre vorher hatte ich von einem Panzerfahrer ein Päckchen ergattert. Statt Schokolade war nur ein Brühwürfel drin. Der schmeckte eklig. Und jetzt bekamen
wir Zigaretten! Wir pafften und mir wurde schlecht. Zu Hause musste ich beichten, woher die Übelkeit kam. Sie sahen sie als gebotene Strafe an. Ich hatte mehr erwartet.
Glauben war freiwillig und eine Entscheidung im Erwachsenenleben - eine Entscheidung zum Christentum, die ich bis heute gut finde. Das hinderte niemand daran, Kinder ebenfalls aufzurufen, gläubig
zu werden. Glauben war nicht kopfgesteuert sondern ein mystisches Erlebnis. Während einer Evangelisationswoche mit geballter Indoktrination hatte ich dieses Erlebnis. Es war schön. Zu wissen, dass
ich meinen Eltern und Großeltern, ja der ganzen Gemeinde Freude bereitete, vertiefte das Gefühl. Leider hat es den Alltagswirren nicht lange stand gehalten. Opas Weg war zu schwer.
Gloria war die Tochter eines reisenden Zeltevangelisten aus Kanada. Die Großveranstaltungen waren voll und Bekehrungen bei getragener Musik regelmäßig. Alle bewunderten die Gruppe und ich lernte
tatsächlich die Tochter kennen. Wir gingen zusammen so wie sich das gehörte. Ob ich Gloria geküsst habe, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich nicht. Eine neue Perspektive tat sich auf. Nach Lörrach,
dem Standort der Familie, wurde ich eingeladen, für mich der Ausdruck einer ernsten Verpflichtung. Der Besuch war fremd und spannend. Berühmt zu werden wie der Vater lag nahe. Aber auch diese
Chance, ein vorbildlicher Christ zu werden, verging.
Im Dorf war es einfach. Da gab es die Weltlichen und die Bekehrten. Beide Gruppen lebten getrennt und verschieden. Die Einen gingen ins Wirtshaus, soffen, tanzten, stritten, hurten, lebten, wenn
sie konnten, in Saus und Braus. Wenigstens wurde uns das so gesagt. Die anderen gingen in den Gottesdienst und versuchten sich an dem schmalen, entsagungsvollen aber christlichen Weg, der für sie
zum ewigen Leben führt . Ich aber wollte mehr. Die "Twen" lesen, Jazz hören, dunkle Bars zogen mich an, Frauen waren ein aufregendes Rätsel, mit meiner Sexualität wusste ich nicht, wohin damit. Je
mehr ich las umso mehr rückten andere Lebenskonzepte in meinen Blickpunkt. Es war ein Spannungsfeld, in dem meine Bedürfnisse und Wünsche wie Elektronen hin und her sausten und nach Entladung
strebten.
Alles war anders in der Stadt. Sogar die Christen waren anders. Sie feierten Feste, tranken Alkohol, tanzten auch mal, hatten Freude. Ich beichtete meinem neuen, älteren Freund meine sündige
Selbstbefriedigung und er lachte mich aus. Das mache ich heute noch, sagte er - der drei Kinder hatte (später hatte er 5). Und toppte sogar noch mit der Behauptung, einmal habe er es acht Mal
hintereinander geschafft. Meine Verwirrung schwang von Entsetzen zu Erleichterung hin und her. Was war mit Opas Weg? Immer wieder zog mich etwas hinunter, wenn ich Erkenntnisse erlangte, die mein
anvisiertes Lebenskonzept stützten.
Lange habe ich gebraucht, um die Botschaft entschlüsseln zu können. Eingebläute, eingebrannte Doktrinen arbeiten weiter im Hintergrund. Je mehr ich Wissen aufsaugte, um so mehr entkernte sich das
Paradies und seine nachfolgenden Geschichten. Sie wurden zu Fabeln einer Zeit der verbalen Weitergabe von wichtigen Informationen. Der Beginn der Menschheit verlagerte sich auf Ostafrika und das
Alte Testament verwandelte sich zum Geschichtsbuch eines kleinen, streitlustigen Völkchens in Vorderasien, der Juden. Jesus blieb ein wichtiger Mensch mit vielen zu beachtenden Aussagen. Leider
verkümmert seine Botschaft der Nächstenliebe, der Toleranz, des bedürfnisarmen Lebens in den Kirchen zu Ritualen und Glaubenssätzen.
Spät wurde mir bewusst, dass der zentrale Glaubenssatz meiner Vorväter die Sühnenlehre vom Tod am Kreuz ist. Vergossenes Blut wäscht Sünden, so das Dogma. Der Glaube daran erlöst. Das war die
dumpfe Forderung nach „Bekehrung“ die immer noch in mir wirkte und den Erkenntnissen der Aufklärung im Wege stand. Aber ich begriff und begreife es nicht, dass ein Opfer, ja sogar ein Menschenopfer
sündenfrei machen soll. Ein einst heidnisches Ritual im „modernen“ Christentum als zentraler Bestandteil der Vergebung von Schuld? (was auch immer als Schuld ausgewiesen wird).
Vor kurzem habe ich gelesen, dass die Interpretation vom "Tod am Kreuz zur Vergebung der Schuld" höchst fragwürdig ist. Es erleichtert mich regelrecht, als ich erfahre, dass diese Lehre erst von
Paulus verkündet und Anfang des 12. Jahrhunderts von einem Erzbischof in England ausformuliert wurde. Anselm von Canterbury, ein politisch ehrgeiziger italienischer Mönch und Kirchenvater hat sie
in seiner Satisfaktionslehre erdacht. Über Luther ist sie zur Freien Evangelischen Gemeinde und mir gekommen. In der Bibel, so erfuhr ich, dominiert die Vergebung der Sünden durch den "Vater"
("
Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern"). Auch die Botschaften Jesu verschieben sich nach dieser Interpretation auf aktive Handlunge. Der Aufruf zur
Nachfolge, Nachahmung seines vorbildlichen Lebens steht dabei im Mittelpunkt. (Wer mehr und auch noch literarisch gut verpackt erfahren möchte über das, was zum Kreuzestod in der Bibel steht und
was nicht, dem empfehle ich T´Hart: „Der Flieger“).
Mich hat diese Erkenntnis beruhigt. Der Druck lässt nach. Der Glaubenskontext meiner Vorväter ordnet sich ein als ein Versuch, Gott anders und näher zu kommen. Das hat sie ihren eigenen „schmalen“
Weg definieren und gehen lassen. Sie waren stimmig, diese Männer und Frauen. Denn sie gaben viel an Freuden auf um sicher zu sein als Ausgewählte. Heute ist das alles anders. Die jungen Leute der
Gemeinde leben genau so wie ihresgleichen die nicht dazu gehören. Sie tanzen, singen, trinken, gehen ins Kino und Fernsehen ist selbstverständlich. Vorehelicher Geschlechtsverkehr und Scheidung ist
natürlich noch immer verboten, aber sie freuen sich ihres Lebens. Das ist gut so. In einem sind sie noch immer konsequent: in ihrem Glauben an ihre Errettung, dem Umgang mit Gott, der mehr zu einem
Kumpel geworden ist, dem alles gesagt werden kann und der hilft und sie unterscheiden sich mit ihren selbstverständlichen und umfassend sozialen Taten. Das ist schön, aber nicht mehr Opas
"schmaler" Weg.
Ich habe meinen eigenen Weg gefunden. Der war und ist spannend, aufregend, manchmal extensiv aber befriedigend. Meine einzige Sorge ist, nicht alle Möglichkeiten des Genusses ausgekostet zu haben.
Mein Gott lässt das zu. Er ist nicht mehr der allgegenwärtige Vater, eher eine Kraft, Macht, die über allem steht. Albert Einstein hat dieses Verständnis exakt ausgedrückt und damit schließe
ich:
„Jene mit tiefem Gefühl verbundene Überzeugung von einer überlegenen Vernunft die sich in der erfahrbaren Welt offenbart, bildet meinen Gottesbegriff; man kann ihn also in der üblichen
Ausdrucksweise als „pantheistisch (Spinoza) bezeichnen. Konfessionelle Traditionen kann ich nur historisch und psychologisch betrachten; ich habe zu ihnen keine andere Beziehung. ... Meine
Religiosität besteht in einer demütigen Bewunderung des unendliche überlegenen Geistes, der sich in dem wenigen offenbart, was wir mit unseres schwachen und hinfälligen Vernunft von der
Wirklichkeit zu erkennen vermögen. Moral ist eine höchst wichtige Sache, aber für uns, nicht für Gott“